Un altro viaggio in Italia.Luoghi, storia e memorie della Seconda guerra

Ort
Casa della Memoria, Milano
Veranstalter
Istituto nazionale Ferruccio Parri; Paesaggi della memoria, mit Unterstützung des deutsch-italienischen Kulturfonds
Datum
21.04.2022 - 15.05.2022
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Pascal Oswald, Historisches Institut, Universität des Saarlandes

Wer mit der grünen Metrolinie 2 zur Haltestelle Gioia im Norden von Mailands Zentrum fährt, erreicht von dort über einen von Hochhäusern umringten Park die Casa della Memoria. Der im Vergleich zum direkt gegenüberliegenden, spektakulären Bosco Verticale unauffällige, quaderförmige Backsteinbau zeigt vom 21. April bis 15. Mai 2022 die von der Zentrale der italienischen Resistenza-Institute, dem Mailänder Istituto nazionale Ferruccio Parri (InFP), und dem Museumsverbund Paesaggi della memoria organisierte Ausstellung „Un altro viaggio in Italia. Luoghi, storia e memorie della Seconda guerra mondiale in Italia“.[1] Diese wird in ihrem doppelsprachigen italienisch-englischen Format noch in vier weiteren italienischen Städten zu sehen sein und soll in einer deutsch-englischen Version unter dem Titel „Eine andere italienische Reise. Der Zweite Weltkrieg in Italien: Orte, Geschichte und Erinnerungen“ auch noch hierzulande gezeigt werden.

Das Interesse der Deutschen am „Sehnsuchtsland Italien“ bezieht sich meist auf seine Kunst und Natur sowie auf seine große Vergangenheit von der Antike bis zur Renaissance. Als Inbegriff der klassizistischen, an der Antike orientierten Italienauffassung gilt Goethes „Italienische Reise“. Originell und bewusst an diesen Titel anknüpfend zeigt die hier zu besprechende Ausstellung ein ganz anderes, unbekannteres Stück italienischer Geschichte. Das faschistische Italien, das bereits seit dem „Marsch auf Rom“ 1922 von Benito Mussolini regiert und in den Folgejahren in eine repressive Diktatur verwandelt wurde, trat am 10. Juni 1940 aufseiten des Deutschen Reichs in den Zweiten Weltkrieg ein. Spätestens nach dem desaströsen Balkan- und Griechenlandfeldzug, in dem die deutsche Unterstützung notwendig wurde, zeigte sich, dass das faschistische Italien nicht mehr als der schwache Juniorpartner im Achsenbündnis war. Nachdem am 10. Juli 1943 bereits alliierte Truppen auf Sizilien gelandet waren, wurde Mussolini schließlich am 25. Juli durch eine innere monarchisch-faschistische Opposition gestürzt. Sein Nachfolger im Amt des Ministerpräsidenten Pietro Badoglio nahm im Geheimen Waffenstillstandsverhandlungen mit den Alliierten auf, deren Bekanntgabe am 8. September 1943 zur Besetzung weiter Teile Nord- und Mittelitaliens durch die Deutschen und zur Auflösung der italienischen Armee führte. Das folgende turbulente Biennium 1943–45 war ebenso vom Bürgerkrieg zwischen den im Marionettenregime der Repubblica Sociale Italiana reorganisierten Faschisten und der Resistenza wie vom Krieg zwischen Alliierten und Deutschen geprägt.

Die von einem durch einen concorso des InFP ausgewählten, jungen fünfköpfigen deutsch-italienischen Team kuratierte Ausstellung ist – das sei vorweggenommen – klein und insofern klassisch konzipiert, als sie vorwiegend aus Texten und Bildern besteht. Frucht von mehr als einem Jahr Arbeit, möchte die Ausstellung sowohl die Geschichte des Zweiten Weltkriegs als auch den Umgang mit dieser schwierigen Vergangenheit thematisieren. Sie ist Teil der vom deutsch-italienischen Zukunftsfonds geförderten Initiative „Riconoscere il passato degli altri“, die neben der Ausstellung eine im Dezember 2021 veranstaltete wissenschaftliche Tagung[2] und eine im Aufbau begriffene Website[3] umfasst.


Abb. 1: Der Ausstellungsflyer
(C) Mit freundlicher Genehmigung des Istituto nazionale Ferruccio Parri

„Un altro viaggio in Italia“ hat eine dezidiert didaktische Ausrichtung und wendet sich primär an ein junges Publikum. Präsentiert werden die Texte und Graphiken auf großformatigen Kartontafeln zuzüglich einer Einführungs- und einer Schlusstafel in fünf Blöcken, um welche die Besucher:innen herumgehen können. Die Ausstellung hat eine klare Struktur und einen anschaulichen Aufbau: Sie gliedert sich in zehn thematische Sektionen, denen jeweils drei Tafeln gewidmet sind. Die Sektionen lauten im Einzelnen: Faschismus und Antifaschismus, Kriege des Faschismus, geteiltes Italien, deutsche Besatzung, Antisemitismus und Shoah, Deportationen und Internierungen, der deutsche Krieg, der alliierte Krieg, Resistenze (bewusst in den Plural gesetzt, um auch die nichtgewaltsamen Formen des Widerstands zu berücksichtigen) und Nachkriegszeit.

Ihrem didaktischen Ziel entsprechend ist die Ausstellung als ein Dialog zwischen einem jungen Deutschen namens Jan und einer jungen Italienerin namens Laura organisiert, die ihren deutschen Gesprächspartner auf ihre „andere italienische Reise“ zu verschiedenen, für die Geschichte des Zweiten Weltkriegs in Italien wichtigen Erinnerungsorten führt. Diese spielerische Vermittlungsform von Inhalten charakterisiert neben der Einführungs- und Schlusstafel die erste Tafel einer jeden Sektion, die durch ein aktuelles großes Farbfoto des betreffenden Ortes eröffnet wird; es folgt der Dialog zwischen Laura und Jan als Text, der nicht selten die gegenseitigen Vorurteile und Stereotype zum Ausdruck bringt; dem großen Farbfoto wird schließlich weiter unten ein kleineres historisches schwarz-weiß-Foto desselben Orts gegenübergestellt. Die zweite Tafel jeder Sektion enthält dann die „harten“ Fakten: Neben zwei bis drei historischen Fotos gibt es hier zwei Textfelder, eines zur Geschichte und eines zur Erinnerung. Die dritte Tafel trägt zur Veranschaulichung bei, indem sie Bilder und Kurzbeschreibungen von neun heutigen Erinnerungsorten enthält, die thematisch zur Sektion passen und deren geographische Lage auf einer Italien-Karte visualisiert wird. Hier werden sowohl bekanntere Orte wie die Risiera di San Sabba bei Triest, das einzige italienische Lager mit Krematorium, oder die römische Via Tasso, in der sich das berüchtigte Gefängnis und Folterzentrum der SS befand, als auch unbekanntere Orte wie die Tremiti-Inseln, auf die Homosexuelle verbannt wurden, oder deutsche Bunker an der einstigen „Gotenlinie“ behandelt. Zwei bis drei kleinere Tafeln, die Zitate, Zeitleisten oder Graphiken enthalten, ergänzen die jeweiligen Sektionen. Bei den Zitaten der Zeitgenossen handelt es sich meist um publiziertes Material, in einem Fall jedoch sogar um ein Archivzeugnis.


Abb. 2: Die Ausstellungstafeln in der Casa della Memoria
Foto: Mitarbeiter:innen des InFP

Um die Ausstellungsstruktur zu veranschaulichen und eine inhaltliche Vorstellung von einer Sektion zu vermitteln, sei hier exemplarisch die Sektion zur Resistenza besprochen. Eröffnet wird sie durch ein aktuelles Foto des Mailänder Piazzale Loreto, auf dem am 10. August 1944 15 „politische“ Häftlinge auf deutschen Befehl von Faschisten erschossen wurden. Gleichsam als Vergeltung dafür fand ebenda Ende April 1945 die Schändung der Leichen Mussolinis, seiner Geliebten Clara Petacci und weiterer hochrangiger republikanischer Faschisten statt. Der Anblick der an einer Tankstelle kopfüber aufgehängten Leichen bleibt den Besucher:innen jedoch erspart: Stattdessen zeigt das historische Foto den Piazzale Loreto in einer schwarz-weiß-Gesamtansicht. Auf der zweiten Tafel wird kurz die Geschichte des Widerstands erzählt und die Rolle des Nationalen Befreiungskomitees, der Gruppi d’Azione Patiottica, der deutschen Repressalien, des zivilen Widerstands, der von den Partisanen eroberten freien Zonen und des 25. April erläutert. Zu Recht betont der Text über die Erinnerung, dass die Resistenza lange Zeit im öffentlichen Diskurs rhetorisch überhöht wurde. Die dritte Tafel zeigt neun Erinnerungsorte, darunter auch die Piazza delle Erbe in Carrara als Erinnerungsort des lange marginalisierten zivilen Widerstands: Hier protestierten am 7. Juli 1944 Frauen der Stadt erfolgreich gegen den Evakuierungsbefehl. Eine Graphik veranschaulicht zudem entsprechend der Schriftgröße die Häufigkeit bestimmter Kampfnamen von Partisanen. Die „vier Tage von Neapel“, in deren Zuge die Bewohner der süditalienischen Metropole im September / Oktober 1943 die deutschen Truppen aus der Stadt vertrieben, werden nur in einer Zeittafel erwähnt.

Die 30 Tafeln, insbesondere die 10 mittleren Tafeln, bieten insgesamt eine vorzügliche Synthese der Geschichte und Erinnerung Italiens im Zweiten Weltkrieg. Hier wird keine Opfergeschichte im Sinne des Mythos vom „guten Italiener“ geschrieben, sondern auch die eigene faschistische Tätervergangenheit dargestellt, wenn die italienische Verantwortung für die Eroberungskriege in Libyen, Abessinien – hier kam es zu brutalen Giftgaseinsätzen und manche Historiker sprechen von einem Völkermord – und auf dem Balkan sowie die Mitbeteiligung der republikanischen Faschisten an Judenverfolgung und Holocaust aufgezeigt wird.

Natürlich – wie könnte es bei einem so weitreichenden Thema anders sein – lässt sich kritisieren, dass der eine oder andere Aspekt nicht vollständig ausgeleuchtet wird. Generell führt die Fokussierung auf Orte notwendigerweise dazu, dass die Rolle einzelner historischer Persönlichkeiten und ihre Biographien vernachlässigt werden: Zwar finden etwa Persönlichkeiten des frühen Antifaschismus wie Antonio Gramsci, Gaetano Salvemini, Piero Gobetti, der Schriftsteller und Auschwitz-Überlebende Primo Levi sowie der Anführer des Partito d’Azione und erste Ministerpräsident des republikanischen Italien Ferruccio Parri Erwähnung, die Verantwortung von Badoglio und „Araberschlächter“ Rodolfo Graziani für die in Libyen begangenen Völkerrechtsverbrechen und die Namen des faschistischen Außenministers Galeazzo Ciano, der meisten Exponenten des republikanischen Faschismus und bekannter Resistenza-Schriftsteller wie Beppe Fenoglio bleiben jedoch unerwähnt. Die erste Sektion, welche die Hintergründe von Faschismus und Antifaschismus erzählt, muss aufgrund des begrenzten Raums recht holzschnittartig bleiben: Die Bedeutung zentraler faschistischer bzw. antifaschistischer Organisationen wie der Milizia Volontaria per la Sicurezza Nazionale bzw. der Pariser Concentrazione antifascista oder der radikaldemokratischen Giustizia e Libertà wird hier ebenso wenig erläutert wie die Ursprünge des Faschismus oder der Prozess der gesetzlichen Machtsicherung der Diktatur. Gleiches gilt für die Entstehungsgeschichte der „Achse“. Kaum ein grundlegender Aspekt des eigentlichen Themas, Italien im Zweiten Weltkrieg, bleibt jedoch ausgeblendet.

Die Geschichte der Opfer des Zweiten Weltkriegs beschränkt sich nicht auf die Verfolgung der italienischen Juden, von denen rund 8.000 in den nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslagern umkamen, sondern umfasst auch das Schicksal der 24.000 „politischen“ Deportierten, der 10.000 Häftlinge, die in italienischen Lagern verblieben, der italienischen Militärinternierten und der 200.000 Zwangsarbeiter. Auch die Rolle der italienischen Zivilisten wird im Rahmen der Sektion über den alliierten Italienkrieg im Rahmen der Bombardements berücksichtigt, wenngleich etwa die in den Städten eingeführte Sperrstunde und die ökonomischen Lebensbedingungen der Bevölkerung nicht behandelt werden. Die dunklen Seiten der Resistenza, die sogenannten Foibe-Massaker in Nordostitalien und die Morde an mindestens 10.000 (ehemaligen) Faschisten, zu denen es während und nach der Befreiung insbesondere im sogenannten Todesdreieck in der Emilia-Romagna kam, werden nur sehr kurz im Erinnerungsteil zur Nachkriegszeit in Bezug auf die geschichtspolitische Instrumentalisierung durch eine politische Rechte angesprochen, dergestalt, dass unkundige Besucher:innen mit dieser bloßen Erwähnung wohl kaum etwas anzufangen wissen. Verwundert hat den Rezensenten auch, dass das Massaker in den Ardeatinischen Höhlen, eines der für die deutsch-italienische Erinnerung des Zweiten Weltkriegs wohl bekanntesten Ereignisse, nur in einer Zeitleiste Erwähnung findet, ohne dass die brutale Repressalie und ihr Zusammenhang mit dem Attentat in der Via Rasella näher erläutert werden. Doch scheint es sich hier um eine bewusste Entscheidung der Kuratoren zu handeln, und die hier kritisierten Quisquilien trüben nicht den positiven Gesamteindruck von einer Ausstellung, der man viele – auch deutschsprachige – Besucher:innen wünscht.

Anmerkungen:
[1] Vgl. zur Ausstellung auch URL: https://www.unaltroviaggioinitalia.it/wp-content/uploads/2021/03/concept-mostra.pdf (22.04.2022) und für mehr Informationen zu den Institutionen URL: https://www.reteparri.it (22.04.2022) bzw. URL: https://www.paesaggidellamemoria.it/ (22.04.2022).
[2] Vgl. für das Tagungsprogramm URL: https://www.reteparri.it/eventi/riconoscere-passato-degli-altri-un-altro-viaggio-italia-luoghi-storia-memorie-della-seconda-guerra-mondiale-italia-7612/ (22.04.2022).
[3] Vgl. URL: https://www.unaltroviaggioinitalia.it (22.04.2022).

Zitation
Pascal Oswald: Rezension zu: Un altro viaggio in Italia.Luoghi, storia e memorie della Seconda guerra, 21.04.2022 – 15.05.2022 Casa della Memoria, Milano, in: H-Soz-Kult, 07.05.2022, <www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-397>.
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Veröffentlicht am
07.05.2022
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