Ort
Hamburg
Veranstalter
Museum für Kunst und Gewerbe
Datum
18.10.2018 - 17.03.2019
Rezensiert für H-Soz-Kult von
David Templin, Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien, Universität Osnabrück


Abb. 1: Das Großplakat an der Museumsfassade zeigt das britische Fotomodell „Twiggy“, 1966 aufgenommen vom amerikanischen Modefotografen Ronald Traeger.
(Foto: Michaela Hille, Museum für Kunst und Gewerbe)


Abb. 2: Fotoscreenings auf Leinwänden am Beginn der Ausstellung
(Foto: Michaela Hille, Museum für Kunst und Gewerbe)

Szenen aus der chinesischen Kulturrevolution, eine Mai-Demonstration in Paris, die mittlerweile ikonisch gewordenen Fotos des erschossenen Benno Ohnesorg und der Erschießung des Vietcong-Angehörigen Nguyễn Văn Lém, das Bild der schwarzen Sprinter Tommie Smith und John Carlos auf dem Siegerpodest der Olympischen Spiele in Mexiko… Im Hintergrund ist auf einer weiteren großformatigen Leinwand der studentische Kurzfilm „Farbtest – Die Rote Fahne“ von Gerd Conradt zu sehen.[1] Bereits am Eingang der Ausstellung „68. Pop und Protest“, die derzeit im Museum für Kunst und Gewerbe (MKG) Hamburg zu sehen ist, werden die Besucherinnen und Besucher audiovisuell in die Atmosphäre der Zeit vor 50 Jahren versetzt.[2]


Abb. 3: Im Vordergrund des zentralen Ausstellungsraumes ist die Dokumentation „Landfriedensbruch“ (1967) zu sehen, rechts im Bild das darin vorkommende umgestürzte Wissmann-Denkmal (siehe auch Abb. 4), links eine Zusammenstellung von Plakaten aus Frankreich.
(Foto: David Templin)

Die aufwendige multimediale Präsentation setzt sich im weiteren Verlauf der Ausstellung fort, die in zwei Teile gegliedert ist und sich auf einen sehr großen sowie drei etwas kleinere Räume verteilt. Insgesamt 15 thematisch geordnete, aber fließend ineinander übergehende Abteilungen behandeln die politischen Dimensionen der 68er-Revolte, die künstlerischen Ausdrucksformen (vor allem im Bereich des Films, aber auch des Theaters, der Plakatkunst und der Musik) sowie zeitgenössische Entwicklungen im Bereich Design, Mode und Werbung. Dabei steht vor allem im ersten Teil Hamburg als Ort der Revolte und des kulturellen Experimentierens im Vordergrund. Thematisiert werden aber auch Entwicklungen in weiteren Orten der Bundesrepublik und in West-Berlin, in Frankreich, Österreich und den USA – während Ereignisse in anderen Teilen der Welt nur am Rande bzw. vermittelt über westliche Bezugnahmen eine Rolle spielen.


Abb. 4: Denkmal des Kolonialoffiziers Hermann von Wissmann, das 1967 und erneut 1968 von Studierenden in Hamburg gestürzt und danach nicht wieder aufgestellt wurde
(Foto: David Templin)


Abb. 5: Papiertüten der Anti-Schah-Demonstration vom 2. Juni 1967 in West-Berlin. Der Karikaturist Rainer Hachfeld hatte Porträts von Schah Mohammad Reza Pahlavi und seiner Frau Farah gezeichnet, die die Kommune I auf Einkaufstüten klebte und an Demonstrant/innen verteilte.
(Foto: David Templin)

Die sechs Kuratorinnen und Kuratoren um die Ende November 2018 in den Ruhestand gegangene Museumsdirektorin Sabine Schulze[3] setzen dabei auf eine Vielzahl an Medien und Objekten – neben Filmausschnitten werden Fotos, Plakate, Bücher und Flugblätter gezeigt, hinzu kommen Möbel, Kleider und Schallplattencover. Ein Großteil der Exponate stammt aus der eigenen Sammlung des MKG. Besondere Artefakte sind etwa die „Kapital“-Ausgabe von Rudi Dutschke mit dessen persönlichen Anstreichungen, die 1967/68 in Hamburg gestürzte Statue des Kolonialoffiziers Hermann von Wissmann (1853–1905), die in der Mitte des größten Ausstellungsraumes quer auf dem Boden platziert wurde[4], sowie bemalte Papiertüten, mit denen sich Demonstrantinnen und Demonstranten anlässlich des Schah-Besuchs 1967 in West-Berlin maskierten.[5] Eine Bücherecke mit zeitgenössisch rezipierten Klassikern und einflussreichen Periodika wie dem „Kursbuch“ illustriert die Leseversessenheit der jungen Intellektuellen. Mitunter skurril wirken die avantgardistischen Design-Objekte, deren Produzenten politische und kulturelle Impulse zu transportieren suchten – etwa der „Mind-Expander II“ des österreichischen Architekten- und Künstlerkollektivs Haus-Rucker-Co von 1969, eine Sitzplastik mit integriertem Helm, die es zwei Benutzer/innen ermöglichen sollte, auch ohne Drogenkonsum psychedelische Erfahrungen zu machen. Getrübt wird die Beschäftigung mit solchen Objekten leider dadurch, dass einige Infotafeln aufgrund der schlechten Beleuchtung nur schwer lesbar oder in ungünstiger Position angebracht sind.


Abb. 6: „Mind-Expander II“ (1969). Eine erste Version war bereits 1967 entworfen worden.
(Foto: David Templin)

Insbesondere Filmscreenings sind in der Ausstellung omnipräsent – sowohl auf Fernsehern, die mit Kopfhörern ausgestattet sind, als auch auf großflächigen Leinwänden, bei denen der Ton nur von einer bestimmten Position im Raum aus zu hören ist. Dabei haben die Kuratorinnen und Kuratoren etliche interessante Filme ausgegraben, Dokumentar- ebenso wie Spielfilme – von zeitgenössischen Dokumentationen zum Schah-Besuch und den Osterunruhen über „La Chinoise“ (1967), Jean-Luc Godards frühe und groteske Darstellung einer maoistischen Kommune, bis hin zu experimentellen Kurzfilmen junger Hamburger Filmemacher. Die dazugehörigen Infotafeln liefern Einblicke in Kontexte, Entstehungs- und Rezeptionsgeschichten der Filme. So wurde Theo Gallehrs Dokumentation „Landfriedensbruch“ aus dem Jahr 1967, die vom Norddeutschen Rundfunk in Auftrag gegeben worden war und den ersten Sturz des Wissmann-Denkmals durch Hamburger Studierende behandelte, bis 1988 nicht gezeigt. Die Abteilungen „Der alte Film ist tot“ und „Das Andere Kino“ widmen sich avantgardistischen Werken junger Regisseure, die im Gefolge des Oberhausener Manifests von 1962 einen „neuen Film“ produzieren wollten. Dabei thematisierten sie politische wie gesellschaftliche Verhältnisse und experimentierten mit neuen Formen.


Abb. 7: Das Plakat „Die Revolution stirbt nicht an Bleivergiftung!“ des Künstlers und Grafikers Thomas Bayrle entstand 1968 nach dem Attentat auf Rudi Dutschke. Auf dem Fernseher daneben lassen sich Ausschnitte aus dem Interview des Journalisten Günter Gaus mit Dutschke ansehen, das am 3. Dezember 1967 im Süddeutschen Rundfunk ausgestrahlt wurde. Siehe auch https://www.youtube.com/watch?v=SeIsyuoNfOg (16.01.2019).
(Foto: David Templin)


Abb. 8: Die Abteilung „La révolution est dans la rue“ behandelt den Mai 1968 in Frankreich. Sie zeigt vor allem politische Plakate, die in diesen Wochen produziert wurden und der Agitation dienten. In einer weiteren Abteilung („Art: up against the wall!“) sind Plakate von Künstler/innen aus Deutschland, Frankreich, Italien und den USA zu sehen, unter anderem von Andy Warhol.
(Foto: David Templin)

Die Fülle des audiovisuellen Materials steht leider in Kontrast zu den Informationen und Deutungen, die in der Ausstellung vermittelt werden. Die zweisprachig (auf Deutsch und Englisch) gehaltenen Texttafeln ordnen die jeweiligen Dokumente und Materialien zwar in den Kontext ein, bleiben mitunter jedoch an der Oberfläche. Wenn es auf der Tafel zur Situation an den Universitäten etwa heißt: „Die jeweils als Wahrheit propagierten Ansichten werden mitunter radikal vertreten. Im Kampf um öffentliche Aufmerksamkeit […] werden zunehmend Aktionen wichtig“, fragt man sich, ob diese Sätze nicht auch auf beliebige andere historische Phänomene anwendbar wären. Aus der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung in den USA wird in der Ausstellung der Plural „Bürgerrechtsbewegungen“, unter den auch Homosexuellen- und Frauenbewegungen subsumiert werden. Zeithistorische Deutungsmuster wie die Einordnung in die „langen 1960er-Jahre“[6] oder Ausblicke auf die Folgen und Nachwehen von „1968“ sucht man in der Ausstellung vergebens. Der Moment selbst und die atmosphärische Vermittlung eines „Zeitgeistes“ stehen ganz im Vordergrund.

So bleiben leider auch die Zusammenhänge unklar, die zwischen den zwei großen Themen der Ausstellung – Pop und Protest – bestehen könnten. Nach einem ersten Einblick in die Welt der Proteste (die in der Ausstellung primär als studentisch porträtiert werden) weist der anschließende Fokus auf künstlerisches Schaffen in den Bereichen Film und Design zwar noch Bezüge zur Revolte auf, etwa wenn politische Motivationen der jeweiligen Künstlerinnen und Künstler erwähnt werden. In Teil 2 der Ausstellung, drei weiteren Räumen zu Mode, Design und Musik, bleibt aber völlig offen, in welcher Verbindung etwa die Lava-Lampe, die Olivetti-Reiseschreibmaschine oder der 1967 in Großbritannien kreierte „Newspaper Dress“ zur politischen und kulturellen Revolte stehen. Hier geht es um Technikbegeisterung, Konsumrausch, Fortschrittsdenken und futuristische Ästhetik – Elemente, die auch schon vor 1968 eine Rolle spielten. Gezeigt werden vor allem avantgardistische Objekte und Kleider, die mit der realen Alltagsmode der „68er“ eher wenig zu tun hatten. Auf einer langgezogenen Sitzebene können die Besucherinnen und Besucher schließlich Impressionen des Monterey International Pop Festivals, das im Juni 1967 in Kalifornien stattfand, auf einer überdimensionalen Leinwand sehen, oder sich im letzten Raum zeitgenössische Kleidermodelle von Pariser Designern sowie ausgefallene Sitzmöbel anschauen – falls man nach den zahlreichen vorher gesammelten Eindrücken noch aufnahmefähig ist.


Abb. 9: Vor der Kulisse mit einem Foto des Erdaufganges aus der Apollo 8 (entstanden am Heiligabend 1968) sind Mode- und Möbelexponate zu sehen, die für das „Space Age Design“ dieser Zeit stehen sollen.
(Foto: David Templin)


Abb. 10: Die an der Wand aufgehängten sogenannten Papierkleider wurden von 1966 bis 1968 in den USA, in der Bundesrepublik Deutschland und in Großbritannien produziert. Sie sollten „die Vorstellung von Mode als Statussymbol“ unterlaufen (Texttafel). Davor in der Mitte werden drei Minikleider des Designers Hans-Jürgen Wendt von 1969/70 gezeigt. Alle diese Exponate stammen aus der Sammlung des MKG.
(Foto: David Templin)

Die Ausstellung entlässt den Beobachter insofern mit einer Fülle von Reizen, Bildern und Assoziationen. Die multimedialen Impressionen zu Beginn sind beeindruckend, weichen im Verlauf des Besuchs jedoch zunehmender Übersättigung und Ratlosigkeit. Die Kuratorinnen und Kuratoren haben etliche interessante Objekte und Dokumente zusammengetragen, arrangiert und kontextualisiert, aber eine übergreifende Deutung findet sich eher zwischen den Zeilen. So transportiert die Ausstellung ein positives Bild von „1968“ als einer „weltweite[n] kulturelle[n] Revolution“, deren gesellschaftsverändernder Impetus immer noch aktuell sei, ja mit Blick auf die „Ideen von Freiheit und Selbstbestimmung […] heute wichtiger denn je“, wie im Ankündigungsflyer und auf der Tafel am Eingang zur Ausstellung zu lesen ist. Wie „1968“ und die dargestellten politischen und kulturellen Phänomene aber historisch einzuordnen sind und welche Bezüge sie untereinander aufwiesen, bleibt letztlich jedoch offen bzw. der eigenen Reflexionsleistung überlassen.

Anmerkungen:
[1] Der Kurzfilm von 1968 ist abrufbar unter https://dffb-archiv.de/dffb/farbtest-die-rote-fahne (16.01.2019).
[2] Auch andere Museen haben „1968“ jüngst zum Thema gemacht; so zeigt das Kölnische Stadtmuseum vom 20. Oktober 2018 bis zum 31. März 2019 die Ausstellung „Köln 1968! Protest. Pop. Provokation.“ – siehe https://koeln68.de (16.01.2019).
[3] Neben Sabine Schulze wirkten Dennis Conrad, Vivian Michalski, Angelika Riley, Simon Klingler und Caroline Schröder als Kuratorinnen und Kuratoren an der Ausstellung mit.
[4] Das von Adolf Kürle entworfene und 1908 hergestellte Bronze-Denkmal verweist auf die Kolonialgeschichte des Deutschen Reiches, deren postkoloniales Erbe in Form einer „ungebrochene[n] Ausbeutung der Dritten Welt“ von der Hamburger Studentenbewegung mit dem Denkmalsturz thematisiert werden sollte. Eine Infotafel macht auf diese Deutung und die bewegte Ausstellungsgeschichte des Exponats aufmerksam (1909 in Daressalam eingeweiht, nach 1918 in London, seit 1922 in Hamburg).
[5] Siehe ausführlich Eckard Michels, Schahbesuch 1967. Fanal für die Studentenbewegung, Berlin 2017.
[6] Siehe u.a. Christina von Hodenberg / Detlef Siegfried (Hrsg.), Wo „1968“ liegt. Reform und Revolte in der Geschichte der Bundesrepublik, Göttingen 2006; Axel Schildt / Detlef Siegfried / Karl Christian Lammers (Hrsg.), Dynamische Zeiten. Die 60er Jahre in den beiden deutschen Gesellschaften, Hamburg 2000.

Zitation
David Templin: Rezension zu: not defined, go into event (ausstellungsrez) 68. Pop und Protest, 18.10.2018 – 17.03.2019 Hamburg, in: H-Soz-Kult, 09.02.2019, <www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-317>.