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Ort
Hamburg
Veranstalter
Museum der Arbeit
Datum
07.11.2018 - 19.05.2019
Publikation
Müller, Rita; Bäumer, Mario (Hrsg.): Out of Office. Wenn Roboter und KI für uns arbeiten. Hamburg : Verlag der Stiftung Historische Museen Hamburg  2018 ISBN 978-3-947178-05-6, 201 S., 80 Abb. € 19,90.
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Nicolas Lange / Ludwig Bauer, Deutsches Museum

Roboter und Künstliche Intelligenz (KI) bekommen eine immer größere Bedeutung in unserer Gesellschaft. Das wird nicht nur durch eine verstärkte mediale, sondern auch durch eine zunehmende museale Bearbeitung der Thematik deutlich.[1] Roboter und KI erobern jedoch nicht nur unsere private Lebenswelt, etwa in Form von Staubsaugrobotern, Spracherkennung in Smartphones oder Suchmaschinen, sondern auch die Arbeitswelt. Dies scheint zunächst kein neues Thema zu sein, schließlich werden seit den 1960er-Jahren vermehrt Roboter im Bereich der industriellen Fertigung eingesetzt. Jedoch setzt der aktuelle Diskurs neue Akzente: Drangen Roboter zunächst in das Arbeitsfeld einer überschaubaren Berufsgruppe ein, sind heute auch Arbeitsinhalte von ihrem Einsatz betroffen, bei denen man lange Zeit glaubte, sie könnten nicht von einer Maschine übernommen werden – so etwa der Journalismus.[2] Die Omnipräsenz der KI und Robotik stellt folglich nicht nur einzelne Berufsgruppen, sondern das Gesamtkonzept von Arbeit vor große Herausforderungen. Die Frage, wie sich unsere Arbeitswelt wandeln wird, ist dabei für uns alle von Relevanz.

Einen Blick in die Glaskugel werfen das Museum für Arbeit in Hamburg und das Bucerius Lab der ZEIT-Stiftung in der am 7. November 2018 eröffneten Sonderausstellung „Out of Office. Wenn Roboter und KI für uns arbeiten“. Die Ausstellung verfolgt das Ziel, „die Dimension der Veränderung zu erkunden und eine Orientierung in der Diskussion zu geben“.[3] Dabei will das Team um Mario Bäumer nicht nur beleuchten, wohin uns diese Entwicklung führen könnte. Vielmehr wird auch gezeigt, wie wir auf diese Veränderung Einfluss nehmen können.

Im Eingangsbereich finden die BesucherInnen Darstellungen des klassischen Arbeiterbildes aus dem 20. Jahrhundert vor. So werden beispielsweise Arbeiter in einem Eisenwalzwerk oder Waschfrauen bei ihrer Tätigkeit gezeigt. Dieser der eigentlichen Ausstellung als Prélude vorangestellte Raum wirft demnach einen Blick in die Vergangenheit. Die Atmosphäre wirkt düster und beklemmend. Im Kontrast dazu steht der Rest der Ausstellung in einer hellen, offenen und futuristisch gestalteten Halle. Diese Gegenüberstellung kann bei den BesucherInnen falsche Assoziationen wecken: von einer dunklen Vergangenheit hin zu einer glorreichen Zukunft.

Die Ausstellung ist in einem einzigen, großen Raum untergebracht. Gestalterisch durchzieht diesen ein aus weißer Stretchfolie bestehendes neuronales Netz, welches zugleich die einzelnen Themeninseln verbindet. Im ersten Teil der Ausstellung steht vor allem die Vermittlung der Inhalte im Vordergrund, während im zweiten Teil die BesucherInnen aktiv eingebunden und zur Diskussion angeregt werden.


Abb. 1: Blick in die Ausstellungshalle.
Foto: Stiftung Historische Museen Hamburg

Die Ausstellung beginnt mit einer allgemeinen und grundlegenden Einführung in die Themen Robotik, KI und Arbeit 4.0. Daran schließt sich der Themenbereich über den „Öffentlicher Diskurs“ an: Die öffentliche Meinung zu Robotern wird hier vor allem anhand verschiedener Zitate aus Literatur, Filmen und Magazinen beziehungsweise Zeitungen vorgestellt. Anschließend gestaltet sich die Wegeführung der Ausstellung sehr offen. Die einzelnen Themeninseln – „Science Fiction“, „Berufe“, „Interviews“ und „Intelligenz“ – können von den BesucherInnen nahezu in beliebiger Reihenfolge durchlaufen werden. Im Bereich „Science Fiction“ werden verschiedene Zukunftsvisionen der Arbeitswelt anhand von Filmen präsentiert. Der Themenbereich „Berufe“ besteht aus Videostationen, in denen eine Schauspielerin in die Rolle verschiedener Berufe schlüpft. Hierbei wägt sie jeweils positive und negative Auswirkungen einer durch Digitalisierung, Robotik und KI veränderten Arbeitswelt ab. Im Bereich „Interviews“ werden im Rahmen des am 13. und 14. April 2018 vom Bucerius Lab durchgeführten Symposiums „Schafft der Mensch den Menschen ab?“ geführte Gespräche präsentiert. Darin äußern sich Experten aus verschiedenen Disziplinen zu Chancen und Risiken gegenwärtiger Entwicklungen. Der Ausstellungsbereich „Intelligenz“ geht der Frage nach, was unter einer solchen zu verstehen ist und ob man folglich überhaupt von KI sprechen kann.

An den informativen Teil der Ausstellung schließt das partizipative Forum an, was sich durch einen anderen Bodenbelag auch optisch abhebt. Dort können die BesucherInnen an drei Stationen nun selbst aktiv werden. Im sogenannten „Idee-o-Meter“ werden die BesucherInnen aufgefordert, ihre Zustimmung oder Ablehnung zu 16 möglichen Entwicklungen zur Arbeitswelt der Zukunft kundzutun: Etwa zur Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens oder zu einer Robotersteuer. Auf einem Bildschirm werden die gesammelten Umfragedaten präsentiert. An der zweiten partizipativen Station, „Stellenangebote 2050“, können die BesucherInnen selbst Vermutungen anstellen, welche neuen Jobs im Jahr 2050 existieren könnten. Die Ideen werden auf Zetteln notiert und für nachfolgende BesucherInnen sichtbar aufgehängt. Die dritte partizipative Station schließlich ist eine Diskussionswand. Die BesucherInnen können hier zu den vier Kategorien „Idee“, „Zustimmung“, „Bedenken“ und „Herausforderung“ ihre Meinung abgeben. Positiv hervorzuheben ist der Austausch, der durch dieses Format unter den BesucherInnen entsteht. So werden nicht einfach nur Zettel mit der eigenen Meinung angebracht, sondern auch bereits vorhandene Aussagen kommentiert. Die Inhalte werden regelmäßig auf Twitter unter #oooyeahmuseum eingespeist, um so eine breite Öffentlichkeit miteinzubeziehen.

Den Abschluss der Ausstellung bildet der Themenbereich „Das genuin Menschliche“. Hier wird der Frage nachgegangen, ob Maschinen in der Lage sein können, Fähigkeiten zu entwickeln, die bislang ausschließlich dem Menschen zugeschrieben wurden – zum Beispiel Kreativität.


Abb. 2: Der humanoide Roboter Nao präsentiert einen Zettel der Station "Stellenangebote 2050".
Foto: Stiftung Historische Museen Hamburg

Im Rahmen der Ausstellungseröffnung gab es am 10. November 2018 ein großes Festival mit insgesamt 20 Programmpunkten, darunter Workshops, Spiele und Führungen. Außerdem begleitet ein umfangreiches Rahmenprogramm mit Vorträgen, Diskussionen und Filmabenden die Ausstellung über ihre gesamte Laufzeit. Darüber hinaus wird ein Spiel für das Smartphone angeboten: Dabei lässt sich ermitteln, welcher Zukunftstyp man ist.[4] Wer die Thematik zu Hause vertiefen will, kann auf die Begleitpublikation zur Ausstellung zurückgreifen. Diese wartet mit insgesamt 52 Beiträgen und Interviews von und mit Experten aus den verschiedensten Fachrichtungen auf.

Die Herausforderung, gegenwärtige und zukünftige Entwicklungen samt der schwer greif- wie darstellbaren Themen KI und Digitalisierung auszustellen, ist dem Team um Mario Bäumer sowie dem Gestaltungsbüro gewerkdesign insgesamt gut gelungen. Hierfür griffen sie hauptsächlich auf Medienstationen zurück, in denen Film- und Videomaterial ebenso wie Interviews gezeigt werden. Klassische Exponate werden hauptsächlich im Einführungsbereich präsentiert. Allerdings gestaltet sich die Wegeführung durch die Ausstellung nicht eindeutig: Betritt man die Ausstellungshalle, befindet sich eine Insel mit Exponaten, wie zum Beispiel den humanoiden Roboter Nao, unmittelbar vor einem. Dieser wird auch vorgeführt und wirkt deshalb als Besuchermagnet. Dadurch werden die BesucherInnen vom eigentlich vorgesehenen Weg abgelenkt.

Gut gelingt es dem kuratorischen Team im ersten Teil der Ausstellung verschiedene Perspektiven aufzuzeigen, ohne dabei zu glorifizieren oder zu dämonisieren. Vielmehr werden den BesucherInnen Informationen an die Hand gegeben, auf deren Grundlage im sich anschließenden partizipatorischen Forum ein Austausch stattfinden kann. Das selbst gesteckte Ziel, „die Dimension der Veränderung zu erkunden und eine Orientierung in der Diskussion zu geben“[5], wird somit erreicht. Der partizipatorische Teil der Ausstellung ist sehr gelungen. Dieser stellt das Herzstück der Ausstellung dar und lädt die BesucherInnen zum Mitmachen und Nachdenken ein. Ob die Zukunft der Arbeitswelt allerdings wirklich so demokratisch verhandelt wird, wie hier suggeriert, bleibt abzuwarten. Dennoch ist es sinnvoll und notwendig, sich in einer rasch wandelnden Welt intensive Gedanken über die Zukunft und das künftige Arbeitsleben zu machen. Gerade dazu ermutigt diese Ausstellung.

Anmerkungen:
[1] So hat zum Beispiel das Heinz Nixdorf MuseumsForum in Paderborn erst kürzlich einen neuen Bereich seiner Dauerausstellung zum Thema „Mensch, Roboter! Leben mit Künstlicher Intelligenz und Robotik“ eröffnet, siehe: https://www.hnf.de/veranstaltungen/mensch-roboter.html (14.01.2019). Weitere Ausstellungen über Robotik: „Die Roboter kommen. Mensch, Maschine, Kommunikation” im Museum für Kommunikation in Berlin (2007), „Roboter. Von Motion zu Emotion?” im Museum für Gestaltung in Zürich (2009), „Et l’Homme . . . Créa le Robot” im Musée des Arts et Métiers in Paris (2013), „Roboter. Maschine und Mensch?” im Technischen Museum in Wien (2013), „Mensch, Maschine, Roboter” in der DASA – Arbeitswelt Ausstellung in Dortmund (2015) sowie im Parque de las Ciencias in Granada (2017).
[2]https://www.sueddeutsche.de/kultur/kuenstliche-intelligenz-robo-journalismus-1.3921660 (14.01.2019).
[3] Vgl. die Website zur Ausstellung: https://shmh.de/de/ausstellungen/out-of-office (14.01.2019).
[4]http://zukunftstyp.museum-der-arbeit.de/ (14.01.2019). Das Spiel lässt sich auch außerhalb des Museums spielen.
[5]https://shmh.de/de/ausstellungen/out-of-office (14.01.2019).

Zitation
Nicolas Lange / Ludwig Bauer: Rezension zu: Out of office, 07.11.2018 – 19.05.2019 Hamburg, in: H-Soz-Kult, 02.02.2019, <www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-333>.
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Veröffentlicht am
02.02.2019
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