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L'Homme. Zeitschrift für Feministische Geschichtswissenschaft

Titel der Ausgabe 
L'Homme. Zeitschrift für Feministische Geschichtswissenschaft
Weiterer Titel 
Die Liebe der Geschwister

Herausgeber
Erna Appelt (Innsbruck), Caroline Arni (Bern), Gunda Barth-Scalmani (Innsbruck), Ingrid Bauer (Salzburg), Mineke Bosch (Maastricht), Susanna Burghartz (Basel), Ute Gerhard (Frankfurt a. M.), Christa Ehrmann-Hämmerle (Wien), Hanna Hacker (Wien), Karin Hausen (Berlin), Hana Havelkova (Prag), Waltraud Heindl (Wien), Margareth Lanzinger (Wien), Brigitte Mazohl-Wallnig (Innsbruck), Herta Nagl-Docekal (Wien), Edith Saurer (Wien), Claudia Ulbrich (Berlin), Regina Schulte (Florenz/Bochum)
Erschienen
Wien 2002: Böhlau Verlag
Erscheint 
Erscheinungsweise: 2x jährlich
ISBN
3-205-77036-6
Anzahl Seiten
159 S.
Preis
abo: €31,3 (für Stud.:€25,4); Einzel: €18,8

 

Kontakt

Institution
L'Homme. Europäische Zeitschrift für Feministische Geschichtswissenschaft
Land
Austria
c/o
Redaktion: Veronika Siegmund, MA L’HOMME-Redaktion, c/o Institut für Geschichte, Universität Wien, Universitätsring 1, 1010 Wien Österreich Telefon: +43-(0)1-4277-408 13 Fax: +43-(0)1-4277-9408 Verantwortliche Herausgeberin: Christa Hämmerle
Von
Elisabeth Frysak

Editorial

Für dieses Heft war ursprünglich das Thema “Inzest“ vorgesehen. Zur Vorbereitung hatte Regina Schulte am Europäischen Hochschulinstitut Florenz einen kleinen Workshop organisiert. Schon bei dessen Planung und noch stärker während der gemeinsamen Diskussionen kristallisierte sich heraus, dass es lohnte, das Thema schärfer zu fokussieren. So ist es zum jetzigen Thema „Die Liebe der Geschwister“ gekommen.
Das Wort „Inzest“ bezeichnete und bezeichnet noch heute höchst diffuse und zudem je nach Raum und Zeit höchst unterschiedlich gefasste und gedeutete Grenzziehungen, deren Überschreitung als nicht zulässig gilt. Das Inzesttabu beziehungsweise das in Religion und Recht verankerte Inzestverbot schränkt die mögliche Vielzahl geschlechtlicher Beziehungen zwischen Menschen ein, indem es Regeln des Erlaubten, Legitimierten und Akzeptierten vorgibt. In dieser Allgemeinheit formuliert, erscheint das Inzestverbot als Universalie jenseits aller Geschichte. Diese vermeintliche Universalie ist ein allein über Abstraktion hergestelltes Gebilde. Das zeigt sich, sobald versucht wird, den auf das lateinische Wort „incestus“ zurückgehenden Begriff in seiner Entwicklung über die Jahrhunderte auch nur im christlichen Abendland zu verfolgen und ihn in die beigeordneten Wort- und Sinnfelder einzuordnen. Wenn in früheren Zeiten erörtert wurde, warum inzestuöse Beziehungen Sünde beziehungsweise gerichtlich zu verurteilen sind, tritt eine überraschende Vielfalt und Unschärfe dessen, was gemeint war, zutage. Das Spektrum reicht von Heiratsverboten zwischen Verwandten verschiedensten Grades, dem Verdikt der Blutschande, wenn durch die eheliche Vermischung des Fleisches und Blutes neue Blutsverwandtschaften entstanden sind, bis hin zum heutigen Verständnis des sexuellen Missbrauchs von abhängigen Kindern als Delikt. Die Widersprüchlichkeit der Begründungen und die unablässige diskursive Verschiebung der Grenzen dessen, was als inzestuöse Beziehungen ausgegrenzt werden soll, hat im übrigen immer auch vielfältige Möglichkeiten eröffnet, das Verbot den zeitspezifischen Wünschen und Erfordernissen bestimmter sozialer Gruppierungen anzupassen und die Regeln zu verändern.
David Sabean arbeitet in seinem Beitrag den historischen Wandel des Redens und Urteilens über Inzest im Vergleich zwischen Diskursen des 16.und 18. Jahrhunderts, die er besonders nachdrücklich anhand von Bearbeitungen des „Phaedra“-Stoffes analysiert, und Diskursen der Romantik, die im frühen 19. Jahrhundert die innige geschwisterliche Liebe und die Idee der liebenden Verschmelzung in den Vordergrund rückten, heraus. Sabean deutet die auffallenden Unterschiede im Zusammenhang mit den veränderten Funktionen, die die Verwandtschaftssysteme für die Allianzsysteme sozialer Gruppen zu erfüllen hatten. Er regt an, ähnlich auch bei der Analyse aktueller Missbrauchs-Diskurse der 1980erJahre anzusetzen.
Im frühen 19. Jahrhunderts kommt es zumindest in bürgerlichen Kreisen - auch innerhalb der Familien - zu einer auffallend intensiven Pflege und ausdrücklichen Hochschätzung sehr enger Kontakte und emotionaler Beziehungen zwischen Schwestern und Brüdern, Cousinen und Cousins. Leonore Davidoff erläutert diese Konstellation sehr anschaulich für England unter anderem anhand einer Studie über den Dichter William Wordsworth und seiner Schwester Dorothy und deren Freundeskreis. Die viel diskutierte, aber nicht beantwortbare Frage, ob und wie Geschwisterliebe zur Sexualität hin überspielt, sei historisch weitaus weniger aufschlussreich, als die Frage, was die auch in der Literatur der Romantik immer wieder gestaltete innige, ja inzestuöse Nähe und das behauptete Einssein von Bruder und Schwester ausmachte und was die kultur- und sozialgeschichtlichen Bedingungen dieser Ausgestaltung und Verklärung waren.
Wie Davidoff für England, so interessieren auch Christopher Johnson für Frankreich die speziellen Familien- und Verwandtschaftsverhältnisse, innerhalb deren eng verbundene Gruppen von Geschwistern sich in Kindheit und Jugend herausbildeten und auch im Erwachsenenalter selbst über längere Entfernung und trotz eingegangener Ehepflichten weiter intensiv kommunizierten und interagierten. Er rekonstruiert anhand eines einzigartig dichten Bestandes von Briefen ein Geschwister-Archipel, wie es in der Stadt Vannes zwischen den Kindern von drei eng miteinander durch Heirat verbundenen Bürgerfamilien ausgebildet und in den ersten beiden Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts über alle politischen Konflikte hinweg intensiv gepflegt wurde.
Völlig andere Akzente setzt schließlich Patrizia Guarnieri in ihrem Beitrag über Missbrauch und Inzest in Italien während des 19. und 20. Jahrhunderts. Sie untersucht unter anderem anhand von Gerichtsfällen was geschieht oder besser: was nicht geschieht, seitdem neben der Kirche auch der Staat dazu aufgerufen ist, Inzest zu verfolgen, und seitdem in der Familie sexuell belästigte oder vergewaltige Menschen außer der Möglichkeit, ihre Not im Geheimen des Beichtstuhls auszusprechen, auch per Gesetz das Recht erhalten, das Geschehene öffentlich zu machen, vor Gericht die Mitglieder ihrer Familie anzuklagen und Strafe einzufordern. Guarnieris Interesse gilt der um der Opfer willen erfolgten rechtlichen Kodifizierung und Verfolgung von Inzest als Delikt und der Mauer des Schweigens, die aufgerichtet wurde, um zum Schutze der Gesellschaft und der Institution Familie eine drohende Strafverfolgung und damit einen öffentlichen Skandal abzuwehren.
Außerhalb des Themenschwerpunktes, aber gleichwohl inhaltlich damit verbunden, bietet das Heft schließlich noch einen fünften längeren Aufsatz. Barbara Duden präsentiert kritisch Dava Sobels Buch über Galileos Tochter. Sie entfaltet eine stärker historisch kontextualisierende und auf die Not des alltäglichen Lebens ausgerichtete Gegenlektüre der Briefe, die von der Clarissin Maria Celeste, einer unehelich geborenen und dem Kloster übergebenen Tochter Galileis, überliefert sind. Sie schrieb an ihren Vater viele Briefe, um von ihm immer und immer wieder die im Kloster zum Überleben unverzichtbaren Gaben zu erbitten und ihm ihrerseits als Gaben zu übersenden, was sie selbst für ihn hergestellt hatte. Duden macht darauf aufmerksam, dass Maria Celeste in der sinnlichen Sprache ihrer Briefe und mit dem Tausch der Gaben und Briefe auch darauf hinarbeitete, die täglich erfahrene Ungleichheit der Liebe zwischen Vater und Tochter erträglicher auszutarieren.

Inhaltsverzeichnis

13. Jg. Heft 1
2002

Die Liebe der Geschwister

Herausgegeben von Karin Hausen und Regina Schulte

Inhalt

Editorial

David Warren Sabean
Inzestdiskurse vom Barock bis zur Romantik

Leonore Davidoff
„Eins sein zu zweit“: Geschwisterinzest in der englischen Mittelschicht des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts

Christopher H. Johnson
Das „Geschwister Archipel“: Bruder-Schwester-Liebe und Klassenformation im Frankreich des 19.Jahrhunderts

Patrizia Guarnieri
Inzest als „öffentliches Ärgernis“ Gesetzeslage und Moralvorstellungen im vereinten Italien

Aktuelles und Kommentare

Barbara Duden
„Denn wir haben kein andres Gut auf der Welt als Euch“. Galileos Tochter Suor Maria Celeste in einer Biographie von Dava Sobel und in ihren Briefen

Marianne Hänseler
„Erfahrung – alles nur Diskurs?“ Tagungsbericht der 11. Schweizer HistorikerInnentagung in Zürich, 15. und 16. Februar 2002

Christine Schneider
„Le radici communi della cultura europea e di l’ìdentitá di genere.“ Tagungsbericht aus Bacoli (Napoli), 18. bis 23. Februar 2002

Forum

Jiřina Šiklová
Anmerkungen zur Geschichte der Frauenbewegung in der Tschechischen Republik

Rezensionen

Peter Becker
Franziska Lamott, Die vermessene Frau. Hysterien um 1900

Susanne Burghartz
Benigna von Krusenstjern u. Hans Medick Hg., in Zusammenarbeit mit Patrice Veit, Zwischen Alltag und Katastrophe. Der Dreißigjährige Krieg aus der Nähe

Katrin Keller
Antje Stannek, Telemachs Brüder. Die höfische Bildungsreise des 17. Jahrhunderts

Susanne Risse
Charlotte Heinritz, Auf ungebahnten Wegen. Frauenautobiographien um 1900

Monika Rohrauer
Beate Rössler, Der Wert des Privaten

Wolfgang Schmale
Jens Schmidt, „Sich hart machen, wenn es gilt“. Männlichkeitskonzeptionen in Illustrierten der Weimarer Republik

Wolfgang Schmid
Lorraine Code Hg., Encyclopedia of Feminist Theories

Eva-Maria Schwickert
Susanne Heine, Frauenbilder – Menschenrechte. Theologische Beiträge zur feministischen Anthropologie

Abstracts

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Redaktion
Veröffentlicht am
04.08.2003
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