test Historische Sozialkunde 45 (2015), 3 | H-Soz-Kult. Kommunikation und Fachinformation für die Geschichtswissenschaften | Geschichte im Netz | History in the web

Historische Sozialkunde 45 (2015), 3

Titel der Ausgabe 
Historische Sozialkunde 45 (2015), 3
Weiterer Titel 
Geheimnis und Geheimhaltung. Historische Facetten von "Wirklichkeit"

Herausgeber
Verein für Geschichte und Sozialkunde
Erschienen
Erscheint 
vierteljährlich
Anzahl Seiten
52 S.
Preis
6 €

 

Kontakt

Institution
Historische Sozialkunde: Geschichte, Fachdidaktik, politische Bildung
Land
Austria
c/o
Die Zeitschrift wurde Ende des Jahres 2018 eingestellt. Der "Verein für Geschichte und Sozialkunde" ist seit Juni 2019 aufgelöst. Ein Kontakt zu den ehemaligen Herausgebern ist nicht mehr möglich.
Von
Fuchs, Eduard

Wolfram Aichinger / Eduard Fuchs (Hrsg.)
Editorial

Seit WikiLeaks und der strafrechtlichen Verfolgung von Edgar Snowdon durch die USA wegen Verrats ‚geheimdienstlicher Informationen‘ vergeht kaum ein Tag, an dem wir nicht mit diversen wirtschaftskri-minellen Datenhacks oder nachrichtendienstlichen Angriffen bis hin zum Abhören der Mobiltelephone von höchsten politischen Repräsentanten konfrontiert werden. Die oft ohnehin halbherzigen Reaktionen auf Seiten der betroffenen PolitikerInnen werden vor allem dadurch konterkariert, dass in den jeweiligen Ländern selbst permanent Schritte zur Schaffung der legistischen Möglichkeiten gesetzt werden, den Zugriff auf die Daten der eigenen BürgerInnen im Kontext von „Vorratsdatenspeicherungen“ auszuweiten. Andererseits lösen sich die Grenzen zwischen aktiver Beteiligung und Urheberschaft und dem passiven Konsum von Medien in der Web2.0-Welt immer mehr auf und die dabei – oftmals in Unkenntnis der NutzerInnen – global gesammelten Daten bilden die Grundlage für einen ständig expandierenden Wirtschaftssektor. Das Thema „Geheimnis und Geheimhaltung“ hat also durchaus Konjunktur und macht einen Streifzug durch die Geschichte im vorliegenden Heft der „Historischen Sozialkunde“ zu einem nicht unwichtigen Anliegen der Politischen Bildung.

Wolfram Aichinger sammelt in seinem einleitenden Beitrag Argumente dafür, dass das Geheimnis viel mehr ist als eine verdeckte oder verschwiegene Tatsache. Vielmehr dürfte es ein Prinzip der Verarbeitung von Information sein, das sozialen Umgang mitbestimmt und damit Teil komplexer sozialer Systeme wird. Die Familie als Übergangszone zwischen Individuum und Gesellschaft ist dafür gutes Beispiel. Die Goffmansche Soziologie hilft dabei, verschiedene Geheimnisse mit je eigenen Funktionen zu unterscheiden. Den zweiten Brennpunkt bildet Georg Simmels These, das Geheimnis sei eine der größten menschlichen Errungenschaften. Aichinger entfaltet sie am Beispiel der Architektur (das Haus als Geheimnisspeicher) und der Geburt (als geheimniserzeugendem Ereignis) und versucht dabei zu zeigen, dass Simmels Einsicht neue Zugänge zu historischen Räumen, Zeiten und dem Wandel im Verhältnis von Privatem und Öffentlichem verspricht.

Simon Kroll skizziert in seinem Beitrag die lange Geschichte von Geheimnisübermittlung und den damit verbundenen Versuchen zu deren Entschlüsselung. Seine Ausführungen setzen bei den ersten Kryptographen der Antike an. Nach einer Phase der Stagnation im Mittelalter kam es zu Beginn der Neuzeit zu einer Renaissance der Kryptographie – und Kryptonanalyse, die vor allem im Zusammenhang mit der Entstehung des Botschaftswesens an den Königs- und Fürstenhöfen in Italien und Frankreich zu sehen ist. Insbesondere im 15. und 16. Jahrhundert lässt sich ein Innovationsschub auf diesem Sektor feststellen, der zusätzlich durch die Einrichtung des Postwesens, die Einführung des Papiers und Buchdrucks sowie die zunehmende Alphabetisierung innerhalb der Eliten befeuert wurde. Während bis zum Beginn es 20. Jahrhunderts vor allem die Verbesserung der Verschlüsselungscodes durch die Anwendung von polyalphabetischen Chiffriersystemen im Mittelpunkt stand, kam es im Vorfeld des Ersten Weltkriegs zur Entwicklung von maschinellen Chiffriersystemen, insbesondere rund um den Bau der Rotor-Verschlüsselungsmaschine Enigma; der durch die Fortschritte auf anderen technologischen Sektoren – Durchsetzung der elektrischen Stromversorgung und der Erfindung mechanischer Schreibmaschinen – möglich geworden war. Die hier gesetzten, lange Zeit aufgrund des großen „Schlüsselraums“ als absolut einbruchsresistent eingeschätzten Verschlüsselungsstandards bildeten aber nur den Anstoß zur Entwicklung noch besserer maschineller Dechiffriertechniken rund um das Team Alan Turings, dem es gelang, im Rahmen des Projekts „Turing Bomb“ mit Enigma verschlüsselte Botschaften zu entschlüsseln und durch die strikte Geheimhaltung der Erfolge nicht unwesentlichen Einfluss auf den Ausgang des Zweiten Weltkriegs zu nehmen. Es war nicht zuletzt Turing, der mit seinen Erfolgen die Tür in das moderne Computerzeitalter aufgestoßen und damit eine neue Ära der Kryptologie, aber auch Kryptoanalyse eingeläutet hat.

Michael Mitterauer widmet sich in seinem Beitrag über das Beichtgeheimnis einer der – neben der ärztlichen Schweigepflicht – rechtshistorisch ältesten Formen zum Schutz der Privatsphäre, sind doch die meisten der heute geltenden Schweigepflichten, bei Anwälten, Notaren, Wirtschaftsprüfern und verwandten Berufen oder bei Sozialarbeitern und Psychiatern, erst viel später im Rahmen der Ausformung säkularer Gesetzgebung entstanden. Er umreißt die innerkirchliche Entwicklung des Beichtwesens von den frühen Anfängen in der Ostkirche bis hin zu den Auswirkungen von Reformation und Gegenreformation auf die Bedeutung und Handhabung der Beichte und Versuchen, das Beichtwesen politisch zu vereinnahmen. Eine Gegenbewegung zu Beichtpraxis und Beichtgeheimnis verortet Michael Mitterauer erst im Zusammenhang mit den Reformen des zweiten vatikanischen Konzils: Inwieweit dabei „innerkirchliche, inwieweit allgemein gesellschaftliche Emanzipationsbewegungen dafür maßgeblich waren, ist ein noch offener Gegenstand der Debatte. Das Festhalten am Beichtgeheimnis hat dabei wohl kaum eine Rolle gespielt. Die Schweigepflicht der Beichtpriester wurde erst wieder zum gesellschaftlichen Thema, als es um Missbrauchsvorwürfe innerhalb des Klerus ging – jetzt also im Verhältnis von Priestern im Verhältnis zu ihren Beichtvätern und deren Belangbarkeit in Strafprozessen“. Unabhängig vom Spannungsverhältnis zwischen Sozialdisziplinierung einerseits und gesellschaftlichen Individualisierungsprozessen andererseits räumt er dem Beichtgeheimnis als Bedingungsfaktor für Privatsphäre eine besondere Bedeutung ein.

Li Gerhalter nähert sich dem Heftthema auf Grundlage ihrer Forschungen zu Biographien von Frauen und hier insbesondere von Tagebüchern von Mädchen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, deren Inhalt ja zumeist die Aura des Geheimen unterstellt wird, obwohl sie – sowohl von den behandelten Themen, als auch von den Beweggründen der Verfasserinnen her – weitaus vielfältiger und komplexer gesehen werden müssen. Nach einem Überblick zur Rezeptionsgeschichte von Tagebüchern als historischen Artefakten und als Quellen der jugendpsychologischen Forschungsarbeiten Charlotte Bühlers und Siegfried Bernfelds in den 1920er und 1930er Jahren beschreibt sie verschiedene Formen des diaristischen Schreibens und zugrunde liegende Motive. Sie belegt anhand von Textbeispielen, inwieweit Geheimhaltung intendiert und praktisch bewerkstelligt wurde, betont aber, dass dieser Umstand in der überwiegenden Anzahl der Quellen nicht explizit thematisiert worden ist. Auch konnten die zeitweise ‚versperrten Geheimnisse‘ durchaus exklusiv geteilt oder zu einem späteren Zeitpunkt als ‚Vertrauensbeweis‘ offengelegt werden. Selbst in Fällen, in denen Geheimhaltung definitiv beabsichtigt war, ist davon auszugehen, dass „(potenzielle) Leserinnen und Leser mitgedacht [wurden] – eben jene Personen, vor deren Augen die Aufzeichnungen ja bewahrt werden sollten“.

Im Fachdidaktikteil befasst sich Sybille Kampl mit der Lebenssituation versteckter jüdischer Kinder während der nationalsozialistischen Herrschaft. Sie skizziert Strategien des Versteckens, Beweggründe potenzieller HelferInnen, Risiken und daraus resultierende Traumata für die betroffenen Kinder und schließlich den Umgang mit den zumeist leidvollen Erfahrungen in der Nachkriegsära. Als Design für die Unterrichtsgestaltung entwickelt Kampel einen Raster für offenes Lernen, entlang dessen SchülerInnen sich dem Thema in unterschiedlichen Rollen und zu unterschiedlichen Zeiten auseinandersetzen können.

In einem weiteren Beitrag thematisiert Eduard Fuchs den aktuellen Umgang mit ‚Daten‘ vor dem Hintergrund von einerseits global eingesetzten Strategien der Ausspähung zu politischen, kommerziellen, aber auch kriminellen Zwecken und damit verbundene, oft recht widersprüchliche bis halbherzige legistische staatliche Maßnahmen sowie Initiativen auf Seiten der Zivilgesellschaft und skizziert einige Möglichkeiten zur Thematisierung im Unterricht.

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

Wolfram Aichinger/Eduard Fuchs
Editorial
S. 2–3

Wolfram Aichinger
Geheimnis und Geheimhaltung. Themen der Geschichte
S. 4–10

Simon Kroll
Kryptologie: Entwicklungen einer Wissenschaft der Geheimnisse
S. 11–20

Michael Mitterauer
Das Beichtgeheimnis
S. 21–25

Li Gerhalter
Konventionelle Geheimnisse. Tagebücher von Jugendlichen in der ersten Hälte des 20. Jahrhunderts
S. 26–34

Fachdidaktik

Sybille Kampl
Verbergen – erleiden – schweigen. Versteckte jüdische Kinder im Nationalsozialismus
S. 35–42

Eduard Fuchs
Datenschutz im Zeitalter von Facebook und NSA
S. 43–52

In Memoriam Markus Cerman (27.7.1967 – 3.10.2015)
S. U3

Weitere Hefte ⇓