Ort
Magdeburg
Veranstalter
Dommuseum Ottonianum Magdeburg
Datum
04.11.2018
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Michael Belitz, Bereich für Geschichte, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg

Seit November 2018 ist die Magdeburger Museumslandschaft um eine Einrichtung reicher: das Dommuseum Ottonianum Magdeburg, welches dem Kulturhistorischen Museum Magdeburg angegliedert ist. „Ottonianum bedeutet ottonisch“, so wird dem Besucher zu Beginn erklärt. Anknüpfend an die großen Sonderausstellungen, die in den letzten Jahren im Kulturhistorischen Museum Magdeburg stattfanden[1], soll der Öffentlichkeit die für Magdeburg so wichtige ottonische Epoche nun in einer dauerhaften Ausstellung präsentiert werden. Im täglichen Sprachgebrauch hat es sich schnell etabliert, statt der vollständigen Bezeichnung ‚Dommuseum Ottonianum Magdeburg‘, die aufgrund des vermeintlich zu schwer auszusprechenden und zu abstrakten lateinischen Terminus nicht unumstritten ist[2], schlicht vom Dommuseum zu sprechen – dies soll auch in der Folge geschehen.

Die neue Dauerausstellung folgt keinem chronologischen Aufbau, sondern gliedert sich in drei Themenblöcke. Statt die Geschichte des Erzbistums Magdeburg also von dessen Gründung 968 bis zur Säkularisierung im Jahre 1680 darzustellen, haben sich die Macher entschieden, die Ausstellung auf jene Funde auszurichten, die bei den Grabungen im Dom und in dessen Umfeld in den letzten Jahrzehnten gemacht wurden und die nun als ständige Exponate präsentiert werden. Die drei thematisch in sich geschlossenen Abschnitte beschäftigen sich 1. mit den Großbauten auf dem Domplatz, 2. mit Otto dem Großen, Königin Editha und ihrer Beziehung zu Magdeburg und 3. mit dem Erzbistum Magdeburg und seinen Erzbischöfen.

Der erste inhaltliche Schwerpunkt liegt auf den Großbauten des Domplatzes, womit die beiden während der Herrschaftszeit Ottos des Großen (936-973) dort errichteten Sakralbauten gemeint sind. Weder sind die Bauten dieser Doppelkirchenanlage des 10. Jahrhunderts heute noch erhalten, noch konnten sie von der Forschung in ihrer einstigen Funktion bestimmt werden (einfache Kirche, Vorgängerbau des Doms, Kloster St. Mauritius), weshalb sie als Nord- und Südkirche bezeichnet werden. Dass Exponate aus diesen Bauten gezeigt werden können, unter anderem antike Marmorsäulen und glasierte Dachziegel, ist der Wiederverwendung dieser Stücke beim Bau des gotischen Domes im 13. Jahrhundert zu verdanken. Die präsentierten Stücke werden meist in den Kontext der Herrschaftspräsentation Ottos I. gerückt. Zentrales Ausstellungsstück dieses Abschnitts ist eine Grabeinfassung aus dem 10. Jahrhundert samt Rekonstruktion des zugehörigen Eichensarges. Dieses gemauerte Grab ist nicht nur aufgrund seiner Materialität beeindruckend, sondern auch von forschungsgeschichtlicher Bedeutung: Seine Auffindung bei Grabungen auf dem Domplatz im Jahre 2001 am nördlichen der beiden Bauten war ein wichtiger Hinweis darauf, dass es sich bei diesem Gebäude um einen Sakralbau handeln muss und es sich damit nicht, wie lange Zeit angenommen, um den Palast Ottos des Großen handeln kann. Eine Rekonstruktion der Südkirche, also des unter dem gotischen Dom befindlichen Sakralbaus aus dem 10. Jahrhundert, findet sich als Modell am Ende der Abteilung. Die Gegenüberstellung mit anderen ottonischen Kirchen, deren Modelle hier ebenfalls präsentiert werden, illustriert die Größe und damit die Bedeutung des Baues. Wünschenswert wäre hier auch ein Rekonstruktionsversuch der Nordkirche in Form eines Modells oder gar virtuell gemeinsam mit der Südkirche, um dem Betrachter einen Eindruck der imposanten Domplatzbebauung des 10. Jahrhunderts zu vermitteln.

Mit Otto und Editha steht im zweiten Abschnitt das für den Aufstieg Magdeburgs entscheidende Herrscherpaar im Fokus. Dem Ausstellungskonzept folgend, richtet sich auch hier die inhaltliche Ausgestaltung nach den präsentierten Funden. Daher geht es nicht um die Herrschaft Ottos generell, die Einrichtung des Moritzklosters oder die Gründung des Erzbistums Magdeburg, sondern im Wesentlichen um die Grablegen Ottos und Edithas, durch die beide bis heute in Magdeburg präsent sind. Am Beispiel einer modern inszenierten Anordnung von Reliquiaren auf einer Nachbildung der Marmorplatte, die Ottos Grab im hohen Chor des gotischen Domes bedeckt, soll die Bedeutung der Memoria und des Stiftergrabes illustriert werden. Hier, wie an vielen anderen Stellen, erweist es sich als sinnvoll, vor Besuch des Dommuseums einen Audioguide erworben zu haben, da dieser häufig eine Vielzahl, über die Informationen der Exponatstafeln hinausgehende, interessante und wissenswerte Angaben liefert.

Der übrige Raum dieses Ausstellungsblockes ist dem Grab und den Grablegen von Königin Editha gewidmet. Die spektakulären Umstände der Auffindung der Gebeine der Königin in ihrem vermeintlichen Kenotaph sowie der Umstand, dass es hier die meisten Funde zu sehen gibt, rechtfertigen es, diesem Komplex so großen Platz einzuräumen. Neben dem Steinsarkophag, in dem die Königin im 10. Jahrhundert bestattet wurde, sowie dem Bleisarg, in den ihre Gebeine bei der Umbettung im 16. Jahrhundert gelangten, sind vor allem die bei den Graböffnungen gefunden Textil-, Pflanzen- und Insektenreste höchst interessant, die in einem abgedunkelten Bereich der sonst für ein Museum außergewöhnlich lichtdurchfluteten Räumlichkeiten gezeigt werden. Dies ist nicht zuletzt der Präsentation geschuldet: Die Funde werden nicht einfach ausgestellt, sondern es wird dargelegt, welche konkreten Erkenntnisse sich aus ihnen gewinnen lassen. So gelingt es, unscheinbare Reste von Bettwanzen und Weizenkäfern als wichtige Zeugen der Geschichte zu inszenieren, über die sich den Besuchern Einblicke in die Vergangenheit eröffnen. Durch sie lässt sich erschließen, dass die Königin bei ihrer Umbettung im 16. Jahrhundert im Freien und im Fackelschein aufgebahrt wurde oder dass in dem Raum, in dem sie verstarb, über 20 Grad herrschten – und dies im Januar!

Der dritte und letzte thematische Block widmet sich dem Erzbistum Magdeburg und seinen Erzbischöfen. Dem Titel nach wäre hier die Beschäftigung mit der Geschichte desErzbistums zu erwarten. Doch dies erfolgt nur sehr partiell. Zwar gibt es eine Übersicht über alle Prälaten mit Amtszeiten, Ort des Todes sowie Begräbnisort, doch ist die historische Entwicklung kaum Thema. Nach einigen Ausführungen zur Gründung des Erzbistums konzentriert sich die Ausstellung auf jene Erzbischöfe, zu denen Funde aus den Domgrabungen als Exponate präsentiert werden können, zumeist Pontifikalgewänder und liturgisches Gerät. Es sind dies die Erzbischöfe Wichmann von Seeburg (1152/54-1192), Otto von Hessen (1327-1361) und Dietrich von Portitz (1361-1367). Die ausgestellten Stücke und die Ausführungen zu den Grabungen und der Fundsituation sind zweifelsfrei interessant, doch stößt der starke Zuschnitt auf die Funde hier an seine Grenzen. Zumindest einige wichtige Punkte der Entwicklung des Erzbistums Magdeburg vom Früh- bis zum Spätmittelalter hätten über Tafeln oder Repliken, wie sie sich auch an anderen Stellen der Ausstellung finden, Behandlung verdient, statt die 600-jährige Geschichte in einem lapidaren Satz zusammenzufassen. Stattdessen nimmt etwas unvermittelt, nach der Präsentation der Funde aus den erzbischöflichen Gräbern, der gotische Dom, aus dem beispielsweise Wasserspeier und Statuen präsentiert werden, den übrigen Platz der Ausstellung ein. Hervorzuheben ist hier eine Nachbildung der Deckplatte des Grabmals Erzbischofs Ernst von Sachsen (1476/89-1513). Zwar finden sich auch an anderen Stellen im Dommuseum solche Nachbildungen, so von der Deckplatte des Hochgrabs Edithas, doch ist im Gegensatz zu diesen die Grabplatte Ernsts von Sachsen bei einem Besuch im Dom nicht zu sehen, da sie in der meist verschlossenen Ernst-Kapelle nicht zugänglich ist.

Das Konzept, die Ausstellungsinhalte auf die dauerhaft präsentierten Original-Funde auszurichten, wird im Dommuseum konsequent verfolgt. An einigen Stellen wäre eine breitere Darlegung des allgemeinen, über die Funde selbst hinausgehenden historischen Kontexts jedoch sinnvoll gewesen, um Besucher, die sich etwas allgemeiner für die mittelalterliche Geschichte von Stadt und Erzbistum interessieren, besser zu erreichen. Zum Teil gelingt dies über Animationsfilme, die sich nur auf den ersten Blick an ein jüngeres Publikum richten, ansprechend gestaltet und informativ sind, oder über Hörstationen, die beispielweise über Sagen oder fiktive Gespräche gut aufbereitete Information jenseits der harten Fakten liefern. Der starke Zuschnitt auf die Funde führt an vielen Stellen jedoch dazu, dass die Ausstellung teils zu fachspezifisch wirkt. Bedenkt man indes, dass die Ausstellungsfläche, deren durchweg gelungene Gestaltung in den Händen von Holzer Kobler Architekturen lag, mit ca. 640 Quadratmetern relativ gering ist, so ist nicht zu erwarten, dass alle Facetten der Geschichte von Stadt und Erzbistum Magdeburg, der Herrschaft Ottos des Großen oder des Domes ausgiebig behandelt werden können.

Dem Dommuseum gelingt es, die bedeutenden Funde der Domgrabungen, deren wissenschaftliche Aufarbeitung teils noch aussteht, gekonnt zu präsentieren und zu inszenieren. Es steht zu hoffen, dass das hier verfolgte Konzept die Erwartungshaltung der Besucher trifft.

Anmerkungen:
[1] Matthias Puhle, Die Magdeburger Ausstellungstrilogie zu Otto dem Großen, in: Gabriele Köster (Hrsg.), Geschichte und kulturelles Erbe des Mittelalters. Umgang mit Geschichte in Sachsen-Anhalt und andernorts, Regensburg 2014, S. 79-91.
[2] Christina Bendigs, „Ottonianum“ entfacht Diskussion, in: Magdeburger Volksstimme, 06.02.2016.

Zitation
Michael Belitz: Rezension zu: Dommuseum Ottonianum Magdeburg, 04.11.2018 Magdeburg, in: H-Soz-Kult, 14.09.2019, <www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-350>.
Redaktion
Veröffentlicht am
14.09.2019
Beiträger
Redaktionell betreut durch