BIOS. Zeitschrift für Biographieforschung, Oral History und Lebensverlaufsanalysen 36 (2023), 1

Titel der Ausgabe 
BIOS. Zeitschrift für Biographieforschung, Oral History und Lebensverlaufsanalysen 36 (2023), 1
Weiterer Titel 
Biographie und Vergessen: Perspektiven und Gegenstandsbereiche einer vergessenssensiblen Biographieforschung

Erschienen
Anzahl Seiten
173 S.
Preis
Einzelheft: € 24,20; Jahresabonnement: € 42,00

 

Kontakt

Almut Leh
Institution
FernUniversität in Hagen, Institut für Geschichte und Biographie
Abteilung
Redaktion BIOS. Zeitschrift für Biographieforschung, Oral History und Lebensverlaufsanalysen
Land
Deutschland
PLZ
58097
Ort
Hagen
Straße
Universitätsstr. 47
Von
Almut Leh, Institut für Geschichte und Biographie, Fernuniversität Hagen

Konstitutiv für Biographieforschung und Oral History ist der Rückgriff auf Vergangenes. Wie das Hervorholen, die Auswahl und (Re-)Konstruktion vergangener Ereignisse und Erfahrungen bspw. im Rahmen von biographisch-narrativen Interviews durch Biograph:innen erfolgt, dazu bieten Überlegungen zum Gedächtnis und seinen zentralen Operationen, dem Erinnern und dem Vergessen, einen relevanten theoretischen Bezugsrahmen (u.a. Alheit & Dausien 2000; Niethammer 1980; Rosenthal 1995). Dass Erinnern und Vergessen dabei auf das engste miteinander verschränkt und beide konstitutiv an der Hervorbringung von Biographien beteiligt sind, zeigt der folgende Sachverhalt: „Man muss vergessen, um erinnern zu können, und (sich) erinnern um vergessen zu können“ (Jörissen & Marotzki 2008, S. 96). Eine einseitige Auflösung dieses paradoxalen Zusammenhangs – entweder in Form einer totalen Erinnerung oder eines totalen Vergessens – käme dabei einem Weltverlust gleich; die biographische Konstruktion würde sich auflösen und verlöre ihre je eigensinnige Gestalt. Folglich sind Biographien als Resultat des Zusammenspiels von Erinnern und Vergessen zu begreifen. Sie werden – ebenso wie Erinnerung und Vergessenes selbst – im Erzählen immer wieder neu geschaffen.

Obwohl damit sowohl dem Erinnern als auch dem Vergessen eine besondere Relevanz im Rückgriff auf Vergangenes zukommt, überwiegt in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung bisher eine deutliche Fokussierung auf das Erinnern (z.B. Apel 2018; Kuhn 2010; Rosenthal 1995; von Felden 2021). Zwar gibt es zunehmend Studien, die sich explizit dem Vergessen, seinen unterschiedlichen Formen und sozialen Funktionen, widmen (z.B. Assmann 2016; Dimbath, 2014; Dimbath/Wehling 2011), in der Biographieforschung ist jedoch eine weitgehende Vernachlässigung entsprechender theoretischer und empirischer Auseinandersetzungen mit Vergessen(em) zu konstatieren und das, obwohl sich in biographie- und erzähltheoretischen Arbeiten vielfältige Bezüge zu der Bedeutung von Vergessen finden lassen.

Die Vielfalt der in den Beiträgen des Heftes fokussierten Gegenstandsbereiche verdeutlicht, dass ein stärkerer Einbezug von Vergessen(em) im Rahmen der erziehungs- und sozialwissenschaftlichen Biographieforschung große Potenziale für die Analyse empirischer und theoretischer Zusammenhänge aufweist, die es zukünftig weiter zu konturieren gilt. In den Beiträgen wird unter anderem angedeutet, dass Vergessen(em) für die Untersuchung von Macht- und Herrschaftsverhältnissen sowie von Vergangenheit und Gegenwart mit Blick auf die Gestaltung individueller und gesellschaftlicher Zukünfte eine besondere Relevanz zukommt. Im Anschluss an die Überlegungen von Assmann (2016: 58), die dem Vergessen in seinen vielfältigen Facetten und Funktionen ein außerordentliches Transformationspotenzial zuschreibt, gilt es in Zukunft mit Nachdruck zu perspektivieren, inwiefern gerade die Auseinandersetzung mit Vergessen(em) einen Gewinn für die Bearbeitung der vielschichtigen (global-)gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Umbruchserscheinungen unserer Zeit – beispielsweise Migration, Krieg, Klimawandel, Ungleichheitsverhältnisse, Pandemie – verspricht. Da Individuen sowohl biographische als auch soziale Strukturen verändern können (Alheit 2010), stellt sich die Frage, welche Bedeutung dem (Wieder-)Erinnern von Vergessen(em), aber auch dem Vergessen von bisher als selbstverständlich Erinnertem im Hinblick auf die Bearbeitung von Krisen(kaskaden) zukommt. Eine vergessenssensible Biographieforschung kann hier ansetzen, indem sie die Verwobenheit von individuellem, kollektivem und gesellschaftlichem Vergessen und Erinnern analytisch in den Blick nimmt.

Inhaltsverzeichnis

Merle Hinrichsen und André Epp
Einführung in das Themenheft

Heide von Felden
Vergessen in narrativen Interviews: Nicht-Vergessen-Können, Nicht-Wissen-Wollen, Verdrängen, Betäuben, Überschreiben

Oliver Dimbath
Selektivitäten des Biographierens. Gedächtnissoziologische Überlegungen zu Formen des Vergessens bei der Rekonstruktion gelebten Lebens

Maria Pohn-Lauggas und Miriam Schäfer
Soziale Bedingungen von Erinnern und Vergessen: Biographische und intergenerationale Dynamiken

Laura Behrmann und Hanna Haag
Autobiographische Praktiken des Erinnerns und Vergessens. Soziale Ungleichheiten in Karrierewegen ostdeutscher Professor⁎innen

Michael Corsten und Melanie Pierburg
„Was mit ihr passiert ist, weiß ich nich mehr“: Mythisierungsweisen des Vergessenen

Imke Kollmer
Die Grenzen der Rekonstruktion biographischen Vergessens. Objektiv-hermeneutische Betrachtungen zu epistemischen und methodologischen Limitationen der Biographieforschung

Julia Becher
Biographisches Vergessen aus strukturtheoretischer Perspektive. Methodologische und methodische Überlegungen zum qualitativ-rekonstruktiven Längsschnitt

Kristina Schierbaum und Sinje Brinkmann
Dem Vergessen von Biographien nachnutzend begegnen

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