GRASSI Museum für Völkerkunde zu Leipzig / REINVENTING GRASSI.SKD

Ort
Leipzig
Veranstalter
GRASSI Museum für Völkerkunde zu Leipzig
Datum
04.03.2022
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Paul Schacher, Historisches Seminar, Universität Leipzig

Die Debatte um das Sammeln, Erforschen und Ausstellen von ethnografischen Objekten beschäftigt die internationale Museumslandschaft intensiv. Im Auftrag des französischen Präsidenten Emmanuel Macron legten Felwine Sarr und Bénédicte Savoy 2018 ihren „Rapport sur la restitution du patrimoine culturel africain“ vor[1], der ein breites Medienecho erfuhr. Die gegenwärtig diskutierten Fragen führten hin zu „neue[n] kulturelle[n] Beziehungen“[2], so Sarr und Savoy. Denn die Objekte und Narrationen im Museum fügten sich lange in unser Bild des vermeintlich fremden Anderen ein, wie Sarr und Savoy mit Bezug auf den Anthropologen Benoît de LʼEstoile erläutern; selbst zu Wort kommen die Dargestellten bisher aber meist nicht.[3] Für die deutsche Diskussion richtungsweisend ist der seit 2018 vom Deutschen Museumsbund herausgegebene, bereits zweimal aktualisierte Leitfaden „Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten“.[4] Als „Katalysator wider Willen“ wirkte in den letzten Jahren besonders die Entstehung und Gestaltung des Humboldt Forums in Berlin.[5]

Die Problematisierung der europäischen Beschreibung und Klassifizierung der Welt sowie der kolonialen Ausbeutung im 19. und 20. Jahrhundert wirft Fragen zur Ausstellungspraxis und Restitution auf. Bei ihrem Amtsantritt 2019 erklärte die Direktorin der Staatlichen Ethnografischen Sammlungen Sachsen, Léontine Meijer-van Mensch, dass die von ihr geleiteten Häuser „die einzigartige Möglichkeit“ böten, „die historischen und komplexen Beziehungen zwischen ‚uns‘ und den ‚Anderen‘ aus vielfältigen Perspektiven zu betrachten und vor allem auch darüber in Dialog zu treten, was dieses ‚uns‘ und ‚die Anderen‘ heutzutage bedeutet.“[6]

Wie eine Umsetzung dieser Ansprüche in museale Praxis aussehen kann, ist seit dem Frühjahr 2022 in der teilweise neu gestalteten Dauerausstellung im „GRASSI Museum für Völkerkunde zu Leipzig“ zu sehen. Nach rund einem Jahr Schließzeit öffneten die ersten neuen Ausstellungsräume am 4. März dieses Jahres. Die Umgestaltung ist Teil des vom Bund geförderten Zukunftsprogramms „REINVENTING GRASSI.SKD“.[7]

Irritation stiftete bei der Eröffnungsveranstaltung und an den darauffolgenden Tagen eine Performance, die das Treppenhaus mit lautem Krach füllte: Das Kunstkollektiv PARA trug mit Presslufthammern Teile des Sockels ab, auf dem bis 2019 die Büste des ehemaligen Museumsdirektors Karl Weule (1864–1926) gestanden hatte. Die Büste lagert mittlerweile im Depot. Neu ist, dass der Sockelstummel im Treppenaufgang jetzt hinter Absperrband steht, und bei Bedarf wird nachgehämmert – aber dazu später mehr.


Abb. 1: Abgetragen – der Sockel im Treppenhaus, auf dem einst die Büste des früheren Museumsdirektors Karl Weule zu sehen war (Zustand Anfang Juli 2022)
(Foto: Paul Schacher)

In der ersten Etage findet sich noch ein Rest der in den 2000er-Jahren gestalteten Vorgänger-Ausstellung. Hier geben überwiegend thematisch geordnete Vitrinen Einblicke in verschiedene Kulturen Asiens. Wie problematisch diese Art der Ausstellung sein kann, wenn man ein stärkeres Bewusstsein für den europäischen Blick im Museum entwickelt, zeigt exemplarisch der Bereich zu Indien. Raumeinnehmend steht hier der Nachbau einer Bungalow-Veranda, zu dem die Texttafel informiert, es sei eine von den „europäischen Kolonialherren“ an das „Klima“ angepasste Bauweise – darüber hinaus wird der Kolonialismus in Indien aber weder mit Objekten noch mit Texten problematisiert. Durch die thematisch gestalteten Vitrinen beispielsweise zum Kunsthandwerk und zur Textilproduktion in Indien (ohne Hinweis auf globalen Handel!) oder eine nachgebaute Dorfszene entsteht der Eindruck einer zeitlosen, auf sich selbst bezogenen Kultur mit fremdartigen Objekten und Gebräuchen.


Abb. 2: Einblick in die Ausstellung aus den 2000er-Jahren: Unkontextualisierte Bungalow-Veranda im Stil der „Kolonialherren“. Das Schild „Letzte Chance!“ (rechts im Bild) weist darauf hin, dass dieser Teil der Dauerausstellung ab 2022 überarbeitet wird.
(Foto: Paul Schacher)


Abb. 3: Dorfszene aus dem westlichen indischen Bundesstaat Gujarat, im Vordergrund der Nachbau einer Choki (überdachte Küche), im Hintergrund der Nachbau eines Bhunga-Rundhauses
(Foto: Paul Schacher)

Hinter diesem Ausstellungsteil schließen sich nun die bereits neugestalteten Räume an, die in Inhalt und Design einen deutlichen Kontrast bieten. Der „Care Room“ zeigt einen gläsernen Restaurierungs- und Forschungsraum, der „Prep Room“ einen Raum zum Experimentieren mit neuen Formen des Kuratierens, in dem beispielsweise auch Besprechungsnotizen des Museumsteams zu sehen sind. Neu geschaffen wurde mit dem „Raum der Erinnerung“ auch ein Ort, der für Herkunftsgemeinschaften nutzbar ist, zum Beispiel im Rahmen von Rückführungen. Bereits in den letzten Jahren hat das Museum Human Remains an australische Communities rücküberführt und will sich auch zukünftig um Rückgaben bemühen.[8] Rückgabebestrebungen gibt es zudem bei den zahlreichen Benin-Bronzen im Bestand des Museums, die jetzt nicht mehr ausgestellt werden. Dagegen wird die Arbeit „At the Treshold“ des nigerianischen Künstlers Emeka Ogboh gezeigt, die dem gewohnten Blick auf die Bronzen Porträtfotografien dieser Objekte und Soundinstallationen entgegensetzt. Ergänzend wird über den Restitutionsprozess informiert und die Rezeptionsgeschichte der Bronzen anhand früherer Ausstellungswerbung gezeigt.


Abb. 4: Kontraste zwischen alten und neuen Ausstellungsbereichen – im Hintergrund das Bhunga-Rundhaus, im Vordergrund das gläserne Restaurierungslabor („Care Room“)
(Foto: Paul Schacher)


Abb. 5: Einblicke in museumsinterne Diskussionen („Prep Room“)
(Foto: Paul Schacher)

Im zweiten Stock gibt es einen Übergangsraum, in dem Objekte Platz finden, die im Zuge der Umgestaltung das Museum aufgrund ihrer Größe und Beschaffenheit nicht verlassen können, zum Beispiel das Modell eines chinesischen Familienbootes oder ein „Langlebigkeitssarg“, ebenfalls aus China. Dieser Raum unterstreicht wiederum das Prozesshafte des Ausstellens. Gegenüber gelangt man in einen Bereich, der die Interaktion des Museums mit Besucher:innen zeigt. Im Raum visualisierte Zitate und Informationen, die den Status des Museums oder die Umgestaltung betreffen, greifen die Kommunikation über Social Media Accounts auf. Die Besucher:innen sind eingeladen, sich auch vor Ort mit Klebepunkten zu positionieren; hier bleibt die Interaktion aber oberflächlich.

Dahinter schließt sich ein Bereich an, der die Reflexion über die historisch-kulturelle Dimension des Sammelns und Kategorisierens anregt. Europäische Sammler:innen entnahmen die Objekte im 19. und 20. Jahrhundert nicht nur teilweise unrechtmäßig ihren Herkunftskontexten, sondern passten sie durch Klassifizierung, Beschriftung, Deponierung und Ausstellung in ihr eigenes Weltbild ein. Exemplarisch stehen hier dutzende Holz-Masken der Makonde, einer ethnischen Gruppe aus dem heutigen Südosten Tansanias, die Museumsdirektor Weule Anfang des 20. Jahrhunderts in der damaligen Kolonie „Deutsch-Ostafrika“ sammelte. Die Mehrzahl der Masken lagerte bisher katalogisiert und nummeriert im Depot. Die neue Präsentation wurde in Kooperation mit Vertreter:innen der Makonde gestaltet, wie eine Texttafel informiert. Es gelingt so, die Masken zwar in ihrer Fülle zu zeigen, wozu auf die alten Ausstellungsvitrinen aus Eisenstreben und Glas zurückgriffen wird, aber auch Sehgewohnheiten und Sammlungspraxis zu hinterfragen – durch die niedrigschwelligen Begleittexte, eine Soundinstallation sowie das Zeigen von Klassifikationskarten und Aufbewahrungsboxen. Als ironische Brechung findet sich zudem die Büste Weules wieder, nämlich auf einer gegenüber gezeigten Fotografie von Anja Nitz mit dem Titel „Ansicht/Aussicht“. Abgebildet ist ein Blick ins Depot, in das Weules Büste nun selbst als Teil der Sammlung eingegangen ist.


Abb. 6: Makonde-Masken (links) und Foto der Büste von Karl Weule im Depot
(Foto: Paul Schacher)

Im nachfolgenden Ausstellungsabschnitt begegnet man den Bruchstücken des Sockels aus dem Treppenhaus wieder. In der als „partizipative Restitution“ (Ausstellungstafel) angelegten Kunstaktion formt das Kollektiv PARA in einer offenen Werkstatt Nachbildungen der Kilimandscharo-Spitze und bietet diese „Skrupel“ genannten Stücke zum Kauf an. Der Rohstoff ist hier das abgetragene und pulverisierte Gestein des Sockels. Die Anregung dazu kam von den tansanischen Künstlerinnen Valerie Asiimwe Amani und Rehema Chachage. Damit macht die Aktion auf die Geschichte der Spitze des Kilimandscharo aufmerksam: Der Leipziger Unternehmer und Geograph Hans Meyer entfernte 1889 die Spitze. Der eine Teil ging in den Besitz Kaiser Wilhelms II. über (und gilt als verschollen), der andere Teil steht heute in einem österreichischen Antiquariat zum Verkauf. An Hörstationen und in Ausstellungsvitrinen können sich die Besucher:innen darüber informieren. Vom Erlös der Performance soll der Stein gekauft und an Tansania zurückgegeben werden.[9]


Abb. 7: Substanz umarbeiten – Einblick in die Fertigungsstraße der „Skrupel“, im Vordergrund Rohstoff aus dem Sockel
(Foto: Paul Schacher)


Abb. 8: Aushärtende „Skrupel“. Die Steine können entweder direkt im Museum (20 Euro) oder im Web (25 Euro) erworben werden.
(Foto: Paul Schacher)

Die Neugestaltungen des Museums und insbesondere die Kunstaktion wurden lobend gewürdigt.[10] Es wurde aber auch Kritik laut. Anette Rein beschrieb die Kunstaktion in „Museum Aktuell“ gar als einen „brutalen Akt mit Meißel und Preßlufthammer“[11], der historische Substanz zerstört habe. Im Interview für das Stadtmagazin „kreuzer online“ bekannte Léontine Meijer-van Mensch, die Eingriffe könnten natürlich Emotionen hervorrufen. Aber gerade das rege zur Reflexion über den Status von Objekten und die Bedeutung von Kultur und Geschichte an.[12]

2023 sollen weitere Ausstellungsteile umgestaltet werden. Dabei ist sicher zu beachten, dass erstens ein niedrigschwelliger Zugang zu den sehr komplexen Themen geboten wird, welche die ethnografischen Museen beschäftigen. Verständlich formulierte Texte, Audiostationen und ansprechbare Museumsführer:innen im neuen Ausstellungsbereich deuten bereits an, wie das gelingen kann. Dies könnte noch durch stärker auf Partizipation ausgerichtete Elemente ergänzt werden. Zweitens muss darauf geachtet werden, dass sich das Museum nicht in Selbstdekonstruktion erschöpft, sondern dem (vermeintlich) Anderen auch genügend Raum gibt.

Die bisher neugestalteten Bereiche hinterfragen den Objektstatus, richten den Blick auf den Entstehungshintergrund der Sammlung sowie auf deren Präsentation und Narration; zudem thematisieren sie die Rezeptionsgeschichte. Gerade im Vergleich zum gewohnten Schlendern durch thematisch arrangierte ethnografische Ausstellungen kann das für die Besucher:innen irritierend und auch anstrengend sein – das ist gelungen, und man darf gespannt sein, wie es weitergeht.[13]

Anmerkungen:
[1] Die französische und die englische Version sind online zugänglich unter http://restitutionreport2018.com (10.07.2022). Auf Deutsch erschienen als: Felwine Sarr / Bénédicte Savoy, Zurückgeben. Über die Restitution afrikanischer Kulturgüter. Aus dem Französischen von Daniel Fastner, Berlin 2019.
[2] Savoy / Sarr, Zurückgeben, S. 64.
[3] Vgl. ebd., S. 80f.
[4] Die 3. Fassung von 2021 ist abrufbar unter https://www.museumsbund.de/wp-content/uploads/2021/03/mb-leitfanden-web-210228-02.pdf (10.07.2022).
[5] Vgl. Daniel Morat, Katalysator wider Willen. Das Humboldt Forum in Berlin und die deutsche Kolonialvergangenheit, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 16 (2019), S. 140–153, hier S. 151, https://zeithistorische-forschungen.de/1-2019/5690 (10.07.2022).
[6] Pressemitteilung Sächsisches Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst, Léontine Meijer-van Mensch wird Direktorin der Staatlichen Ethnografischen Sammlungen der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, 27.11.2018, https://www.skd.museum/presse/2018/leontine-meijer-van-mensch-wird-direktorin-der-staatlichen-ethnografischen-sammlungen-der-staatlichen-kunstsammlungen-dresden/ (10.07.2022).
[7] Vgl. Pressemitteilung Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Einladung zum Pressegespräch anlässlich der ersten Teileröffnung REINVENTING GRASSI.SKD, 22.02.2022, https://www.skd.museum/besucherservice/presse/2022/einladung-zum-pressegespraech-anlaesslich-der-ersten-teileroeffnung-reinventing-grassiskd/ (10.07.2022).
[8] Vgl. Pressemitteilung Sächsisches Staatsministerium für Wissenschaft, Kultur und Tourismus, Freistaat Sachsen gibt erneut sterbliche Überreste australischer Ureinwohnerinnen und -einwohner an Herkunftsgemeinschaften zurück, 28.11.2019, https://www.medienservice.sachsen.de/medien/news/232120 (10.07.2022).
[9] Vgl. die Website des Kunstkollektivs PARA, Berge versetzen, https://berge-versetzen.com (10.07.2022). Dort ist auch zu lesen: „Um den Einsatz noch zu erhöhen, hat PARA die obersten sechs Zentimeter der Zugspitze entfernt. Die Zugspitze ist die Geisel im Prozess der Rückführung. Erst wenn der Gipfelstein des Kilimandscharo nach Tansania zurückkehrt, wird auch der Gipfel der Zugspitze wieder an seinen Platz gebracht.“
[10] Bspw. Nicola Kuhn, Mut zum Experiment, in: Tagesspiegel, 03.03.2022, S. 20, online veröffentlicht am 18.03.2022, https://www.tagesspiegel.de/kultur/neustart-im-grassi-museum-leipzig-mut-zum-experiment/28123402.html (10.07.2022); Susanne Altmann, Kunst aus dem Off: Wo ist die Spitze des Kilimandscharo?, in: art. Das Kunstmagazin, Juni 2022, S. 18–19.
[11] Anette Rein, Vom Gegenstand des Respekts zur Ruine. Die beauftragte Zerstörung eines museumsrelevanten Denkmals, in: MUSEUM AKTUELL. Die aktuelle Fachzeitschrift für die deutschsprachige Museumswelt, Nr. 279/280 (2022), S. 9–12, hier S. 9, https://www.bundesverband-ethnologie.de/kunde/assoc/15/pdfs/Rein-2022-Vom-Gegenstand-des-Respekts-zur-Ruine.pdf (10.07.2022); auch kritisch: Andreas Kilb, Ein Museum schämt sich, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.03.2022, S. 13.
[12] „Es soll ja weh tun“. Grassi-Direktorin über künstlerische Zerstörung und Museumsvergangenheit, 25.03.2022, in: kreuzer online, https://kreuzer-leipzig.de/2022/03/25/es-soll-ja-weh-tun (10.07.2022; Interview von Britt Schlehahn mit Léontine Meijer-van Mensch).
[13] Postskriptum: Im Völkerkundemuseum im ostsächsischen Herrnhut, das auch zu den Staatlichen Ethnografischen Sammlungen Sachsen gehört, läuft noch bis zum 27. November 2022 die sehenswerte Sonderausstellung „Aufbruch. Netz. Erinnerung – 300 Jahre Herrnhut“, die der Verknüpfung von Missionsgeschichte der Herrnhuter Brüdergemeine mit der Entstehung und Präsentation der ethnografischen Sammlung nachgeht; siehe https://voelkerkunde-herrnhut.skd.museum/ausstellungen/aufbruch-netz-erinnerung-300-jahre-herrnhut/ (10.07.2022).

Zitation
Paul Schacher: Rezension zu: GRASSI Museum für Völkerkunde zu Leipzig / REINVENTING GRASSI.SKD, 04.03.2022 Leipzig, in: H-Soz-Kult, 23.07.2022, <www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-398>.