Ort
Wien
Veranstalter
Sigmund Freud Museum
Datum
29.08.2020
Publikation
Finzi, Daniela; Pessler, Monika (Hrsg.): Freud, Berggasse 19. Ursprungsort der Psychoanalyse. Mit einem Grußwort von Siri Hustvedt. Berlin : Hatje Cantz Verlag  2020. ISBN 978-3-7757-4734-9 399 S., zahlr. Abb. € 39,90 € (Museum) / € 54,00 (Buchhandel). Url: https://www.freud-museum.at
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Philipp Lenhard, Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität München

Manche Adressen sind keine bloßen Ortsangaben, sondern zugleich Symbole für eine eigene Welt. Wer die 221B Baker Street in London besucht, begibt sich auf die Spuren des berühmtesten Detektivs der Literaturgeschichte, und die 11 Wall Street im New Yorker Stadtteil Manhattan steht wie keine zweite Adresse für globale Finanzströme und wirtschaftliche Krisen. Die Berggasse 19 im 9. Wiener Gemeindebezirk gehört auch in diese Reihe. Von 1891 bis zu seiner Emigration nach London im Jahr 1938 lebte Sigmund Freud, der Erfinder der Psychoanalyse, hier mit seiner Familie. Auch seine Praxis sowie diejenige seiner Tochter Anna waren in dem gründerzeitlichen Mietshaus untergebracht. Schon immer zog es Neugierige und Schaulustige an, die Einblicke in die vermeintlich geheimnisvolle Welt der Psychoanalyse erhaschen wollten. Die besondere Aura, die die Berggasse 19 umgibt, dehnte sich sogar auf das Gebäude „Zum schwarzen Mohren“ in der Burggasse 19 im 7. Bezirk aus, das fotografierende und posierende Touristen so regelmäßig mit dem Freud-Haus verwechseln, dass die Besitzer eigens ein Hinweisschild aufhängen mussten, demzufolge der berühmte Psychoanalytiker hier nicht gewohnt habe.


Abb. 1: Der Museumseingang in der Berggasse 19
(Foto: Robot8A, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Sigmund_Freud_Museum_entrance.jpeg, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode, März 2021)

Seit 1971 befindet sich in der Berggasse das Sigmund Freud Museum, das Interessierten versprach, hinter die Kulissen der Psychoanalyse schauen zu können. Für viele der jährlich rund 100.000 Touristen war der Besuch ausweislich der Reaktionen auf Online-Reiseportalen wie Trip Advisor freilich eher ernüchternd. Da die Familie Freud alle Möbel und Einrichtungsgegenstände mit nach London nehmen konnte, stehen sie auch heute noch im dortigen, 1986 eröffneten Freud-Museum – einschließlich der ikonischen Couch. Zwar stellten Anna Freud und die einstige Haushälterin Paula Fichtl zur Eröffnung des Wiener Museums einige Gegenstände aus Freuds Privatbesitz zur Verfügung. 1974 kam es durch die Unterstützung der Familie Freud sowie zahlreicher psychoanalytischer Kollegen nochmals zu einem beträchtlichen Zugewinn an Memorabilien – unter anderem Freuds Lesebrille, sein Kabinenkoffer und zahlreiche Antiken –, aber charakteristisch für die ehemalige Wohnung und Praxis in der Berggasse 19 ist dennoch der Verlust dessen, was einst dort war.[1]


Abb. 2: Raumansicht aus der früheren Ausstellung des Sigmund Freud Museums
(Foto: Siesta, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ausstellung_im_Sigmund_Freud_Museum.jpg, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode, März 2016)

Die alte Ausstellung hatte den Mangel an Originalgegenständen dadurch zu kompensieren versucht, dass die leeren Wände mit vielen Fotos, Texttafeln und Vitrinen „gefüllt“ wurden. Dass ein solches Ausstellungskonzept nicht mehr zeitgemäß ist, versteht sich von selbst. 2019 wurde das Museum daher grundlegend umgebaut, erweitert und mit einer neuen Dauerausstellung ausgestattet. Nach eineinhalbjähriger Umbauzeit und coronabedingter Verzögerung kann das Resultat seit Ende August 2020 endlich besichtigt werden. Noch immer stellen Sigmund und Anna Freuds Ordinationen sowie die Privatwohnung der Familie im Mezzanin das Herz des Museums dar, aber im Erdgeschoss ist nun ein großzügiges Café mit Museumsshop untergebracht; außerdem gibt es einen Veranstaltungssaal. Die Museumsfläche hat sich von 280 auf 550 Quadratmeter fast verdoppelt, was auch den Wechselausstellungen zugutekommt.

Das Museumskonzept ist durch zwei Grundgedanken gekennzeichnet: Zum einen soll das Interesse für die Psychoanalyse geweckt sowie in ihre Geschichte und Theorie eingeführt werden. Zum zweiten ist das Museum aber auch ein Gedenkort, an dem die Verlustgeschichte erzählt und nicht zuletzt an die Vertreibung, Verfolgung und Ermordung der Wiener Juden erinnert wird – nicht nur der Psychoanalytiker unter ihnen. Zu diesem Zweck wurde die Hausgeschichte viel stärker als bisher in den Vordergrund gerückt. Im neuen Stiegenhaus ist die Geschichte des Hauses und seiner Bewohner rekonstruiert, angefangen mit dem Vorgängerbau, in dem Victor und Emma Adler lebten, über die Einrichtung einer Sammelunterkunft für Juden vor ihrer Deportation in die Konzentrations- und Vernichtungslager bis hin zu den „Arisierungen“ und zur Nutzung in der Nachkriegszeit.[2] Auf der Galerie über dem Service- und Eingangsbereich widmet sich zudem eine eigene Sektion dem Schicksal der Freuds. Nicht allen Mitgliedern der Familie gelang die Flucht ins Exil. Sigmund Freuds Schwestern Rosa Graf, Marie Freud, Pauline Winternitz und Adolfine Freud wurden 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo Adolfine ums Leben kann. Die anderen Schwestern wurden in Treblinka ermordet.

Aber auch in den eigentlichen Ausstellungsräumen ist dieser Charakter eines Gedenkortes nun viel präsenter als früher. Indem die Wände größtenteils bewusst „leer“ gelassen, an manchen Stellen auch verschiedene ältere Schichten des Anstriches sichtbar gemacht wurden, schreitet der Besucher zwar durch die Originalräume, aber der Verlust ist allgegenwärtig. Verstärkt wird dieser Eindruck durch Hinweistafeln und besonders durch die sinnvoll eingesetzten Fotografien Edmund Engelmans, der im Mai 1938 unter erheblicher Gefahr noch einmal fast alle Räume im Originalzustand abgelichtet hatte.


Abb. 3: „Herrenzimmer“ Sigmund Freuds
(Foto: © Hertha Hurnaus / Sigmund Freud Privatstiftung)

Selbstverständlich gibt es aber auch Objekte in der neuen Dauerausstellung zu sehen. Statt die Wände zu nutzen, wurden nun auf der vergrößerten Ausstellungsfläche in den einzelnen Räumen Vitrinen aufgestellt, in denen Alltagsgegenstände, Postkarten und Fotografien, vor allem aber Bücher gezeigt werden. Die Psychoanalyse ist wesentlich eine sprachlich und textuell vermittelte Wissenschaft. Dies schlägt sich notwendig auch bei dem Versuch nieder, in ihre Grundgedanken einzuführen. Die Kuratoren haben sich dafür entschieden, zu den Meilensteinen der Freud’schen Forschungstätigkeit Erstauflagen, Widmungsexemplare und Sonderdrucke seiner wichtigsten Publikationen auszustellen, denen jeweils Infotafeln mit knappen inhaltlichen Abstracts zu den bekanntesten Theorien (Traumdeutung, Ödipuskomplex usw.) zugeordnet sind. Wie hilfreich diese im Einzelnen sind, ist fraglich. Wer sich mit der Psychoanalyse halbwegs auskennt, für den sind die gebotenen Informationen trivial; wer nichts von ihr weiß, ist möglicherweise überfordert. In einer Vitrine zu dem Buch „Totem und Tabu“ von 1913 etwa heißt es zum Inhalt: „Für Freud basiert Kultur auf Triebverzicht – und lässt sich auf einen Mord zurückführen. Charles Darwins Figur der Urhorde aufgreifend, wendet sich Freud der Dominanz des stärksten und ältesten Männchens zu: Die Brüderhorde tötet den Vater, um ebenfalls Zugriff auf das Weibchen zu haben, und verspeist ihn in einem kannibalischen Akt. In der Folge entwickeln die Söhne Reue und Schuldbewusstsein, woraufhin sie das Tötungs- und Inzestverbot einführen.“


Abb. 4: Eine deutsche, eine brasilianische und eine hebräische Ausgabe von „Totem und Tabu“. Die ersten beiden stammen aus dem Jahr 1934, die letztere aus dem Jahr 1939.
(Foto: Philipp Lenhard)

Sicher, es ist nicht eben einfach, die komplexen Theorien und Gedanken Freuds in einfacher Sprache und in knappen Worten zusammenzufassen. Trotzdem dürften solche Erläuterungen eher verwirren als aufklären. Aber vielleicht macht die Ausstellung Lust auf mehr, und der eine oder andere unbedarfte Besucher greift danach zum Original. Auch die ausgestellten Objekte vermögen durchaus Interesse zu wecken: All die rätselhaften Kunstgegenstände und Gemälde, aber auch eine Laterna magica, eine Lupe oder Freuds Reisetasche verknüpfen den Raum mit der Theorie; sie werfen Fragen über das Leben Freuds und seiner Familie sowie über die Psychoanalyse auf. Besonders interessant für die Urgeschichte der psychoanalytischen Bewegung, die im Rahmen der sogenannten Mittwochs-Gesellschaft ihren Anfang nahm, ist das ehemalige Wartezimmer.[3] Dort, wo sich der Kreis einst traf, befinden sich heute nicht nur Fotografien einiger Mitglieder und das Präsenzbuch der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung, sondern beispielsweise auch ein Ring mit antiker Gemme, den Freud am 25. Mai 1913 seinem ungarischen Kollegen Sándor Ferenczi als Mitglied des „Geheimen Komitees“ schenkte.[4]


Abb. 5: Ehemaliges Wartezimmer in Freuds Praxis
(Foto: Bwag, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Wien-Sigmund-Freud-Museum,_Wartezimmer.JPG, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode, Juli 2021)


Abb. 6: Protokollbuch der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung
(Foto: Günter König / © Sigmund Freud Privatstiftung)

Die Forschungsliteratur zu Freud und zur Psychoanalyse, zum intellektuellen Diskurs im Wien des Fin de siècle sowie zur Verfolgung der Wiener Juden ist uferlos und wächst beständig weiter an.[5] Deshalb sei an dieser Stelle darauf verzichtet, die Ausstellung in „dem“ Forschungsstand zu verorten, zumal sie so viele Themen und Kontexte anschneidet, dass dies den Rahmen bei Weitem sprengen würde. Empfehlenswert ist für wissenschaftlich Interessierte stattdessen ein Besuch der dem Museum angeschlossenen Bibliothek, die mit rund 40.000 Medien die größte psychoanalytische Fachbibliothek Europas darstellt. Hinzu kommt das Archiv, das ein Bildarchiv mit etwa 2.000 Dokumenten sowie zahlreiche Nachlässe enthält (u.a. von den Geschwistern Freuds, aber auch von Psychoanalytikern wie Richard Sterba und Eva Rosenfeld).


Abb. 7: Lesesaal der Bibliothek
(Foto: © Hertha Hurnaus / Sigmund Freud Privatstiftung)

Ein Resümee zu ziehen fällt hier nicht schwer. Selbst wenn das im Ausstellungskatalog angekündigte „authentische Erleben des Ursprungsorts der Psychoanalyse“ sich nicht einstellen mag, so ist das gerade nicht als Manko zu sehen, sondern als großer Vorzug der neuen Konzeption.[6] Das Wiener Sigmund Freud Museum macht Lücken und Verlust sichtbar, es wirft viele Fragen auf und weckt Interesse. Mehr kann von einem guten Museum nicht verlangt werden. Archiv und Bibliothek sowie die Kunst- und Wechselausstellungen (derzeit etwa zu psychoanalytischen Schulen nach Freuds Tod) komplettieren den positiven Gesamteindruck.

Anmerkungen:
[1] Zum Bestand vgl. Daniela Finzi, Freud vorstellen, Freud ausstellen, in: dies. / Monika Pessler (Hrsg.), Freud, Berggasse 19. Ursprungsort der Psychoanalyse. Mit einem Grußwort von Siri Hustvedt, Berlin 2020, S. 26. Zur Präsenz des Verlusts siehe Hermann Czech, Architektonisches Konzept und Ausstellungsgestaltung, in: ebd., S. 17–23. Die Texte (auch der in Anm. 6 genannte) sind online abrufbar unter https://www.freud-museum.at/de/aussendungen (23.07.2021).
[2] Siehe dazu früher bereits Lydia Marinelli (Hrsg.), Freuds verschwundene Nachbarn, Wien 2003 (Begleitband zu einer Ausstellung des Sigmund Freud Museums).
[3] Siehe dazu Vincent Brome, Sigmund Freud und sein Kreis. Wege und Irrwege der Psychoanalyse. Aus dem Englischen von Eva Rapsilber, München 1969, S. 26–40.
[4] Vgl. Paul Harmat, Freud, Ferenczi und die ungarische Psychoanalyse, Tübingen 1988.
[5] Die neueste – übrigens ausgezeichnete – Freud-Biographie stammt von Joel Whitebook, Freud. Sein Leben und Denken. Übersetzt von Elisabeth Vorspohl, Stuttgart 2018.
[6] Monika Pessler, Der Ursprungsort der Psychoanalyse, in: dies. / Finzi, Freud, Berggasse 19, S. 12.

Zitation
Philipp Lenhard: Rezension zu: Sigmund Freud Museum, 29.08.2020 Wien, in: H-Soz-Kult, 07.08.2021, <www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-368>.