Sonne, Mond und Sterne. Kultur und Natur der Energie

Ort
Essen
Veranstalter
"Ausstellungsgesellschaft Feuer und Flamme" im Auftrag der IBA-Emscher Park und der Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur; Kokerei Zeche Zollverein
Datum
13.05.1999 - 13.09.1999
Publikation
Borsdorf, Ulrich; u.a. (Hrsg.): Sonne, Mond und Sterne.. Kultur und Natur der Energie. Bottrop / Essen : Peter Pomp Verlag  1999. ISBN 3-89355-194-8 352 S.; 400 Abb. 29,80 DM. Url: http://www.sonne-mond-und-sterne.de
Holger Flick

Kokerei Zollverein in Essen: Wo bis 1993 täglich bis zu 10000 Tonnen Kohle in Koks verwandelt wurden, erzählt heute eine Ausstellung Geschichten von der Kultur und Natur der Energie.

Dem ehemaligen Weg der Kohle von der Zeche Zollverein zur Kokerei Zollverein folgend erreicht die Besucherin und der Besucher über eine Standseilbahn die oberste Ebene der Ausstellung in der früheren Kohlemischanlage. Die Fahrt hinauf führt durch die Spektralfarben der Sonne - eine Lichtinstallation des amerikanischen Künstlers Peter Erskine. Den Ausstellungseingang markiert Herkules, der an der Last der Welt schwer zu tragen hat. Bevor man sich nun abwärts in die Ausstellung bewegt, sollte man seine Schritte nach links auf eine Plattform lenken und die grandiose Aussicht genießen. Zu Füßen liegt die gesamte Anlage der Kokerei Zollverein, nicht weit entfernt steht der markante Förderturm der Zeche Zollverein, dahinter läßt sich die Skyline der Essener City ausmachen, die Metropole im Herzen des Ruhrgebiets. Im Westen bzw. Nordwesten sieht man den Gasometer in Oberhausen und den Tetraeder in Bottrop am Horizont, um nur zwei der sichtbaren Sehenswürdigkeiten zu nennen.

Die obersten Etagen der Mischanlage - in der Ausstellung als "Laufhorizonte" bezeichnet - sind als Traumwelten den Metaphern, Mythen, Märchen und Utopien zu Sonne, Mond und Sternen oder zum Licht im allgemeinen gewidmet. Auf einer mit Vitrinen bestückten Maschine ist eine Vielzahl von Exponaten zu entdecken, welche die positive Symbolik der Gestirne belegen: Warenzeichen und Briefköpfe von Firmen der Region mit Sonne oder Stern als Motiv oder Postkarten und Plakate der Arbeiterbewegung mit der aufgehenden Sonne. Stets dienten Lichtmetaphern als Ausdruck für Zukunft und Hoffnung. Der tieferen Teil dieses Laufhorizontes verweist auf die Bedeutung von Licht, Sonne, Mond und Sterne in der Kultur. Märchen wie "Sterntaler", Bühnenbilder zur "Zauberflöte" und die Sage von den "Heinzelmännchen" zeugen hiervon. Auf die Lichtkultur weist eine schöne farbige Fensterverglasung mit dem Thema "die Gewinnung und die Segnungen des Gaslichts" und einer Reihung von Fotografien mit weihnachtlich beleuchteten Häusern und Fenstern mit dem schönen Titel "Essener Lichtwochen" hin. Die interessante Architektur ermöglicht immer wieder faszinierende Blicke durch die Mischanlage in die Tiefe, so wird die Neugier auf das, was noch kommt geweckt.

Der weitere Gang durch die Ausstellung führt über die "Treppe des Staunens" - angefüllt mit einer bunten Mischung von präparierten Tieren - eng an den schmutzig grauen (Kohlen-)Bunkerwänden entlang hinab zum Laufhorizont "Sonnenbunker". Der erste Teil des "Sonnenbunkers" präsentiert die "Sonnenforschung" von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart mit einer Fülle von Objekten: astronomischen Geräten, Globen, einer Weltmaschine - eine feinmechanisches Meisterwerk von 1780 -, einem Projektor für ein Planetarium, dem Sonnenlichtspektrum des Fraunhofer Instituts und aktuellen Aufnahmen von der Sonne, die via Internet in die Ausstellung kommen. Beim weiteren Gang durch den Sonnenbunker stößt der Besucher auf ein Gewitter, eine Videoinstallation von Marie Jo Lafontaine. " Das Mosaik der Zeit" von Raffael Rheinsberg im nächsten Bunkerraum besteht aus etlichen Uhrenteilen. Beeindruckend ist bei beiden Kunstobjekten die Raumwirkung. Eine gelungene "Spielerei" ist die Bild-Datenbank, per Knopfdruck kann der Besucher an der gegenüberliegenden Bunkerwand Energie-Bilder beleuchten.

Der nächste Raum thematisiert den durch die Industrialisierung hervorgerufenen Sonnenhunger und die Sehnsucht nach Luft, Licht und Bewegung. Neben unterschiedlichen Schriften zur Freikörperkultur sieht der Besucher auch eine Reihe von Höhensonnen aus den 1930er bis 1960er Jahren und eine Wand mit Fotos von Sonnenstudios aus dem Ruhrgebiet. Deutlicher hätte man die Entfremdung von einer ursprünglichen Idee durch technische und marktwirtschaftliche Entwicklung nicht zeigen können. Am Ende des Sonnenbunkers wartet ein Standbild von Alfred Krupp und Abgüsse der Sphingen von der Villa Hügel in einem mit Kohlen bedeckten Raum auf den Besucher.

Im Sonnenbunker ist die Kombination von interessanten Objekten, Wissensvermittlung und Kunst durch eine gute Ausstellungspräsentation und Raumwirkung hervorragend gelungen.

Thema der nächsten Ausstellungsebene ist die unermeßliche Bedeutung der Sonnen, als Urquelle aller Energie und Kräfte, für die Erde und damit auch für die Zivilisation. Wenn man den Sonnenbunker verläßt und die Treppe weiter nach unten geht, folgt man, nach dem Gedankengang der Ausstellung, den Sonnenstrahlen zur Erde und trifft auf gespeicherte Sonnenenergie in Form eines großen Pyramidenstumpfes aus Obst- und Gemüsekonserven. Rechts und links von diesem Pyramidenstumpf zeigen 16 Monitoren, zeitgerafft durch Wachstum und Aufblühen, mit welcher unendlichen Produktivität und Dynamik die Pflanzenwelt die Sonnenenergie umsetzt.

Im Laufe der Evolution haben Mensch und Tier immer bessere Möglichkeiten entwickelt, um die von den Pflanzen durch die Photosynthese umgesetzte Sonnenenergie zu nutzen. Unter der Überschrift "das große Fressen" wird anhand von sehr vielen Beispielen die unterschiedlichen Anpassung der Tierwelt an das "Fressen und Gefressen werden" ausgestellt. Mit der Domestikation vieler Tierarten begann die gezielte Nutzung des Energiegehaltes der Tiere durch den Menschen. Das lebensgroße, durchsichtige Modell einer Kuh verweist darauf, daß die Kuh eines der ältesten und wichtigsten Haustiere des Menschen ist. Die Kuh wandelt Biomasse in Fleisch, Milch und Bewegungsenergie um. Weitere Exponate wie Hacke, Waldsäge, Vorratsgefäß oder Mausefalle aus der Landwirtschaft stehen für den Kampf, aus der Natur möglichst viel Energie herauszuholen und diese für die "energieärmere" Jahreszeit aufzubewahren.

Vor der Industrialisierung spielten die fossilen Brennstoffe in der Energiebilanz der Menschheit nur eine sehr geringe Rolle, denn der überwiegende Teil der genutzten Energie stammte von Pflanzen und Tieren oder von Wind und Wasser. Mit dem Einsatz von Kohle und Dampf begann ein neues Energiezeitalter. Gerade dieser bedeutende "Quantensprung" in der Energienutzung durch den Menschen wird in der Ausstellung alles andere als gut herausgestellt.

Über den Abbau der Kohle erfährt der Besucher fast gar nichts. Auch wenn Stücke der unterschiedlichen Kohlearten zu sehen sind, so fehlen doch die Werkzeuge und Maschinen, mit denen der "unterirdische Wald" aus der Erde geholt wurde (und wird). Auch die überaus wichtige Bedeutung der Dampfmaschine, die erst eine Umsetzung von Wärmeenergie in mechanische Bewegung ermöglichte, kommt in der Ausstellung etwas zu kurz. Nur wer genau hinsieht, findet in der Präsentation einige Exponate aus der Frühzeit der Dampfkraft in dieser Region - wie Kolben und Zylinder der ersten Dampfmaschine in Westfalen von 1799 und den Balancierbalken einer Dinnendahlschen Dampfmaschine von 1826 sowie die Konstruktionszeichnung einer Hochdruckdampfmaschine von 1833. Gemessen an ihrer großen Tragweite für die neue Epoche der Energienutzung und die damit einhergehenden Entwicklung im Ruhrgebiet sind diese Objekte völlig unzureichend präsentiert.

Ähnlich verhält es sich mit einer Ansammlung von Treib- und Kuppelstangen, Radreifen und Radsätzen der Eisenbahn, die in der gezeigten Form nichts von der entscheidenden Bedeutung der Eisenbahn für den Massentransport und damit für den Energiefluß vermitteln. Gerade auch im Ruhrgebiet war die Eisenbahn ein bedeutsamer Faktor für die Industrialisierung sowie für die Ausbildung der Schwerindustrie.

Für eine Ausstellung über die Kultur und Natur der Energie ist es deshalb bedauerlich, daß die Präsentation und Auswahl der Exponate in diesem Ausstellungskomplex die Rolle von Kohle und Dampf als Treibstoff für die Entwicklung unserer technisierten Welt nicht deutlich genug herausstellen.

Das Netzwerk Ruhrgebiet ist Thema der unterste Ebene. Hier finden sich Rohrleitungen, Kabel, Zähler, Meßgeräte, Ventile, Schalter und etliche weitere große und kleine Exponate, die aus dem Gas-, Wasser- oder Stromnetz des Ruhrgebiets stammen. An diesen drei Versorgungssystemen macht die Ausstellung stellvertretend für alle anderen Transport- und Kommunikationsnetze Aussagen über das Funktionieren des Ruhrgebietes als Gewebe von Verbindungen. Ob das Spiegelkabinett in der ehemaligen Meisterbude mit der Vernetzung im Ruhrgebiet in Verbindung gebracht wird, scheint fraglich, aber da die Möglichkeit mit einer nahezu unendlichen Zahl an Spiegelbildern zu spielen den Besuchern viel Spaß bereitet, ist dies nebensächlich. Einer der besten Räume der Ausstellung liegt gleich nebenan: die beeindruckende Rauminstallation "World Processor" von Ingo Günther. Sechzig beleuchtete Globen geben Auskunft über den Zustand der Welt. Eigentlich überwiegend "trockene" Daten wie Lebenserwartung, Atombombendetonationen, landwirtschaftlich nutzbares Land oder Organisation Erdölexportierender Staaten (OPEC), etc. sind eindrucksvoll und spannend dargestellt, man "eilt" von Globus zu Globus, denn jede Erdkugel kann mit neuen interessanten Informationen über die Welt aufwarten.

Bevor man die Ausstellung verläßt und sich an die Erkundung des weitläufigen Areals der Kokerei Zollverein macht, sollte die Chance genutzt werden, sich auf der untersten Ebene auch noch über die Kokerei zu informieren. Einige Filme und unterschiedliche Exponate, angefangen beim Schaubild über die "Nebenproduktion aus der Entgasung der Steinkohle" bis hin zum Kohlebesen, geben einen guten Einblick in die Funktionsweise, Produkte und Arbeitsbelastungen einer Kokerei.

Wenn man die Ausstellung verläßt, wird über einen blauen Tunnel die Bildergalerie im "Fuchs" der Kokerei erreicht, an dessen Ende einer der sechs Schornsteine der Kokerei liegt. Steht man hier, geht der Blick automatisch nach oben - zum Himmel. Geht man nun wieder zurück und folgt den Hinweisen "Sonnenrad" erreicht man über etliche Stufen die Ofendecke der Koksofenbatterie. Eine Fahrt mit dem "Sonnenrad", das einem Riesenrad ähnelt, nur so konstruiert ist, das es ohne Nabe und Achse in der Mitte auskommt, führt einen in die Tiefe der Batterie und anschließend hoch in die Lüfte über die Kokerei. Von hier fällt der Blick auf die siliziumblau schillernde Fläche der Solaranlage, die als Symbol für ein neues Energiezeitalter direkt aus dem Sonnenlicht Energie gewinnt.

Das Buch zur Ausstellung ist ein grundsolider Katalog im klassischen Sinne. Auf über 300 Seiten wird die Ausstellung umfassend abgehandelt. Jede der Ausstellungsebenen wird durch ein vier bis sechs Seiten lange Kapitel erläutert. Danach folgt auf mehren Seiten die Aufzählung der Exponate mit Maßangaben, Herkunft und meistens auch Datierung sowie noch einige recht informative Beiträge zum Themenfeld des Kapitels oder zu besonderen Exponaten. Positiv ist die durchgängig gute Qualität der vielen Abbildungen zu bewerten, die einen erheblichen Teil der Exponate wiedergeben. Die Fotos aus der Ausstellung liegen lose bei und müssen vom Leser noch eingeklebt werden, was aber nicht weiter stört. Wesentlich stärker stört den Lesefluß hingegen das unruhige Layout, das die Zeilen bei einem Spaltenabstand von nahezu Null förmlich ineinanderfließen läßt. Pluspunkte sammelt der Katalog wieder beim Preis, der mit DM 29.80 auf keinen Fall zu hoch ist.

Die Präsentation der Ausstellung im Internet ist ansprechend gestaltet und inhaltlich informativ. Unter der Adresse http://www.sonne-mond-und-sterne.de erreicht man durch Anklicken eines pulsierenden Grafikelements die Einstiegsseite. Von hier kann man sich detailliert über die Ausstellung, die Kunstwerke, die Kokerei und das Begleitprogramm informieren. Die Ausstellungsinformation gliedert sich nach den "Laufhorizonten", so daß bereits "virtuell" ein kleiner Ausstellungsrundgang nachvollzogen werden kann. Alle Texte werden durch Abbildungen aus der Ausstellung ergänzt. Kleinere Abstriche hinsichtlich der technischen Verarbeitung (Texte als GIF-Grafiken, Qualitätsunterschiede bei den Abbildungen und Hintergründen) schmälern den positiven Gesamteindruck der Website nur wenig.

Insgesamt ist das Projekt "Sonne, Mond und Sterne" auf der Kokerei Zollverein eines der Höhepunkte im Rahmen der IBA Abschlußpräsentation. Die Ausstellung in der Mischanlage schaffte es, dem Thema Energie ganz unterschiedliche Facetten abzugewinnen und lädt zum Staunen und Wundern ein. Die interessante Exponatauswahl und überwiegend gute Präsentation, kombiniert mit einigen Kunstwerken im Raum, lassen den Ausstellungsrundgang zu einem bleibenden Erlebnis werden, was durch den ungewöhnlichen Ausstellungsort noch unterstützt wird. Allein das riesige Areal der Kokerei bietet zahlreiche Möglichkeiten um auf Entdeckungsreise zu gehen. Hier findet sich auch der wohl ungewöhnlichste unter den vielen Biergärten im Ruhrgebiet, direkt unter einer riesigen Maschine zum Ausdrücken des Kokskuchens, und lädt zum abschließenden Verweilen ein.

Zitation
Holger Flick: Rezension zu: Sonne, Mond und Sterne. Kultur und Natur der Energie, 13.05.1999 – 13.09.1999 Essen, in: H-Soz-Kult, 25.06.1999, <www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-79>.
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25.06.1999
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