Slavery. Ten true stories

Ort
Amsterdam
Veranstalter
Rijksmuseum Amsterdam
Datum
05.06.2021 - 29.08.2021
Publikation
: Slavery: The Story of João, Wally, Oopjen, Paulus, Van Bengalen, Surapati, Sapali, Tula, Dirk, Lohkay Amsterdam : Atlas Contact  2021. ISBN 978-90-45044-27-9 352 S. Url: https://www.rijksmuseum.nl/en/whats-on/exhibitions/slavery
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jan Hüsgen, Deutsches Zentrum Kulturgutverluste, Magdeburg

Am 1. Juli 2021 entschuldigte sich die Bürgermeisterin von Amsterdam, Femke Halsema, für die aktive Rolle der Stadt beim niederländischen Sklavenhandel des 17. und 18. Jahrhunderts.[1] Der 1. Juli ist in den Niederlanden der Tag zur Erinnerung an die Abschaffung der Sklaverei, die am 1863 in den Kolonien offiziell aufgehoben wurde. Allerdings mussten die ehemaligen Sklav:innen weitere zehn Jahre auf den Plantagen arbeiten und erhielten somit erst 1873 ihre Freiheit. Die öffentliche Entschuldigung der Bürgermeisterin von Amsterdam ist im Kontext eines Diskurses zu sehen, der in den letzten Jahren für eine breite gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der niederländischen Beteiligung am Sklavenhandel gesorgt hat. So wurde etwa die Kontinuität rassistischer Stereotype in der Figur des „Zwarte Piet“, dem Begleiter von „Sinterklaas“, diskutiert. Auch der Begriff „Goldenes Zeitalter“ für die niederländische Kunst- und Kulturgeschichte des 17. Jahrhunderts wurde kritisch hinterfragt und die Frage von Reparationen für die niederländische Beteiligung am Sklavenhandel debattiert.

In diesem Umfeld einer nicht nur fachwissenschaftlich, sondern im Zuge der „Black Lives Matter“-Bewegung zunehmend auch öffentlich geführten Debatte zur niederländischen Kolonialgeschichte und insbesondere zur Beteiligung am Sklavenhandel ist die Ausstellung „Slavery. Ten true stories“ des Rijksmuseum entstanden. Dabei geht die Ausstellung auf ein bereits 2017 angekündigtes Forschungsprojekt zurück. Das Ziel des Projekts „Rijksmuseum & Slavery“, dessen Ergebnisse die Basis für die Ausstellung bilden, war es, eine Verbindung des Themas zu den Sammlungen des Museums und somit zur niederländischen Nationalgeschichte herzustellen. Zudem sollte durch eine multiperspektivische Erzählweise die Vielfältigkeit des Lebens der versklavten Menschen dargestellt und ihnen selbst ein Gesicht gegeben werden. Dadurch sollte den Besucher:innen einerseits die enge Verbindung der niederländischen Nationalgeschichte mit der Sklaverei verdeutlicht werden, andererseits durch die Fokussierung auf individuelle Biographien ein abstrakter wirtschaftshistorischer Fokus vermieden werden. Die Ausstellung deckt den Zeitraum vom Beginn des 17. Jahrhunderts bis zur Abschaffung der Sklaverei ab. Sie räumt neben der niederländischen Beteiligung am transatlantischen Sklavenhandel auch der Sklaverei in Niederländisch Ostindien und in der Kapkolonie breiten Raum ein. Verteilt auf elf Ausstellungsräume werden neben Objekten aus dem Bestand des Rijksmuseum mehrere nationale und internationale Leihgaben aus Archiven und Museen gezeigt. Dabei ist die Präsentation nach einem Prolog und einem Abschnitt zur historischen Kontextualisierung der Sklaverei in zwei wesentliche Oberkapitel untergliedert. Zum einen stellt sie das Leben der versklavten Menschen innerhalb des Sklavereisystems dar, zum anderen den Kampf um Freiheit und Autonomie. Die Ausstellungsarchitektur greift diese Unterteilung auf. Die Räume, in denen die Welt der Sklavenbesitzer thematisiert wird, sind eng und mit verspiegelten Paneelen gestaltet, sodass sich ein Gefühl der ständigen Beobachtung ergibt.


Abb. 1: Ausstellungsarchitektur im Abschnitt zu einem niederländischen Plantagenbesitzer
(Foto: Jan Hüsgen)

Jene Abschnitte, in denen der Widerstand von versklavten Menschen thematisiert wird, sind großzügig und in fließenden Formen gestaltet, sodass die Besucher:innen sich frei bewegen können. Als grundsätzliche Voraussetzung für den Besuch der Ausstellung ist dabei die Nutzung des Audio-Guide zu empfehlen, da erst durch ihn die multiperspektivische Erzählweise im zweiten Teil der Ausstellung nachvollzogen werden kann.


Abb. 2: Blick in den Abschnitt der Ausstellung, der sich mit verschiedenen Formen des Widerstands von versklavten Menschen beschäftigt
(Foto: Jan Hüsgen)

Bereits bevor die Besucher:innen die Ausstellungsräume betreten, wird ihnen anhand von fünf über ihnen hängenden Plantagenglocken aus den niederländischen Kolonien, die den Beginn und das Ende des Arbeitstages ankündigten, die völlige Fremdbestimmung des Lebens der versklavten Menschen verdeutlicht.


Abb. 3: Eingangsbereich der Ausstellung mit Plantagenglocken
(Foto: Jan Hüsgen)

Ein zweiter Raum nimmt Lieder aus den ehemaligen Kolonialgebieten zum Ausgangspunkt, um anhand mündlicher Überlieferungen die Lebensbedingungen der versklavten Menschen zu thematisieren. Die folgenden Räume sind nun der breiteren historischen Kontextualisierung der niederländischen Sklaverei gewidmet. Anhand weniger Objekte werden zentrale Themen, wie der transatlantische Sklavenhandel, die Versuche der Entmenschlichung der versklavten Menschen durch Kaufverträge, Praktiken der Namensgebung und Brandmarkung thematisiert. Eine Goldschatulle, welche die Niederländische Westindische Kompanie 1749 Wilhelm IV. von Oranien Nassau übergab, stellt den direkten Bezug der Ausstellung zur Sammlung des Rijksmuseum her. Diese wurde in der bisherigen Präsentation vor allem als kunstvoll gestaltetes Objekt des Rokokos präsentiert und erfährt in der aktuellen Ausstellung erstmals größere Aufmerksamkeit. Die Darstellung des Handels mit Gold, Elfenbein und Menschen auf ihrem Deckel verdeutlicht die enge Verflechtung zwischen Sklavenhandel und wirtschaftlicher und politischer Elite.

Den eigentlichen Kern der Ausstellungen bilden aber jene „Ten true stories“, die in den folgenden Räumen versuchen, sich den Lebensbedingungen der versklavten Menschen innerhalb des Sklavereisystems anzunähern und die ausführlich vom kulturellen und gewaltsamen Widerstand gegen die Sklaverei berichten. Dabei kommt dem mikrohistorischen Zugang zum Thema anhand von zehn biographischen Geschichten sicherlich das herausragendste Verdienst der Ausstellungsmacher:innen zu. Gerade vor dem Hintergrund der spärlichen Selbstzeugnisse von versklavten Menschen gelingt es den Kurator:innen sehr überzeugend, anhand des verfügbaren Quellenmaterials, wie etwa Protokollen der Westindischen Kompanie und Gerichtsakten, sich den Perspektiven der Versklavten anzunähern. Wenige sehr gezielt ausgewählte Objekte dienen dazu, die Lebens- und Arbeitswelt der versklavten Menschen auch in ihrer materiellen Komponente für die Besucher:innen erfahrbar zu machen. Die Einzelschicksale werden so in den Kontext größerer Themen der niederländischen Sklavereigeschichte gesetzt, dass sie in der Summe ein breites Panorama der unterschiedlichen regionalen und zeitlichen Ausprägungen von Sklaverei bieten. Eine wesentliche Unterstützung bietet hierbei der Audio-Guide, der von unterschiedlichen Personen gesprochen wurde, die selbst eine Beziehung zum Protagonisten der Ausstellungsstation oder zum präsentierten Objekt herstellen können. So erzählt der ehemalige Weltmeister im Kickboxen Remy Bonjasky, dessen Vorfahren auf derselben Plantage lebten, die Geschichte von Wally, einem zum Tode gefolterten Plantagenarbeiter aus Surinam.


Abb. 4: Ausstellungsbereich zu „Wally“ und den Lebensbedingungen auf einer Plantage in Surinam
(Foto: Jan Hüsgen)

Dabei wird wie in anderen Kapiteln der Ausstellung auch, ausgehend von der schriftlichen oder mündlichen Überlieferung und ausgewählten Objekten, eine Annäherung an das Thema vorgenommen. Im Beispiel von Wally bedeutet dies, dass das Protokoll seines Verhörs aus dem Nationalarchiv in Den Haag im Zusammenhang mit Zeichnungen und Gemälden von Dirk Valkenburg zu den Lebenswelten auf einer karibischen Zuckerplantage im frühen 18. Jahrhundert gesetzt wird. Eindrücklichstes Objekt dieses Kapitels ist eine Kappa, eine Siedeschale des Verarbeitungsprozesses von Zuckerrohr, die das Rijksmuseum 2020 erwerben konnte und anhand derer die gefährliche und unmenschliche Arbeit auf einer Plantage deutlich wird. Diese sehr persönliche Erzählweise ermöglicht es den Ausstellungsmacher:innen, die Einzelschicksale aus der anonymen Masse herauszuheben und für die Besucher:innen erfahrbar zu machen.

Den Abschluss bildet ein partizipatives Kunstprojekt von David Bade und Tirzo Martha, welches den Besucher:innen ermöglicht, eigene Akzente durch die Gestaltung von zehn Skulpturen zu den Akteur:innen der Ausstellung zu setzen. Zusätzlich zur Präsentation in der Sonderausstellung bietet das Rijksmuseum einen Rundgang durch die Dauerausstellung an, in dem einzelne Objekte vor dem Hintergrund des Forschungsprojekts „Rijksmuseum & Slavery“ neu präsentiert werden.

Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass die Ausstellung das selbst gesetzte Ziel, die niederländische Sklaverei in ihren verschiedenen Facetten zu thematisieren, weitgehend erfüllt hat. Relativ wenig Raum nehmen jedoch die Phase der Abschaffung der Sklaverei und die damit verbundenen neuen Formen von Unfreiheit ein. Der 1. Juli 1863 bedeutete nicht das Ende der Unterdrückung für die ehemaligen versklavten Menschen. Ein wesentliches Verdienst der Ausstellungsmacher:innen bleibt dennoch die erfolgreiche Annäherung an die Lebensbedingungen der versklavten Menschen und deren Darstellung als eigenständig handelnde Subjekte. Es ist zu hoffen, dass die Ergebnisse des mit der Ausstellung verbundenen Forschungsprojekts auch in die Dauerausstellungen des Rijksmuseum einfließen werden. Eine sehr gute Basis bildet dabei bereits der Katalog zur Ausstellung, der neben Essays zu den einzelnen Stationen ein Gespräch mit dem wissenschaftlichen Beirat enthält, in welchem weitere Perspektiven zum Umgang des Rijksmuseum mit der Repräsentation von Sklaverei und Kolonialismus aufgezeigt werden.

Anmerkung:
[1] Meldung der Deutschen Welle vom 1. Juli 2021: „Die Niederlande arbeiten die Epoche der Sklaverei auf“, <https://www.dw.com/de/die-niederlande-arbeiten-die-epoche-der-sklaverei-auf/a-58127152> (05.08.2021).

Zitation
Jan Hüsgen: Rezension zu: Slavery. Ten true stories, 05.06.2021 – 29.08.2021 Amsterdam, in: H-Soz-Kult, 28.08.2021, <www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-386>.