Angst. Eine deutsche Gefühlslage?

Cover
Place
Bonn
Host/Organizer
Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland
Date
10.10.2018 - 19.05.2019
Reviewed for H-Soz-Kult by
Steffi de Jong, Historisches Institut, Universität zu Köln

Die Ausstellung „Angst. Eine deutsche Gefühlslage?“, die derzeit im Bonner Haus der Geschichte zu sehen ist, kann wohl als eine Antwort verstanden werden auf die seit den Anfängen von „Pegida“ häufig wiederholte Forderung, man müsse die Ängste und Sorgen der Menschen ernstnehmen. Die Ausstellung verfolgt dabei den äußerst interessanten Ansatz, die Angst an sich in den Mittelpunkt zu stellen. Sie will, so der Einführungstext, anhand von vier Themenkomplexen zeigen, „woran sich in den letzten 60 Jahren kollektive Ängste in Deutschland entzündet haben“ und wie sich „der gesellschaftliche Umgang damit“ verändert habe. Gewählt wurden Themen, deren Bezug zu gegenwärtigen kollektiven Ängsten offensichtlich ist: Immigration; Hochrüstung mit Nuklearwaffen; das Waldsterben und die Katastrophe von Tschernobyl; die geplante Volkszählung 1983 und der Widerstand gegen Google Street View (Abb. 1) Ende der 2000er-Jahre.


Abb. 1: Blick in das Ausstellungskapitel zur Angst vor Überwachung; vorn die Fotografie „Wider die Totalerfassung“ (1983) von Gerhard Vormwald
(Foto / Copyright: Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland)

Die BesucherInnen bewegen sich im Foyer durch dunkelgraue Stellwände in den ersten Ausstellungsraum. Hier soll wohl bereits ein Gefühl von Bedrängnis hervorgerufen werden. Auch die eigentlichen Ausstellungsräume sind äußerst schmal gehalten und können, zumindest an einem vollen Samstagnachmittag, durchaus Gefühle von Platzangst auslösen. Immer wieder müssen sich die BesucherInnen an Objekten vorbeizwängen. Zudem sind die Wände sehr hoch, sodass die BesucherInnen gezwungen sind, zu einigen Exponaten aufzuschauen, und sich dabei sehr klein vorkommen können. Zu einem bedrängenden Gefühl tragen auch die Video- und Soundinstallationen bei, die speziell für die Ausstellung konzipiert wurden. Die Videos werden am Ende eines jeden Ausstellungskapitels auf große, schräg über den Köpfen der BesucherInnen angebrachte Leinwände projiziert. Hier werden Bilder von einem wolkenverhangenen Himmel (wohl als Metapher für Angst gedacht) mit Archivbildern überblendet, die den jeweils dargestellten Bereich der Angst veranschaulichen (Abb. 2). Die Soundinstallationen des Künstlers Heinrich-Dieter Hebben vermischen düstere, tiefe Töne mit themenspezifischen Klängen wie zum Beispiel Angela Merkels berühmt gewordenem Satz „Wir schaffen das!“. Schade ist, dass die Auswahl dieser Bilder und Klänge nirgendwo erklärt wird. Die körperlich-sinnliche Einstimmung in das Thema funktioniert jedoch gut.


Abb. 2: Blick in das Ausstellungskapitel zum Waldsterben und zum Reaktorunglück in Tschernobyl; in der Mitte oben die Videoinstallation
(Foto / Copyright: Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland)

In einer kurzen Einleitung wird vor allem individuelle Angst angesprochen. Über kollektive Ängste erfahren die BesucherInnen lediglich, dass sie „eine Gesellschaft [betreffen]“ und „Ängste [umfassen], die wir nicht allein überwinden können“. Eine theoretische Erklärung, was kollektive Ängste sind, wie sie entstehen und sich ausdrücken, findet sich leider auch in den anderen Segmenten nicht. Weitestgehend offen bleibt zudem die Frage der Ausstellung, ob Angst eine spezifisch deutsche Gefühlslage sei. Zwar wird angesprochen, dass der amerikanische Begriff „German Angst“[1] im Kontext der Reaktionen auf den NATO-Doppelbeschluss Anfang der 1980er-Jahre entstand und dass sich die Franzosen über die deutsche Angst vor „le Waldsterben“ lustig gemacht hätten. Was genau jetzt aber besonders „deutsch“ an diesen Ängsten sein mag, wird nicht erläutert. Denn natürlich haben auch andere Gesellschaften, andere Nationen Angst vor Zuwanderung, Atomwaffen, Umweltzerstörung und Überwachung. Reagieren sie anders darauf? Könnte es sein, dass die Deutschen ein besonderes Augenmerk auf Wälder gelegt haben, weil der Wald spätestens seit der Romantik ein deutscher Erinnerungsort ist? Solche Verweise in die Vergangenheit und Vergleiche wären als Erklärungsangebote hilfreich gewesen.[2] Vor allem die Erinnerung an die NS-Zeit und den Zweiten Weltkrieg erscheint als der sprichwörtliche weiße Elefant im Raum.

Frank Biess beobachtet in seinem kürzlich erschienenen, bereits stark rezipierten Buch „Republik der Angst“, dass sich in Deutschland kollektive Ängste an einer „stets präsenten, sich permanent verändernden und dynamischen Erinnerung an eine katastrophale Vergangenheit, die eine angstvolle und zuweilen apokalyptische Zukunftsantizipation nach sich zog“, festmachen lassen.[3] Falls es eine spezifisch deutsche Angst geben sollte, so erscheint es zumindest wahrscheinlich, dass diese Besonderheit auf Erfahrungen von Diktatur, Krieg und Holocaust fußt – sei es, weil vielfach dafür gestritten wurde, dass Krieg und Genozid in Deutschland „nie wieder“ passieren dürfen (wie im Fall des Protests gegen die Wiederbewaffnung); sei es, weil einige Gruppen in Debatten mit Bezug auf die NS-Erinnerung das Gefühl haben, ihre – tatsächlich nie in Frage gestellte – Meinungsfreiheit einklagen zu müssen (wie im Fall der Angst vor Immigration); sei es, weil die Angst vor Überwachung auch immer die Angst vor einem (zu) starken Staat ist. Wenigstens in einem Schlussfazit hätten solche Zusammenhänge angesprochen werden können. Für eine Reflexion über spezifisch deutsche Angst kommt erschwerend hinzu, dass die Ausstellung den Fokus auf Westdeutschland legt. Zwar werden bei jedem Thema immer wieder ostdeutsche Reaktionen einbezogen. Letzteren wird im Vergleich zu den westdeutschen Befindlichkeiten aber wenig Platz eingeräumt. Gegenstandsbereiche, die in der DDR eventuell besondere Ängste hervorriefen, wurden leider nicht gewählt.

Die einzelnen Themen werden mit Hilfe von Objekten, zeitgenössischen Kunstaktionen, Medienbeispielen, Statistiken und gelegentlich Zeitzeugenvideos dargestellt. Die „Flüchtlingskrise“, so der Titel des ersten Ausstellungskapitels (ohne Anführungszeichen!), soll als Einstieg dienen, der die BesucherInnen quasi in der Gegenwart abholt. Dies erscheint zunächst einmal logisch, erhielt doch kaum ein Thema in den letzten Jahren mehr mediale Aufmerksamkeit als die Ankunft von geflüchteten Menschen, verbunden mit teils diffusen Ängsten der Einheimischen. Die AusstellungsmacherInnen tun sehr viel, um die Irrationalität solcher Ängste herauszuarbeiten und zu zeigen, wie sie medial befeuert wurden. Titelbilder von „stern“, „Spiegel“ und „Focus“ veranschaulichen, wie die Stimmung von einer sogenannten „Willkommenskultur“ im September 2015 hin zu einem Gefühl von „Kontrollverlust“ („Spiegel“) kippte. An Medienstationen werden Statistiken relativiert, die zeigen, dass geflüchtete Männer aus den sogenannten „Maghrebstaaten“ überproportional oft an Gewalttaten beteiligt sind: Junge Männer, die Gewalt erfahren haben, neigen häufiger dazu, selbst Gewalttaten zu begehen – und von dieser Gruppe gibt es unter den MigrantInnen aus dem Maghreb eben besonders viele. Xenophobe Plakate der AfD sind eher klein ausgestellt, und Plakate von fremdenfeindlichen Demonstrationen wurden so hoch gehängt, dass die BesucherInnen sie erst auf den zweiten Blick sehen. Ein Vergleich mit den 1990er-Jahren zeigt, dass damals ähnliche Strukturen der Resonanz auf Immigration zu beobachten waren.

Und doch stellt sich die Frage, ob die AusstellungsmacherInnen durch den gewählten Fokus nicht genau die Ängste reproduzieren, die sie eigentlich dekonstruieren wollen. Etwa in der Mitte dieses Ausstellungskapitels findet sich eine Grafik von 2017, die die Sorgen der Deutschen in Bezug auf geflüchtete Menschen laut einer Erhebung des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Evangelischen Kirche veranschaulicht. Demzufolge haben die Menschen in Deutschland am meisten Angst davor, dass der Rechtsextremismus wächst – nämlich 83 Prozent der Befragten. Kaum geringer ist die Angst davor, dass bezahlbare Wohnungen knapper werden – 79 Prozent. Davor, dass die Zahl der extremistischen Muslime steigt, haben 71 Prozent der Befragten Angst; davor, dass die muslimische Kultur den Alltag dominiert, noch knapp 36 Prozent. Das sind zwar viele Menschen, aber dann doch wenige im Vergleich zu den 83 Prozent der Befragten, die Angst vor Rechtsextremismus haben. Trotzdem geht das Ausstellungskapitel von genau diesen 36 Prozent aus. Mit dem Schlagwort „Flüchtlingskrise“ – das mit der „Asylkrise“ in den 1990er-Jahren verglichen wird – findet sich ein Vokabular, das die Ankunft von Geflüchteten als massives Problem darstellt und diesen Menschen die Verantwortung zuweist. Hätte man stattdessen nicht, wie in der Präsentation der Ausstellung im hauseigenen „museums magazin“, den neutraleren Begriff „Angst vor Zuwanderung“ benutzen können?[4]


Abb. 3: Blick in die Ausstellung; vorn rechts der Aufbau eines Motivwagens vom Düsseldorfer Rosenmontagszug 2016 mit Angela Merkel in der „Flüchtlingswelle“, weiter hinten die als „Migrantenschreck MS 60“ verkaufte Pistole
(Foto / Copyright: Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland)

Auch eine andere Anordnung der Exponate hätte geholfen, den Fokus zu verschieben. Die ersten Objekte, die die BesucherInnen sehen, sind ein Motivwagen des Künstlers Jacques Tilly für den Düsseldorfer Karneval, der Angela Merkel in der „Flüchtlingswelle“ darstellt (Abb. 3), sowie eine als „Migrantenschreck MS 60“ verkaufte Pistole. Solche Objekte hätte man weniger prominent platzieren können, dafür aber zum Beispiel dem Trikot mit der Aufschrift „Welcome United“ des SV Babelsberg 03 mehr Platz einräumen können (Abb. 4). Ein anderes Vokabular und eine andere Anordnung hätten es also erlaubt, den weniger erwartbaren Weg zu wählen und die Angst der 83 Prozent stärker zu thematisieren. Ein solcher Fokus hätte es zudem ermöglicht, das spezifisch Deutsche am Umgang mit einem Thema wie Migration herauszustellen, nämlich die – wohl berechtigtere – Angst vor einem Wiedererstarken rechter Strukturen.


Abb. 4: Trikot mit der Aufschrift „Welcome United“. Der SV Babelsberg 03 baute schon ab 2014 als Integrationsprojekt eine eigene Fußballmannschaft aus Geflüchteten auf.
(Foto: Steffi de Jong)

Der Fokus auf die Angst vor geflüchteten Menschen als Einstieg unterstreicht die Bedeutung der Medien für die vom Haus der Geschichte gewählte Auswahl kollektiver Ängste. Bei den meisten dargestellten Themen lässt sich eine gewisse Struktur ausmachen: Einige politisch aktive Menschen verkünden lautstark ihren Unmut im Hinblick auf ein bestimmtes Thema, die Medien greifen dies auf, was dazu führt, dass noch mehr Menschen sich engagieren, das Thema weitere mediale Aufmerksamkeit erlangt und eine öffentliche Debatte stattfindet, bis das Thema irgendwann wieder aus den Medien verschwindet und die Angst abflaut (wie im Fall des Waldsterbens) oder, nun ohne großen Widerspruch, genau die Maßnahmen umgesetzt werden, die die Angst hervorgerufen haben (wie im Fall des NATO-Doppelbeschlusses ab 1983 oder der Volkszählung 1987). Dass die Medien einen großen Einfluss auf die Generierung und den Verlauf von kollektiven Ängsten haben, hebt das Haus der Geschichte schon durch die Vielzahl der ausgestellten Zeitschriftencover, Zeitungsartikel und Nachrichtensendungen hervor. Dies wirft allerdings die Frage auf, wie es mit Ängsten steht, die medial nicht so präsent sind und trotzdem sehr viele Menschen beschäftigen. Am Anfang zeigt die Ausstellung beispielsweise eine Statistik der R+V-Versicherung, laut der die Deutschen zwischen 1999 und 2011 als eine ihrer größten Ängste immer wieder steigende Lebenshaltungskosten angegeben haben. Solche Ängste sind schwerer greifbar und ziehen sich über längere Zeiträume hin. Sie wurden vermutlich auch deshalb nicht für die Ausstellung gewählt, weil auf einen kurzen Zeitraum beschränkte aussagekräftige Exponate dazu schwierig zu finden sind. Dennoch stellt sich die Frage, welchen Status Ängste haben, die Gesellschaften unterschwellig über längere Zeiträume beschäftigen, sich aber nicht an einzelnen markanten Ereignissen entzünden.


Abb. 5: Das Waldsterben als Streitthema in der DDR der 1980er-Jahre – Aschereste nach dem Einschreiten der Staatssicherheit gegen eine Kunstaktion
(Foto: Steffi de Jong)

Besonders spannend sind die Fotostrecken und Kunstwerke, die im Rahmen unterschiedlicher Aktionen entstanden sind. Im Kapitel zum Waldsterben wird ein Glas mit Asche ausgestellt (Abb. 5) – es ist das Überbleibsel einer Arbeit des Dresdner Künstlers Eberhard Göschel, der 1985 dreißig tote Bäume symbolisch grün anmalte. Das Ministerium für Staatsicherheit ließ die Bäume abbrennen und schickte Göschel eine Rechnung. Als Beleg für die Angst vor möglichen Folgen des NATO-Doppelbeschlusses ist eines der Kreuze ausgestellt, die die Protestaktion „Holzkreuze“ der Friedensbewegung ab 1983 symbolisch für 96 Cruise Missiles im Hunsrück aufgestellt hat. Die Projekte der Fotografin Bettina Flitner von 2015, 2016 und aus den 1990er-Jahren, die die Haltung der deutschen Bevölkerung zur Migration thematisieren, zeigen große Ähnlichkeiten im Umgang mit geflüchteten Menschen in beiden Dekaden. Solche Beispiele verdeutlichen die Verflechtungen unterschiedlicher Akteursgruppen in der Generierung, Repräsentation und Verarbeitung von kollektiven Ängsten.

Die Ausstellung im Haus der Geschichte ist klein – wohl zu klein für ein derart komplexes Thema. Trotz oder gerade wegen der erwähnten Probleme bietet sie aber einen guten Einstieg in die Reflexion darüber, was kollektive Ängste sein können und wie sie Gesellschaften prägen. Wie sehr sich Ängste immer wieder neu formieren, zeigt am Ende der Ausstellung eine Befragung unter den BesucherInnen. Diese sollen angeben, wovor wir im Jahr 2030 am meisten Angst haben werden. Wohl im Fahrtwind der „Fridays for Future“-Demonstrationen und der aktuellen medialen Präsenz Greta Thunbergs wählte zumindest an den Tagen, an denen ich in der Ausstellung war, eine überwältigende Mehrheit den Klimawandel. Würde das Haus der Geschichte die Ausstellung „Angst. Eine deutsche Gefühlslage?“ in diesem Moment konzipieren, würde vermutlich bereits ein anderer Einstieg gewählt werden.

Anmerkungen:
[1] Als Skizze weiterhin lesenswert: Axel Schildt, „German Angst“: Überlegungen zur Mentalitätsgeschichte der Bundesrepublik, in: Daniela Münkel / Jutta Schwarzkopf (Hrsg.), Geschichte als Experiment. Studien zu Politik, Kultur und Alltag im 19. und 20. Jahrhundert. Festschrift für Adelheid von Saldern, Frankfurt am Main 2004, S. 87-97.
[2] Vgl. Katrin Jordan, Ausgestrahlt. Die mediale Debatte um „Tschernobyl“ in der Bundesrepublik und in Frankreich 1986/87, Göttingen 2018.
[3] Frank Biess, Republik der Angst. Eine andere Geschichte der Bundesrepublik, Reinbek bei Hamburg 2019, S. 13.
[4] Judith Kruse, Neue Ausstellung im Haus der Geschichte in Bonn. Angst. Eine deutsche Gefühlslage?, in: museums magazin 3/2018, S. 6-11, hier S. 8, https://www.hdg.de/fileadmin/bilder/12-Museumsmagazin/Museumsmagazin_3-2018.pdf (18.04.2019).

Citation
Steffi de Jong: Rezension zu: Angst. Eine deutsche Gefühlslage?, 10.10.2018 – 19.05.2019 Bonn, in: H-Soz-Kult, 04.05.2019, <www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-326>.