test Grenzgänge 12 (2005), 23 | H-Soz-Kult. Kommunikation und Fachinformation für die Geschichtswissenschaften | Geschichte im Netz | History in the web

Grenzgänge 12 (2005), 23

Titel der Ausgabe 
Grenzgänge 12 (2005), 23
Weiterer Titel 
Grenzen des Ökonomischen

Herausgeber
Redaktion: Jürgen Erfurt (Frankfurt a.M.); Helene Harth (Potsdam); Horst G. Klein (Frankfurt a.M.); Katharina Middell (Leipzig); Thomas Höpel (Leipzig) (Redaktionssekretär)
Erschienen
Erscheint 
2 mal jährlich
ISBN
0944-8594
Preis
8 € das Einzelheft, 15 € das Jahresabo (für Studierende und Ermäßigungsberechtigte 10 €)

 

Kontakt

Institution
Grenzgänge. Beiträge zu einer modernen Romanistik
Land
Deutschland
c/o
Dr. Thomas Höpel Redaktion GRENZGÄNGE c/o Geistes- und Sozialwissenschaftliches Zentrum im Zentrum für Höhere Studien und Literaturen Emil Fuchs-Straße 11 D - 04105 Leipzig Tel. (0341) 9730286 Fax: (0341) 9605261 e-mail: hoepel@rz.uni-leipzig.de Nathalie Noel c/o Institut für romanische Sprachen Universität Leipzig Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Grüneburgplatz 1 D - 60629 Frankfurt am Main Tel. (069) 79822198 Fax (069) 79828937
Von
Thomas Höpel

Die Grenzen des Ökonomischen sind gerade in Zeiten der Krise umstritten, das reaktualisiert das Thema zu bestimmten Zeiten brisant: In den letzten Jahren hat die französische Literatur mit dem Erzählen auch den ökonomischen Schauplatz wiederentdeckt, hier sei nur an François Bons Sozialstudie Daewoo zur katastrophalen Schließung dreier Fabrikwerke, an François Emmanuels Parallelisierung von Humankapital-Zynismus und Holocaust in La Question humaine oder an Frédéric Beigbeders werbeaffirmative Provokation 99 francs erinnert. Die traditionelle Distanz, die die Geisteswissenschaften zum ökonomischen Faktum wahren - bzw. dieses in Figuren der Gabe, der Verschwendung, des Fests umkehren - haben aber schon Autoren wie Stendhal und Balzac, die Goncourt und Zola nicht geteilt, wie im folgenden gezeigt wird. Ihre literarischen Perspektiven und Techniken unterwandern von selbst ideologische Modelle, so verbietet es sich, bei einer Thematologie des Ökonomischen stehenzubleiben.

Grenzziehungen politischer und historischer, medienästhetischer und literarischer Art bildeten den Ausgangspunkt einer Sektion zum Aachener Kongress der Frankoromanisten, 25.- 29. 9. 2002 "Preise machen, Werte abmessen, Äquivalente ausdenken, tauschen - das hat in einem solchen Maße das allererste Denken des Menschen präokkupiert, dass es in einem gewissen Sinne das Denken ist", schrieb Nietzsche, und hier gilt es auch fürs Erzählen: Als ökonomisch fokussierte Relektüren literarischer Texte des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts möchten die in diesem Band versammelten Studien einen Beitrag dazu leisten, gegenwärtige kulturwissenschaftliche Debatten um den Nexus von Kultur, Literatur und Wirtschaft historisch zu vertiefen. Man wünschte sich, heutige Manager, Entscheider und Funktionseliten läsen etwa Stendhals Roman La Chartreuse de Parme als literarische Reflexion über ihre rational choice-Handlungsmodelle. ESTHER VON DER OSTEN bringt Stendhals Gebrauch von comte, conter, compter in den Zusammenhang von Erzählökonomie und erzählter Ökonomie - und damit von Literatur in Zeiten des Liberalismus. Unterschiedliche Ökonomien werden im Roman gegeneinandergestellt, durchkalkuliert und mit der Ökonomie des Glaubens - Kredit! - verbunden.

Der durchgängige Versuch der Beiträge, die Argumentation an präzisen Lektüren und an anthropologischen Beobachtungen ökonomischer Lebenspraxis im Tauschprozess auszurichten statt an programmatischen oder ideologischen Großperspektiven, hat nicht zuletzt mit dem Verdacht zu tun, dass die klassische linke Literaturwissenschaft in der Lukács-Nachfolge eine Vielzahl ökonomistischer Figurationen in kanonischen Texten übersehen hat. So widmen sich drei Beiträge noch einmal dem Naturalismus und fragen nach den Verhältnissen von Affirmation und Kritik in seinen prominenten Darstellungen hochkapitalistischer Wirtschaftspraxis.

THOMAS STÖBER stellt in der Verbindung von Lebensenergie und ökonomischer Fülle bei Balzac und Zola den Kapitalismus in den Kontext biologischer Diskurse und formuliert an ausgewählten Romanen eine Physiologie der Ökonomie. Das Generieren von Werten überführt eine Ökonomie des Mangels in eine Ökonomie der Fülle, auf die Batailles Begriff der dépense zurückgeführt werden kann.

BERND BLASCHKE tritt der Meinung entgegen, Zola kritisiere die moderne Geldwirtschaft. Vielmehr inszeniert er die anthropologischen Grundlagen des Wirtschaftens. Trotz seiner Kritik am exzessiv gierigen Zeitalter konzediert Zola in den Romanen, dass moderne Wirtschaft ohne Spekulation und destruktive Innovatoren nicht gedeihen kann. Und auch naturalistisches Erzählen kann, trotz aller Kritik an romantischer Imaginationskunst, nicht ohne Spekulation und Imagination auskommen.

Am Beispiel der Goncourt weist KAI NONNENMACHER die theoretische wie praktische ökonomische Reflektiertheit der Sammler nach, welche zwischen Distinktion und Pathologisierung eine erstaunliche Transaktionsstrategie aufscheinen lässt. Ökonomisch gelesen, bringen die Brüder als Kunstkapitalisten Zirkulation und Narration des Sammelobjekts zusammen. Der exzentrische Blick ihrer écriture artiste gestaltet den Roman als Kabinett aufgehäufter Dokumente.

OLAF MÜLLERs Analyse des französischen Literaturskandals um Victor Marguerittes Roman La Garçonne (1922) beleuchtet die ökonomischen Strategien im Literaturbetrieb ebenso wie den Zusammenhang von weiblicher Emanzipation und demographischer Krise, wie sie heute ja wieder in Deutschland diskutiert wird. Müller entwirft hier das Bild einer spezifisch französischen Spielart des Antikapitalismus, die eher im Wirtschaftsprogramm von Vichy als in dem des PCF zu sich selbst kommt; hieraus sind gegenwärtige wirtschafts- und amerikakritische Debatten in Frankreich herleitbar.

Neuere Formulierungen des Ökonomischen und des Globalisierungsprozess gehen seltsam ahistorisch vor, worauf die vorliegenden Beiträge reagieren. Freilich bliebe noch viel Raum für die lange suspendierte Revision etwa von freudianisch-marxistisch-strukturalistischen Modellierungen der 60er und 70er Jahre. Neben der theoretischen Aufarbeitung ökonomistischer Literaturtheorien sind auch gegenläufige rhetorisch-literarische Analysen ökonomischer Theorien Desiderate einer grenzgängerischen Literaturwissenschaft. Ebenso steht die Anwendung neuerer Formulierungen des Ökonomischen, etwa durch Niklas Luhmann, Jean-Joseph Goux, Jean-Michel Rey, Jochen Hörisch, Joseph Vogl, Marc Shell, Georg Franck oder Hartmut Winkler in der Romanistik bislang weitgehend aus. Für einen breitgefächerten Überblick zu Fragestellungen und Methoden einer neuen kulturwissenschaftlich versierten Analyse literarischer Ökonomien empfiehlt sich etwa ein amerikanischer Reader: The New Economic Criticism. Studies at the intersection of literature and economics (hrsg. von M. Woodmansee und M. Osteen, London 1999). Zu einem ausführlichen Forschungsüberblick zur literarischen Ökonomik aus deutscher Perspektive vgl. B. Blaschke, Der homo oeconomicus und sein Kredit (München 2004). Ohne dass sich per Mimikry im laufenden Reformprozess die Geisteswissenschaften zwangsläufig marktgängig neuorientieren müssen, bleibt doch die Beobachtung und Analyse des Ökonomischen als zentralem Leitdiskurs der Gegenwart ein Gebot der Stunde zwischen Elfenbeinturm und mediatisierter Lebenswelt.

Kai Nonnenmacher/ Bernd Blaschke

Inhaltsverzeichnis

GRENZGÄNGE - 12. JAHRGANG 2005 - HEFT 23

Grenzen des Ökonomischen

Kai Nonnenmacher/ Bernd Blaschke: Editorial

Esther von der Osten: Conter – les comptes du comte
Fiktion, Kredit und Glaubensakte in Stendahls la Chartreuse de Parme

Thomas Stöber: Die Ökonomie der „dépense“
Vitalistisches und ökonomisches Wissen im 19. Jahrhundert (Balzac, Zola, Bataille)

Bernd Blaschke: Literarische Anthropologie im Zeitalter des Hochkapitalismus – Zolas Antinomien des notwendigen Exzesses

Kai Nonnenmacher: « Alors, il entre dans l’artiste une économie… la magnifique avarice bourgeoise de l’art ! » Kunstökonomien des Sammlers bei Edmond und Jules de Goncourt

Olaf Müller: Zur Ökonomie des literarischen Skandals im Entre-deux-guerres: Antikapitalismus, Naturalismus und Geschlechterpolitik in Victor Marguerittes Trilogie la femme en chemin (1922-1924)

Romanistik und Gesellschaft: Zukunft der Romanistik – Romanistik der Zukunft?

Jürgen Erfurt: Einleitung

Wolfgang Raible: Hat die Romanistik eine Zukunft?

Heinz Thoma: Zukunft der Romanistik – Romanistik der Zukunft

Wolfgang Asholt: „Alter Wein in neuen Schläuchen?“ Zur Umsetzung der BA/MA-Reformen in der deutschen Romanistik

Konrad Schröder: Hat die Romanistik eine Zukunft? Ein Statement aus der Sicht eines Anglisten und Fremdsprachendidaktikers

Georg Kremnitz: Von der formalen Sprachwissenschaft zur Soziologie der Kommunikation. Das Beispiel der Romanistik

Ottmar Ette: Romanistik als Archipel-Wissenschaft. Fünf Thesen zur künftigen Entwicklung eines faszinierenden Faches

Weitere Hefte ⇓
Redaktion
Veröffentlicht am
17.09.2005
Beiträger
Klassifikation
Region(en)
Weitere Informationen
rda_languageOfExpression_z6ann
Bestandsnachweise 0944-8594