Ignatz Bubis (1927–1999)

Cover
Ort
Frankfurt am Main
Veranstalter
Jüdisches Museum Frankfurt am Main
Datum
16.05.2007 - 11.11.2007
Publikation
Backhaus, Fritz; Gross, Raphael; Lenarz, Michael (Hrsg.): Ignatz Bubis. Ein jüdisches Leben in Deutschland. : Jüdischer Verlag  2007 ISBN 978-3-633-54224-6, 200 S. € 25,00.
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Nina Gorgus, Frankfurt am Main

Jetzt schon eine Ausstellung über Ignatz Bubis?[1] Das hat viele Beobachter überrascht, reagiert die Institution Museum normalerweise doch nicht so schnell auf aktuelle Ereignisse. Der Historiker Dan Diner sprach in seiner Rede zur Ausstellungseröffnung genau über diese Verwunderung: über die rasche „Musealisierung und Historisierung“[2] von Bubis. Offenbar war nur wenigen bewußt, dass der ehemalige Vorsitzende des Zentralrates der Juden am 12. Januar 2007 seinen achtzigsten Geburtstag gefeiert hätte. Wer jedoch eine hagiographische, unkritische Schau erwartet hatte, der wird im ehemaligen Rothschild-Palais in Frankfurt am Main zum Teil angenehm enttäuscht.

Die Persönlichkeit Bubis dient der Frankfurter Ausstellung vor allem als Folie für die Auseinandersetzung mit zeitgeschichtlichen Problematiken. Den Hauptstrang bildet, wie der Untertitel der Ausstellung besagt, ein jüdisches Leben in Deutschland. Die von Bubis ausgelösten Kontroversen und Themen, für die er sich interessierte und engagierte, benennen Aspekte der bundesrepublikanischen Geschichte und dienen als Eckpunkte seines persönlichen Lebensweges zugleich. Bubis erscheint äußerst facettenreich. Er taucht als „Opfer“, „Autodidakt“ und „Spekulant“, immer aber auch als Vermittler zwischen verschiedenen Welten auf. Die inhaltlichen Verwerfungen dieses schillernden Lebens spiegeln sich auch in der schroffen Ausstellungsarchitektur wider, die ein Rezensent als „zerklüftete Eisberge“[3] beschreibt.

Inhalte
Kein Tageslicht dringt in den schön restaurierten Ausstellungsraum, in dem der Besucher von kantigen, abweisend wirkenden braunen Papp-Würfeln und einem lauten Geräuschteppich empfangen wird. Die Ausstellung setzt etwas abrupt 1946 ein, als Bubis, aus einem Arbeitslager in Tschenstochau befreit, sich mit 16 Jahren in West-Berlin niederlässt. Mit wenigen (Dia)-Bildern und Objekten wird hier seine Tätigkeit für einen von der sowjetischen Militärmacht geduldeten Tauschhandel in Dresden, sein Engagement als Fluchthelfer aus der sowjetischen Besatzungszone und schließlich seine Heirat mit Ida Rosenmann in Paris 1953 skizziert. Über seine Lebensumstände zuvor, über die Ermordung seiner Eltern und Familie durch die Nationalsozialisten, erfährt man nur wenig. Die nächste Station, „Häuserkampf im Westend“ beleuchtet seine Tätigkeiten in Frankfurt am Main. Hier lebten Bubis und seine Frau seit 1956. Bubis, zuvor in den Schmuckbranche aktiv, betätigte sich seit den 1960er Jahren als Investor im Frankfurter Stadtteil Westend. Die Politik der Stadt Frankfurt, ein Wirtschaftszentrum schaffen zu wollen und dafür das Wohngebiet im Stadtteil Westend zu opfern, machte sich auch Bubis zu eigen. Mit Plakaten, Video-Interviews und Fotos wird das unrühmliche Kapitel der Frankfurter Stadtgeschichte erzählt. Es geht um Abriß von Villen, Hausbesetzungen, blutige Straßenschlachten und Baulücken. Bubis Immobiliengeschäfte wurden von den Medien besonders kritisch unter die Lupe genommen; er wurde zum Inbegriff des „Spekulanten“. Während Dan Diner konstatiert, dass das Ende vom Westend schon mit der Arisierung nach 1933 begonnen hat, räumt Daniel Cohn-Bendit als ehemaliger Hausbesetzer im Interview ein, dass der Protest eine antisemitische Tendenz hatte, was aber allen bekannt gewesen sei. Der Station über den Bau des jüdischen Gemeindezentrums, den Bubis als Vorsitzender der jüdischen Gemeinde maßgeblich vorangetrieben hatte, folgt die Darstellung der Auseinandersetzung über das Theaterstück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ von Rainer Werner Fassbinder. Das unter anderem mit jüdischen Klischees agierende Stück, in dem der Protagonist, ein jüdischer Immobilienspekulant, in mancher Hinsicht Bubis ähnelt, wurde von der jüdischen Gemeinde Frankfurts, aber auch von vielen anderen Gruppen als antisemitisch verurteilt. Mitglieder der jüdischen Gemeinde besetzten während der Premiere 1985 das Theater. Die Besetzung endete mit einem Aufführungsverbot für das Stück in Frankfurt. Zum ersten Mal nach 1945 trat in Deutschland eine jüdische Gemeinde so massiv an die Öffentlichkeit.

Mit Rassismus und Gewalt beschäftigt sich die Station „Politik, Asyl und Gewalt“. Im Zentrum stehen die 1992 erfolgten rechtsexremistischen Übergriffe auf Asylbewerberwohnheime in Mölln und in Rostock-Lichtenhagen, die in Mölln Todesopfer forderten. Bubis war zu dieser Zeit Präsident des jüdischen Zentralrates. Er reiste zu den Orten der Ausschreitungen, bezog in der Debatte über Asyl Stellung und wurde zum Anwalt bedrohter Minderheiten. Die vorletzte Station der Ausstellung beschäftigt sich mit der Kontroverse zwischen Bubis und Martin Walser, die dieser mit einer Rede 1998 in der Frankfurter Paulskirche ausgelöst hatte. Walser konstatierte eine „Instrumentalisierung“ der Debatten über Auschwitz; Bubis konterte mit dem Vorwurf der „geistigen Brandstiftung“. In den Medien weitete sich der Streit aus; es folgte eine direkte Konfrontation zwischen Walser und Bubis, bei der Bubis seinen Vorwurf zurück nahm. Walser entschuldigte sich hingegen nicht bei Bubis, was er jedoch in dem für die Ausstellung gemachten Video-Interview sehr bedauert. Mit Zeitungscollagen und Film- und Interview-Ausschnitten kann die Kontroverse, in der die meisten Diskutanten Walsers Position verteidigen, nachvollzogen werden.

Nicht zuletzt ist dieser Streit ein Auslöser dafür, dass Bubis von der deutschen Gesellschaft aber auch von denjenigen, die er für Freunde gehalten hatte enttäuscht, nicht in Deutschland begraben sein wollte. So schließt die Ausstellung in der letzten Station „Was bleibt“ zum einen mit dem Bild des Eingeständnisses einer persönlichen Niederlage: Es zeigt die Trauergäste auf dem Weg nach Israel. Zum anderen würdigen die Video-Interviews der Station das Verdienst von Bubis ausführlich und relativen damit dieses Gefühl.

Vermittlung
Die Inhalte werden in der Ausstellung auf unterschiedlichen Ebenen vermittelt, doch sind audiovisuelle Medien deutlich in der Überzahl. Hierzu zählen Video-Interviews mit ehemaligen Weggefährten oder Beobachtern, zeitgenössische Filmdokumente, Fotos, Dia-Serien und Collagen aus Zeitungsausschnitten.

Um die Filme in der Ausstellung anzuschauen, braucht es Zeit, Konzentration und Durchhaltevermögen, sind doch nahezu keine Sitzgelegenheiten und selten Kopfhörer vorhanden. Schade ist, dass die dreidimensionalen Objekte, – also die Objekte, für die man ins Museum geht –, angesichts der geballten audiovisuellen Präsenz untergehen. Es sind aber letztendlich die Objekte, die einen berühren und die im Gedächtnis hängen bleiben. Da sind etwa der prall gefüllte, handschriftlich geführte Terminkalender oder die akkurat etikettierten Aktenordner, die faszinieren und für einen kurzen Moment den Menschen Bubis und seine Eigenarten aufblitzen lassen. In zehn Aktenordnern hat Bubis säuberlich die zwischen 1992 und 1998 erhaltenen Schmähbriefe gesammelt. Leider steht die Vitrine mit dem Pendant der Aktenordner, die Ehrungen und Orden, die Bubis im Laufe seines Lebens erhalten hat, etwas verloren an anderer Stelle.

Das Vorhaben, Bubis vor dem Spiegel bundesrepublikanischer Geschichte zu zeigen, ist größtenteils gelungen. Die Ausstellung leistet damit auch ein Stück Mediengeschichte, kommt doch viel zeitgenössisches Material zum Einsatz. Den Besuchern wird aber auch ein gewisses Vorwissen abverlangt. Nicht zuletzt deswegen empfiehlt es sich, schon vor dem Ausstellungsbesuch das ausführliche Begleitbuch zu konsultieren.[4] Bubis, so urteilt Dan Diner einmal im Video-Interview, habe transparent gemacht, was es bedeute, Jude in Deutschland zu sein. Die Ausstellung zeigt viele Schattierungen dieses wohl exemplarischen Lebens.

Anmerkungen:
[1] Die Ausstellung ist noch bis zum 11. November täglich außer montags von 10 bis 17 Uhr, am Mittwoch bis 20 Uhr geöffnet. Jüdisches Museum, Untermainkai 14/15, 60311 Frankfurt am Main <http://www.juedischesmuseum.de/index.html>
[2] Hieber, Jochen, Ignatz-Bubis-Ausstellung. Jahrgang 1927, in: FAZ-NET, 18.5.2007, <http://www.faz.net/s/Rub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE/Doc~E015E910E0A20424DA42769C14D06CA97~Atpl~Ecommon~Scontent.html> (Stand 12.7.2007).
[3] Güntner, Joachim, Citoyen und Jude. Ignatz Bubis in einer Ausstellung des Jüdischen Museums Frankfurt. In: NZZ Online, 18.5.2007, <http://www.nzz.ch/2007/05/18/fe/articleF6YPS.html> (Stand 12.7.2007).
[4] Backhaus, Fritz; Gross, Raphael; Lenarz, Michael (Hrsg.), Ignatz Bubis. Ein jüdisches Leben in Deutschland, Frankfurt am Main 2007.

Zitation
Nina Gorgus: Rezension zu: Ignatz Bubis (1927–1999), 16.05.2007 – 11.11.2007 Frankfurt am Main, in: H-Soz-Kult, 21.07.2007, <www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-51>.
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Veröffentlicht am
21.07.2007
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