Die Charité im Nationalsozialismus

Ort
GeDenkOrt.Charité Berlin
Veranstalter
Charité – Universitätsmedizin Berlin
Datum
23.07.2017
Publikation
: "Der Anfang war eine feine Verschiebung in der Grundeinstellung der Ärzte". Die Charité im Nationalsozialismus und die Gefährdungen der modernen Medizin. Katalog zur Ausstellung. Berlin : Schwabe Verlag  2020. ISBN 978-3-7574-0035-4 128 S. 14,80 €. Url: https://gedenkort.charite.de/ausstellung/
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Astrid Ley, Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten

Drei Jahre nach der Eröffnung der Ausstellung im September 2017 hat die Kuratorin Judith Hahn im vergangenen Jahr einen Katalog in einer deutschen und einer englischen Fassung vorgelegt.[1] Die von der Berliner Agentur Wolfgang Chodan gestaltete und produzierte Ausstellung befindet sich im Erdgeschoss der 1904 eingeweihten Psychiatrischen und Nervenklinik der Charité in Berlin-Mitte und somit an einem historischen und gegenwärtigen Ort medizinischen Handelns. Verständlicherweise richtet sich die Ausstellung daher besonders an Studierende, Lehrende und Mitarbeitende auf dem Campus Charité Mitte, was auch an den einleitend angebotenen Zugängen zum Thema deutlich wird.


Abb. 1: Blick auf den Eingang zur Ausstellung
Foto: Wolfgang Chodan, 2017

Ein Weg führt über die Erinnerungskultur, und zwar konkret über Denkmäler und Straßennamen, mit denen man verdiente Wissenschaftler seit etwa 1900 auf den Charité-Gelände ehrte und von denen manche später aus politischen Gründen wieder entfernt wurden. Vier Büsten jüdischer Mediziner des 19. und frühen 20. Jahrhunderts fielen in der NS-Zeit dem „antisemitischen Bildersturm“ zum Opfer, dessen Folgen im Eingangsbereich der Ausstellung an dem leeren Denkmalsockel für den Psychiater und Neurologen Carl Westphal sichtbar sind. Heute steht die Charité vor der Frage, wie mit Denkmälern und Erinnerungszeichen für Wissenschaftler umzugehen ist, die in NS-Medizinverbrechen eingebunden waren und daher Gegenstand auch dieser Ausstellung sind, wie der Psychiater Karl Bonhoeffer und der Chirurg Ferdinand Sauerbruch.

Alternativ zur erinnerungskulturellen Perspektive wird ein historischer Zugang angeboten, der seinen Ausgang vom Nürnberger Ärzteprozess 1946/47 gegen 23 Mediziner und Spitzenvertreter des NS-Gesundheitswesens nimmt. Bei den Angeklagten handelte es sich weit überwiegend um wissenschaftlich anerkannte und erfahrene Hochschullehrer, sieben Angeklagte – und damit fast ein Drittel der Beschuldigten – waren Professoren oder Privatdozenten an der Berliner Medizinischen Fakultät. Wie konnte es zu den verbrecherischen Menschenversuchen und Euthanasie-Morden kommen? Der Nürnberger Ärzteprozess hat Antworten auf solche Fragen gesucht und markiert damit den Beginn der Auseinandersetzung mit der Medizin im Nationalsozialismus.

In Ausstellung und Katalog wird der Nürnberger Ärzteprozess daher als Objekt historischer Reflexion und als Ausgangspunkt für Überlegungen über die gegenwärtige Medizin und die ihr innewohnenden Gefahren genutzt. Auf seinen Stellenwert im Ausstellungsnarrativ weist auch das titelgebende Zitat des Prozess-Sachverständigen Leo Alexander hin: „Der Anfang war eine feine Verschiebung in der Grundeinstellung der Ärzte“. Schlagworthaft werden im Eingangsbereich verschiedene „Spannungsfelder und unauflösbare Widersprüche“ benannt, welche die „moderne Medizin“ gefährden können. Bei diesen handelt es sich teils um Risiken und Gegensätze, die der „modernen“ naturwissenschaftlichen Medizin und ihrer Forschungspraxis immanent sind, teils um strukturelle Widersprüche, die aus dem modernen Wissenschaftssystem und seinem komplexen Wechselverhältnis zur Politik resultieren. Sie trugen dazu bei, dass sich die Heilkunde in der NS-Zeit zu einer ausmerzenden Disziplin entwickelte, und stellen auch heute noch eine Herausforderung dar.

Ein dritter Zugang zum Ausstellungsthema führt schließlich über das Medium der Kunst. Der im Außenbereich des Charité-Geländes gelegene Erinnerungsweg „Remember“ stellt ein Angebot vor allem für Passanten und die interessierte Öffentlichkeit dar. Im Rahmen mehrerer Stationen setzt sich das interaktive Denkmal der Künstlergruppe um Sharon Paz mit spezifischen Aspekten der Charité-Geschichte auseinander und bietet dabei Anknüpfungspunkte zur Ausstellung.

Die Ausstellung nähert sich den medizinischen Grenzüberschreitungen und Verbrechen von Charité-Medizinern ab 1933 in einem ersten Erzählstrang von der Seite der Betroffenen und Opfer, denen man mithilfe von teils sehr berührenden Ego-Dokumenten eine Stimme zu geben versucht. Für einige Gruppen, etwa die Opfer der sogenannten Kindereuthanasie, fehlen jedoch solche Selbstzeugnisse, sodass Leerstellen bleiben. Der Perspektive der Opfer haben die Ausstellungsmacher – in einem zweiten, nach Fachdisziplinen gegliederten Erzählstrang – das Handeln und die wissenschaftlichen Kontexte der verantwortlichen „Akteure“ gegenübergestellt; einige dieser Mediziner, wie der Chirurg Karl Gebhardt, der Jugendpsychiater Hans Heinze oder der Pädiater Georg Bessau, hätten dabei aber durchaus deutlicher als „Täter“ bezeichnet werden können.

Neben Betroffenen und Opfern der NS-Medizin wurden in die Betrachtung auch Charité-Angehörige und Studierende einbezogen, die aufgrund antisemitischer und politischer Verfolgung von der Universität ausgeschlossen wurden. Zwischen 1933 und 1938 wurden Hunderte Medizinstudenten und über 160 Ärzte, Mitarbeiter und Forschende aus ihren Stellungen entlassen. Was das im Einzelfall für die Betroffenen bedeutete, zeigt die Ausstellung am Beispiel des jüdischen Gerichtsmediziners Paul Fraenckel, der nach langjähriger Lehrtätigkeit an der medizinischen Fakultät 1933 die Venia legendi verlor und 1935 auch den Herausgeberkreis der von ihm mitedierten Fachzeitschrift verlassen musste. Als eine Polizeiverordnung die in Deutschland lebenden Juden 1941 zum Tragen eines „Judensterns“ verpflichtete, nahm sich Fraenckel das Leben. Er konnte, so eine von ihm hinterlassene Notiz, diese weitere Deklassierung nicht mehr hinnehmen: „Das ertrage ich nicht – den gelben Davidsstern auf der Brust! Es ist der gefürchtete Keulenschlag, den ich doch immer noch nicht für möglich halten wollte, obwohl vieles darauf hinwies. Er zerstört die letzte Freiheit der Bewegung.“ (Katalog, S. 38)

Die für die Verdrängung von Wissenschaftlern wie Fraenckel verantwortlichen Akteure und Mechanismen werden im zweiten Erzählstrang mit Blick auf die an der Charité verbliebenen Dozenten und Studenten untersucht. Hier zeigt sich, dass sowohl die Ausschaltung jüdischer Kollegen als auch die Verfolgung spezifischer Fachinteressen in erster Linie über politische Anbiederung und Selbstgleichschaltung erfolgte – um den Preis ideologischer Vereinnahmung und wissenschaftlicher Uniformierung. So stellte Paul Diepgen, Nestor der deutschen Medizingeschichte, sein Institut bereitwillig in den Dienst des NS-Staates, um einen Bedeutungszuwachs für sein junges Fach zu erwirken. „Säuberungsaktionen“ der NS-Studentenschaft führten dazu, dass bestimmte Forschungsrichtungen, wie der sexualwissenschaftliche Ansatz Magnus Hirschfelds, aus den Bibliotheken verschwanden.

Die Verfehlungen von Charité-Ärzten spiegeln die Radikalisierung der Medizin in der NS-Zeit wider. Der Bogen spannt sich vom „fragwürdigen“ und doppelmoralischen Handeln der Venerologen gegenüber geschlechtskranken Frauen über die „verwerfliche“ Nutzung von Leichnamen Hingerichteter ohne deren Einwilligung durch Anatomen und weiter über das als „schwere Verletzung der Menschenwürde“ einzustufende Beforschen von Gebeinen gewaltsam Getöteter durch medizinische Anthropologen bis hin zu den später als „Unrecht“ geächteten Zwangssterilisationen der Gynäkologen und endet schließlich bei den „Medizinverbrechen“ von Chirurgen, Pädiatern und Psychiatern im Zusammenhang mit kriminellen Humanexperimenten und Euthanasie-Morden. Bei zwei Themenkomplexen geht der Betrachtungszeitraum deutlich über die NS-Zeit hinaus, nämlich bei der Frage nach Rudolf Virchows „rassen-anthropologischer“ Schädel- und Skelettsammlung und bei der Diskriminierung weiblicher Geschlechtskranker in der Medizin. Dadurch wird deutlich, dass viele der Komplexe, wie auch das eugenische Denken oder die Forschung an Leichen unfreiwilliger Körperspender, eine längere Vorgeschichte haben.

Das Ausstellungskonzept überzeugt, nicht zuletzt aufgrund des bereits aus KZ-Gedenkstätten bekannten Ansatzes, NS-Verbrechen auch aus der Perspektive der Opfer darzustellen. Gerade an einem Ausstellungsort wie dem Campus Charité Mitte, an dem auch heute medizinische Ausbildung, Behandlung und Forschung stattfindet, stellt die Sicht der von dem ärztlichen Handeln Betroffenen und Patienten eine wichtige Perspektiverweiterung dar. Die in Ausstellung und Katalog vorgestellten Themenkomplexe sind zwar nicht neu, doch bietet die Präsentation eine Vielzahl bislang kaum beachteter Details und wenig bekannter Dokumente und Zeugnisse.


Abb. 2: Blick in die Ausstellung
Foto: Wolfgang Chodan, 2017

Aus dem Ausstellungsort ergaben sich aber auch deutliche Nachteile für die Ausstellungsgestaltung. Die Präsentation erstreckt sich über den Eingangsbereich und mehrere Durchgangsräume zur Klinik, deren aktuelle medizinische Nutzung zu einer insgesamt recht zurückgenommenen Ausstellungsgestaltung zwang: In der Mehrheit der Räume wurden nur die Wände bespielt, Hörstationen und interaktive Medien finden sich nur sehr vereinzelt. Dennoch: im Ganzen – vor allem mit Blick auf die Hauptzielgruppe – ein gelungenes Projekt.

Anmerkung:
[1] Der Katalog stellt eine Eins-zu-eins-Dokumentation der Ausstellung dar, ergänzt um drei einführende Kurzbeiträge aus den Reihen der damaligen Projektgruppe, in denen Zugänge und Kontexte der Ausstellung erläutert werden.

Zitation
Astrid Ley: Rezension zu: Die Charité im Nationalsozialismus, 23.07.2017 GeDenkOrt.Charité Berlin, in: H-Soz-Kult, 01.06.2021, <www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-376>.
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01.06.2021
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