Ort
Berlin
Veranstalter
Brücke Museum
Datum
17.04.2021 - 29.08.2021
Publikation
Schmidt, Lisa Marei; Wittmann-Englert, Kerstin (Hrsg.): Werner Düttmann. Berlin. Bau. Werk Berlin : Wasmuth & Zohlen Verlag UG  2021. ISBN 978-3-8030-2215-8 372 S., 368 Abb. € 39,90 (Museum) / € 45,00 (Buchhandel). Url: https://wernerduettmann.de
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Joachim Nicolas Trezib, Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien, Universität Potsdam

Werner Düttmanns Wirken als Architekt und Stadtplaner ist in Berlin allgegenwärtig. Als Exponent einer „postheroischen“ Nachkriegsmoderne, die als Widerpart zur ästhetischen und sozialen Praxis im realsozialistischen Ostteil der Stadt verstanden werden wollte, hat Düttmann das Gesicht West-Berlins, wenn nicht sogar der ganzen Stadt, wie kein anderer Gestalter in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geprägt. Dennoch hat es zu seinem beeindruckenden Œuvre bislang noch keine Ausstellung gegeben, und die einzige, längst vergriffene monographische Publikation zu Düttmann geht auf das Jahr 1990 zurück.[1] Mit der Ausstellung „Werner Düttmann. Berlin. Bau. Werk.“ und dem Begleitband hat das Brücke-Museum in Zusammenarbeit mit der Akademie der Künste (deren West-Präsident Düttmann von 1971 bis zu seinem Tod 1983 war), dem Landesdenkmalamt und der Technischen Universität Berlin nun aus Anlass von Düttmanns 100. Geburtstag die Initiative ergriffen, diese empfindliche Lücke zu schließen.


Abb. 1: Brücke-Museum, Außenansicht des Eingangsbereichs, 31. Mai 2021
(Foto: Fridolin Freudenfett, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dahlem_Bussardsteig_Br%C3%BCcke-Museum.jpg, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en)

Eine Besonderheit der Ausstellung liegt darin, dass sie mit dem Veranstaltungsort des Brücke-Museums einen Raum nutzt, den der Architekt in Zusammenarbeit mit dem Maler Karl Schmidt-Rottluff selbst entworfen hat – das Museumsgebäude wurde 1967 eingeweiht[2] und im Vorfeld der jetzigen Ausstellung teils renoviert. Die Kuratorin und Museumsdirektorin Lisa Marei Schmidt hat sich den Genius loci auf eine sehr umsichtige, geradezu kongeniale Weise zunutze gemacht. Wie das Gebäude selbst verweist auch die Ausstellungsarchitektur der „Kooperative für Darstellungspolitik“ auf die Haltung des Gestalters Düttmann, eine Haltung, die sein ganzes Werk durchzieht und zugleich eine Art heuristisches Prinzip der Ausstellung bildet: eine gewisse Bescheidenheit, ein nüchternes, uneitles Bemühen um die Gestaltung, eine Angemessenheit von Material, Raum und Maß. Überzeugend wirkt es zudem, dass nicht nur das architektonische, sondern auch das malerische Werk Düttmanns präsentiert wird, das wesentliche Impulse aus dem Umfeld der „Brücke“ empfing. Statt die disziplinären Grenzen zu betonen, gestalten sich die Übergänge zwischen der Kunstschau des Brücke-Museums und der Architekturausstellung, zwischen Kunstschaffen und architektonischer Praxis Düttmanns, fließend und offen.


Abb. 2: Exponate im Ausstellungsbereich „C. Bildende Kunst. Werner Düttmann. Künstler, Sammler, Liebhaber.“ Bei den vier Gemälden auf der linken Seite des Fotos handelt es sich um eigene Arbeiten Düttmanns.
(Foto: Silke Briel / © Brücke-Museum)


Abb. 3: Wandmontage mit Drahtgitter zum Ausstellungsbereich „E. Brücke-Museum. Werner Düttmann, 1963–1967. Materialfarbe, Expressionismus, Oberlichter.“
(Foto: Silke Briel / © Brücke-Museum)

Die Ausstellung selbst gliedert sich in klar abgegrenzte, leicht überschaubare thematische Einheiten – unter anderem Biographie, Bildende Kunst, Architektonisches Schaffen, Städte- und Siedlungsbau –, in denen neben originalen Gemälden Düttmanns (und zeitgenössischen Kunstwerken aus seiner Sammlung) zumeist kleinformatige Planreproduktionen, Gebäudefotos, persönliche Korrespondenzen und Archivalien gezeigt werden. Objekte, Plastiken, Möbelstücke und Publikationen werden auf einfachen Tischen oder großformatigen Drahtgittern ausgestellt, die an die Wand, auf dem Boden oder freischwebend im Raum installiert sind. Ein wandgroß reproduziertes Satellitenfoto mit dem Grundriss Berlins verortet die gezeigten Gebäude in der Topographie der Stadt. Ergänzt werden diese Exponate durch diverse zeitgenössische Tondokumente und Filme, in denen Düttmann sich selbst zu seinem Werk äußert – etwa im Dezember 1960, als Düttmann den Journalisten Thilo Koch in seinem Cabrio auf eine West-Berlin-Spritztour mitnahm und für das Fernsehen Fragen zur Stadtplanung beantwortete.


Abb. 4: Stadtkarte von Berlin mit Legende der im Stadtraum zu besichtigenden Gebäude Düttmanns
(Foto: Silke Briel / © Brücke-Museum)

Es zeichnet das Konzept aus, dass sich zwischen die gezeigten Bilder und Objekte und die Betrachter:innen keine zusätzliche visuelle Ebene schiebt, wie sie durch Vitrinen, Bilderrahmen oder ähnliche museale Mittel entstehen könnte. Vielmehr sind die meisten Reproduktionen und Fotos ganz einfach flächig und ohne Rand auf die Museumswände geklebt oder werden durch Maulklemmen fixiert. Die Überschriften jedes einzelnen Ausstellungsteils lehnen wie übergroße Registerkarten als weiße Tafeln an den Wänden – ein Detail, das für die unprätentiöse, minimalistische Präsentationsweise der Ausstellung insgesamt steht. Die Vielzahl der Bilder an den Museumswänden ist zwanglos in Spalten gegliedert, wobei der Wechsel zwischen ausgesprochen kleinformatigen und größeren Reproduktionen eine Art von Bewegungsrhythmus zwischen Abstandnehmen und genauem Betrachten aus der Nähe zu erzeugen scheint – ein Modus des Sehens, der sehr gut zu den Räumlichkeiten des Museums und zum dargestellten Sujet passt. Als informative Handreichungen sind die Erklärungen und Beschriftungen zu den Ausstellungsstücken stets bündig und gut lesbar. Es spricht für die Qualität der Ausstellung, dass die Besucher:innen, im Maß des Museums bleibend, beim Beschreiten des Karrees um den Innenhof des Hauptgebäudes keinen weiten Weg zurücklegen müssen – und dennoch am Ende das Gefühl haben, über das Werk und die Person Düttmanns gut informiert zu sein.


Abb. 5: Blick auf den Ausstellungsbereich „B. Biographie. Werner Düttmann, 1921–1983. Architekt, Senatsbaudirektor, Professor, Präsident.“
(Foto: Joachim Nicolas Trezib)

Trotz der hohen Informationsdichte drängt sich indessen niemals der Eindruck von Überfülle auf. Sicher wäre es angesichts des überaus vielschichtigen und reichen Œuvres des Architekten naheliegend gewesen, eine entsprechend breit gefasste Dokumentation anzustreben, und man kann es durchaus bedauern, dass einzelne der ikonischen, für die West-Berliner Architekturlandschaft so prägenden Bauten – wie die Akademie der Künste am Hanseatenweg, die Mensa der Technischen Universität, die Hansabücherei, der Kirchenbau von St. Agnes oder die „Graue Laus“ am Wassertorplatz in Kreuzberg – nicht mit einer größeren Zahl von Bildzeugnissen, zeitgenössischen Kommentaren und Interpretationen reflektiert werden. Das Ausstellungskonzept integriert solche Vertiefungen und Kontextualisierungen jedoch auf eine andere Art und Weise. Als dezentrales Netzwerk kommunizierender Teile sind in verschiedenen, ausgewählten Gebäuden Düttmanns über den ganzen ehemaligen Westen Berlins verteilt kleine Werkausstellungen eingerichtet worden, die das Œuvre des Architekten im Maßstab ihres Umraums und des städtischen Gesamtraums erlebbar machen. So gesehen ist das Brücke-Museum nur Brückenkopf der Ausstellung, Ausgangspunkt eines urbanen Spaziergangs, dessen einzelne Stationen (insgesamt 28) abgeschritten werden wollen, um das museale Erleben durch die Konkretion des realen architektonischen Objekts zu erweitern. Obwohl diese Werkausstellungen – die im Übrigen mit denselben, sparsam eingesetzten formalen Mitteln wie die Hauptausstellung arbeiten – nur den Charakter punktueller Installationen tragen, vermitteln sie doch Hintergründe zur Baugeschichte der Gebäude und zu den Debatten, die ihre Entstehung und Nutzung begleitet haben, und die anderweitig im Bild der Ausstellung fehlen würden. Zum Teil geschieht dies auch in Form von „augmented reality“-ähnlichen Elementen, die mit dem Smartphone abgerufen werden können.

Der Katalog zur Ausstellung ist bei solchen Stadtspaziergängen zu den Gebäuden Düttmanns ein guter Begleiter. Obwohl der Band ein stattliches Volumen hat, wirkt er mit seiner Broschur beinahe wie ein Taschenbuch. Die Texte der einzelnen Autor:innen – unter ihnen Martina Düttmann (die 2009 verstorbene Witwe des Architekten; Wiederabdruck eines Textes von 1990), Gabi Dolff-Bonekämper, Werner Heegewaldt, Niklas Maak und Hans Zischler – haben einen knappen Umfang und sind thematisch abwechslungsreich zusammengestellt. Auch die Aufmachung mit mattem, angenehm greifbarem Papier und der relativ großen, sehr gut lesbaren Schrifttype (Berthold Akzidenz-Grotesk) zeigt, dass die Herausgeberinnen weniger eine akademische Publikation als vielmehr den Charakter eines Lesebuchs angestrebt haben, das in die Hand genommen und beim Durchblättern entdeckt werden will. Ein gut 30-seitiger Abschnitt mit Baubeschreibungen ist aber auch ein hilfreicher Einstieg für wissenschaftliche Interessen, ebenso wie die Bibliographie am Ende des Bandes.

In der Kombination aller vier Teile – Museum, Stadtraum, Buch und Website[3] – können Besucher:innen der Ausstellung das Werk des Architekten daher auf eine Art und Weise erfahren, die den Blick für seine Besonderheit schärft und wieder neu erleben lässt. Dies gilt gerade auch für die Konfrontation mit dem architektonischen Objekt im Stadtraum, die eine eigenartige Dialektik von Distanz und Nähe zu erzeugen scheint: Düttmanns Werke in Berlin sind so präsent, dass man sie, ganz gleich ob positiv oder negativ konnotiert, im Alltag kaum noch wahrnimmt. Das hat womöglich auch damit zu tun, dass die Ausprägung der Architekturmoderne, zu der sich Düttmann durch sein Schaffen bekannte, schon zu seinen Lebzeiten wachsender Verfemung ausgesetzt war, ja dass die Polemik gegen den „asozialen Wohnungsbau“ und die „Brutalität“ der Moderne sich an den Projekten Düttmanns geradezu entzündete. Die Kahlschlagsanierungen im Bezirk Kreuzberg, der Städtebau des Mehringplatzes, das Märkische Viertel – all diese großflächigen Eingriffe in den Stadtraum, die Düttmann als West-Berliner Senatsbaudirektor (1960–1966) verantwortete und vorantrieb, zählen zu den umstrittensten Erbstücken der Architekturmoderne in Berlin. So gesehen, gehen auch die späteren, postmodernen Reparaturversuche der Stadt im Rahmen der Internationalen Bauausstellung 1987 indirekt auf Düttmann zurück. Wie Le Corbusier oder Walter Gropius glückte es ihm nicht, die in seinem architektonischen Werk so virtuos gehandhabte Sprache der Architekturmoderne in ein adäquates städtebauliches Strukturbild zu übersetzen. Dennoch ist festzuhalten: Kaum ein anderer Architekt der Moderne hat eine ähnliche Sensibilität für Proportionen und das richtige Maß entwickelt und es so verstanden wie Düttmann, in den Räumen seiner Gebäude ein Gefühl von Intimität und Aufgehobensein zu erzeugen. Das zeigt sich zum Beispiel eindrucksvoll in einem Bau wie der 1958 eröffneten Hansabücherei[4], deren begrünter Innenhof inmitten der dimensionslosen Freiflächen um die Wohnhochhäuser des Hansaviertels eine urbane Oase der Ruhe und des Friedens schafft – ein Ort, wie es ihn in Berlin wohl nicht ein zweites Mal gibt. In solchen Räumen zeigt sich auch ein Nachhall von Düttmanns angelsächsischen bzw. US-amerikanischen Prägungen, die gleichsam das diskret sozialpädagogische Ambiente britischer New Towns oder die gelassene Attitüde der gehobenen West Coast Suburbia verinnerlicht hatten. Düttmanns Architektur bemühte nie den Gestus bloßer Effekthascherei, entwickelte ihre Qualität vielmehr aus dem Gefühl für eine Zwanglosigkeit der Raumentfaltung, die sich aus dem Inneren des jeweiligen Gebäudes und den tatsächlichen Nutzungen ergibt.


Abb. 6: „Ortsübergreifende Ausstellungsarchitektur“, hier am Beispiel der Hansabücherei
(Foto: Joachim Nicolas Trezib)

Beide Aspekte in Düttmanns Werk, Problematik und Sensibilität, werden in der Ausstellung thematisiert. Dass die gegensätzlichen Ansichten, ja sogar explosiven Kontroversen über seine Gebäude bis heute nachwirken, zeigen allein schon die höchst unterschiedlichen Rezensionen von Peter Richter für die „Süddeutsche Zeitung“ und von Martin Kieren für die „taz“.[5] An solchen Debatten hätte sich Werner Düttmann gewiss nicht gestört. Und, ja: Ganz sicher wäre er über diese Ausstellung, hätte er sie erlebt, glücklich gewesen.

Anmerkungen:
[1] Haila Ochs (Hrsg.), Werner Düttmann, verliebt ins Bauen. Architekt für Berlin 1921–1983, Basel 1990.
[2] Siehe https://wernerduettmann.de/karte/bruecke-museum (05.08.2021).
[3] Die Website bietet ein ungewöhnlich breites Spektrum an Video- und Audiomaterial zur Vertiefung: https://wernerduettmann.de/medien (05.08.2021).
[4] Siehe https://wernerduettmann.de/karte/hansabuecherei-und-u-bahnhof (05.08.2021).
[5] Peter Richter, Unser Mann in West-Berlin, in: Süddeutsche Zeitung, 05.03.2021, https://www.sueddeutsche.de/kultur/werner-duettmann-architekt-bruecke-museum-1.5224933 (05.08.2021); Martin Kieren, Erinnerungen an Onkel Werner, in: taz, 12.04.2021, S. 15, https://taz.de/Essay-zu-Architekt-Werner-Duettmann/!5760766/ (05.08.2021).

Zitation
Joachim Nicolas Trezib: Rezension zu: Werner Düttmann. Berlin. Bau. Werk., 17.04.2021 – 29.08.2021 Berlin, in: H-Soz-Kult, 14.08.2021, <www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-377>.