Ort
Münster
Veranstalter
Stadtmuseum Münster
Datum
17.09.2000 - 04.03.2001
Publikation
Romme, Barbara (Hrsg.): Das Königreich der Täufer. Münster  2000. Bd. 1: 252 S.; Bd. 2: 240 S.
Graf Klaus

Die Ausstellung beginnt schwach. Ohne rechten Anfang sieht man sich nach Erklimmen der Treppe ins erste Obergeschoss an der Wand ein paar Reproduktionen zu vorreformatorischen Voraussetzungen des Taeuferreichs gegenueber, die sich mit ellenlangen Texten voller Klischees dem Spaetmittelalter naehern. Die Tafeln und Objekte sind nicht nummeriert, ich wusste jedenfalls auf Anhieb nicht, wo ich mit dem Lesen beginnen sollte.

Dem Besucher wird ein zu grosses Lesepensum zugemutet. Die Texte sind nicht nur entschieden zu lang, sie sind auch nicht praegnant und praezise. Unanschaulich und zu abstrakt, setzen sie zu viel voraus. Ich greife den ersten Abschnitt der Texttafel zur Devotio moderna heraus:"Als Devotio moderna ("neue Froemmigkeit") verstand sich eine seit dem Ende des 14. Jahrhunderts von den Niederlanden ausgehende geistliche Erneuerungsbewegung, die z.T. den Rahmen des herkoemmlichen Moenchtums sprengte, z.T. monastische Formen annahm. Ihre Motive waren einerseits die Kritik an dem verweltlichten Lebensstil von Klerikern und Ordensmitgliedern sowie an der Aeusserlichkeit der normalen Laienreligiositaet, andererseits eine radikale Konzentration auf geistliche Erfahrung im Sinne einer als spiritualisierte Christusnachfolge verstandenen Innerlichkeit: Busse, Demut, Bewaehrung christlicher Tugenden im Alltag und Meditation, geregeltes Gemeinschaftsleben und Passionsfroemmigkeit waren die die hauptsaechlichen Merkmale."

Es handelt sich dabei um einen rein akademischen Stil, der versucht einen komplexen Sachverhalt in zwei zu lange und zu komplizierte Saetze zu packen. Die Fremdwoerter waeren entbehrlich gewesen. Statt "monastisch" haette man auch einfach "kloesterlich" schreiben koennen, aber dann kaeme der Text wohl halb so gelehrt daher. Nur Bildungsbuerger wissen, was Passionsfroemmigkeit ist. Der erste Satz laesst die Frage offen, ob die Devoten nun Moenche waren oder nicht. Der zweite Satz ist syntaktisch ueberfrachtet und vom Sinn her ein wenig schief, denn Diagnose (Kritik) und Froemmigkeitspraxis (Konzentration) lassen sich eigentlich nicht beide dem Begriff "Motive" subsummieren.Die in manchen neueren Ausstellungen um groesserer Anschaulichkeit willen eingesetzte Moeglichkeit, Quellenzitate als Objekte zu verwenden, bleibt ungenutzt. Die archivalische Flachware, die wieder einmal viel zu ueppig vertreten ist, wird nicht transkribiert oder uebersetzt. Didaktik wird kleingeschrieben: So sind die Taeufersiegel so gut wie nicht zu erkennen. Wer sie vergroessert oder in guter Nachzeichnung sehen will, muss zum Katalog greifen (Bd. 1, S. 178, 190). Auch sonst ist diese ergaenzende Auskunftsquelle dringend zu empfehlen, wenngleich natuerlich (wie sich herumgesprochen haben sollte) waehrend des Besuchs sehr unhandlich zu konsultieren. Die Beschriftungen zu den einzelnen Exponaten sind zwar erfreulich ausfuehrlich, treffen aber wiederholt nicht ins Schwarze. Worum es in Meyerbeers Oper geht, hat der Besucher ebenso zu wissen wie die Tatsache, dass der Heilige auf dem Sekretsiegel der Stadt der Bistumspatron Paulus ist. Die Ausstellung geht schwach weiter, denn der erste Raum, dem Taeufertum und seiner Ablehnung der Kindertaufe gewidmet, beginnt denkbar langweilig mit ein paar Portraets von Reformatoren und Herrschern.

Einen Stock hoeher wird es besser. Die Ausstellungsarchitektur ist gelungen, sie setzt Akzente, ohne aufdringlich zu wirken. Rot und gelb sind die Farben der Ausstellung. Im zentralen Raum wird in der Mitte das belagerte Muenster durch eine nachgebaute Stadtmauer visualisiert. Im Inneren, das den Selbstzeugnissen der Taeufer gilt, sind die beiden Farben invertiert.

Die Staerke der Ausstellung liegt in der Aufarbeitung und Praesentation der Rezeption des Ereignisses. Attraktive Exponate zeigen, wie man in Muenster angebliche Wiedertaeufer-"Reliquien" gesammelt hat, wie man immer wieder neu Portraets der hingerichteten "Koenige" geschaffen und wie man im 19. und 20. Jahrhunderts das Thema in Literatur und Kunst, aber auch nicht zuletzt in der lokalen Geschichtskultur aufgegriffen und trivialisiert hat - bis hin zur Wiedertaeufertorte der Konditorei Krimphove. Muenster ist zur "Wiedertaeuferstadt" geworden.

Eine Multimedia-Orgie kann man die Ausstellung wirklich nicht nennen. Eine eher maessig aufregende, unauffaellige Projektion zeigt Himmelserscheinungen (aber auch, unangekuendigt, Holzschnitte des 16. Jahrhunderts), man kann sich ein Stueck aus Giacomos Meyerbeers Oper "Le prophete" anhoeren und ohne Ton einem Fernsehfilm folgen (um was es sich handelt, darf man bei der Aufsicht erfragen: "Koenigreich der Taeufer"). Dem Besucher steht kein PC zur Verfuegung, der Hintergrundinformationen liefern oder zum interaktiven Lernen animieren koennte.Es gelingt der Ausstellung mit ihrem ereignis- und mediengeschichtlichen Zugriff nicht, etwas von der Faszination und der radikalen Aufbruchstimmung der taeuferischen Bewegung sichtbar zu machen. Die Ausstellungsmacher sind nuechterne Buchhalter der Reformation, schwaermerischen Ideen gaenzlich abhold. Kein Blick auf andere Sozialexperimente, etwa die Taboriten! Einen sozialgeschichtlichen Ansatz, den Karl-Heinz Kirchhoff in seinen unzaehligen Arbeiten zum Thema fruchtbar gemacht hat, sucht man vergebens. Ueber die soziale Zugehoerigkeit der Taeufer spricht man in Muenster anno 2000 wohl nicht mehr.

Der ausgezeichnete zweibaendige Katalog, der noch dazu recht preiswert ist, weist sechs Ueberblicksaufsaetze (ohne Anmerkungsapparat) auf, die gleichsam als Einleitungen zu den ausfuehrlichen, wissenschaftlich weiterfuehrenden Exponatbeschreibungen (versehen mit umfassenden Literaturangaben) fungieren. Das Werk, unentbehrlich fuer alle Interessenten an der Geschichte des Taeufertums, besticht durch exzellente Reproduktionen, darunter zahlreiche ganzseitige Farbabbildungen. Im ersten Band zu Reformation und Taeuferherrschaft gibt Wilhelm Ribhegge eine reichsgeschichtliche Einordnung des Geschehens (Das Reich Karls V., die Reformation und das Taeuferreich zu Muenster, S. 10-35). Es folgen zwei Beitraege von Ralf Kloetzer: Reformation in Muenster (S. 64-75), und: Herrschaft der Taeufer (S. 104-131). Diese sind darstellerisch zu sehr am Ablauf der Ereignisse orientiert, um hinreichend differenziert den verschiedenen Aspekten (Theologie, Verfassungs-, Sozial- und Kulturgeschichte, Ikonographie usw.) und den ueberregionalen Bezuegen des Taeuferreichs gerecht werden zu koennen. Ein eher konventioneller reformationsgeschichtlicher Ansatz blockt Einsichten ab, die etwa das Verhaeltnis des taeuferischen Koenigreichs zu dem, was Peter Blickle als "Kommunalismus" bezeichnet, erhellen koennten.

Innovativer gibt sich der zweite Band, in dem Bernd Thier einen Beitrag zur Rolle der Wiedertaeufer fuer die staedtische Identitaet (Muenster - Die "Wiedertaeuferstadt". Ueber den Umgang mit der eigenen Geschichte, S. 6-21) und einen zu den Wiedertaeufer-Bildnissen vorlegt: "ganz warhafftig abkonterfeyt". Die muensterischen Taeufer in der bildlichen Darstellung und kuenstlerischen Auseinandersetzung, S. 118-133. Katja Schupp wendet sich ebenfalls dem "Nachleben" zu, vornehmlich demjenigen im 19. und 20. Jahrhundert: "Ein Echo fuer jegliche Frage, Welche die Geister bewegt". Zur Rezeption des Taeuferreiches in Geschichtsschreibung, Literatur und darstellender Kunst (S. 76-91).Eine umfangreiche Bibliographie ist beigegeben (einschliesslich einer Liste literarischer Werke zum Taeuferreich), aber leider kein Register.

Verschenkt wurde die Chance (sowohl in der Ausstellung als auch im Katalog), das Geschehen von 1534/35 als Schluesselereignis in der Geschichte der Erinnerungskultur herauszustellen [1]. Am Beispiel Muenster haette die Dialektik von Verlust und Ueberlieferungsbildung demonstriert werden koennen, denn die Taeufer verordneten mit ihren Vernichtungsaktionen gegen Bilder, Buecher und Akten ein totalitaeres "Vergessen". Die sich an die Niederlage der Taeufer anschliessende Traditionsbildung diente zugleich der Stiftung konfessioneller Identitaet, etwa wenn in muensterlaendischen Adelsfamilien Taeufer-Andenken bewahrt oder neu geschaffen wurden. Ueber die Abgrenzung vom verteufelten Anderen ("Alteritaet"), den Hochverraetern, Rebellen und Ketzern, wurde das eigene Selbstverstaendnis martialisch "befestigt". Die Funktionen und Traeger der Erinnerung werden in Ausstellung und Katalog nicht deutlich genug herausgearbeitet, etwa wenn es um die fruehneuzeitlichen Taeuferbilder geht. Weitgehend fixiert auf traditionelle Kunstgeschichte, versteht es der entsprechende Katalogbeitrag kaum, die Bildnisse als historische und historiographische Quellen zu lesen, sie in zeitgenoessischen politischen oder konfessionellen Kontexten zu situieren. Portraets und Medaillen waren damals verhaeltnismaessig junge Erinnerungsmedien, die aber fast nur einem "ehrenden Gedenken" galten. Bei den Wiedertaeufer-Andenken aber handelt es sich um die Verewigung von Schande, die gleichzeitig den Triumph der siegreichen Obrigkeit feierte. Die Ausstellung der Gebeine in den bekannten Kaefigen am Turm der Lamberti-Kirche weist durchaus zeitgenoessische Parallelen auf (um die sich die Verantwortlichen in Muenster aber nicht gekuemmert haben). Bemerkenswert ist der jaehrlich angeordnete Gedenktag, noch bemerkenswerter aber das 1545 begangene zehnjaehrige Jubilaeum der Niederwerfung (Bd. 1, S. 227). Dabei handelt es sich um ein ausgesprochen neues Erinnerungsmedium. Unkenntnis der Zeugnisse ausserhalb von Muenster hat Bernd Thier auch verleitet, den Verkauf des 1558 testamentarisch an die Stadt gelangten Siegelrings des Jan van Leyden mit den Worten zu kommentieren: "Die Zeit war noch nicht reif fuer Erinnerungsstuecke" (Bd. 2, S. 10).

Das reiche und wissenschaftlich gut erschlossene Material des Katalogs zur vormodernen und modernen Erinnerungskultur in uebergreifende Zusammenhaenge einzuordnen, bleibt ein Desiderat der Forschung.Unverstaendlicherweise fast ganz ausgeblendet bleibt die eigene Traditionsbildung der Taeufer, die ja bis heute als lebendige und ueberaus traditionsbewusste religioese Gemeinschaften existieren. Noch heute singt man etwa in hutterischen Gemeinden Lieder ueber die deutschen Maertyrer ihres Glaubens im 16. Jahrhunderts. Wie aber wurden die Radikalen von Muenster im taeuferischen Geschichtsbild wahrgenommen? Diese Frage hat man sich in Muenster leider nicht gestellt.

Mein Fazit ist eindeutig: Die Ausstellung ist ein herausragendes wissenschaftliches Ereignis, was die Aufarbeitung der lokalen Taeufer-Rezeption angeht, aber museums- und geschichtsdidaktisch enttaeuschend.

Webseite: Die Internetpraesenz der Ausstellung ist duerftig. Zwar wird man ueber das Begleitprogramm unterrichtet und erhaelt einige historische Basisinformationen, doch insgesamt vier Bilder von Ausstellungsobjekten sind zu wenig. Links sind nicht angegeben, obwohl dies angesichts der erwaehnten Einseitigkeiten der Ausstellung sinnvoll gewesen waere. Ich nenne einige Adressen, die weiterfuehrende Angaben enthalten.

a) Deutschsprachige Angebote Ansprechend illustriert ist ein Schulprojekt "Die Wiedertaeufer in Muenster", dessen Besuch durchaus empfohlen werden kann:http://mitglied.tripod.de/Rienaecker/wiedertaeufer/ Wissenschaftlichen Anspruechen genuegt eine Seminararbeit von A. Mueller zur Vielweiberei waehrend des Taeuferkoenigtums, ueber das man ausfuehrlich informiert wird: http://www.seeseiten.de/user/armin/ehe.htm Ueber die Taeufer von Muenster sowie (ausgehend von den Taeufern von Zuerich) die Ausbreitung des Taeufertums handeln Texte von R. Strasser: http://efb.ch/Texte/taeufer.htmhttp://efb.ch/Texte/admuenst.htm Ein Lexikonartikel zu den Taeufern aus Schweizer Sicht http://www.snl.ch/dhs/externe/protect/textes/D11421.html Lexikonartikel zu den Persoenlichkeiten von Bernhard Knipperdolling, Heinrich Krechting und Bernhard Rothmann http://www.bautz.de/bbkl/k/Knipperdolling.shtmlhttp://www.bautz.de/bbkl/k/Krechting.shtmlhttp://www.bautz.de/bbkl/r/rothmann_b.shtml

b) Englischsprachiges Einen Eindruck von der Masse der amerikanischen Angebote vermittelt ein Webverzeichnis zu Taeufergemeinschaften (Anabaptists) http://directory.google.com/Top/Society/Religion_and_Spirituality/Christiani ty/Denominations/Anabaptist/ Mennonite Connections on the WWW http://www-personal.umich.edu/~bpl/menno.html Canadian Mennonite Encyclopedia Online http://mhsc.uwaterloo.ca:9000/index.html Wissenschaftlicher Aufsatz von T. Howard ueber "Charisma and History: The Case of Muenster, Westphalia, 1534-1535" (1993) http://etext.lib.virginia.edu/journals/EH/EH35/howard1.html

c) Bilder und weitere Materialien im WWW Etliche einschlaegige Abbildungen illustrieren die Seite ueber das Buch von A. Arthur: The Tailor-King (Jan van Leyden) http://www.canyonweb.com/thetailorking/synopsis.htm Zwei Portraets (Leyden und Knipperdolling) von Heinrich Aldegrever http://www.ddg.com.pl/aldegrever/EN/BI/bio.htm Wiedertaeufertaler http://www.dcatalog.de/kuenk59/02977H00.HTM Materialien zur Oper von Giacomo Meyerbeer: Le prophete (1849) http://www.meyerbeer.com/operas.htm

Anmerkung:

[1] Vgl. zum folgenden die unter http://www.uni-koblenz.de/~graf/#erinn erreichbaren Studien des Rezensenten zur vormodernen Erinnerungskultur, insbesondere den mit Nachtraegen gegenueber der Druckfassung versehenen Aufsatz zur Erinnerungskultur der Strafjustiz (mit Beruecksichtigung der Taeufer-Andenken): http://www.uni-koblenz.de/~graf/strafj.htm

Zitation
Klaus Graf: Rezension zu: Das Königreich der Täufer, 17.09.2000 – 04.03.2001 Münster, in: H-Soz-Kult, 04.02.2001, <www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-83>.
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04.02.2001
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