Das Zeitalter der Kohle. Eine europäische Geschichte

Cover
Ort
Essen
Veranstalter
Ruhr Museum, Essen Deutsches Bergbau-Museum, Bochum
Datum
27.04.2018 - 11.11.2018
Publikation
Brüggemeier, Franz-Josef; Farrenkaopf, Michael; Grütter, Heinrich Theodor (Hrsg.): Das Zeitalter der Kohle. Eine europäische Geschichte. Katalogbuch zur Ausstellung des Ruhr-Museums und des Deutschen Bergbau-Museums auf der Kokerei Zollverein 27. April bis 11. November 2018. Essen : Klartext Verlag  2018 ISBN 978-3-8375-1953-2, 287 S., zahlr. Abb. € 24,95.
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Eckhard Schinkel, München

Im Dezember 2018, mit der Einstellung des Förderbetriebs auf den Bergwerken in Bottrop und Ibbenbüren, endet der Steinkohlebergbau in Deutschland. Aus diesem Anlass zeigt das Ruhr Museum Essen zusammen mit dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum die Ausstellung „Das Zeitalter der Kohle. Eine europäische Geschichte“. Ort der Präsentation ist die Mischanlage der Kokerei Zollverein in Essen, neben den Zechengebäuden das zweite große Bauensemble des UNESCO-Welterbes Zollverein. Vom Besucherparkplatz aus zeigt sich das spektakuläre Industriedenkmal als Ansammlung von wuchtigen Gebäudekuben aus rostroten Ziegeln, Stahlfachwerk und Rohrleitungen. Die Kokerei wurde 1993 stillgelegt.


Abb. 1: Das Ausstellungsgebäude: die ehemalige Kohlenmischanlage der Kokerei Zollverein; davor ein für die Ausstellung angelegter „Skulpturenpark“ mit Großgeräten aus dem Bergbau (2018)
(Foto: Eckhard Schinkel, 2018)

Der Weg zur Ausstellung führt über eine lange Stahlfachwerkbrücke auf dünnen Stützen. Wo ehemals die im benachbarten Bergwerk abgebaute Kohle zur Kokerei transportiert wurde, werden nun die Besucherinnen und Besucher in das oberste Geschoss der früheren Kohlenmischanlage gebracht – mit einer Standseilbahn. Während die Fahrt steil aufwärts geht, führt sie imaginativ abwärts in die Tiefe der Erdgeschichte bis in den Entstehungszeitraum der Kohle, das „Karbon“. Akustisch ist die kleine Reise mit der Hymne der Bergleute unterlegt, dem Steigerlied, aber in der verfremdeten Einspielung des Rocksängers Stoppok. Wer es kennt, summt mit und mag sich an den kraftvollen Gesang von Bergmannschören erinnern. Hier bleibt es jedoch bei disparaten Einzelstimmen, die sich zusammen mit dem metallenen Quietschen und dem Motorengeräusch der Seilbahn zu einer kühlen Technik-Akustik mischen. Bergbau-Pathos wird zurückgenommen, kommt am Ende der Fahrt aber umso mehr zu seinem Recht. Vor den Besuchern steht ein großer, etwa sieben Tonnen schwerer Würfel aus Steinkohle – ein Symbol, dessen Deutung die Ausstellung unternimmt. (Die für das „Zeitalter der Kohle“ ebenfalls wichtige Geschichte der Braunkohle-Nutzung bleibt dagegen ausgeklammert.)


Abb. 2: Mit der Standseilbahn in die Karbon-Zeit
(Foto: Eckhard Schinkel, 2018)


Abb. 3: Der zu Präsentationszwecken aus einem Kohleflöz der Zeche Prosper-Haniel, Bottrop, in aufwendiger Handarbeit herauspräparierte „Kohlebrocken“ am Beginn der Ausstellung
(Foto: Eckhard Schinkel, 2018)

Hinter dem Würfel vermittelt ein kleiner Wald aus nachgezüchtetem Farn eine blasse Ahnung von der Vegetation des Karbonzeitalters und damit von der Herkunft der Kohle. Dieser Momentaufnahme aus der Erdgeschichte steht ein frischgrünes Stück Ruhrgebietsgegenwart gegenüber, wenn man vor dem Abstieg in die Ausstellung auf das Dach der Kohlenwäsche hinaustritt, um einen Rundblick auf die heutige Oberfläche des Deckgebirges über den kohleführenden Erdschichten zu genießen. Unterirdisch, so eine hilfreiche Grafik, laufen diese Schichten um den gesamten Erdball. Kleine, wie Schmuckstücke ausgelegte und ausgeleuchtete Kohleproben aus den Förderregionen der Welt sollen das veranschaulichen. Wie es dort an der Oberfläche aussieht, ist hier aber kein Thema. Die Ausstellung zieht sich auf den Karbongürtel als geologische Klammer in Europa und auf etwa 200 Jahre Bergbaugeschichte in Mitteleuropa zurück. Dabei bilden Objekte aus Deutschland den Schwerpunkt; über die Ausstellung verteilt werden zudem Objekte aus England, Belgien, Frankreich, aus den Niederlanden und aus Polen gezeigt.

Am Anfang der drei weitläufigen Etagen des Ausstellungsgebäudes stehen großformatige Untertage-Szenen vom Kohleabbau per Hand. Sie bleiben im Gedächtnis, weniger dagegen die vielen, wenngleich instruktiven Beispiele sowohl für die technische Rationalisierung des Abbaus als auch für die Entwicklung von Hilfsmitteln zur Gefahrenabwehr, zum Schutz der Bergleute, zu ihrer Rettung. Die Beispiele dokumentieren die vielfältigen Zusammenhänge von Bergbau, Bergbauforschung und Bergbautechnik. Stellvertretend für den ständig wachsenden Energiebedarf der Industrialisierung stehen die ersten Dampfmaschinen. Sie wurden im Bergbau zunächst für die Entwässerung des Grubengebäudes eingesetzt, später auch für die Förderung von Material und Menschen. Hiermit endet der erste Teil der Ausstellung.


Abb. 4: Die Ausstellung als Labyrinth
(© Ruhr Museum; Foto: Deimel + Wittmar)

Der Rundgang in der mittleren Ebene führt durch zwölf fensterlose Kohlebunker. Ihre dicken, geschwärzten Betonwände sind geradezu fühlbar abweisend. Es ist das künstliche Licht, unbekannt ob aus einem Kohlekraftwerk oder regenerativ gewonnen, das jede Ausstellungszone und jede Inszenierung aus dem dunklen Nicht-Ort herauspräpariert. Unter der etwas angestaubten Überschrift „Entfesselung“ folgen Beispiele für die Ausweitung der Kohlenutzung seit Mitte des 19. Jahrhunderts: bei Beleuchtung und Elektrizität, bei der Kohlechemie, bei der Eisen- und Stahlindustrie.

Dass Eisenbahn und Binnenschifffahrt, selbst große Kohleverbraucher, notwendige Transportmittel für die Ausfuhr von Kohle aus ihren Gewinnungsrevieren waren, visualisiert ein Kabinett zum Verkehrswesen. Auf 14 Metern Breite entfaltet eine wunderbare Tapisserie mit der Darstellung der Eisenbahn von St. Étienne nach Lyon aus dem Jahr 1840 das gesamte Verkehrswesen in der zeitgenössischen Landschaft. Ärgerlich ist dagegen, dass ein lieblos bestücktes Hochregal mit an sich sehenswerten Schiffs- und Eisenbahnmodellen und Übersichtskarten einige davon weit über Kopfhöhe zeigt. Und statt Heinrich Heines Bonmot zur „Schrumpfung von Raum und Zeit“ zu verallgemeinern, wären Erläuterungen zu den konkreten Verkehrsverhältnissen in den Industrierevieren hilfreich gewesen.


Abb. 5: Weit über Kopf dem interessierten Blick entzogen: ein Hochregal mit Modellen zum Verkehr im Industriezeitalter
(Foto: Eckhard Schinkel, 2018)


Abb. 6: Verkehr um 1840: Auf der 14 Meter langen Wandtapete (hier ein Ausschnitt) erscheint die Eisenbahn von St. Étienne nach Lyon neben den anderen Verkehrsmitteln und Transportwegen der Zeit.
(Leihgeber: Musée Gadagne, Lyon / © Ruhr Museum; Foto: Rainer Rothenberg)

Lose aneinandergereiht greift die Ausstellung sozialgeschichtliche Themen auf, etwa Migration und Lebensverhältnisse der Bergarbeiter, Unternehmer-Persönlichkeiten und Unternehmerkultur. Das Kabinett zum letztgenannten Thema ist besonders prächtig mit Gemälden und Tafelsilber ausgestattet. Allerdings erfährt man nicht, wieviel Gewinn und Besitz tatsächlich akkumuliert wurde, wie Macht im Bergbau innerbetrieblich und in der Politik praktiziert wurde. Im Kontrast zum Kapital steht die Arbeit. Die beiden folgenden Räume sind geprägt durch Schwarzweiß-Aufnahmen von Arbeiterversammlungen, von Knappenvereinsfahnen und stark vergrößerten Fotos von Gewerkschaftsführern. Spätestens hier wird deutlich, dass nur das solidarische Agieren der „Masse“ zum Druckmittel gegenüber den meist konservativen, zum Teil reaktionären und an demokratischen Entwicklungen der Gesellschaft nicht interessierten „Kapitalisten“ werden konnte, dass Forderungen nach gerechtem Lohn, weniger Ausbeutung und mehr Arbeitssicherheit nur solidarisch durchzusetzen waren. Diese Interessengegensätze wurden in den beiden Weltkriegen, in denen es mit der Sicherung von Rohstoffen und Nachschub auch um Kohle ging, zwangsweise zurückgestellt. Für den Annäherungsprozess zwischen den Lagern mit der Anerkennung des Acht-Stunden-Tags, von Gewerkschaften, Arbeiterausschüssen, Tarifverträgen wäre ein Hinweis auf das Stinnes-Legien-Abkommen von 1918 angebracht gewesen, ebenso ein Hinweis auf pazifizierende Vereinnahmungsversuche mittels Förderung der Werksgemeinschaft durch die Arbeitgeber. In jedem Fall ist die Solidarität im Rahmen eines Klassenkampfs grundsätzlich von derjenigen zu unterscheiden, die gegenwärtig vielfach als Erbe aus dem Kohlezeitalter für die Zukunft beschworen wird. Nach Gründung der Ruhrkohle AG (1968) formierten sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber zu einer grundsätzlich neuen, für die Arbeitgeber wohlfeilen Solidargemeinschaft gegenüber dem Staat als Subventionsgeber. Nur wer sehr aufmerksam liest, wird den Unterschied erschließen können.

Man verlässt diesen Ausstellungsteil nicht mit der Unbefangenheit, wie sie die Formel von der Kohle als „Treibstoff der Moderne und des Fortschritts“ hatte nahelegen wollen. Man ist sogar dankbar für das Tageslicht, das die dritte Etage, die Trichterebene der Kohlenwäsche, wieder erhellt. Die „Erfolgsgeschichte“ hat Brüche, Verwerfungen, Opfer – und ein Ende. Dieses kündigte sich mit der ersten Zechenschließung 1958 an. Schon seit Beginn der 1950er-Jahre entwickelten sich Öl-, Gas-, Atomenergie zu neuen Konkurrenten, was jeweils kleine Ausstellungseinheiten zeigen. Die folgende Strukturkrise erfasste nicht nur die gesamte Montan- und Zulieferindustrie, sondern auch den Verkehrs- und Dienstleistungssektor, mithin das gesamte Ruhrgebiet und seine Bevölkerung. Vergleichbare Entwicklungen vollzogen sich zeitversetzt in allen europäischen Bergbaurevieren. Sie sind weder dort noch hier abgeschlossen. Bergsenkungen, Luftverschmutzungen und „Ewigkeitslasten“ des Bergbaus, das dokumentiert die Ausstellung auch, werden die Gesellschaften aller Montanregionen weiterhin belasten.

Nicht die Feier der Kohle, sondern die Lösung ihrer Folgeprobleme steht am Ende der Kohleförderung. Das belegt der sehenswerte Film von Frank Bürgin und Christoph Schurian am Schluss der Ausstellung knapp und eindringlich. Der Energiebedarf der Weltgesellschaft steigt weiter, ebenso der CO2-Ausstoß. 2015 verständigten sich zahlreiche Staaten im Pariser Klimaprotokoll auf eine Reduktion der Schadstoffemissionen. Die Bundesrepublik Deutschland, die mehr Kohle denn je importiert, wird das anvisierte Klimaziel nicht erreichen.


Abb. 7: Ein Schlüsseldokument zur europäischen Einigung: der Gründungsvertrag der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) aus dem Jahr 1951 und die Architekten der Montanunion, Jean Monnet, Robert Schuman und Konrad Adenauer
(Leihgeber: Archives Nationales, Luxembourg / © Ruhr Museum; Foto: Deimel + Wittmar)

Rund 1.200 Objekte und Dokumente wurden für diese Ausstellung zusammengetragen. Die Aufnahmekapazitäten von Besucherinnen und Besuchern sind begrenzt, und die Gefahr ist groß, in der Fülle den Überblick zu verlieren. Eine didaktisch reduzierte Auswahl bieten der Audioguide und die Führungen. Nur bedingt hilfreich ist die Ausstellungsgestaltung. Weiße Kuben, in die die Gliederungsbegriffe eingefräst, die farblich aber nicht abgesetzt sind, gliedern das Bergbau-Thema auf der oberen Ausstellungsebene, aber es bleibt ein Labyrinth. Dabei behauptet sich die Gestaltung nur mit Mühe gegen die Wucht des Denkmals, das an dieser Stelle inhaltlich jedoch gar nicht gefragt ist. Wenn auf einem erhöhten White Cube „Sieben Keilhauen aus dem Steinkohlenbergbau“ sauber und sorgfältig in gleichem Abstand voneinander wie auf einem Altar der Arbeit präsentiert werden, wirkt das unfreiwillig komisch. Die Themen-Kabinette auf der mittleren Ebene der Ausstellung hingegen sind abwechslungsreich eingerichtet. Ein weißes Regal mit 4.000 bunten Probenflaschen aus der Farbenchemie verweist auf die gänzlich andere Materialität, die die Chemiefarbenindustrie als eine der Folgeindustrien der Kohle prägt.


Abb. 8: Die Welt im Farbenrausch: 4.000 Original-Farbgläser versinnbildlichen die Goldgräberstimmung in der Teerfarbenindustrie seit der Mitte des 19. Jahrhunderts.
(© Ruhr Museum; Foto: Deimel + Wittmar)

Die didaktische Visualisierung kommt allerdings an vielen Stellen zu kurz. Im Rahmen von Vertiefungen, wie sie das benachbarte Ruhr Museum beispielhaft vorführt, wären mehr Hinweise auf die Montanindustrie des Ruhrgebiets und Europas sowie auf ihre Denkmäler am Platz gewesen. Auf der dritten, der untersten Ebene beschränkt sich die Ausstellungsgestaltung auf die Unterbringung des Materials und auf die Platzierung der Informationstafeln. Der Raum mit den markanten Kohletrichtern behält die Oberhand, obwohl er auch hier nichts zum Inhalt der Ausstellung beiträgt. Zwar betont die Ausstellungsleitung, dass die Kohlenmischanlage ein idealer Ort sei. Das ist dort, wo die Besucherinnen und Besucher auf dem Weg in die Ausstellung dem Weg der Kohle folgen, zunächst nachvollziehbar, wird aber dann problematisch. Denn wie wären das Verteilen der Kohle, das Sammeln in den Bunkern und die neue Mischung unterhalb der Trichter im Hinblick auf den Ausstellungsbesuch zu dekodieren? Auch Zeichen haben ihre Logik. Hier aber wird die Ausstellungsleitung zum Opfer ihrer sprudelnden Rhetorik. Der Weg von oben nach unten durch die Kohlenmischanlage soll nun dem Abstieg in ein Bergwerk entsprechen (Michael Farrenkopf / Heinrich Theodor Grütter, Vorwort zum Katalog, S. 13). Dabei wäre ein stimmiger Bezug möglich gewesen. Aus den Trichtern hätte gleichsam das neue Europa, das zusammenarbeitet, das utopische im Unterschied zu den kohleexportierenden, konkurrierenden Ländern, dem dystopischen Europa vor 1945, hervorgehen können. Doch dieser Schwerpunkt, immerhin im Ausstellungstitel angekündigt, verliert sich als ein Aspekt unter den vielen dargestellten Themen.

Ein gewinnbringender Besuch einer derart großen Ausstellung ist gleichwohl möglich. Man kann sich lustvoll darin verlieren, Bekanntes wiedersehen und sich erinnern lassen, auf Unerwartetes stoßen und sich beeindrucken lassen. Den Rest kann man zu gegebener Zeit nachlesen. So war es bei früheren Ausstellungen des Ruhr Museums. Jedes Objekt, das in der Ausstellung bezeichnet, kommentiert und interpretiert wurde, tauchte im Katalog auf. Hier aber fehlt eine solche Objekt-Dokumentation. Stattdessen erhalten die insgesamt 26 Themen und Unterthemen der Ausstellung fast alle einen etwa zehn Seiten langen Beitrag; auf Anmerkungen wird verzichtet. Etwa ein Drittel der Objekte wird abgebildet, doch nur ein Teil davon innerhalb des jeweiligen Ausstellungsthemas erläutert.

Die Frage nach dem Status eines solchen „Katalogbuchs“ führt zur Einordnung und Bewertung der Ausstellung insgesamt. Dass sie „die erste europäische Ausstellung ist, die zum Abschied der Kohle gezeigt wird“, wie es in einer Pressemitteilung der Veranstalter heißt, kündet zwar von einem sportlichen Ehrgeiz, ist aber für ein 2,5 Millionen-Euro-Projekt nicht hinreichend. Welche Leerstelle füllt sie? Was ist neu? Ist sie eine kritische Bestandsaufnahme oder eine allgemeinverständliche Übersicht? Wo ist ihr Ort in einem Ruhrgebiet, in dem es vor Events zum Ende der Kohleförderung derzeit nur so wimmelt? Das Programm zu den von der RAG-Stiftung geförderten Projekten (sie unterstützte die Ausstellung mit 1,5 Millionen Euro) ist ein 75 Seiten starkes Buch.[1]

Die Entwicklung des Bergbaus in Deutschland und die Forschung dazu waren und sind stets miteinander verbunden. Inzwischen ist die Zahl der Publikationen aus Universitäten, Forschungsinstituten und Museen sowie aus dem großen Feld der sachkundigen Laienforschung nahezu unübersehbar; mit der vierbändigen, maßgeblich von Klaus Tenfelde inspirierten „Geschichte des deutschen Bergbaus“ liegt eine profunde Forschungsbilanz vor. In diesen großen Bergbaudiskurs und unterstützt von einem 24-köpfigen wissenschaftlichen Beirat sind auch die drei Hauptverantwortlichen für Ausstellung und Katalog eingebunden. Heinrich Theodor Grütter leitet das Ruhr Museum auf der Zeche Zollverein. In der dortigen Dauerausstellung über das Ruhrgebiet gibt es etliche Parallelen zu den Themen der jetzigen Sonderausstellung. Zudem haben Ausstellungen wie „Kohle. Global“ (2013) und „1914 – Mitten in Europa“ (2014) die jetzige Schau vorbereitet. Im Katalog zur aktuellen Ausstellung des Ruhr Museums mit Fotografien aus dem Ruhrgebiet von Josef Stoffels findet sich übrigens auch die Idee zu dem großen Kohlebrocken in einer Ausstellung wieder. Ein solcher wurde 1937 im Museum Haus Heimat bei einer Ausstellung in Essen-Karnap gezeigt.[2] Michael Farrenkopf ist Direktoriumsmitglied des Deutschen Bergbau-Museums Bochum, das als Leibniz-Institut eines der Forschungszentren für die Technikgeschichte und Industriekultur des Bergbaus ist. Soeben erschien seine zusammen mit Lars Bluma und Stefan Przigoda geschriebene „Geschichte des Bergbaus“.[3] Gegen Ende des Jahres wird das sanierte Deutsche Bergbau-Museum mit einer neuen Dauerausstellung wieder eröffnet. Der dritte Hauptverantwortliche, Franz-Josef Brüggemeier, veröffentlichte vor kurzem eine breite Synthese über das „Zeitalter der Kohle“.[4] Insofern sind keine exklusiv neuen Erkenntnisse in die Ausstellung eingegangen.

Das Kuratorenteam stand zweifellos vor einer schwierigen Aufgabe. Die Kohlegeschichte ist derzeit dauerpräsent in der Region. Noch leben Betroffene, noch können Zeitzeugen erzählen. Emotionen, Selbst- und Fremdbilder sind fragil und verletzlich. Deshalb erfordert eine solche Ausstellung ein komplexes Framing. Früher gehörte die Geschichte der Kohle und der Kohleindustrie wenn nicht zur kommunikativen Erinnerung in der Familie, dann doch zur Heimatkunde in der Schule und damit zum kulturellen Gedächtnis der Region. Andererseits scheint das Wissen um die aktuellen Verhältnisse dort nicht mehr besonders ausgeprägt zu sein.[5] Was wissen „Ruhri“, alte und neue Kumpel, die Ruhrgebietler mit und ohne Migrationshintergrund von der Kohle und, so sei hinzugefügt, von Eisen und Stahl? Manchmal hat man den Eindruck, als wandere der „Mythos Montan“ in die Kunst und in die Image-Werbung ab. Als materielle Zeugen stehen über 600 bemalte Grubenwagen verteilt in der Region.[6] Das alte Ruhrgebiet gibt es nicht mehr. Es braucht neue Formen der Vermittlung, auch eine andere Sprache als in großen Teilen der Essener Ausstellung, um die Erinnerungsorte zu erschließen.

Nimmt man Ausstellung und Katalog zusammen, wird nahezu jedes Thema irgendwo einmal angesprochen – auch kritisches wie der Grubenmilitarismus, die Grenzen der Solidarität unter den Bergleuten, die Umweltbelastungen durch den Bergbau. Doch etwas anzusprechen oder den Finger konkret in eine Wunde zu legen, wie es zum Beispiel in dem genannten Schlussfilm erfolgt, sind verschiedene Dinge. Geradezu verharmlosend heißt es auf der Informationstafel „Belastungen“: „Die Vergiftung der Flüsse wurde lange als Begleiterscheinung der Industrie hingenommen.“ Das wurde sie nicht, wie Franz-Josef Brüggemeier in mehreren Studien dargelegt hat, doch das Ruhrgebiet war eine „Schutzzone für die Industrie“; Beschwerden gegen Umweltverschmutzung wurden von der Bürokratie unter Hinweis auf die „ortsübliche Belastung“ zurückgewiesen.[8] Solche Themen hatte die Ausstellung „Feuer & Flamme – 200 Jahre Ruhrgebiet“ im Jahr 1994 bereits klar zur Sprache gebracht.

Auch methodisch ist die jetzige Ausstellung konventionell. Hätte sich der Schlussfilm nicht besser als Einstiegsimpuls geeignet? Und hätte sich der Blick auf „die anderen“ Kohlenreviere nicht für mehr als eine Exponatbeschaffung angeboten, zum Beispiel für eine transnationale, partizipative Zusammenarbeit? Überhaupt: In keinem Land subventionierte der Staat das Auslaufen des Bergbaus und den folgenden Strukturwandel so hoch und so dauerhaft wie in der Bundesrepublik Deutschland. Die kritische Frage nach der Verteilung und dem Erfolg der Subventionen blendet die Ausstellung ebenso aus wie die Frage nach der Selbstpräsentation des Bergbaus und der RAG-Stiftung. Mit dem doppeldeutigen Titel „Unter uns. Die Faszination des Steinkohlenbergbaus in Deutschland“ hatte Werner Müller als Vorstandsvorsitzender der Stiftung im Verlag C.H. Beck bereits ein aufwendiges, dreiteiliges Selbstbild veröffentlicht.[8]


Abb. 9: Holger Graf, Antriebshauer auf Prosper IV, Schacht 9, Bottrop, 6. März 2017 – Porträt aus der Serie „Der Mensch hinter der Kohle“ von Michael Bader, Leipzig, 2015–2017
(Foto: © Michael Bader)


Abb. 10: Abgestellt im Ausstellungs-Ausgang: Erinnerungen an die Arbeit im Bergbau in Bild und Ton
(Foto: Eckhard Schinkel, 2018)

Und wo bleiben die Menschen, die Kumpel, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eines Zechenbetriebs? Was hat es mit der „Machokultur“ der Bergleute auf sich, warum wird die Frage nach den Frauen im Bergbau nicht wieder aufgenommen?[9] Das Deutsche Bergbau-Museum hatte ihnen 1989 eine eindrucksvolle Ausstellung gewidmet, und auch das Ruhr Museum war diesbezüglich in der Ausstellung „Feuer und Flamme“ (1994) schon deutlich weiter. Ganz zu Beginn der Ausstellung gibt es eine Reihe von Porträtaufnahmen: 12 Bergmänner nach ihrer Schicht unter Tage, geschwärzte Gesichter: ein Typus. Doch im Ausdruck ist jeder ein Anderer. Mit dem Ende der Kohle endet ihre Arbeitsgemeinschaft, und jeder muss sich einen neuen Weg suchen. Über 400 Bergleute hat der Fotograf Michael Bader so aufgenommen. Noch einmal begegnen die Besucherinnen und Besucher einzelnen Menschen aus dem Bergbau am Ende der Ausstellung, nämlich im dunklen Flur zum Ausgang. In knappen Filmsequenzen aus einem Oral-History-Projekt der Stiftung Geschichte des Ruhrgebiets und des Deutschen Bergbau-Museums erinnern sie sich an ihre Arbeit. Das reicht nicht, um einen Eindruck vom Bergbau als einem der einst größten Arbeitgeber im Ruhrgebiet zu vermitteln, und um zu zeigen, wie die Betroffenen mit dem Strukturwandel umgegangen sind. Zur Hochzeit des Bergbaus waren im Ruhrgebiet über 150 Bergwerke mit etwa 600.000 Arbeitsplätzen in Betrieb. Hätte man nicht alle 400 Porträts über die gesamte Ausstellung verteilen können?

Fazit: Schon aufgrund ihres Umfangs und ihrer Vielseitigkeit lohnt sich ein Besuch der Ausstellung. „Das Zeitalter der Kohle“ ist eine Zwischen-, keine Schlussbilanz. Man sollte sie als Auftakt zu einem unabhängigen Forschungsprogramm über Grenzen hinweg begreifen, frei von der hohen symbolischen Aufladung, wie sie derzeit zum Ende der Kohle-Förderung allerorten im Ruhrgebiet in Szene gesetzt wird.

Anmerkungen:
[1] RAG-Stiftung (Hrsg.), Glückauf Zukunft! Alle Veranstaltungen rund um das Ende des Steinkohlenbergbaus, Essen 2018.
[2] Josef Stoffels, Steinkohlenzechen. Fotografien aus dem Ruhrgebiet, Essen 2018, S. 268.
[3] Lars Bluma / Michael Farrenkopf / Stefan Przigoda, Geschichte des Bergbaus, Berlin 2018.
[4] Franz-Josef Brüggemeier, Grubengold. Das Zeitalter der Kohle von 1750 bis heute, München 2018.
[5] Stefan Goch, Die Selbstwahrnehmung des Ruhrgebiets in der Nachkriegszeit, in: Moving the Social 39 (2008), S. 21-47, hier S. 30, http://dx.doi.org/10.13154/mts.39.2008.21-47 (03.08.2018).
[6] Das Erfassungsprojekt des Fotografen Martin Holtappels, das im Zusammenhang mit der Ausstellung „Revierfolklore“ in der Zeche Hannover / LWL-Industriemuseum in Bochum initiiert wurde, wird fortgesetzt; siehe dazu https://www.google.com/maps/d/edit?hl=de&mid=1poR1J2lpOXLikAkZJxI-8KP6LlmckwGB&ll=51.97387461829866%2C7.1770668933135084&z=95084&z=9 (03.08.2018); siehe auch LWL-Industriemuseum / Dietmar Osses / Lisa Weißmann (Hrsg.), Revierfolklore. Zwischen Heimatstolz und Kommerz. Das Ruhrgebiet am Ende des Bergbaus in der Populärkultur. Begleitbuch zur Ausstellung, Essen 2018.
[7] Franz-Josef Brüggemeier / Ulrich Borsdorf, Zweihundert Jahre Ruhrgebiet, in: Ulrich Borsdorf (Hrsg.), Feuer & Flamme – 200 Jahre Ruhrgebiet. Eine Ausstellung im Gasometer Oberhausen, Essen 1994, S. 17-29, hier S. 17.
[8] Werner Müller (Hrsg.), Unter uns. Die Faszination des Steinkohlenbergbaus in Deutschland, Bd. I: Wissen und Können, München 2015; Bd. II: Kultur und Leben, München 2016; Bd. III: Politik und Positionen, München 2017.
[9] Lars Bluma, Männerarbeit – Bergarbeit – Schwerarbeit. Ein Arbeitsmythos der Industrialisierung, in: Forum Geschichtskultur Ruhr 1/2018, S. 22-25, hier S. 24, und grundlegend Dagmar Kift, Die Männerwelt des Bergbaus, Bochum 2011.

Zitation
Eckhard Schinkel: Rezension zu: Das Zeitalter der Kohle. Eine europäische Geschichte, 27.04.2018 – 11.11.2018 Essen, in: H-Soz-Kult, 01.09.2018, <www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-313>.