Cover
Ort
Frankfurt am Main
Veranstalter
Museum Angewandte Kunst
Datum
19.01.2019 - 14.04.2019
Publikation
: Moderne am Main 1919–1933. Stuttgart : avedition GmbH  2019. ISBN 978-3-89986-303-1 303 S., 350 Abb. € 39,00. Url: https://www.museumangewandtekunst.de/de/besuch/ausstellungen/moderne-am-main.html
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Andreas Hansert, Frankfurt am Main

Das Bauhaus, dessen hundertjähriges Jubiläum derzeit vielfältig begangen wird[1], brachte mit der „klassischen Moderne“ im Bereich von Architektur, Gestaltung, Design etc. eine Zeittendenz besonders prägnant zur Entfaltung, die in Mitteleuropa, vor allem in Deutschland und den Niederlanden, weit über Weimar und Dessau hinaus wirksam war. Andere Städte – Berlin, Stuttgart, Magdeburg und nicht zuletzt Frankfurt am Main – traten mit vergleichbaren Gestaltungen in Erscheinung. In der Mainmetropole kam es unter dem Label „Das Neue Frankfurt“ zu analogen Entwicklungen. Umfassend wird dies noch bis Mitte April 2019 in der Ausstellung „Moderne am Main 1919–1933“ im Museum Angewandte Kunst (MAK) thematisiert. Die Daten markieren sowohl Beginn und Ende der Weimarer Republik als auch die Gründungs- und Schließungsdaten des Bauhauses.


Abb. 1: Entrée der Ausstellung
(Foto: Wolfgang Günzel, © Museum Angewandte Kunst)

In Frankfurt fand der Durchbruch dieser Variante der Moderne allerdings zeitverzögert statt – erst nachdem Fritz Wichert 1923 Direktor der gerade kommunalisierten Kunstgewerbeschule und Ernst May 1925 Baudezernent der Stadt geworden waren. Jene romantisch und esoterisch geprägte Findungsphase am Bauhaus, die stark unter dem Einfluss von Johannes Itten stand, blieb Frankfurt erspart. Wichert und May schlossen fast nahtlos an die Dessauer Phase des Bauhauses an. Ganz aus dem Nichts kam die Moderne aber auch hier nicht: Die Ausstellung bezieht vorgängige Entwicklungen mit ein, etwa die Wiederbelebung der Frankfurter Messe unter neuer Ausrichtung schon bald nach dem Ende des Ersten Weltkriegs oder die Gründung des Südwestdeutschen Rundfunks 1923/24, wo ganz neue, teils avantgardistische Formate der Unterhaltung entwickelt wurden. Doch markierten letztlich nur die fünf Jahre der Ära May von 1925 bis 1930 jene hochproduktive Phase des „Neuen Frankfurt“, die zur Legende wurde. Aus heutiger Sicht, da allein die Planung von Wohngebieten teilweise Jahrzehnte dauert, kann man nur staunen, wie es unter Mays Leitung gelang, innerhalb von fünf Jahren ein großflächiges Siedlungsprogramm nicht nur zu planen, sondern auch zu realisieren. So leistete May einen substantiellen Beitrag zur Lösung der Wohnungsnot. Mehr noch: Mit den lichtdurchfluteten Gartenstädten – besonders der berühmten Römerstadt oder „Zickzackhausen“ – setzte er gestalterisch einen markanten Kontrapunkt zu den damals auch noch recht neuen bürgerlichen Gründerzeitvierteln. Da Mays Bauprogramm im Jahr 2011 Gegenstand einer grundlegenden Ausstellung im benachbarten Deutschen Architekturmuseum war[2], wird dieser Aspekt jetzt eher am Rande behandelt.


Abb. 2: Entwurf von Werner Epstein zu einer Reklameuhr für die Großbäckerei Ost Hafen, Elektrozeit AG, um 1927
(Sammlung Albinus im Museum Angewandte Kunst, © Museum Angewandte Kunst)

Im Zentrum der Ausstellung stehen die neuen Gestaltungsformen in Typografie, Grafik, Plakaten, Zeitschriften, Reklame, Möbeln, Lampen, Küchen, Fotografie, Film, bei städtischen Events etc. Wichert und May wollten das gesamte Leben nach einheitlichen gestalterischen Gesichtspunkten modern durchformen. Dies betraf sowohl den öffentlichen Raum, insbesondere das Corporate Design der Stadt Frankfurt, als auch die private, häusliche Sphäre. Neue Städte, Neues Leben, Neue Menschen sollten entstehen. Das vermag die Ausstellung eindrucksvoll darzustellen. Dabei werden in den Museumsräumen auch legendär gewordene frühere Ausstellungen rekapituliert – etwa diejenige über den Stuhl von 1929, indem jetzt wie damals eine ganze Reihung zeitgenössischer Stuhltypen aufgestellt ist.


Abb. 3: Ausstellungsansicht mit unterschiedlichen Stuhl- und Lampentypen
(Foto: Wolfgang Günzel, © Museum Angewandte Kunst, Frankfurt am Main)

Eindrucksvoll, noch immer schlicht und einfach schön anzusehen sind die zahlreichen Entwürfe der Grafik: Briefköpfe, Werbegrafik, Plakate etc. Von besonderer Bedeutung ist die Typografie. Frankfurt war der Verlagsort einer der weltweit bedeutendsten Druckschriften der Moderne: der Futura.[3] Paul Renner, ihr Schöpfer, war Mitte der 1920er-Jahre kurz an der Frankfurter Kunstschule tätig; Fritz Wichert ist der Erfinder des prominenten Namens; in der Bauerschen Gießerei wurde die Schrift produziert, verlegt und verkauft. Die Futura steht so auch für die Verklammerung von Entwurf und Kommerz, von Konzeption und praktischer Anwendung, die explizit zum Programm der neuen Kunstschulen gehörte. Die Futura ziert heute nicht nur das Logo der Stadt Frankfurt, sondern wird auch im Ausstellungskatalog verwendet. Dazu sei allerdings kritisch angemerkt, dass sie durch die Reduktion auf die Schriftgröße von Fußnotentexten hier nicht nur etwas mühsam zu lesen ist, sondern auch nicht recht zur Entfaltung kommt. Hingewiesen sei daher auf die 1994 publizierte Dissertation von Karoline Hille über die Geschichte der Mannheimer Kunsthalle, deren Gründungsdirektor Wichert vor seiner Frankfurter Tätigkeit war und wo Renner 1932 auch einmal aktiv geworden war; im Druck dieser Arbeit ist die Futura-Buchschrift vorbildlich zur Anwendung gekommen und wird in ihrer ganzen Eleganz erkennbar.[4]


Abb. 4: Martin Elsaesser, Teppich für Haus K. in O. (später: Villa Reemtsma), Textil, 1930/32, Martin Elsaesser Stiftung, Frankfurt am Main
(Foto: Wolfgang Günzel, © Museum Angewandte Kunst, Frankfurt am Main)

Die Akteure des „Neuen Frankfurt“ wollten, wie schon das Bauhaus-Manifest von 1919, die „hochmütige Mauer“ zwischen Künstlern und Handwerkern einreißen, freie und angewandte Kunst also programmatisch vereinen, auch Kunst und Leben in einer Art von kollektivem modernem Gesamtkunstwerk zusammenbringen. Das war einer der heikelsten Punkte des Programms. An der Kunstgewerbeschule im benachbarten Offenbach – wohin in den Texten des Ausstellungskatalogs wegen der Bedeutung Karl Klingspors und Rudolf Kochs für die Typografie öfters der Blick schweift – praktizierte man das Gegenprogramm: Der dortige Direktor, Hugo Eberhardt, plädierte nachdrücklich für die Trennung der Sphären von angewandter und freier Kunst, damit beide auf ihre Art besser zur Entfaltung kommen könnten. Auch Georg Swarzenski, der hoch renommierte Direktor des Städels und in dieser Eigenschaft bedeutender Förderer von Max Beckmann, war an diesem Punkt gegenüber Wicherts Anliegen skeptisch. Wichert aber verpflichtete Beckmann zu großzügigen Bedingungen als Lehrer an der Kunstschule. Ähnlich wie Gropius von Klee und Kandinsky profitierte, brauchte er den damals schon berühmten Künstler für sein Institut vor allem aus Gründen des Renommees. Doch Beckmanns Malerei war für die geometrische, eher monochrome Ästhetik des Neuen Frankfurt zu expressiv; zudem kam er seinen Lehrverpflichtungen nur sehr beiläufig nach. Spannungen blieben daher nicht aus, in Frankfurt ebenso wie am Bauhaus mit Klee und Kandinsky. Es ist etwas befremdend, dass eine Ausstellung mit dem Titel „Moderne am Main“ dieser Problematik ausweicht: Von Beckmann, der trotz allem der prominenteste Lehrer an der Frankfurter Kunstschule und neben Paul Hindemith wohl auch der allgemein berühmteste Vertreter der „Moderne in Frankfurt“ war, ist in der Ausstellung nichts zu sehen. „Die Moderne“ ist heterogener, als es die Präsentation suggeriert.

Ansonsten decken Ausstellung und Katalog aber ein breites Panorama ab: Im Abschnitt „Experimentieren und forschen“ werden die Neue Musik, der Rundfunk, das Institut für Sozialforschung thematisiert. Netzwerke, insbesondere zum Bauhaus, werden rekonstruiert, und die Vielfalt der angewandten Kunstgattungen an der Kunstschule wird dargestellt. Das Segment „Großstadt gestalten“ veranschaulicht die architektonische Durchgestaltung des gesamten öffentlichen Raumes der Stadt. Die Abteilung „In Produktion gehen“ präsentiert Prototypen prominenter Gegenstände, etwa die berühmte Frankfurter Küche von Margarete Lihotzky, die dann in großer Zahl industriell gefertigt wurden und weite Verbreitung fanden, aber auch Walter Gropiusʼ kommerziell nicht erfolgreiche Luxusauto-Entwürfe für die Frankfurter Adler-Werke. Die Abteilung „Moderne veröffentlichen“ betrachtet Veranstaltungen wie große historische Ausstellungen, Fotografie (insbesondere von Frauen), Zeitschriften (vor allem die legendäre Zeitschrift „Das Neue Frankfurt“) und weitere Medien.


Abb. 5: „Die Großstadt gestalten“, „In Produktion gehen“ – zwei der vielfältigen Themenbereiche der Ausstellung
(Foto: Wolfgang Günzel, © Museum Angewandte Kunst, Frankfurt am Main)

Die jetzige Ausstellung im MAK steht auch in einem interessanten geschichts- und kulturpolitischen Kontext. Ab 1933 wurde die Wirkung des Neuen Frankfurt für zwölf Jahre zwar unterdrückt, doch erlebte sein Geist nach 1945 unter veränderten Bedingungen eine Renaissance. Einige Protagonisten der May-Ära kamen noch einmal zum Zuge, vor allem der Architekt und Designer Ferdinand Kramer, den das MAK 2014 auch in einer monografischen Ausstellung gewürdigt hat.[5] Frankfurt verstand sich wieder als eine vergleichsweise „moderne“, „fortschrittliche“ Stadt. Nur vereinzelt gelang es aber, an den hohen, durchkomponierten Qualitätsstandard der 1920er-Jahre anzuknüpfen, den die Ausstellung so eindrucksvoll zur Anschauung bringt. Vieles kippte nach 1945 in Sterilität um, die Stadt wurde „autogerecht“ und „unwirtlich“ (Alexander Mitscherlich 1965). Die Banken, der Flughafen, die Skyline, die Internationalität, dann aber auch eine kritische Debattenkultur um den Nationalsozialismus und ein zeitweilig ausgeprägtes linkes Milieu repräsentierten jetzt das Moderne. Ausstellungen wie diejenige im MAK, von denen es neuerdings mehrere gegeben hat, legen in diesem Panorama wieder eine der besonders kreativen und produktiven Wurzeln der „Moderne“ in Frankfurt frei. In den letzten Jahren wurde die Stadt im Kontrast dazu stark bestimmt von der Debatte um die rekonstruierte Altstadt und eine neue Wertschätzung der (historischen) Romantik (Projekt Deutsches Romantik-Museum).[6] Hier möchten die Ausstellung im MAK zum Neuen Frankfurt sowie analoge Projekte im Deutschen Architekturmuseum und im Historischen Museum Flagge zeigen. Man ist sich in Frankfurt heute einer größeren Vielfalt der kulturellen Herkunft bewusst als noch vor wenigen Jahren.

Anmerkungen:
[1] Als Überblick der einschlägigen Institutionen aus Berlin, Weimar und Dessau siehe https://www.bauhaus100.de (16.03.2019).
[2] Siehe dazu die Rezension von Christiane Fülscher, in: H-Soz-Kult, 29.10.2011, https://www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-154 (16.03.2019).
[3] Zu dieser Schrift gab es 2016/17 in Mainz eine Ausstellung mit begleitendem Katalog: http://www.futura-typeface.de (16.03.2019).
[4] Karoline Hille, Spuren der Moderne. Die Mannheimer Kunsthalle von 1918–1933, Berlin 1994.
[5] Siehe https://www.museumangewandtekunst.de/de/besuch/ausstellungen/ferdinand-kramer.html (16.03.2019).
[6]https://deutsches-romantik-museum.de (16.03.2019).

Zitation
Andreas Hansert: Rezension zu: not defined, go into event (ausstellungsrez) Moderne am Main 1919–1933, 19.01.2019 – 14.04.2019 Frankfurt am Main, in: H-Soz-Kult, 30.03.2019, <www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-338>.