Ort
Hildesheim
Veranstalter
Dommuseum Hildesheim
Datum
01.10.2019 - 02.02.2020
Publikation
Höhl, Claudia; Gerhard Lutz (Hrsg.): Zeitenwende 1400. Hildesheim als europäische Metropole um 1400. Regensburg : Schnell & Steiner  2019. ISBN 978-3-7954-3462-5 Url: https://www.dommuseum-hildesheim.de/de/content/zeitenwende1400
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Klaus Gantert, Bibliothekswissenschaft mit dem Schwerpunkt Informationssysteme, Hochschule Hannover

Zeitenwende 1400 – nicht zu Unrecht rückt die große historische Doppelausstellung des Dommuseums Hildesheim und des Landesmuseums Hannover den Aspekt des Epochenumbruchs der Zeit um 1400 ins Zentrum der Betrachtung, auch wenn das, was gezeigt wird, im Einzelnen vielfach eher die Ambivalenz dieser Zeit und die Vorbereitung auf den Wandel illustriert als den sich vollziehenden Wandel selbst.

Klar gegliedert bzw. voneinander abgetrennt sind dabei die Inhalte und Zielsetzungen der beiden einzelnen Ausstellungsteile. Während die Ausstellung im Hildesheimer Dommuseum ausgehend von der Stadt und dem Hochstift Hildesheim sowie der weiteren Region eine kulturhistorische Gesamtschau der Zeit um 1400 präsentiert, stellt die Ausstellung im Landesmuseum Hannover die Goldene Tafel aus der Benediktinerabteikirche St. Michaelis in Lüneburg, ein Flügelaltarretabel aus den ersten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts, als herausragendes Kunstwerk des Spätmittelalters in den Mittelpunkt.

Auf der gesamten Fläche des vor der Wiedereröffnung 2015 umfassend sanierten und erweiterten Dommuseums präsentiert die Hildesheimer Ausstellung[1] nicht nur die reichen kulturellen Schätze der Stadt aus der Zeit um 1400, sondern bindet diese sehr glücklich und überzeugend in eine Vielzahl von Themenfeldern und Bezügen ein. Beispiele für diese gelungenen Kontextualisierungen der Objekte sind etwa die Themenfelder „Stadt und Gesellschaft“, „Frömmigkeit und Bildung“ oder auch „Austausch und Netzwerke“, die neben kleineren Themenfeldern wie den Heiligen, Maria, der Eucharistie oder der jüdischen Minderheit in der spätmittelalterlichen Stadt die gesamte Ausstellung durchziehen. Das Themenfeld „Stadt und Gesellschaft“ thematisiert unter anderem die Konsolidierung des Hochstiftes Hildesheim als souveränes Fürstentum, insbesondere gegenüber seinen welfischen Nachbarn, aber auch die inneren Konflikte zwischen dem bischöflichen Landesherrn und der Bürgerschaft, die sich zunehmend ihrer wirtschaftlichen Bedeutung bewusst wurde und auf politische Autonomie drängte. Viele Ausstellungsstücke – unter anderem Archivalien und historische Abbildungen – verweisen auch auf die zahlreichen großen Bauprojekte (Ausbau des Doms, Errichtung großer Pfarrkirchen und Hospitäler) und die hochwertige künstlerische Ausstattung der Bauten. Der Themenbereich „Frömmigkeit und Bildung“ wird illustriert zunächst durch zahlreiche Reliquien, dann aber auch durch den Wandel hin zu einer Verstärkung der Bildungseinrichtungen und einer rationaleren Betrachtung von Welt und Religion (u.a. vorgestellt anhand eines Besuchs von Nikolaus Cusanus in der Stadt), aber auch durch die in der Stadt neu aufkommende Devotio moderna, die die individuelle Beziehung des Gläubigen zu Christus in den Mittelpunkt rückte. Besonders interessant ist der Bereich „Austausch und Netzwerke“, schließt er sich thematisch doch an die aktuell vor allem sozialwissenschaftlich stark betriebene Netzwerkforschung an, aber auch an die historische Mobilitäts- und Mentalitätenforschung. Auch hier bezeugen vor allem Reliquienbehältnisse, u.a. in Form einer Kokosnuss oder mit arabischen Inschriften versehen, und Handelsgüter die weitreichenden Verbindungen der mittelalterlichen Welt. Besonders deutlich werden diese Bezüge am Domherrn und Domkämmerer Lippold von Steinberg vorgestellt, der Anfang des 15. Jahrhunderts wesentlich zur Erweiterung des Doms beigetragen hat (Steinbergkapelle) und eine Vielzahl von Reliquien von einer Pilgerreise aus Palästina nach Hildesheim brachte. Aber auch an den stilistischen Bezügen der gezeigten Objekte wird die vernetzte Welt des Spätmittelalters immer wieder deutlich; hier deuten die Verbindungen vor allem ins Rheinland und nach Frankreich.

Sehr vielfältig sind auch die modernen, medial unterstützten Formen der museumsdidaktischen Aufbereitung für ein jüngeres Publikum. Hier findet sich neben einem interaktivem Message Board beispielsweise ein Newsticker, der in Textprojektionen schlaglichtartig über das Weltgeschehen um 1400 berichtet. Die Inhalte des Kurzführers, der verschiedene Stationen und Themenbereiche vorstellt und zu ausgewählten Objekten genauere Erläuterungen gibt, steht auch als App zur Verfügung. Bezüge zu vergleichbaren Lebensbereichen und Umbruchssituationen der Gegenwart werden hier ebenfalls immer wieder hergestellt. Insbesondere im Zusammenspiel mit den eindrucksvollen Räumlichkeiten des Dommuseums, das ebenso wie der Dom, der Domschatz und die St. Michaeliskirche zum UNESCO-Welterbe gehört, macht die Ausstellung die Komplexität der vielfältigen Beziehungsnetzwerke einer spätmittelalterlichen Metropole überaus deutlich.

Im Zentrum der Ausstellung im Landesmuseum Hannover[2] steht die Goldene Tafel, ein monumentales Retabel eines Flügelaltars, das in seinem künstlerischen Rang und seiner reichen Ausstattung ein Hauptwerk der internationalen Gotik bildet. Geschaffen wurde dieses herausragende Stück vermutlich um 1420/30 für die Kirche des Benediktinerklosters St. Michael in Lüneburg, es befindet sich seit 1851 in Hannover (zunächst als Objekt für ein geplantes Welfenmuseum, seit 1902 im Bestand des Provinzialmuseums, der Vorgängereinrichtung des heutigen Landesmuseums).
Die Ausstellung im Landesmuseum informiert – neben der Präsentation des zentralen Ausstellungsstücks und seiner vielfältigen Bezüge – vor allem über die Vorgeschichte der Goldenen Tafel und ihr weiteres Schicksal bis zum heutigen Tag sowie über die aufwändige Restaurierung dieses Spitzenstücks, die erst 2019 abgeschlossen wurde.

Museumsarchitektonisch geschickt inszeniert führt ein erster Ausstellungsraum – noch ohne Sichtkontakt zum Hauptstück der Ausstellung – in die Geschichte der Goldenen Tafel ein. Geschaffen wurde der heute noch erhaltene Teil der Tafel für den neuen Bau der Lüneburger Klosterkirche, einer Hallenkirche, die nach der Zerstörung der Stadt 1371 im letzten Viertel des 14. Jahrhunderts errichtet wurde. Der monumentale Flügelaltar diente dazu, die heute nicht mehr erhaltene sog. Ältere Goldene Tafel, eine vermutlich aus der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts stammende längsrechteckige Goldplatte mit Reliefdarstellungen, sowie die wertvollen Objekte des klösterlichen Reliquienschatzes aufzunehmen. Auch nach der Reformation blieb der Altar zunächst erhalten, wurde dann aber 1644 und 1698 Opfer zweier spektakulärer Diebstähle. Durch diese Beraubung müssen die Ältere Goldene Tafel sowie der größte Teil des Reliquienschatzes heute als verloren gelten. Gerade diese Diebstähle weckten jedoch das Interesse an dem Altar, der in der Folgezeit in vielen Beschreibungen und Drucken dokumentiert wurde, die in der Ausstellung zu sehen sind.

Aus dem monochromen Dunkel des ersten Raumes führt der Weg dann in den zentralen Ausstellungsraum, in dem die erhaltenen Teile der Goldenen Tafel (die beiden aufgeklappten Doppelflügel) seit der Restaurierung in Gold erstrahlen. In der Anordnung der Ausstellung zeigt das Retabel vorn ein reich vergoldetes Bildprogramm mit 36 Szenen aus dem Leben Jesu, auf der Rückseite außen 20 in zwei Reihen angeordnete geschnitzte und vergoldete Figuren von biblischen Gestalten sowie Heiligen und in der Mitte die typologisch miteinander verbundenen Bilder der Anbetung der ehernen Schlange sowie der Kreuzigung Christi (vgl. Joh. 3, 14–15). Umfassend wird die Goldene Tafel vorgestellt, vor allem durch die Verdeutlichung der kunsthistorischen Bezüge, die mit Hilfe von vielen nationalen und internationalen Leihgaben dokumentiert werden. Besonders Bezug genommen wird hierbei auf die Buchmalerei aus Frankreich und dem niederdeutschen Bereich, bei der Tafelmalerei wird auf die Arbeiten des Conrad von Soest verwiesen sowie auf Werke aus dem Kölner Raum, und bei den Skulpturen werden Bezüge zu Werken aus Lübeck hergestellt; auch andere Retabeln des späten Mittelalters werden vergleichend analysiert. Die wenigen erhaltenen Stücke des einstmals umfangreichen Reliquienschatzes werden in einer eigenen kleinen Abteilung gezeigt.

Die eindrucksvolle Wirkung, die die Goldene Tafel heute wieder erzielt, verdankt sie vor allem der umfassenden Restaurierung. Diese wurde nach einem vorbereitenden interdisziplinären Forschungsprojekt von 2016 bis 2019 von sechs Restauratorinnen durchgeführt. Klugerweise hat man sich bei der Konzeption der Ausstellung dafür entschieden, die komplexen Methoden der Reinigung und Restaurierung und insbesondere die materialtechnischen Fragen und Überlegungen, die damit verbunden waren, nicht ins Zentrum zu rücken. In der Ausstellung selbst wird die Restaurierung in einem kurzen Film präsentiert, der in einem kleinen Nebenraum gezeigt wird; ebenfalls dokumentiert ist sie im Katalog der Ausstellung.[3]

Tatsächlich ist gerade die goldene Tafel nicht nur ein eindrucksvolles Objekt von herausragender kunsthistorischer Bedeutung, sondern sie zeigt in ihrer traditionellen Verbundenheit mit mittelalterlichen Denkformen (Funktion als Reliquienschrein) auf der einen Seite und ihrer Eingebundenheit in eine Zeit der aufkommenden Mobilität und der internationalen Beziehungen auf der anderen Seite idealtypisch die Ambivalenz der Zeit um 1400 zwischen Mittelalter und Früher Neuzeit.

Zusammenfassend bleibt hervorzuheben, dass die Doppelausstellung „Zeitenwende 1400“ in überaus gelungener Weise die vielfältigen Facetten einer Kulturlandschaft im ausgehenden Mittelalter präsentiert. In diesem Sinne schließt sie an andere, vergleichbare Ausstellungsprojekte an, die für den selben Zeitraum vergleichbare Ziele verfolgten. Besonders deutlich werden die Parallelen hierbei zum Ausstellungszyklus „Spätmittelalter am Oberrhein“, der 2001/02 im Badischen Landesmuseum und in der Staatlichen Kunsthalle in Karlsruhe stattfand, wobei auch weitere Ausstellungen in Karlsruhe, Straßburg, Freiburg, Colmar, Basel, Staufen und Bruchsal den Zyklus abrundeten.[4]

Besonders positiv hervorzuheben sind für die aktuelle Doppelausstellung in Hildesheim und Hannover auch die beiden Katalogbände, die die Forschungsergebnisse beider Ausstellungen festhalten und alle Objekte in einem jeweils opulent bebilderten Katalogteil vorstellen und umfassend beschreiben.

Anmerkungen:
[1]https://www.dommuseum-hildesheim.de/de/content/zeitenwende1400 (11.02.2020).
[2]https://www.landesmuseum-hannover.de/ausstellungen/zeitenwende-1400-goldene-tafel/ (11.02.2020).
[3] Zum Forschungsprojekt vgl. https://www.landesmuseum-hannover.de/haus/forschung/die-goldene-tafel-im-kontext/ (11.02.2020). Besonders hinzuweisen ist hier auch auf die Kooperation mit dem DFG-Forschungsprojekt „Mittelalterliche Retabel in Hessen“ an den kunsthistorischen Instituten zu Marburg, Osnabrück und Frankfurt am Main (https://www.kunst.uni-frankfurt.de/de/forschung/projekte/mittelalterliche-retabel-in-hessen/, 11.02.2020). Zur Restaurierung vgl. Eliza Reichel, Die Restaurierung der Goldenen Tafel im Landesmuseum Hannover, in: Antje-Fee Köllermann / Christine Unsinn (Hrsg.), Zeitenwende 1400. Die goldene Tafel als europäisches Meisterwerk, Petersberg 2019, S. 77-87.
[4] Marcus Dekiert (Hrsg.), Spätmittelalter am Oberrhein, Teil 1: Maler und Werkstätten 1450–1525, Stuttgart 2001; Jürgen Krüger (Hrsg.), Spätmittelalter am Oberrhein, Teil 2: Alltag, Handwerk und Handel 1350–1525, Bd. 1: Katalogband, Stuttgart 2001; Sönke Lorenz (Hrsg.), Spätmittelalter am Oberrhein, Teil 2: Alltag, Handwerk und Handel 1350–1525, Bd. 2: Aufsätze, Stuttgart 2001.

Zitation
Klaus Gantert: Rezension zu: Zeitenwende 1400 - Dommuseum Hildesheim, 01.10.2019 – 02.02.2020 Hildesheim, in: H-Soz-Kult, 22.02.2020, <www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-360>.
Redaktion
Veröffentlicht am
22.02.2020
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