Wissen und Macht. Der heilige Benedikt und die Ottonen

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Ort
Memleben
Veranstalter
Museum Kloster und Kaiserpfalz Memleben Thomas-Müntzer-Straße 48, 06642 Kaiserpfalz/OT Memleben
Datum
07.05.2018 - 15.10.2018
Publikation
Köster, Gabriele; Andrea Knopik (Hrsg.): Wissen und Macht. Der heilige Benedikt und die Ottonen. Regensburg : Schnell & Steiner  2018 ISBN 978-3-7954-3297-3, € 34,95.
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christian Popp, Germania Sacra, Akademie der Wissenschaften zu Göttingen

Die mitteldeutsche Klosterlandschaft hat in weiten Teilen noch keine angemessene wissenschaftliche Aufarbeitung erfahren, insbesondere für die spätmittelalterlichen Jahrhunderte gibt es noch erheblichen Forschungsbedarf. Ein Fundament für weitere Untersuchungen ist der 2012 erschienene zehnte Band der „Germania Benedictina“, der die Mönchskloster im mittel- und nordostdeutschen Raum behandelt.[1] Auf das baldige Erscheinen des „Sächsischen Klosterbuchs“[2] ist zu hoffen; für die Bundesländer Sachsen-Anhalt und Thüringen wird man auf ein solches Kompendium noch warten müssen. Umso begrüßenswerter sind wissenschaftliche Projekte und Ausstellungen, die sich diesem Thema widmen. Das Museum Kloster und Kaiserpfalz Memleben richtet in seiner Ausstellung „Wissen + Macht. Der heilige Benedikt und die Ottonen“ seinen Blick auf das benediktinische Klosterleben in der Region um die Flüsse Saale, Unstrut und Elster. Zwar stehen die vergleichsweise gut erforschte Reichsabtei Memleben und die hochmittelalterliche Epoche im Zentrum, doch gibt die Ausstellung zumindest auch kurze Ausblicke in die spätmittelalterlichen Veränderungen bis hin zur Reformation sowie in die Prozesse der Historisierung der materiellen Überreste der Klöster und des beginnenden Denkmalschutzes. Lehrreich sind die Hinweise auf zwölf sogenannte Korrespondenzorte der Ausstellung – sieben benediktinische und drei zisterziensische Klosterorte sowie ein Augustinerchorherrenstift und ein Franziskanerkloster im Saale-Unstrut-Raum. Dazu gehören beispielsweise die Dörfer Donndorf (ehemals Zisterzienserinnen), Göllingen (Benediktiner) oder Zscheiplitz (Benediktinerinnen), in denen beeindruckende, aber kaum bekannte Baudenkmäler von der dichten mittelalterlichen Klosterlandschaft in den heutigen Bundesländern Thüringen und Sachsen-Anhalt zeugen.

Die Ausstellung in Memleben ist chronologisch aufgebaut und führt den Besucher von der Entstehung des Mönchtums in der Spätantike und seiner Ausbreitung in Mitteleuropa über die Klostergründungen im thüringisch-sächsischen Raum im Zuge der Christianisierungsprozesse bis zur Blütezeit der mitteldeutschen Klosterlandschaft vom 10. bis zum 13. Jahrhundert und weiter zu den Entwicklungen von der Reformation bis in die Moderne. Sie kommt mit einer überschaubaren Anzahl von Originalobjekten aus, die aber geschickt ausgewählt sind und in einem ausgewogenen Verhältnis zwischen Flachware (Urkunden und Handschriften), Kirchenschatzobjekten, Altarretabeln, Münzen und Textilien stehen. Gesondert zu erwähnen sind ein Marienretabel und ein qualitativ anspruchsvolles Holzrelief, das die Beweinung Christi zeigt. Beide Objekte stammen aus der evangelischen Dorfkirche St. Martin in Memleben und gehören möglicherweise zu den wenigen erhaltenen Ausstattungsstücken des Benediktinerklosters Memleben. Die Debatten des 19. Jahrhunderts um die Erhaltung der mittelalterlichen Baudenkmäler sind am Ende der Ausstellung durch Zeichnungen von Karl Friedrich Schinkel dokumentiert, wobei eine Graphitzeichnung Schinkels von der Ruine des Klosters Memleben erstmals in einer Ausstellung präsentiert wird. Die begleitenden Texte, übersichtliche Kartierungen und weitere museale Installationen – auch nichtdigital wie beispielsweise ein großdimensionales Holzpuzzle zum ottonischen Familiennetzwerk – ermöglichen dem Besucher einen vertieften und zugleich unterhaltsamen Zugang zur Ausstellungsthematik.

Der die Ausstellung begleitende Sammelband präsentiert die Ergebnisse einer Tagung, die 2017 vom Museum Kloster und Kaiserpfalz Memleben in Verbindung mit dem "Zentrum für Mittelalterausstellung in Magdeburg" in Memleben durchgeführt wurde. Der Band ist in zwei Abschnitte gegliedert, wobei der erste Teil („Benediktiner – Historische Verortung in Europa“) einen komprimierten Überblick über den Forschungsstand zur Entstehung und Ausbreitung des Benediktinerordens im Frühmittelalter (Gerfried Sitar OSB, Jan Bobbe) und zu einzelnen Themen wie der benediktinischen Liturgie (Jürgen Bärsch) oder Memorialkultur (Klaus Krüger) gibt. Der mit Abstand gewichtigste Beitrag des Bandes ist im zweiten Teil („Benediktiner in der Ordenslandschaft Mitteldeutschlands“) verortet. In seinem Aufsatz „Benediktinisches Reformmönchtum und Klosterreform in Thüringen und Ostsachsen in der Zeit des Investiturstreites“ untersucht Matthias Werner detailliert die Ausbreitung des Reformmönchtums vom 11. bis zum 12. Jahrhundert, benennt die Akteure und Trägergruppen und analysiert die überregionalen Netzwerke der Reformer. Am Beginn der Reformbewegung standen Klöster wie St. Peter in Erfurt, Ilsenburg, Huysburg oder Wimmelburg und Geistliche wie Erzbischof Siegfried I. von Mainz (1060–1084) oder die Halberstädter Bischöfe Burchard II. (1059–1088) und Herrand (1090–1102), die geprägt waren vom Mönchtum in Cluny und Gorze. Seit dem frühen 12. Jahrhundert wurde die Hirsauer Bewegung zur vorherrschenden monastischen Reformströmung im thüringisch-sächsischen Raum und führte bis in die 1130er-Jahre zur Entstehung von 25 neuen Benediktinerklöstern. Weitere kleinere Beiträge befassen sich unter anderem mit der in der Forschung umstrittenen Deutung der urkundlichen und chronikalischen Quellen zur Gründung und Frühgeschichte des Klosters Memleben (Helge Wittmann), mit der Geschichte des Benediktinerklosters Reinsdorf (Holger Kunde) sowie – korrespondierend zum letzten Teil der Ausstellung – mit dem Beginn der institutionalisierten Denkmalpflege unter Karl Friedrich Schinkel (Janet Kempf). Äußerst nützlich für die weitere Forschung ist der Literaturbericht, den Reinhard Schmitt zu den Ergebnissen der Bauforschung zu Benediktinerklöstern in Mitteldeutschland vorlegt. Der Band ist durch ein sorgsam erarbeitetes Orts- und Personenregister gut erschlossen.

Anmerkungen:
[1] Monika Lücke / Christof Römer (Bearb.), Die Mönchsklöster der Benediktiner in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen, 2 Bde., St. Ottilien 2012.
[2] Vgl. hierzu https://www.isgv.de/projekte/saechsische-geschichte/saechsisches-klosterbuch (16.12.2018).

Zitation
Christian Popp: Rezension zu: Wissen und Macht. Der heilige Benedikt und die Ottonen, 07.05.2018 – 15.10.2018 Memleben, in: H-Soz-Kult, 12.01.2019, <www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-324>.
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Veröffentlicht am
12.01.2019
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