Chilufim. Zeitschrift für Jüdische Kulturgeschichte 30 (2023)

Titel der Ausgabe 
Chilufim. Zeitschrift für Jüdische Kulturgeschichte 30 (2023)

Erschienen
Wien 2023: Phoibos-Verlag
Erscheint 
jährlich
ISBN
978-3-85161-308-7
Anzahl Seiten
91 S.
Preis
Abonnement für 1 Heft im Jahr € 19,90 (zzgl. Versand); Einzelheft: € 24,90 (zzgl. Versand)

 

Kontakt

Institution
Chilufim. Zeitschrift für Jüdische Kulturgeschichte
Land
Austria
PLZ
5020
Ort
Salzburg
c/o
Zentrum für Jüdische Kulturgeschichte der Universität Salzburg Universitätsplatz 1 5020 Salzburg Österreich/Austria
Von
Margarete Heinz, Zentrum für Jüdische Kulturgeschichte, Universität Salzburg

Der Band 30/2023 enthält drei Aufsätze zu unterschiedlichen Themen der jüdischen Kulturgeschichte. Den Anfang macht ein Beitrag zu jüdischen Schreibergesetzen und Schreiberhandbüchern im 19. Jahrhundert. Ein zweiter Beitrag beschäftigt sich mit der Judenpolitik und dem Passwesen für Juden zur Zeit Maria Theresias anhand eines Judenpasses; und ein dritter Aufsatz thematisiert soziologische Aspekte jüdischer Israelis in Deutschland. Drei Rezensionen zu aktuellen Büchern runden den Band ab.

Inhaltsverzeichnis

INHALT

Aufsätze

KATHARINA HADASSAH WENDL: An(other) introduction to Jewish scribal laws. The proliferation of scribal handbooks in the 19th century (S. 1-22)
LOUISE HECHT: Maria Theresias Schutzjuden: der Pass des David Pincke aus Stampfen/Stupava (S. 23-50)
DANI KRANZ / UZI REBHUN: Conflated Fantasies, Collapsing Fantasies: On the Symbolic Capital of Israeli Jewish Migrants to Germany (S. 51-76)

Rezensionen

Eisele, Theresa: Szenen der Wiener Moderne. Drei Artefakte und ihre
Vorstellungswelten des Jüdischen, Göttingen 2021 (SAMUEL WEIGEL) (S. 77-79)
Piechotka, Maria and Kazimierz: Oppidum Judaeorum. Jews in the urban space of the former Polish-Lithuanian Commonwealth, Warschau 2021
(ELISABETH HOFER) (S. 79-82)
Marx, Dalia: Durch das Jüdische Jahr, Leipzig 2021 (MELANIE LITTA) (S. 82-85)
Abstracts (S. 86-88)
Autorinnen und Autoren (S. 89-90)
Rezensentinnen und Rezensenten (S. 91)

ABSTRACTS

Katharina Hadassah Wendl: An(other) introduction to Jewish scribal laws.
The proliferation of scribal handbooks in the 19th century

Seit jeher haben sich rabbinische Gelehrte über den Zustand der jüdischen Schreibpraxis beklagt. Bereits im Mittelalter versuchten jüdische Schriftgelehrte diese Situation zu verbessern, indem sie halachische Handbücher über jüdische Schreibergesetze verfassten. Bis zum frühen 19. Jahrhundert war jedoch kein Standardwerk für jüdische Schreibergesetze allgemein verfügbar. Danach ist jedoch ein neues Interesse an den jüdischen Schreibergesetzen und eine starke Zunahme von Schreiberhandbüchern zu beobachten.
Dieser Artikel analysiert die kulturellen und religiösen Entwicklungen, die zu diesem Interesse an jüdischen Schreibergesetzen und zur Verbreitung von Schreiberhandbüchern im 19. Jahrhundert geführt haben. Indem ich die pädagogischen und strukturellen Absichten der Autoren untersuche, werde ich Überlegungen und Motivationen, die sie zum Verfassen dieser Handbücher veranlassten, darlegen und diskutieren.

Throughout the ages, rabbis have been complaining about the state of Jewish scribal practice. Already in the Middle Ages, rabbis and scribes attempted to improve this situation by writing halakhic guides on Jewish scribal laws. However, until the early 1800s, no standard work for Jewish scribal laws was widely available. In the 19th century, however, a new interest in Jewish scribal laws and a proliferation of scribal guides can be observed.
This article analyses cultural and religious developments that led to this interest in Jewish scribal laws and a proliferation of scribal manuals in the 19th century. Investigating the authors’ pedagogical and structural intentions, I will outline and discuss considerations and motivations that led them in writing these handbooks.

Louise Hecht: Maria Theresias Schutzjuden: Der Pass des David Pincke aus Stampfen/Stupava

Am 30. April 1748 stellte Maria Theresia dem jüdischen Münzlieferanten David Pincke aus Stampfen/Stupava (heute Slowakei) einen Pass aus, der seinem Inhaber problemloses Reisen durch die Gebiete der Habsburger Monarchie ermöglichte. Der 2007 im Maria-Theresien-Schlössl in der Stadt Salzburg aufgefundene Passbrief bildet den Ausgangspunkt dieser sozio-ökonomischen Studie. Vor dem Hintergrund von Ansiedlungsbedingungen sowie ökonomischen Möglichkeiten für Juden und Jüdinnen in der Habsburger Monarchie und deren Wirtschaftsgebarung während der Frühen Neuzeit werden die mariatheresianische Judenpolitik und die Entwicklung des frühneuzeitlichen Passwesens, insbesondere im Hinblick auf das Münzwesen, in den Blick genommen. Nach einem Close-Reading des Dokuments erfolgt die konkrete Verortung des Passinhabers unter Zuhilfenahme des methodologischen Instrumentariums von Mikrogeschichte.

On April 30, 1748 Maria Theresa issued a passport to the Jewish coin supplier David Pincke from Stampfen/Stupava (today Slovakia). This document enabled its holder to travel through the territories of the Habsburg Monarchy, unhampered by borders and costumes barriers. The passport that surfaced in 2007 in the Maria-Theresien-Schlössl in the city of Salzburg forms the starting point for this socio-economic study. The paper explores Jewish settlement patterns as well as economic opportunities and activities for Jews in the Habsburg Monarchy during the Early Modern period. Furthermore, the policy of Maria Theresa toward Jews and the early modern passport system, in particular with regard to Jews and coin minting, will be analyzed. Finally, a close reading of the document is followed by tracking the passport holder, recruiting the methodological instruments of microhistory.

Dani Kranz, Uzi Rebhun: Conflated Fantasies, Collapsing Fantasies: On the Symbolic Capital of Israeli Jewish Migrants to Germany

Die Anzahl von Israelis in Deutschland ist klein, die Mehrheit der israelischen Wohnbevölkerung geht auf Migrationsbewegungen zwischen den 2000ern und 2010ern zurück. Basierend auf soziodemografischen Daten, die wir im Rahmen des Projekts „The Migration of Israeli Jews to Germany since 1990“ (GIF 1186) ermittelt haben und ergänzt durch fortlaufende ethnografische Feldforschung, untersucht dieser Beitrag institutionelle Migrationsinfrastrukturen und ihre Intersektion mit sozialer Klasse. Israelis und Israelinnen der „kreativen Klasse“, die nach Berlin migrieren und dort leben, sind aufgrund spezifischer deutscher und israelischer Identitätsinvestments medial überrepräsentiert. Diese israelischen Jüdinnen und Juden dienen als Projektionsfläche; sie werden als Kontinuität der vertriebenen und ermordeten Jüdinnen:Juden mit dem Bonus ‘Israeli‘ interpretiert. Sie eignen sich hervorragend als Fallstudie, um die deutsch/jüdisch/israelischen Beziehungen zu analysieren und die Intersektion von symbolisch israelischem und symbolisch jüdischem Kapital sowie dem symbolischen Kapital der „kreativen Klasse“ in Berlin und Deutschland zu untersuchen. Wir kommen zu dem Schluss, dass die „kreative Klasse“ für die institutionelle Infrastruktur zentral ist, diese Infrastruktur aber nicht nachhaltig ist und dass die von uns herausgearbeitete Intersektion die soziale Ungleichheit vor Ort verstärkt.

The number of Israelis in Germany is rather small, most of this current volume owes to movements between the mid-2000s to the mid-2010s. Drawing on socio-demographic research conducted within the framework of “The Migration of Israeli Jews to Germany since 1990” (GIF 1186), and amending it by on-going, multi-sited ethnographic fieldwork, we analyse institutional infrastructures of migration and of social class. While ‘creative class’ Israelis migrate to and live in Berlin, they tend to be over-reported in the media thanks to specific German and Israeli identity investments. These Israeli Jews are a smoke screen; they are interpreted as the replacements for the displaced and murdered Jews with the ‘add on’ of Israeliness. They make for a fine case study of understanding German/Jewish/Israeli relations and unpicking the symbolic Israeli and Jewish capital in combination with the concept of ‘creative class’ in situ in Berlin and across Germany. We come to the conclusion that while the creative class is central in designing institutional infrastructures, these infrastructures do not offer sustainability for the ‘creative class’, and impact on social inequality in situ.

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