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Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 72 (2021), 7/8

Titel der Ausgabe 
Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 72 (2021), 7/8
Weiterer Titel 
Jüdische Geschichte

Herausgeber
Christoph Cornelißen, Michael Sauer, Peter Burschel
Erschienen

 

Kontakt

Institution
Geschichte in Wissenschaft und Unterricht
Land
Deutschland
c/o
Prof. Dr. Michael Sauer Universität Göttingen Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte Didaktik der Geschichte Waldweg 26 37073 Göttingen Tel. 0551/39-13388 Fax 0551/39-13385
Von
Michael Sauer, Didaktik der Geschichte, Georg-August-Universität Göttingen

Die jüdische Geschichte ist in Deutschland oft getrennt von der allgemeinen Geschichte erforscht und unterrichtet worden. Zwar gehören Studien zur Geschichte des Antisemitismus oder zur Geschichte der Emanzipation im 19. Jahrhundert schon seit langem zum Kanon der allgemeinen Geschichte, doch viele Themenfelder der jahrhundertelangen Koexistenz jüdischer und christlicher Kulturen in Europa wurden nur am Rande thematisiert. Die Lage hat sich inzwischen erheblich gewandelt, sind doch neue Lehrstühle und Institute zur jüdischen Geschichte eingerichtet worden. Darüber hinaus bezeugt das historische Ausstellungswesen in vielen Ländern das Bestreben, die jüdische Geschichte heute in ihrer gesamtem Breite öffentlich zu würdigen.
Vor diesem Hintergrund widmen sich die Aufsätze des Themenheftes einerseits den in- stitutionellen und personalen Einflüssen bei der der (Re-)Etablierung der „Wissenschaft des Judentums“ in Deutschland. Andererseits weiten sie den Blick auf grundsätzliche Fragen der jüdischen Wirtschafts- und Gesellschaftsgeschichte von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart. Abschließend thematisieren sie die wachsende Bedeutung historischer Muse- en sowie digitaler Medien für ein besseres Verständnis der jüdischen Geschichte.
Den Auftakt macht Miriam Rürup mit einem Beitrag zur Institutionalisierung jüdi- scher Zeitgeschichte in der Bundesrepublik. Am Beispiel des „Hamburger Instituts für die Geschichte der deutschen Juden“ verdeutlicht sie eindringlich, unter welchen politischen und „atmosphärischen“ Schwierigkeiten hier die Auseinandersetzung mit der deutsch-jüdischen Geschichte ab 1966 in Gang kam, wohingegen in den Jahren zuvor fast ausschließlich die neu begründeten Leo-Baeck-Institute im Ausland die Erforschung des Themas übernommen hatten. Wie sehr nicht nur in diesem Fall zionistische Kräfte eine wichtige Rolle spielten, verdeutlicht der zeitlich weiter ausgreifende Aufsatz von Stefan Vogt über Otto Warburg. Der Beitrag untersucht, wie Warburg, der zwischen 1911 und 1920 Präsident der zionistischen Organisation war, seine Stellung dazu nutzte, um einen „praktischen“, d.h. stärker kolonisatorisch ausgerichteten Zionismus an die Stelle von Theodor Herzls völkerrechtlichem Ansatz zu rücken.
Die nachfolgenden Aufsätze von Cornelia Aust zu jüdischen Handwerksnetzen in der Frühen Neuzeit sowie von Michael K. Schulz zur jüdischen Emanzipation korrigieren verschiedene Postulate der Wirtschafts- und Gesellschaftsgeschichte. So zeigt Aust auf, dass jüdische Kaufleute sich keineswegs nur innerhalb von geschlossenen Netzwerken bewegten, sondern stattdessen häufig lokale und regionale Nischen für ihr berufliches Weiterkommen nutzten. Ähnlich wie Bertz unterstreicht Schulz die Notwendigkeit, allgemeine und lokalhistorische bzw. regionale Perspektiven eng aufeinander zu beziehen. Nur so ließen sich die vielfältigen Dimensionen der jüdische Emanzipation im 19. Jahr- hundert differenziert beschreiben.
Wie sehr inzwischen Museen öffentliche Bilder der jüdischen Geschichte prägen, zeigt Inka Bertz in ihrem Beitrag auf. Ihre Analyse verdeutlicht, dass sowohl die Gründung neuer bzw. der Wiederaufbau älterer Häuser nach 1945 als auch die Schwerpunkte ihrer Ausstellungen nur dann verständlich werden können, wenn man die Rolle öffentlichen Verantwortungsträger, die beteiligten gesellschaftlichen Interessengruppen sowie die jeweils bestimmenden Deutungskonflikte sorgfältig untersucht. Ihre Abschlussfrage nach der zukünftigen Relevanz jüdischer Museen in einer immer stärk global konturierten Erinnerungskultur bietet eine direkte Brücke zum Aufsatz von Thomas Kahl, der am Beispiel eines konkreten Schulprojekts die Vorzüge des Einsatzes digitaler Medien für das „forschend-entdeckende Lernen“ über den Holocaust herausarbeitet.

Inhaltsverzeichnis

BEITRÄGE

Miriam Rürup
Wem gehört die jüdische Geschichte?
Zur Institutionalisierung jüdischer
Zeitgeschichte in der Bundesrepublik (S. 365)

Cornelia Aust
Von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf
Jüdische Handelsnetzwerke in der
Frühen Neuzeit (S. 385)

Michael K. Schulz
Jüdische Emanzipation im 19. Jahrhundert Gesamtdeutsche und lokale Perspektiven (S. 401)

Stefan Vogt
Zwischen Togo und Tel Aviv
Otto Warburg als Jude und Zionist in der
deutschen Kolonialbewegung (S. 416)

Inka Bertz
Jüdische Museen in der Bundesrepublik (S. 431)

DISKUSSION

Bärbel Völkel
Jüdische Geschichte als Sondergeschichte
Kritische Überlegungen zur Verknüpfung von Antisemitismus und jüdischer Geschichte im Schulbuch (S. 450)

BERICHTE UND KOMMENTARE

Thomas Kahl
Digitale Medien und forschend-entdecken- des Lernen über den Holocaust
Ein Unterrichtsprojekt zur Nutzung von
Datenbanken (S. 456)

INFORMATIONEN NEUE MEDIEN

Gregor Horstkemper
Ein Rückblick auf 17 Jahrhunderte
Digitale Angebote zur jüdische Geschichte
im deutschsprachigen Raum (S. 467)

LITERATURBERICHT

Miriam Rürup
Jüdische Geschichte
Mehr als Preußen und Verbürgerlichung –
neue Forschungsperspektiven auf die
deutsch-jüdische Geschichte; Teil II (S. 470)

Nachrichten (S. 485)

Autorinnen und Autoren (S. 488)

ABSTRACTS

Miriam Rürup
Wem gehört die jüdische Geschichte?

Zur Institutionalisierung jüdischer Zeitgeschichte in der Bundesrepublik
Der Beitrag behandelt die frühen Forschungen zur deutsch-jüdischen Geschichte im vergangenheitspolitischen Dreieck zwischen dem neuen jüdischen Leben in Westdeutschland, dem jungen Staat Israel sowie einer deutschen Gesellschaft, die sich nur zögerlich der NS-Aufarbeitung stellte. Sie entstanden erst im Ausland, etwa im Umfeld der Leo Baeck Institute. In Deutschland blieben diese Forschungen zunächst vorwiegend im außerakade- mischen Feld. Strittig waren thematischer und methodischer Zugang zur deutsch-jüdischen (Zeit)Geschichte. Am Beispiel der Gründung des Hamburger Instituts für die Geschichte der deutschen Juden lässt sich die politische Signalwirkung ermessen, die von jüdischen Re/Emigranten, (nicht)jüdischen Hamburgern und aus zionistischer Sicht gleichermaßen kritisch beobachtet wurde.

Cornelia Aust
Von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf
Jüdische Handelsnetzwerke in der Frühen Neuzeit

Der Beitrag beschäftigt sich mit der jüdischen Wirtschaftsgeschichte der Frühen Neuzeit und der Bedeutung von Handelsnetzwerken für jüdische Wirtschaftstätigkeit in Europa. Es wird gezeigt, dass jüdische Männer und Frauen in verschiedenen wirtschaftlichen Bereichen aktiv waren, der lokale, regionale und transregionale Handel aber vor allem aufgrund rechtlicher Beschränkungen eine zentrale Rolle einnahm. Anhand von drei miteinander verbundenen Beispielen wird verdeutlicht, wie transregionale Handels- und Familiennetzwerke miteinander verknüpft wurden, wie sich Tätigkeitsfelder wandelten und geographische Schwerpunkte verschoben.

Michael K. Schulz
Jüdische Emanzipation im 19. Jahrhundert
Gesamtdeutsche und lokale Perspektiven

Der Artikel gibt einen Überblick über den Prozess und über die historiografischen Fragen zur jüdischen Emanzipation in Deutschland im 19. Jahrhundert. Er fokussiert sowohl die rechtlich-politischen (Gleichberechtigung) wie auch die soziokulturellen (‚Emanzipation von der Tradition‘) Aspekte der Gleichstellung. Der Artikel unterstreicht die Relevanz lokal- historischer Studien für die Erforschung gesamtdeutscher Phänomene und liefert Beispiele, wie diese Studien einige etablierte Thesen ausdifferenzieren bzw. hinterfragen können. Er ist ein Plädoyer für einen engeren Austausch und Zusammenhang zwischen dem Allgemeinen (gesamt- deutsche Perspektive) und dem Besonderen (lokale Perspektive) in der deutsch-jüdischen Geschichte des 19. Jahrhunderts.

Stefan Vogt
Otto Warburg zwischen Togo und Tel Aviv
Ein Jude und Zionist in der deutschen Kolonialbewegung

Der Zionist Otto Warburg, von 1911 bis 1920 Präsident der Zionistischen Organisation, war zugleich ein prominenter Aktivist der deutschen Kolonialbewegung. Der Beitrag zeichnet die Tätigkeit Warburgs in der Kolonialbewegung nach und untersucht dabei seine Positionierung als Jude und als Zionist innerhalb dieser Bewegung. Es wird argumentiert, dass die Mitwirkung am Kolonialismus für Juden wie Warburg zwar ein Weg zur Integration in das Projekt der deutschen Nationsbildung sein konnte, dass dies jedoch nur unter Absehung von War- burgs Jüdischsein möglich war und damit zu einer Integration unter Vorbehalt führte.

Inka Bertz
Jüdische Museen in der Bundesrepublik

Der Beitrag gibt einen Überblick über die Entwicklung jüdischer Museen in der Bundesrepublik. Er fasst ihre Entstehung in einer groben Periodisierung von der „geistigen Wiedergutmachung“ als Motivation der Ausstellungen der 1960er-Jahre, den Versuchen der Institutionalisierung in den 1970ern, den Deutungskonflikten der 1980er bis zur der Etablierung von Museen als Teil einer staatlichen Erinnerungspolitik in den 1990er-Jahren. Exemplarisch werden signifikante Problemstellungen aufgezeigt, die sowohl die Entstehungsbedingungen und die Rollen von Zivilgesellschaft, jüdischer Gemeinschaft und öffentlichen Funktionsträgern betreffen wie auch die Darstellung von Judentum und jüdischer Geschichte in den Ausstellungen und schließlich die Frage nach der zukünftigen Relevanz jüdischer Museen angesichts einer globalisierten Erinnerungskultur.

Bärbel Völkel
Jüdische Geschichte als Sondergeschichte
Kritische Überlegungen zur Verknüpfung von Antisemitismus und jüdischer Geschichte im Schulbuch

Jüdische Geschichte findet sich in Geschichtslehrwerken auf separaten Seiten. Im vorliegenden Beitrag wird die These zur Diskussion gestellt, dass dieses Darstellungsformat ungewollt dazu beiträgt, jüdische Geschichte als eine Sondergeschichte zu markieren. Weiter wird kritisch angemerkt, dass auf diesen Doppelseiten Antisemitismus nicht nur thematisiert wird, sondern dass die Thematisierungen selbst antisemitische Subtexte enthalten. Nicht zuletzt wäre eine Debatte anzustoßen, ob die Koppelung von Antisemitismus und jüdischer Geschichte geschichtswissenschaftlich überhaupt haltbar ist, gehört der Antisemitismus doch in die allgemeine Geschichte der Dominanzgesellschaft.

Thomas Kahl
Digitale Medien und forschend-entdeckendes Lernen über den Holocaust
Ein Projekt zur Nutzung von Datenbanken

Der vorliegende Beitrag stellt Online-Datenbanken im Geschichtsunterricht vor. Konkret beschreibt der Autor, wie man diese für biographisches und projektorientiertes Lernen über den Holocaust nutzt. Ein derartiges Projekt ermöglicht Lernenden, mit digitalen Medien die Vergan- genheit der eigenen Schule und die Ausgrenzung, Verfolgung, Deportation und Ermordung von jüdischen Kindern und Jugendlichen zu erforschen und zu dokumentieren. Der Autor erläutert digitale Angebote zur Holocaustgeschichte sowie die unterrichtliche Nutzung aus der Perspektive der Schulpraxis und schlägt vor, wie digitale Lehr- und Lernressourcen künftig den Unterricht bereichern können.

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Redaktion
Veröffentlicht am
27.08.2021
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Sprache Beitrag
Bestandsnachweise 0016-9056