Ort
Stuttgart
Veranstalter
Archäologisches Landesmuseum Baden-Württemberg; Ausstellungsort: Forum der Landesbank Baden-Württemberg. Weitere Orte: 14.07.-14.10.2001 in Braunschweig; 16.11.2001-17.02.2002 in Bonn
Datum
17.03.2001 - 17.06.2001
Publikation
Archäologisches Landesmuseum Baden-Württemberg (Hrsg.): Troia. Traum und Wirklichkeit. Stuttgart : Theiss Verlag  2001. ca. 500 S. 82 DM. Url: http://www.troia.de
Wanda Loewe

Noch waehrend der Laufzeit der grossen Kreta-Ausstellung des Badischen Landesmuseums Karlsruhe wurde in Stuttgart eine weitere Ausstellung eroeffnet, die der Darstellung einer ebenso sagenumwobenen bronzezeitlichen Hochkultur gewidmet ist: "Troia -Traum und Wirklichkeit", entstanden unter Federfuehrung von Manfred Korfmann, Grabungsleiter in Troia seit 1988, bietet mit rund 800 Exponaten eine Fuelle an Material, das den "Mythos Troia" zu verschiedenen Zeiten beleuchtet und diesem die "Wirklichkeit" der archaeologischen Erforschung gegenueberstellt. Der Gegensatz leuchtet allerdings nur auf den ersten Blick ein: Gerade Heinrich Schliemann, der vielen sicher als erster beim Stichwort Troia einfaellt, hat die Wirklichkeit seinem Traum von Troia angepasst - und damit einen neuen Mythos geschaffen. Und auch heute bietet Troia noch genuegend Stoff fuer Traeume und fuer neue Mythenbildung - man nehme nur Eberhard Zanggers 1992 veroeffentlichtes Buch "Atlantis - Eine Legende wird entziffert", in dem er den Beweis zu fuehren sucht, Troia sei mit Atlantis gleichzusetzen. Wie gelingt es nun der Stuttgarter Ausstellung, "Traum" und "Wirklichkeit" sicht- und erfahrbar zu machen?

Die Ausstellung ist in zwoelf Abschnitte gegliedert, verteilt auf zwei Etagen: das Erdgeschoss ist dem "Traum" (1-7), das Obergeschoss der "Wirklichkeit" (8-12) vorbehalten. Die mit grauen bzw. schwarzen Waenden ausgestatteten, spiralfoermig angeordneten Raeume sind in Daemmerlicht getaucht. Leuchtkaesten mit unterlegten Photos enthalten die einfuehrenden Texte.

Eroeffnet wird der Rundgang mit "Ort und Landschaft" (1). Eine fortlaufende Projektion mit Namen aus der Ilias stimmt auf das Thema ein. Der folgende Abschnitt - "Der Dichter und sein Werk" (2) - behandelt vor allem Handlung und Chronologie der "Ilias". Deutlich wird herausgearbeitet, dass die "Ilias" von nur 51 Tagen aus einem zehn Jahre waehrenden Krieg erzaehlt, was sicher vielen Besuchern nicht bewusst ist. Im folgenden Abschnitt - "Vom Wort zum Bild" (3) - werden einzelne Episoden aus der Ilias mit griechischen Vasenbildern archaischer bis hellenistischer Zeit zusammengebracht. Gelungen ist die Aufbereitung der Objekte durch erklaerende Texte: einleitend ein kurzer zusammenfassender Text, manchmal ergaenzt um ein Zitat aus der Ilias, abschliessend die Angaben zum ausgestellten Objekt. Waehrend die Abschnitte 1-3 sich aufeinander beziehen und insofern eine Einheit bilden, als durch die Namenseinblendungen im 1. Abschnitt bereits das Generalthema "Ilias" angeschlagen wird, ist ein deutlicher Bruch zum 4. Abschnitt spuerbar. Ab hier geht es um die Rezeptionsgeschichte (auch wenn natuerlich die Vasenbilder bereits Teil derselben sind) - Abschnitt 4 gilt den Roemern, 5 dem Mittelalter, 6 der fruehen Neuzeit (15.-17. Jahrhundert), 7 schliesslich dem 18. Jahrhundert. All diese Teile stehen jedoch eher fuer sich, ein roter Faden - etwa "Was bestimmt das Troia-Bild in der ...-Zeit?" oder "Wie veraendert sich das Troia-Bild?" - wird nicht klar genug herausgearbeitet.

Fuer das Verstaendnis des Mittelalters und seiner Anverwandlung des Troia-Mythos waere es z. B. hilfreich gewesen, wenn die im einfuehrenden Text hervorgehobenen Tapisserien nicht nur in Form eines kleinen Kartons in der Ausstellung praesent waeren. Warum nicht ein Nachbau des "troianischen Zimmers" Karls des Kuehnen, das im Katalog (S. 239ff.) ausfuehrlich besprochen wird?

Vielleicht waere eine thematische Gliederung sinnvoller gewesen als die realisierte chronologische Abfolge. Dann haette man mit Themen wie "Epos/Homer", "Troia als Bezugsgroesse fuer die eigene Geschichte", "Bilder von Troia in verschiedenen Jahrhunderten" etc. bestimmte Grundmuster der Troia-Rezeption darstellen koennen. Mit dem 18. Jahrhundert und dessen akademischer Beschaeftigung mit Homer endet der "Traum" von Troia und der Besucher gelangt ueber eine Treppe in die "Wirklichkeit". Es beginnt mit der "Suche nach Troia" (8) - die leider eine reine Leseausstellung ist. Drei etwa 3-4 m lange schwarze Waende, den geboeschten Mauern der Befestigung Troias nachempfunden, sind regelrecht zugekleistert mit Photos, Kurztexten und Zitaten. Warum nicht nur eine Stellwand - und zusaetzlich ein paar Filme à la "Schliemanns Erben" sowie eine kleine Bibliothek mit einigen der zahlreichen wissen- und populaerwissenschaftlichen Buecher ueber Troia, wie sie in Abschnitt 11 ausgestellt (aber groesstenteils nicht "greifbar") sind?

Ein farbiger Plan von Troia und ein Schnitt durch den Huegel sowie eine Reihe kleiner Guckkaesten, die jeweils ein oder zwei typische Objekte zeigen, leiten die Abschnitte zur Grabung ein (9). Durch die einheitliche Farbigkeit und die ansteigende, die Schichtenfolge nachahmende Abfolge der Guckkaesten ist hier die archaeologische Dokumentation auch fuer den Laien gut nachvollziehbar.

Die eigentliche Darstellung der (Korfmann-)Grabung (10) ist in einem Halbrund von 17 grossen Wandvitrinen - auch diese geboeschten Mauern aehnlich - angeordnet, die schwerpunktmaessig bestimmten Phasen oder Aspekten der Grabung gewidmet sind. Hauptsaechlich geht es um Troia II/III und Troia VI/VIIa, also um das Troia des Priamos-Schatzes und um das "homerische" Troia. Ueber jeder Vitrine laeuft ein Film, in dem Korfmann ueber die Grabung fuehrt (der zugehoerige Text ist nur ueber Audioguide abrufbar). Vervollstaendigt wird dieser Abschnitt durch fuenf Modelle: ein Landschaftsmodell, die Oberstadt von Troia II/III, ein Megaron aus Troia II, die Oberstadt von Troia VI und ein Palasthaus aus Troia VI.

Im Mittelpunkt dieses Abschnitts steht also die Architektur - und hier liegt ein Problem. Dieser gegenueber haben die Objekte nurmehr Verweischarakter und werden nicht befragt, welche Geschichte sie erzaehlen koennten.

Der vorletzte Abschnitt (11) zieht schliesslich eine Art Resuemee und stellt die Ergebnisse der Forschung - Grabungen, Homerforschung, Hethitologie - nochmals zusammen. Am Schluss steht mit "Troia unendlich" (12) ein Abschnitt, der mit der Rezeptionsgeschichte im 20. Jahrhundert, nach Schliemann, den Bogen zurueck zum "Traum" schlaegt: Neben Beispielen moderner Kunst geht es um Troia in der populaerwissenschaftlichen und belletristischen Literatur, im Spielfilm, in der Karikatur und im Spiel. Ansprechend sind die als Fragen formulierten Hinweise auf den Audiofuehrer - etwa "Wie sahen denn die Buecher der Antike aus?" oder "Was ist eigentlich schwarzfigurig?". Allerdings gibt es nicht zu allen Objekten einen Hoertext, zu einigen dagegen gleich mehrere. In manchen Abteilungen fehlen die Hoertexte fast vollstaendig, so z. B. bei den Buechern in Abschnitt 5 oder bei der Graphik in Abschnitt 6.

Der knapp 500 Seiten umfassende Katalog ist in sechs Teile gegliedert: Zunaechst eine Einfuehrung in das Thema "Troia - Traum und Wirklichkeit" von Manfred Korfmann, dann "Homer und die Ilias", schliesslich "Troia - Bedeutung fuer die griechische und roemische Welt", dann "Der Troiamythos vom Mittelalter bis in die Neuzeit". Diese Teile entsprechen den Abschnitten 1-7 der Ausstellung, dem "Traum" von Troia. Ab S. 290 geht es dann mit "Troia und die Archaeologie" um die "Wirklichkeit", also die Abschnitte 7-11, waehrend das letzte Kapitel "Troia - ein Thema des 20. Jahrhunderts" dem zwoelften und letzten Abschnitt der Ausstellung entspricht.

Eine Reihe namhafter Fachleute hat zu diesem Opus beigetragen. Das Thema wird umfassend behandelt: So finden sich im zweiten, Homer gewidmeten Teil auch Beitraege ueber die Hethiter und ueber Aegyptens Kenntnisse von Troia. In Teil 4, in dem es um den Troia-Mythos vom Mittelalter bis in die Neuzeit geht, handelt neben den Kapiteln ueber europaeische Kunst und Literatur ein Beitrag auch von der Troia-Rezeption in der Tuerkei vom 15. bis ins 20. Jahrhundert. Das grosse Kapitel Archaeologie (Teil 5) laesst auch die Nachbardisziplinen der archaeologischen Feldforschung zu Wort kommen: Metallurgie, Palaeobotanik und Palaeogeographie.

Was leider fehlt, ist ein Katalog der Objekte. Da in den Essays viele der ausgestellten Objekte abgebildet und besprochen werden, ist dieser sicher nicht in der Ausfuehrlichkeit noetig, die bei anderen Ausstellungskatalogen ueblich ist. Wuenschenswert waere jedoch mindestens eine Objektliste gewesen, in der mit Verweis auf die entsprechende Abbildung kurz die technischen Daten zum jeweiligen Objekt sowie dessen Nummer in der Ausstellung genannt werden. So bleibt einem nur muehsames Blaettern, wenn man gezielt Informationen zu einem Objekt sucht.

Der Katalog ist im Stuttgarter Theiss-Verlag erschienen. Die kartonierte Museumsausgabe kostet in der Ausstellung 49,- DM, die Buchhandelsausgabe ist bis zum 31.03.2002 zum Subskriptionspreis von 69,- DM erhaeltlich, danach fuer 82,- DM.

Unter http://www.troia.de ist fuer die Ausstellung eine eigene Website eingerichtet worden. Auf schwarzem Grund empfaengt den Besucher auch hier zuerst das 15 m hohe, eigens fuer die Ausstellung gebaute Troianische Pferd. Der Rundgang durch die Ausstellung (unter "Ausstellung" - "Konzept") bietet einen knappen Ueberblick ueber die zwoelf Stationen. Verknuepfungen fuehren zu genaueren Informationen etwa ueber Homer oder ueber Schliemann, die auch unter der Rubrik "Forschung" abrufbar sind.

"Troia virtuell" nimmt viel Raum auf dieser Website ein: es gibt eine "Interaktive Zeitreise durch 3000 Jahre Geschichte(n)", Troia-Panoramen und eine kurze Vorstellung des Projektes "Troia Virtuell", das die Berliner Firma ART COM kuerzlich gemeinsam mit der Universitaet Tuebingen begonnen hat. Ausserdem kann man sich ueber die Rahmenveranstaltungen und das Braunschweiger Troia-Festival informieren und hat schliesslich auch die Moeglichkeit, Fragen an die Ausstellungsmacher zu stellen und eigene Kommentare zur Ausstellung zu veroeffentlichen.

Natuerlich fehlt auch eine Verknuepfung mit der Website des Troia-Projektes der Universitaet Tuebingen nicht (http://www.uni-tuebingen.de/troia/deu/index.html). Dort gibt es uebrigens zusaetzlich eine eigene Seite zur Ausstellung (http://www.uni-tuebingen.de/troia/deu/ausstellung.html), die Impressionen von der Eroeffnung und Pressestimmen versammelt. Die Website ist aufwendig gestaltet, doch stellt man bald fest, dass man immer wieder auf dieselben Texte stoesst - wenn man z. B. bei einem der drei Ausstellungsorte auf "mehr" klickt, gelangt man wieder zum Ausstellungsrundgang, den man bereits unter "Konzept" gelesen hat.

Ausstellung und Katalog verfolgen in umfassender Weise das Troia-Bild durch die Jahrhunderte. Das gelingt im ersten Teil der Ausstellung ueberzeugender als im zweiten. Hier verbergen sich uebrigens zwei auf den ersten Blick unscheinbare, fuer die Troia-Forschung jedoch bedeutende Objekte: Zum einen ein kleines, 1995 gefundenes Siegel mit dem ersten Nachweis von Schrift in Troia, zum anderen eine seit laengerem bekannte Tontafel aus den Archiven von Hattusa, die neben anderen 1996 die sichere Identifizierung von Ilios/Troia mit Wilusa ermoeglicht hat - und somit nach 100jaehriger Diskussion die "Wahrheit" des Mythos und die richtige Identifizierung des Fundortes bestaetigt.

Wie stark der Mythos Troia bis heute wirkt, ist an dem enormen Publikumsandrang abzulesen. Man sollte also Zeit und Geduld mitbringen, wenn man sich auf den Weg macht, "Traum" und "Wirklichkeit" von Troia zu erkunden. Neuere Literatur zum Thema Troia hat kuerzlich Urs Willmann in der ZEIT veroeffentlicht -im Internet zu finden unter http://www.zeit.de/2001/12/Hochschule/200112_l-zeitlese.html.

Zitation
Wanda Löwe: Rezension zu: Troia - Traum und Wirklichkeit, 17.03.2001 – 17.06.2001 Stuttgart, in: H-Soz-Kult, 12.05.2001, <www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-77>.
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12.05.2001
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