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Invertito. Band 1

Titel der Ausgabe 
Invertito. Band 1
Weiterer Titel 
Homosexualitaeten in der Bundesrepublik Deutschland 1949-1972

Erschienen
Hamburg 1999: Männerschwarm Verlag
Erscheint 
ISBN
3-928983-76-8
Anzahl Seiten
168 Seiten
Preis
16 € Buchhandel / 14 € Abo
ISSN

 

Kontakt

Institution
Invertito. Jahrbuch für die Geschichte der Homosexualitäten
Land
Deutschland
c/o
Invertito c/o Centrum Schwule Geschichte Köln Postfach 270308 50509 Köln Telefon: 0221 / 98558348
Von
Stefan Micheler

Eine neue Zeitschrift stellt sich vor
Vor Ihnen liegt das erste Heft der neuen Zeitschrift Invertito – Jahrbuch fuer die Geschichte der Homosexualitaeten! Invertito moechte sich der historischen Erforschung weiblicher und maennlicher gleichgeschlechtlicher Liebe, Erotik und Sexualitaet widmen und damit eine empfindliche Luecke in der deutschsprachigen Wissenschaftspublizistik schliessen. Das Jahrbuch wird vom Fachverband Homosexualitaet und Geschichte e.V. herausgegeben, dessen Mitglieder sich zumeist bereits seit Jahren im Rahmen der Dokumentations-, Museums- und Fachverbandsarbeit engagiert haben. Es steht nicht nur Mitgliedern des Vereins offen, sondern allen, die der Historie der Homosexualitaeten nachspueren und die Schwierigkeiten kennen, die vor allem juengeren und nicht universitaer gebundenen WissenschaftlerInnen bereitet werden, die versuchen, sich mit dieser Thematik an die geschichtswissenschaftlichen Fachorgane zu wenden. Invertito laedt etablierte WissenschaftlerInnen und Hochschullehrende ebenso zur Mitarbeit ein wie Studierende, gerade erst Examinierte und semiprofessionelle sowie nicht akademische ForscherInnen. Alle Texte sollen sowohl wissenschaftlichen Anspruechen genuegen als auch fuer interessierte Nicht-WissenschaftlerInnen lesbar sein. Jeder Band enthaelt etwa drei Aufsaetze zu einem Schwerpunktthema. Hinzu kommen kleinere Beitraege, ausgewaehlte Buchbesprechungen, Hinweise auf Neuerscheinungen, aktuelle Kommentare, (Bild-)Dokumentationen, nach Moeglichkeit auch Gespraeche und Theoriedebatten.
Die Fachbeitraege dieses ersten Jahrbuchs fuehren in die ersten drei Jahrzehnte der Bundesrepublik Deutschland zurueck, das heisst, in die "Aera Adenauer" und in die Phase des gesellschaftlichen und politischen Wandels.. Sie wollen sowohl uebergreifende Zusammenhaenge vermitteln als auch spezifische Forschungsfragen beleuchten. Die beiden Aufsaetze von Burkhardt Riechers und Kirsten Ploetz untersuchen aus jeweils unterschiedlicher Perspektive das Bild maennlicher und weiblicher Homosexueller in dieser Zeit, und zwar zum einen das Selbstverstaendnis der "Homophilen" anhand der zeitgenoessischen Zeitschriften, zum anderen das Fremdverstaendnis, mit dem "Lesbierinnen" in den Anfaengen der BRD konfrontiert wurden. Stefan Micheler schliesslich leistet mit seiner Analyse des Umgangs mit Homosexualitaet in der deutschen Studierendenbewegung einen Beitrag zur Entmythologisierung der Betrachtung "der 68er". Dass alle drei Beitraege von Noch-Nicht-Promovierten verfasst wurden, liegt primaer in den Defiziten der aktuellen Forschung begruendet, die diese Themen bislang noch nicht entdeckt und in den akademischen Kanon aufgenommen hat. Dass schliesslich im gesamten Jahrbuch ein quantitatives Uebergewicht maennlicher Namen vorherrscht, ist in erster Linie der Mitgliederstruktur des herausgebenden Fachverbandes geschuldet. Wir wuenschen uns eine staerkere Beteiligung von Frauen – auch unter den Herausgebenden – und bedauern, dass im deutschsprachigen Raum Organisationen, in denen homosexuelle Maenner und Frauen gleichermassen vertreten sind, noch immer die Ausnahme sind.
"Invertito" versteht sich als programmatischer Titel. Das lateinische Substantiv inversio und die lateinische Verbform inverto wurden von vielen europaeischen Sprachen als Lehnwoerter uebernommen und erfuhren dadurch auch eine Bedeutungserweiterung. Schon im Lateinischen haben sie eine Vielzahl von Bedeutungen: inversio meint Umstellung, Ironie, Allegorie; invertere kann mit umwenden, umdrehen, umkehren, aufwuehlen, umpfluegen, umstuelpen, verdrehen, veraendern, umgestalten, etwas mit anderen Worten ausdruecken, etwas auf den Kopf stellen uebersetzt werden. Auch das Deutsche kennt invers, Inversion, invertieren als Lehnwoerter. Die Zeitschrift Invertito will die herkoemmliche Sicht auf Geschichte veraendern, gaengige Forschungsmeinungen auf den Kopf stellen, das Bestehende spiegeln, aber auch umdrehen – kurz, sie will sich dem vorherrschenden heteronormativen Blick entziehen und entgegenstellen.
Bekanntlich existiert allein in der deutschen Sprache eine Vielzahl von Begriffen, mit denen gleichgeschlechtlich Handelnde und Liebende im Laufe der Zeit bezeichnet wurden oder sich selbst bezeichneten: "Sodomiter" und "Tribaden", "Urninge" und "Urninden", "Verzauberte", "Freundschaftsmaenner" und "Freundschaftsfrauen", "Freunde" und "Freundinnen", "Maennerhelden" sowie "Angehoerige des Dritten Geschlechts". All das unter "homosexuell" zu fassen, ist ein nachtraegliches Konstrukt. Unter anderem finden sich auch die Termini Invertierte, invertiert, invertierte Sexualitaet, die Sigmund Freud (1905) und Hans Blueher (1912) von Jean Martin Charcot und V. Magnan (1882) uebernahmen und die auch von zahlreichen anderen AutorInnen verwendet wurden. Auch romanische Sprachen kennen das Wort als Synonym fuer "homosexuell" (spanisch: invertido, inversión sexual, italienisch: inverto, invertito/a). Die beste Uebersetzung waere wohl: andersrum. Der Titel Invertito zeigt, dass den Menschen, die in den Untersuchungen vorgestellt werden, nicht Identitaetskonstrukte uebergestuelpt werden sollen, indem sie eben nicht bloss als "Homosexuelle" wahrgenommen werden, sondern verweist auf die Vielfalt an Begriffen, Identitaeten, Selbst- und Fremddefinitionen in Zeit und Raum.
Der Plural "Homosexualitaeten" soll zweierlei besagen: Zum einen drueckt er aus, dass die Vorstellung einer diachronen, einheitlichen Geschichte, in der Sexualitaet als ein zu allen Zeiten gleiches Phaenomen betrachtet wurden, durch historische Darstellungen, durch "Geschichten" ueber die vielfaeltigen Erscheinungsformen und Konzeptualisierungen gleichgeschlechtlichen Lebens und Liebens abgeloest werden muss. Zum anderen soll er darauf hinweisen, dass weibliche "Homosexualitaet" nicht mit maennlicher gleichgesetzt, nicht aus derselben hergeleitet und nicht auf dieselbe bezogen werden darf, sondern sich in eigenstaendigen Konzepten und Konkretionen verwirklicht.
Forschungen zur gleichgeschlechtlichen Liebe, Erotik und Sexualitaet ordnen sich in das weite Feld der Sexualitaeten- und Geschlechterforschung ein, das sich seit den 70er Jahren aus mehreren Wurzeln heraus gebildet hat. Hier waeren insbesondere zu nennen: die Aneignung der Vergangenheit durch die homosexuelle Emanzipationsbewegung, die sich besonders auf den Aspekt der Verfolgung gleichgeschlechtlich Handelnder und die Geschichte der "Homosexuellen" seit dem 19. Jahrhundert konzentrierte; die Entstehung einer feministisch gepraegten historischen Frauenforschung, in der die Untersuchung von Frauenbeziehungen einen festen Platz einnimmt und die sich inzwischen zur Geschlechtergeschichte erweitert hat, und die sozialhistorische Erforschung von Sexualitaet, Familie und "privatem Leben", entstanden aus den mentalitaetsgeschichtlichen Konzepten der Annales-Schule und der Alltagsgeschichtsschreibung.
Vielfach konnten aeltere – meist am Rande des geschichtswissenschaftlichen Mainstreams angesiedelte – Forschungsrichtungen Rohmaterial liefern, um es neuen Fragestellungen zu unterziehen, so etwa die "Sittengeschichten" oder medizinische "Fallsammlungen". Ebenso wurde die traditionelle "Kriminalgeschichte" mit ihrem Blick von oben abgeloest durch eine sozial- und alltagsgeschichtliche Erforschung der "Kriminalitaet" von unten; in diesem Zusammenhang hatte auch Sexualdelinquenz ihren festen Platz.
In den 80er Jahren wurde die gesamte Historiographie zu Geschlechtern und Sexualitaeten von einem grundlegenden Paradigmenwechsel erfasst. Die Anwendung dekonstruktivistischer Methoden, vor allem die Rezeption Michel Foucaults, fuehrten zu einer Historisierung scheinbar objektiver Begriffe (wie "Sexualitaet", "Liebe" usw.), zu einer Entnaturalisierung des Sexuellen und des Koerperlichen ueberhaupt, und zu einer Infragestellung universaler Theorien der Gesamtgeschichte. Die sich anschliessende (noch nicht abgeschlossene) Essentialismus-Konstruktivismus-Debatte schaerfte den Blick fuer die Notwendigkeit, Begriffe wie beispielsweise (Homo-) "Sexualitaet", "Geschlecht" oder auch "Kriminalitaet" immer aufs neue in ihrem jeweiligen gesellschaftlichen Kontext zu definieren und hinterfragen. Seit etwa zehn Jahren wird die Historisierung des Sexuellen durch die Verbindung von Dekonstruktivismus und feministischen Theorien insbesondere von Judith Butler vorangetrieben, die die Differenzierung zwischen "sex" als biologischer und "gender" als soziologischer Kategorie aufhob und jede "praediskursive" Vorstellung eines Frauenbildes (und Maennerbildes) zurueckwies. In der "Queer-Theory" schliesslich wird eine neue Verbindung zwischen Wissenschaft und politisch-emanzipatorischer Praxis angestrebt.
In Invertito soll eine breite Palette von Ansaetzen zur Erforschung gleichgeschlechtlicher Verhaeltnisse vertreten sein. Die Zeitschrift soll den jeweiligen Diskussionsstand widerspiegeln, unterschiedliche Positionen zu Wort kommen lassen und nach Moeglichkeit dazu beitragen, die Theoriedebatte zu foerdern und weiterzuentwickeln.
Die Erforschung der Geschichte der Homosexualitaeten geht somit ueber die blosse Betrachtung von gesellschaftlichen Minderheiten hinaus; sie betrifft Geschlechter- und Sozialverhaeltnisse insgesamt. Sie laesst Lebenswirklichkeiten und -konzepte ausserhalb und neben der heute herrschenden buergerlich-heterosexuellen Familien-Norm sichtbar werden. Die Dechiffrierung von gesellschaftlichen Bildern, Begriffen und Normen als Konstruktionen hilft, Machtmechanismen zu hinterfragen und die grundsaetzliche Wandelbarkeit der heutigen Verhaeltnisse aufzuzeigen.
Gerade im deutschsprachigen Forschungsbereich besteht ein grosser Nachholbedarf an Arbeiten auf diesem Gebiet. Hierzulande haelt sich besonders hartnaeckig die Auffassung, Sexualitaeten und Geschlechter seien ahistorische Konstanten und zudem etwas "Privates". Bislang liegt der Schwerpunkt des Interesses auf der fruehen Emanzipationsbewegung, auf der NS-Zeit, und seit etwa zehn Jahren gibt es verstaerkte (wenngleich noch immer vereinzelte) Aktivitaeten auf dem Gebiet des Mittelalters. Hingegen ist die "Fruehe Neuzeit", das heisst die Epoche des 16., 17. und 18. Jahrhunderts, im deutschen Sprachraum noch fast unerforscht, waehrend sie in vielen anderen westeuropaeischen Laendern und in den USA ausserordentlich intensiv bearbeitet wurde. Auch die oben genannten Theoriedebatten sind in Deutschland bislang erst ansatzweise rezipiert worden. Somit besteht sowohl in theoretischer Hinsicht als auch in Bezug auf einzelne Gegenstaende ein elementares Forschungsinteresse an allen historischen Phaenomenen gleichgeschlechtlichen Verhaltens.
Moege Invertito die Vernetzung und Etablierung historischer Homosexualitaeten-Forschung foerdern und dabei nicht einfach eine exotisch-bunte Enklave innerhalb der herrschenden Wissenschaft einrichten, sondern den Blick auf Geschichte und Gegenwart insgesamt emanzipatorisch veraendern helfen.
Redaktion und Co-Herausgeber bitten in diesem Sinne alle LeserInnen, die neue Zeitschrift mit konstruktiver Kritik zu begleiten und sich persoenlich ermuntert zu fuehlen, sich mit eigenen Arbeiten an den folgenden Heften zu beteiligen.
(Redaktion & Co-Herausgeber )

Inhaltsverzeichnis

Schwerpunktbeitraege

Burkhardt Riechers: Freundschaft und Anstaendigkeit. Leitbilder im Selbstverstaendnis maennlicher Homosexueller in der fruehen Bundesrepublik

Kirsten Ploetz: "Echte" Frauenleben? "Lesbierinnen" im Spiegel oeffentlicher Aeusserungen in den Anfaengen der Bundesrepublik

Stefan Micheler: Heteronormativitaet, Homophobie und Sexualdenunziation in der deutschen Studierendenbewegung

Kleinere Beitraege

Hans-Peter Weingand: Vom Feuertod zu einem Monat Gefaengnis. Gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen und Strafrecht in Oesterreich 1499-1803

Stephan Heiss: Ein Landsknecht gebiert ein Kind Anmerkungen zu einem Fuggerbrief von 1601

Erwin In het Panhuis: "Unendlich heterosexuelle Weiten" Homosexualitaet in Star Trek

Rezensionen
Bernd-Ulrich Hergemoeller: Mann fuer Mann. Biographisches Lexikon zur Geschichte von Freundesliebe und mannmaennlicher Sexualitaet im deutschen Sprachraum, Hamburg1998
(Wolfgang Schmale)

Drei Neuerscheinungen von Harry Kuster.
Kuster, Harry: De wil tot liefhebben. Beschouwingen over geschiedsfilosofie, narcisme en knapenliefde, 2 Bde, Veenendaal (NL) 1997
Kuster, Harry: Vriendschapsminne in twaalfde-eeuws perspectief, Wageningen (NL) 1999
Kuster, Harry: Eros in het Avondland. Werkelijkheid van gelijkgeslachtelijke liefde. Een bibliografie, Veenendaal (NL) 1999
(Bernd-Ulrich Hergemoeller)

Bernd-Ulrich Hergemoeller: Sodom und Gomorrha. Zur Alltagswirklichkeit und Verfolgung Homosexueller im Mittelalter, Hamburg 1998
(Andreas Niederhaeuser)

Gerd Wilhelm Grauvogel: Theodor von Waechter. Christ und Sozialdemokrat. Ein soziales Gewissen in kirchlichen und gesellschaftlichen Konflikten, Stuttgart 1994
(Rainer Hering)

Kirsten Ploetz: Einsame Freundinnen? Lesbisches Leben waehrend der 20er Jahre in der Provinz, Hamburg 1999
(Claudia Schoppmann)

Centrum Schwule Geschichte (Hg.): "Das sind Volksfeinde!" Die Verfolgung von Homosexuellen an Rhein und Ruhr 1933-1945, Koeln 1998
(Florian Mildenberger)

Claudia Schoppmann: Verbotene Verhaeltnisse. Frauenliebe 1938-1945, Berlin 1999
(Ilse Kokula)

Wolfgang Beutin / Ruediger Schuett (Hg.): "Zu aller erst anti-konservativ". Kurt Hiller (1885-1972), Hamburg 1998
(Jakob Michelsen)

Ursula Ferdinand / Andreas Pretzel / Andreas Seeck (Hg.): Verqueere Wissenschaft? Zum Verhaeltnis von Sexualwissenschaft und Sexualreformbewegung in Geschichte und Gegenwart, Muenster 1998,
(Stefan Micheler)

Neuerscheinungen 1998

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Redaktion
Veröffentlicht am
04.10.2004
Klassifikation
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