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L'HOMME. Europäische Zeitschrift für Feministische Geschichtswissenschaft 20 (2009), 2

Titel der Ausgabe 
L'HOMME. Europäische Zeitschrift für Feministische Geschichtswissenschaft 20 (2009), 2
Weiterer Titel 
Gender & 1968

Herausgeber
Caroline Arni (Zürich), Gunda Barth-Scalmani (Innsbruck), Ingrid Bauer (Salzburg), Mineke Bosch (Maastricht), Sybille Brändli (Basel), Susanna Burghartz (Basel), Bozena Choluj (Warschau), Krassimira Daskalova (Sofia), Ute Gerhard (Frankfurt a. M.), Hanna Hacker (Wien), Christa Ehrmann-Hämmerle (Wien), Karin Hausen (Berlin), Hana Havelková (Prag), Ulrike Krampl (Tours), Margareth Lanzinger (Wien), Sandra Maß (Bielefeld), Edith Saurer (Wien), Regina Schulte (Bochum), Gabriela Signori (Konstanz), Claudia Ulbrich (Berlin)
Erschienen
Köln-Weimar 2009: Böhlau Verlag
Erscheint 
Erscheinungsweise: 2x jährlich
ISBN
978-3-412-20361-0
Preis
Abonnement € 31,30; Einzelheft: € 18,80

 

Kontakt

Institution
L'Homme. Europäische Zeitschrift für Feministische Geschichtswissenschaft
Land
Austria
c/o
Redaktion: Veronika Siegmund, MA L’HOMME-Redaktion, c/o Institut für Geschichte, Universität Wien, Universitätsring 1, 1010 Wien Österreich Telefon: +43-(0)1-4277-408 13 Fax: +43-(0)1-4277-9408 Verantwortliche Herausgeberin: Christa Hämmerle
Von
Langreiter, Nikola

L’HOMME. Europäische Zeitschrift für Feministische Geschichtswissenschaft, 20, 2 (2009)
Gender & 1968
Hg. von Ingrid Bauer u. Hana Havelková

Hohe Dosis 68er-Gedenken
Wie ist die Geschlechterperspektive im Zusammenhang mit „1968“ erkenntnisreich zu denken? Wie lässt sich das analytische Potenzial eines geschlechtergeschichtlichen Zugangs differenziert nützen? Welche Einsichten lassen sich damit im konkreten thematischen Feld gewinnen? Solche – offenen – Fragen waren der Anstoß, nach der hohen Dosis an „68er“-Gedenken nun noch ein „L’HOMME“ nachzureichen.

aber ohne Geschlechterdimensionen
Herausgefordert wurde dies durch die Beobachtung, dass – obwohl mittlerweile zu „1968“ eine Vielzahl an differenzierten Forschungen vorliegt – eine auffallende Leerstelle besteht: Geschlechterdimensionen und -verhältnisse blieben unterbelichtet bis ausgeblendet, oder wurden mit einem schlichten Verweis auf die Neue Frauenbewegung abgehandelt. Als systematisch angewendetes theoretisch-methodisches Werkzeug scheint die Kategorie „Geschlecht“ nicht im Repertoire dieser Forschungen zu sein.

Die Autorinnen und Autoren dieser Ausgabe von „L’HOMME“ werfen deshalb einen dezidierten Blick auf Geschlechterdimensionen der langen 1968er Jahre – in Ländern Ost- und Westeuropas sowie den USA.

Kritische Sichtung aus Gender-Perspektive
Neben Fragen nach den Geschlechterordnungen der Protestbewegungen und deren Auswirkungen auf gesamtgesellschaftliche Geschlechterverhältnisse, nach Interventionen von Frauen in die Protestdynamik und nach den Anfängen der Neuen Frauenbewegung werden – im Gefolge von 1968 – mediale Verknüpfungen von Terrorismus und Feminismus sowie die Bedeutung von Frauen- und Geschlechterfragen im Prozess der Demokratisierung der europäischen Gesellschaften thematisiert. Zugleich stehen dabei Interpretationen, Kategorien und Periodisierungen gängiger Analysen zur Diskussion. Aus einer Gender-Perspektive kritisch gesichtet wird darüber hinaus auch das aktuelle Gedächtnis zu „1968“.

Die Beiträge
Die Historikerin Claudia Kraft eröffnet mit einem Beitrag über „Die Rolle der Kategorie Geschlecht in den Demokratisierungsprozessen in Ost- und Westeuropa seit 1968“. Sie betrachtet die politischen und gesellschaftlichen Reformprojekte im sozialistischen Osteuropa des Jahres 1968 unter einer geschlechtergeschichtlichen Perspektive und legt dabei einen Schwerpunkt auf die Aushandlungsprozesse zwischen Freiheits- und Gleichheitsvorstellungen. Die Autorin plädiert dafür auch nach „korrespondierenden Momenten zwischen Ost und West“ zu fragen und tut das in einem zeitlich breiten historischen Kontext.

War der „Prager Frühling“ auch ein Wendepunkt in der Thematisierung und Gestaltung der Geschlechterbeziehungen? Diese Frage nimmt Hana Havelkovà zum Ausgangspunkt, um in einer differenzierten Länderstudie die Frauen- und Geschlechterdiskussion in der Tschechoslowakei im Vorfeld und in der Folge dieses – durch den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes – gewaltsam beendeten Projekts zu beleuchten. Die Soziologin arbeitet dabei besonders die Rolle von ExpertInnen aus dem Bereich der Sozialwissenschaften heraus, die zum einen die praktische Politik beeinflussten, zum anderen – zum Teil unter Pseudonym – in Medien zu „Frauenfragen“ schrieben.

Mineke Bosch führt mit „The Meaning of a Kiss. Different Historiographical Approaches to the Sixties in the Netherlands” in die Niederlande, wo sich anstelle eines Mythos „68“ einer der „Magic Sixties“ entwickelt hat. Als Motor des Protestgeschehens, das provokant, aber verglichen ohne Eskalationen der Gewalt verlief, wird der Generationenkonflikt zwischen Jung und Alt gesehen – im kollektiven Gedächtnis wie in Standardwerken der Geschichtswissenschaft. Dieses dominante Deutungskonzept unterzieht die Autorin in einer historiographischen Debatte einer Dekonstruktion. Mit ihren Überlegungen setzt sie an einem Kuss an, der die Öffentlichkeit irritierte, die Medien beschäftigte und zu Anfragen im Parlament führte.

Feministinnen und Terroristinnen in deutschsprachigen Sicherheitsdiskursen der 1970er Jahre geht Irene Bandhauer-Schöffmann nach. Als Kennzeichen des zeitgenössischen Diskurses legt sie eine signifikante und zweifache Verknüpfung von Terrorismus und Feminismus offen: Medien und Behörden fokussierten auf die Frauen im Untergrund und präsentierten deren Leben als Emanzipationserfahrung. Parallel dazu galt feministisches Aufbegehren als eigentlicher politischer Hintergrund für den Terrorismus; Terroristinnen würden einen Exzess der „Befreiung der Frau“ verkörpern. Die Historikerin präsentiert eine Vielzahl konkreter Beispiele für diesen Befund und analysiert in einem zweiten Schritt, wie deutschsprachige feministische Zeitschriften zu diesen Diskursen und zum Linksterrorismus Stellung bezogen.

Das Phänomen Terrorismus wird – im Rezensionsteil – durch den Stan Nadel noch einmal aufgegriffen: für die USA und bezogen auf die linke Untergrundorganisation Weathermen, die seit 1969 bis in die 1970er Jahre aktiv war und in Reaktion auf den Vietnamkrieg und einen verschärften Rassismus in den USA auf militante Strategien des Protestes. Eine – zum Teil bestürzende – Innenperspektive erschließt sich über vier publizierte Lebenserinnerungen führender Weathermen und -women, die in dem Essay (quellen-)kritisch befragt werden. Mit einem von Christiane Kohser-Spohn rezensierten interdisziplinären Sammelband und Christoph Kühbergers Besprechung einer Monographie zu 1968 sind auch Frankreich und Italien präsent.

„Im Gespräch“ ist „L’HOMME“ diesmal mit der Soziologin Ute Gerhard, die als Zeitgenossin und Forscherin über den gesellschaftlichen Wandel der 1960er Jahre, „1968“ und die Neue Frauenbewegung in Deutschland reflektiert.

Fokus der Rubrik „Aktuelles und Kommentare“ sind genderkritische Sichtungen des 68er-Gedächtnisses im Spiegel von 2008. Neben Texten von Susanne Maurer für Deutschland und Kristina Schulz für die Schweiz liegen Berichte zu Österreich von Ingrid Bauer und zu den Niederlanden von Esmeralda Tijhoff vor. Sie machen deutlich, wie unterschiedlich die gesellschaftlichen und erinnerungspolitischen Kontexte waren und sind, in die sich „1968“ als Ereignis und Gedächtnis in den einzelnen Ländern einschrieb.

„L’Homme Extra“ bietet einen materialreiche, sorgfältig recherchierte Abhandlung über eine viel beachtete sechsmonatige Vortragsreise Bertha von Suttners durch die USA 1912. Im Gepäck hatte die Friedensaktivistin und Nobelpreisträgerin, wie die Historikerin Laurie Cohen herausarbeitet, das, was man heute eine feministisch-humanistische Agenda nennen würde. Interessante Einblicke eröffnet der Beitrag auch auf Aspekte des europäisch-amerikanischen Kontakts und seine Begrenzungen.

Inhaltsverzeichnis

INHALTSANGABE

Editorial, 5–12

Beiträge

Klaudia Kraft
Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen: Die Rolle der Kategorie Geschlecht in den Demokratisierungsprozessen in Ost- und Westeuropa seit 1968, 13–30

Hana Havelková
Dreifache Enteignung und eine unterbrochene Chance: Der „Prager Frühling“ und die Frauen- und Geschlechterdiskussion in der Tschechoslowakei, 31–49

Mineke Bosch
The Meaning of a Kiss. Different Historiographical Approaches to the Sixties in the Netherlands, 51–63

Irene Bandhauer-Schöffmann
„Emanzipation mit Bomben und Pistolen“? Feministinnen und Terroristinnen in deutschsprachigen Sicherheitsdiskursen der 1970er Jahre, 65–84

Extra

Laurie Cohen
Across a Feminist-Pacifist Divide. Baroness Bertha von Suttner’s Tour of the United States in 1912, 85–104

Im Gespräch

Ingrid Bauer im Gespräch mit Ute Gerhard
„In diesem Sinne ist ‚1968’ auch Teil meiner Geschichte“, 105–115

Aktuelles und Kommentare

1968/2008 – Genderkritische Sichtungen des Gedächtnisses zu „1968“, 117

Susanne Maurer
Gespaltenes Gedächtnis? – „1968 und die Frauen“ in Deutschland, 118–128

Ingrid Bauer
Das 68er-Gedächtnis in Österreich, männergeschichtliche Interpretationen und Models als ‚Expertinnen‘ der Emanzipation, 129–136

Esmeralda Tijhoff
How the Dutch Remember 1968. The Mysterious Disappearance of the Women’s Movement, 137–142

Kristina Schulz
Der Vorsprung der Arrière-garde: Die 68er-Forschung und die Frauen in der Schweiz, 143–146

Rezensionen zum Themenschwerpunkt

Stan Nadel
Weather Report. Review Essay, 147–157

Christiane Kohser-Spohn
Philippe Artières u. Michelle Zancarini-Fournel Hg., 68. Une histoire collective – 1962–1981, 158–160

Christoph Kühberger
Diego Giachetti, Un ’68 e tre conflitti. Generazione, genere, classe, 161–163

Abstracts, 165–168

Anschriften der AutorInnen, 169–170

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Redaktion
Veröffentlicht am
21.12.2009