Von Augustus bis Attila. Leben am ungarischen Donaulimes

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Ort
Konstanz
Veranstalter
Eine Ausstellung des Ungarischen Nationalmuseums Budapest in Zusammenarbeit mit dem Aquincum-Museum der Stadt Budapest. Weitere Ausstellungsorte: 17.06-26.08.2001 Heidelberg und 14.09.2001-06.01.2002 Aalen
Datum
09.12.2000 - 25.05.2001
Publikation
Kemkes, M.; S. Biegert; C. Nickel (Hrsg.): Von Augustus bis Attila.. Leben am ungarischen Donaulimes. Stuttgart 2000: Theiss Verlag , , 131 S.
Georg Friebe

Vom 1. bis zum 4. Jahrhundert n. Chr. bildeten Rhein und Donau die Grenze des Römischen Imperiums. Zu deren Sicherung wurde ein Verteidigungsnetz von kleineren und größeren Militärlagern errichtet, die sich bald zu Zentren der provinzialrömischen Kultur und zu Keimzellen für die Romanisierung der einheimischen Bevölkerung entwickelten. Reiche Bodenfunde zeugen von dieser vergangenen Kultur und geben ein lebendiges Bild vom Leben an der äußersten Grenze des riesigen Reiches.

Auch wenn sich das ehemalige Römerreich heute über mehrere Staaten erstreckt - die Probleme bei der Erforschung und Erhaltung der archäologischen Funde bleiben ungeachtet der politischen Grenzen dieselben. Um sie gemeinsam lösen zu können, besteht seit Anfang der 90er Jahre eine enge Zusammenarbeit zwischen den Landesdenkmalämtern von Ungarn und Baden-Württemberg sowie den jeweiligen archäologischen Museen. Was lag also näher, als anläßlich der 1000-Jahr-Feier des Ungarischen Staates Glanzstücke aus den provinzialrömischen Sammlungen im Rahmen einer Sonderausstellung an 3 deutschen Museen zu präsentieren?

Für die Ausstellung wurde bewußt auf die spektakulärsten Funde zurückgegriffen. Insgesamt 286 Exponate repräsentieren Ungarns römische Vergangenheit. Sicher widerspiegeln sie nicht das Alltagleben der gemeinen Bevölkerung, der Soldaten, Händler und Bauern. In ihnen wird das Luxusleben der gesellschaftlichen Oberschicht sichtbar, des Militäradels, aber auch jener Menschen, die sich im Umfeld der Militärlager und in den benachbarten Städten durch geschicktes Paktieren mit den Machthabern ihren Wohlstand sichern konnten. Sie zeigen aber auch eine Eigenheit der Römer, die einheimische Kultur nicht zu unterdrücken, sondern die Sitten und Gebräuche der Bevölkerung langsam ins römische Alltagsleben zu integrieren. Bedenkt man weiter, daß zur Grenzsicherung Soldaten aus allen Teilen des Imperiums am Limes stationiert waren, so wird deutlich, zu welch kulturellem Schmelztiegel sich die Provinzstädte entwickelten. Die unterschiedlichen Wechselbeziehungen zwischen einheimischer Bevölkerung und römischen Machthabern sowie deren Durchmischung ziehen sich als roter Faden durch die Ausstellung.

Die einleitenden Tafeln und Vitrinen sind der Eroberung und geschichtlichen Entwicklung der Provinz Pannonien gewidmet: Neben der Grenzsicherung bildeten der Aufbau und die Sicherung einer funktionierenden Infrastruktur die Hauptaufgaben des Militärs. Die politischen Ereignisse in den Zeiten der Unsicherheit ab dem 2. Jahrhundert und die Ära der Soldatenkaiser spannen den zeitlichen Bogen bis zum Zerfall des Imperiums und dessen Nachwirkungen auf die neuen Machthaber. Dazwischen eingestreut sind Themen des Alltagslebens: Musik, Kleidung, Bergbau und Metallverarbeitung sowie die kulturelle Durchmischung etwa am Beispiel der Verehrung exotischer Gottheiten wie Isis oder Mithras.

Die Ausstellungsarchitektur besteht aus einem Fachwerk von Metallrohren, in das Textelemente und Vitrinen integriert sind. Die Texte sind keine Tafeln im strengen Sinn. Sie sind auf ein Endlosband gedruckt, das auf der Rückseite verklebt ist und über ein Metallrohr herabhängt. Ein weiteres, frei schwebendes Rohr sorgt für die nötige Spannung. Der Bezug zwischen Text und benachbarten Objekten ist meist gut erkennbar. Eine reiche Bebilderung lockert die Textbahnen auf und sorgt für eine anschauliche Darstellung der einzelnen Themen. Die Texte sind gut lesbar ohne Satzungeheuer und unnötige Fremdworte, wenngleich letztere nicht völlig aus der Ausstellung verbannt wurden. Obwohl in Konstanz genügend Platz vorhanden gewesen wäre, wurde die Ausstellung offenbar dem kleinsten der drei Präsentationsorte angepaßt. So drängen sich exquisite und wirklich sehenswerte Objekte - wie Prunkhelme und andere Rüstungsbestandteile, Götterstatuetten und Festtagsschmuck - in leider viel zu kleinen Vitrinen. Die Objektbeschriftung erfolgt geblockt, die Suche nach der jeweiligen Katalognummer kann dennoch entfallen.

Die Texte geben - außer dem Alter der Funde - kaum Informationen, die nicht schon aus dem Exponat selbst herauszulesen wären. Aber auch Angaben wie "Sucellus-Bronzestatue" bleiben für den Besucher kryptisch, da nicht darauf hingewiesen wird, wer dieser Sucellus nun eigentlich war. Und zumindest in einem Fall ("Negerbüste") wäre etwas mehr politisches Feingefühl am Platz gewesen. Da fällt auch kaum mehr auf, wenn mutmaßliche Fruchtbarkeitsamulette aus zugeschliffenen Kaurischnecken banal und falsch als "Muschelanhänger" bezeichnet werden. Etwas verloren steht die Rekonstruktion einer Wasserorgel zentral im Raum. Der Bezug zum Text wurde von den anwesenden Besuchern durchweg nicht erkannt. Als störend erwies sich ein Tonband mit Musikbeispielen von Wasserorgel und Tuba, das über einen Bewegungssensor gestartet wird. Sind mehrere Besucher im Raum, so leidet die Konzentration beim Lesen der Texte unter der ständigen Wiederholung der kurzen, schrillen Musiksequenz. Dennoch macht die Qualität der gezeigten Exponate diese kleinen Unzulänglichkeiten mehr als wett. Die Ausstellung ist ein "Muß" nicht nur für alte und junge Römer!

Die einzelnen Ausstellungsthemen sind im Begleitband ausführlich behandelt. Die Großkapiteln behandeln:

Die römische Geschichte Pannoniens
Römisches Militär in Pannonien
Wirtschaft, Handel und Verkehr
Kult und Religion
Grabbrauch und Bestattungswesen

Detailaspekte zu diesen Überthemen sind in kurzen Aufsätzen anschaulich behandelt. Sie sind keineswegs fachwissenschaftliche Abhandlungen, sondern nehmen auf Bedürfnisse und Wissen der Besucher Bedacht. Der Band gibt damit einen guten Überblick über das Leben an der Grenze.
Etwas kurios mutet es lediglich an, wenn eine Abhandlung über "Pannonische Frauentracht und römische Bekleidungstradition" unter der Überschrift "Bestattungswesen" präsentiert wird. Neben den Abbildungen der Text-"tafeln" sind zahlreiche Exponate in Fotografien wiedergegeben. Die Bildlegenden gehen etwas über die Objektbeschriftungen in der Ausstellung hinaus und geben zumindest rudimentäre Informationen zur (Be-)Deutung der abgebildeten Objekte. Die wichtigste Literatur zu den einzelnen Großthemen ist im Anhang angeführt. Ein Verzeichnis der Autoren sowie ein Abbildungsnachweis runden den Begleitband ab. Das preisgünstige Begleitbuch ist all jenen zu empfehlen, die mehr über das Leben am äußersten Rand des Riesenreichs nachlesen wollen.

Zusätzlich zum Begleitband gibt es einen Katalog, in dem alle Exponate aufgelistet sind. Die dort gebotenen Informationen beschränken sich auf Katalognummer, Objektbezeichnung, Fundort und Alter sowie Leihgeber samt Inventarnummer und gegebenenfalls Literaturhinweise. Die Beschreibungen der Objekte sind rudimentär und für Laien unverständlich (z.B. "Peltaförmiges Ortband aus Bronze" oder "Zusammengedrücktes, fragmentarisches oberes Teil eines von Aedilen beglaubigten Sextarius mit Inschrift. Am Ende der ersten Inschriftzeile Haedere, rechts darunter Buchstabe S."). Abbildungen fehlen. Der durchschnittliche Besucher wird dieses Druckwerk, dessen Erstellung sicher nicht billig war, schlichtweg als Altpapier empfinden.

Zitation
Georg Friebe: Rezension zu: Von Augustus bis Attila. Leben am ungarischen Donaulimes, 09.12.2000 – 25.05.2001 Konstanz, in: H-Soz-Kult, 11.05.2001, <www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-75>.
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Veröffentlicht am
11.05.2001
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