Die Neue Heimat [1950–1982]. Eine sozialdemokrat. Utopie und ihre Bauten

Cover
Ort
Hamburg
Veranstalter
Museum für Hamburgische Geschichte
Datum
27.06.2019 - 06.10.2019
Publikation
Lepik, Andreas; Strobl, Hilde (Hrsg.): Die Neue Heimat [1950–1982]. Eine sozialdemokratische Utopie und ihre Bauten. München : Edition DETAIL  2019. ISBN 978-3-95553-476-9 236 S., 235 Abb. € 29,90. Url: https://shmh.de/de/die-neue-heimat
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Swenja Hoschek, Institut für Geschichte, Technische Universität Darmstadt

Heute ist die Neue Heimat, der ehemals größte nichtstaatliche Wohnungsbaukonzern Europas, jungen Menschen kaum noch ein Begriff. Andere assoziieren mit der Neuen Heimat wohl vor allem den Veruntreuungsskandal von 1982 und die umstrittenen Großsiedlungen an den Rändern vieler Städte, die fast nur diejenigen aufsuchen, die dort wohnen oder arbeiten. Doch gerade in Zeiten des Wohnungsmangels, des Protests gegen steigende Mieten, des Bemühens von Städten um mehr Wohnraum und der zunehmenden Diskussion um öffentlich geförderten Wohnungsbau stoßen Themen wie Gemeinnützigkeit und staatliche Wohnungsbauförderung wieder auf Interesse. In diesem Kontext ist auch die Ausstellung „Die Neue Heimat [1950–1982]. Eine sozialdemokratische Utopie und ihre Bauten“ zu sehen, die noch bis zum 6. Oktober 2019 im Museum für Hamburgische Geschichte gezeigt wird und vorher bereits vom Architekturmuseum der Technischen Universität München (TUM) in der Pinakothek der Moderne präsentiert wurde.[1] Ziel der AusstellungsmacherInnen ist es, die „laufende Debatte um Wohnungsnotstand in Deutschland mit einigen Argumenten aus der Geschichte anzureichern“ (Vorwort von Andres Lepik zum Begleitband, S. 7). Schon der Untertitel der Ausstellung deutet an, dass es zwar auch, aber nicht allein um die prägenden Gebäude geht. Ebenso werden stadtplanerische Grundsätze und soziale Ideen erläutert, die mit diesen Projekten verbunden waren. Die Ausstellung, die von der Architekturhistorikerin Hilde Strobl kuratiert wurde, verbindet geschickt die Unternehmensgeschichte der Neuen Heimat mit der Architektur- und Gesellschaftsgeschichte der Bundesrepublik. Der vom Hamburgischen Architekturarchiv und dem Archiv des Architekturmuseums der TUM in Zusammenarbeit mit dem Museum für Hamburgische Geschichte entwickelten Ausstellung gelingt es, einen erweiterten Blick auf die Neue Heimat zu vermitteln. Der Bezug der Ausstellung zu Hamburg ist auch dadurch gegeben, dass sich dort die Zentrale des Konzerns befand und zudem einige seiner prägenden Bauten in der Hansestadt entstanden.

Die Gründungsidee der späteren Neuen Heimat geht auf gewerkschaftliche, gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaften der Weimarer Republik zurück. Durch die Enteignung der Gewerkschaften 1933 gelangte deren Vermögen zur Deutschen Arbeitsfront (DAF). Die 1926 gegründete „Gemeinnützige Kleinwohnungsbaugesellschaft Groß-Hamburg“ wurde 1939 durch die DAF in „Neue Heimat, gemeinnützige Wohnungs- und Siedlungsbaugesellschaft der deutschen Arbeitsfront im Gau Hamburg, G.m.b.H.“ umbenannt. Nach dem Zweiten Weltkrieg vergab die britische Besatzungsmacht den beschlagnahmten Immobilienbesitz der Neuen Heimat an den Deutschen Gewerkschaftsbund. Das in Neue Heimat Hamburg umbenannte Unternehmen expandierte dann bundesweit. Als Folge der großen Wohnungsnot nach dem Zweiten Weltkrieg war Wohnungsbau bis in die 1960er-Jahre ein politisch essentielles Ziel. In dieser Zeit realisierte die gemeinnützige Neue Heimat fast eine halbe Million Wohnungen. Viele davon stehen noch heute, werden weiterhin genutzt und bewohnt. Doch wäre es zu kurz gegriffen, den Konzern auf den Wohnungsbau zu reduzieren. Wie vielfältig die Bauten der Neuen Heimat waren (unter dem Motto „Wir machen alles“), welche Geschäftszweige sie bediente und welche Utopien in der Planung steckten, zeigt die Ausstellung.[2]

In der Eingangssituation, die mehr Durchgang als Verweilraum ist, wird den BesucherInnen neben einem sehr kurzen Trailer[3] zur Einstimmung auch eine Chronologie der Geschichte der Neuen Heimat präsentiert. Danach folgt die Ausstellung in einem großen Raum einem offenen Konzept, das keinen bestimmten Weg vorgibt, sondern durch Themen und Projekte an verschiedenen Stationen strukturiert ist. Dieses Konzept funktioniert gut und wird durch die Ausstellungsarchitektur unterstützt (STUDIO RAMOS, Berlin). Die aus Fertigteilen bestehenden Elemente sind funktional, scheinen immer neu zusammenstellbar zu sein und erinnern so an die Fertigbauweise der 1970er-Jahre. Die modulare Konstruktion der Wohnungen sowie die baustellennahe, industrielle Produktionsweise faszinieren auch heute noch.


Abb. 1: Die Anordnung und Präsentation der Objekte betont zum einen die Unternehmensstruktur der Neuen Heimat, zum anderen den Anspruch moderner Architektur, schlicht und zweckdienlich zu sein.
(Foto: Swenja Hoschek)

In der Ausstellung wird deutlich, wie verzweigt die Geschäftsfelder der Neuen Heimat waren und zu welcher Größe das Unternehmen bis zu seiner Abwicklung im Jahr 1986 angewachsen war. Bezeichnend ist schon der verschachtelte Konzernaufbau, der mit einer Wandgrafik dargestellt wird. Die Projekte und vor allem die verschiedenen Orte, an denen die Neue Heimat international tätig war (in Westeuropa, aber auch in Amerika, Afrika und dem Nahen Osten), werden durch eine große Weltkarte vor Augen geführt. Hier werden außerdem die Bedeutung und der Einfluss dieses Konzerns anschaulich, obgleich die Auslandsaktivität für die Neue Heimat stets ein Zuschussgeschäft war, bei dem keine Gewinne erwirtschaftet wurden. Auf einer Deutschlandkarte können sich BesucherInnen interaktiv die Bauprojekte der Neuen Heimat anzeigen lassen. So kann recherchiert werden, welche Projekte beispielsweise in der eigenen Stadt von der Neuen Heimat realisiert wurden.

Auch dem wenig rühmlichen Ende der Neuen Heimat widmet sich ein Themenbereich: Der vom „Spiegel“ 1982 aufgedeckte Veruntreuungsskandal[4] und das Abwenden der Gewerkschaft von ihrem eigenen Unternehmen werden mithilfe zeitgenössischer Medien nachvollzogen, neben der Presse auch anhand von Fernsehausschnitten. Zu Beginn der 1980er-Jahre war der Konzern bereits wirtschaftlich angegriffen. Ab 1986 wurde er abgewickelt. Das skandalträchtige Ende der Neuen Heimat beschädigte die Idee der Gemeinwirtschaft langfristig.

Die Rolle der Medien für die Neue Heimat wird in der Ausstellung nicht nur im Zusammenhang mit dem Skandal von 1982 betrachtet, sondern auch im Hinblick auf die Werbe-Bemühungen und die Öffentlichkeitsarbeit des Unternehmens. Die Bedeutung der Neuen Heimat in der Architektur und ihre Zeitschrift „Neue Heimat Monatshefte“ werden vorgestellt. Das Hochglanzmagazin sollte dem Konzern eine Stimme in der Politik, Architektur und Forschung verleihen.[5] Ein weiteres zentrales Element der Ausstellung, das beim Betreten auffällt, ist die Projektion von Werbefilmen der Neuen Heimat. Sie sind sprechende Dokumente der damaligen Hoffnungen und Wünsche, die der Konzern erfüllen wollte. In ihrer Repräsentations- und Planungstätigkeit reagierte die Neue Heimat auch auf Kritik an bestimmten Bauten. Bekannt geworden ist neben der Mitarbeit bedeutender Architekten das zeitweilige, letztlich erfolglose Engagement des Sozialpsychologen Alexander Mitscherlich während der Konzeption der Großsiedlung Heidelberg-Emmertsgrund (Planung ab 1967, Bauzeit 1971–1978, 3.200 Wohneinheiten).


Abb. 2: Bereich zu „Medien der Neuen Heimat“
(Foto: Swenja Hoschek)

In der Ausstellung werden 33 Projekte der Neuen Heimat näher vorgestellt. Jede dieser Siedlungen, Sanierungsprojekte und Gebäude ist mit Fotos und Plänen bebildert und zum größten Teil auch durch zeitgenössische Filme und imposante Modelle veranschaulicht. Besonders das interaktive Modell von München-Neuperlach, bei dem etwa die Gemeinschaftseinrichtungen oder die unterschiedlichen Verkehrsanbindungen beleuchtet werden können, verdeutlicht die Dimensionen der Großsiedlungsprojekte. Zudem wird ersichtlich, dass zu einer Siedlung weit mehr gehört als das Wohnen. Die Ausstellung erläutert die Bemühungen der Planer, alle Lebensbereiche mitzudenken, wobei auch gezeigt wird, dass nicht alles nach Plan zu realisieren war. Die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung nahm mitunter andere Wendungen als zu Beginn der langwierigen Prozesse erwartet.


Abb. 3: Modell von München-Neuperlach (Planung ab 1961, Bauzeit 1967–1992, 24.600 Wohneinheiten) – zu Beginn der 1960er-Jahre das größte geplante Siedlungsprojekt Europas
(Foto: Swenja Hoschek)

Spannend und sehr abwechslungsreich sind die Zeitzeugeninterviews, in denen ehemalige Angestellte der Neuen Heimat, Stadtplaner und ArchitektInnen zu Wort kommen. Sie reflektieren beispielsweise die Rolle der Neuen Heimat sowie deren Verhältnis zur Gewerkschaft und zur Architektur. Aber auch die zahlreichen Leitbilder, die hinter den Plänen der Großsiedlungen steckten, werden von den ArchitektInnen erläutert. Hier zeigen sich wiederum die Schwierigkeiten, die sich aus den laufenden Veränderungen während der Realisierung ergaben. Interessant ist auch der reflektierende Blick des Architekten und Stadtplaners Thomas Sieverts, der seine eigene Beteiligung sowie seinen damaligen Anspruch an die Projekte und deren Umsetzung selbstkritisch schildert. Besonders schön wäre es, wenn die BesucherInnen die Möglichkeit hätten, eigenständig die Videos auszuwählen, anstatt je nach Station einige hintereinander in Dauerschleife abgespielt zu bekommen.

Neben den Großsiedlungen werden auch andere herausragende Gebäudekomplexe gezeigt, bei denen die maßgebliche Rolle der Neuen Heimat heute nicht mehr allgemein bekannt sein dürfte: beispielsweise das Universitätsklinikum Aachen (erbaut 1971–1985), das Internationale Congress Centrum Berlin (1973–1979) oder, ebenfalls mit einem faszinierenden Modell, das Hamburger Alsterzentrum. Die Pläne dafür wurden 1966 in Hamburg präsentiert. Das Bauwerk, das mit 19 Hektar auf den Gebieten von St. Georg bis zur Außenalster konzipiert war, sollte bis zu 63 Stockwerke hoch aufragen und mit seinen fünf terrassierten Türmen der Stadt ein neues Gesicht verleihen. In diesen Plänen wird der unbeirrte Fortschrittsglaube der Stadtplaner sichtbar. Letztlich scheiterte das Projekt aber am schwierigen Grundstückserwerb und am Widerstand der lokalen Bevölkerung; es wurde 1971 ad acta gelegt.


Abb. 4: Das Modell des nie realisierten Alsterzentrums verdeutlicht die Größe des geplanten Gebäudekomplexes, der den Hamburger Michel weit überragt hätte. Vorhandene historische Bausubstanz hätte dafür großflächig abgeräumt werden müssen.
(Foto: Swenja Hoschek)

Wie umstritten die Bauten der 1960er-Jahre bis in die Gegenwart sind, wird vor allem in einem kleinen „Kino“ thematisiert, in dem zu aktuellen Bildern der FotografInnen Ulrike Myrzik und Manfred Jarisch von einer Sprecherin vertonte, heutige Eindrücke aus den Siedlungen wiedergegeben werden. Diese verdeutlichen, wie widersprüchlich die Wahrnehmung des Wohnumfeldes ist: Hörbar werden der Trotz der BewohnerInnen, ihre Verärgerung über das Außenimage, aber auch ihre Kritik an der Bauweise der Siedlungen sowie ihr Wunsch, wegzuziehen oder wohnen zu bleiben.

Der zur Ausstellung erschienene, reich illustrierte Begleitband gibt einen guten Überblick aller in der Ausstellung gezeigten Bauprojekte. Die Aufsätze umfassen neben einer Einführung von Hilde Strobl zur Geschichte der Neuen Heimat auch kurze Einblicke in die verschiedenen Themen und Bauaufgaben – von Spielplätzen bis zum Klinikbau. Ergänzt werden diese Texte und Bildstrecken durch Beiträge von Stadtplanern oder Soziologen, die zum Teil auch Mitakteure waren und die Geschichte der Neuen Heimat aus ihrer jeweiligen Perspektive aufschlussreich kommentieren. Wer noch tiefergehendes Interesse am Thema hat, dem sei der ebenfalls im Kontext der Ausstellung veröffentlichte Sammelband von Ulrich Schwarz ans Herz gelegt, der die Geschichte der Neuen Heimat üppig illustriert auf gut 800 Seiten detailreich dokumentiert.[6]

Die Ausstellung ermöglicht es, einen umfassenden Eindruck von der Neuen Heimat und ihren Bauten zu bekommen und sich mit den Planungsideen der 1960er- und 1970er-Jahre auseinanderzusetzen. Durch die großen Modelle sowie die zahlreichen Karten und Fotos werden die Projekte sehr anschaulich. Die Intentionen und Leitideen werden auch in den Zeitzeugeninterviews verdeutlicht, und gerade mit diesen wird ein Bezug zu den aktuellen Debatten über Wohnungsbau hergestellt. Die gelungene Verbindung aus Unternehmens-, Architektur- und Sozialgeschichte rückt die oft als zumindest fragwürdig empfundenen Bauten der Neuen Heimat durch das Wissen um ihre Entstehung und den gesellschaftspolitischen Anspruch in ein differenzierteres, vielleicht etwas freundlicheres, aber keineswegs idealisierendes Licht.

Anmerkungen:
[1] Siehe https://www.architekturmuseum.de/ausstellungen/die-neue-heimat-1950-1986/ (10.08.2019).
[2] Weiterhin zentral ist auch die umfangreiche Monographie von Peter Kramper, Neue Heimat. Unternehmenspolitik und Unternehmensentwicklung im gewerkschaftlichen Wohnungs- und Städtebau 1950–1982, Stuttgart 2008; rezensiert von Tim Schanetzky, in: H-Soz-Kult, 12.08.2009, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-12262 (10.08.2019). Kramper war Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der jetzigen Ausstellung.
[3] Siehe https://www.youtube.com/watch?v=rO4JEUhsd0E (10.08.2019).
[4] Im Februar 1982 war die Neue Heimat Titelthema von zwei direkt aufeinanderfolgenden „Spiegel“-Heften: https://www.spiegel.de/spiegel/print/index-1982-6.html, https://www.spiegel.de/spiegel/print/index-1982-7.html (10.08.2019).
[5] Dazu ausführlich: Michael Mönninger, „Neue Heime als Grundzellen eines gesunden Staates“. Städte- und Wohnungsbau in der Nachkriegsmoderne. Die Konzernschrift „Neue Heimat Monatshefte“ 1954–1981, Berlin 2018.
[6] Ulrich Schwarz (Hrsg.), neue heimat. Das Gesicht der Bundesrepublik. Bauten und Projekte 1947–1985, München 2019.

Zitation
Swenja Hoschek: Rezension zu: Die Neue Heimat [1950–1982]. Eine sozialdemokrat. Utopie und ihre Bauten, 27.06.2019 – 06.10.2019 Hamburg, in: H-Soz-Kult, 24.08.2019, <www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-337>.