PERIPHERIE. Politik • Ökonomie • Kultur 37 (2017), 3

Titel
PERIPHERIE. Politik • Ökonomie • Kultur 37 (2017), 3.
Weitere Titelangaben
Zivile Konfliktbearbeitung


Hrsg. v.
Wissenschaftliche Vereinigung für Entwicklungstheorie und Entwicklungspolitik e.V.
Heft(e)
3
Erschienen
Leverkusen 2017: Barbara Budrich Verlag
Umfang
160 S.
Preis
Einzelheft: 19,00 €; Doppelheft: 29,90 €; Jahresabonnement: Personen: 36,00 € (Print), 44,00 € (Print + Online); Studierende: 29,90 € (Print), 37,00 € (Print + Online); Institutionen: 87,00 € (Print), 109,00 € (Print + Online), 109,00 € (Online); Einzelbeitrag im Download unter http://peripherie.budrich-journals.de: 4,00 €
Herausgeber d. Zeitschrift
Wissenschaftliche Vereinigung für Entwicklungstheorie und Entwicklungspolitik e.V.
Erscheinungsweise
4 Nummern in 3 Ausgaben
Kontakt
PERIPHERIE Redaktionsbüro c/o Michael Korbmacher Stephanweg 24 48155 Münster Telefon: +49-(0)251/38349643

Seit den späten 1990er Jahren gab es sowohl national als auch international vielfältige Versuche, Kapazitäten für zivile Konfliktbearbeitung und Friedensförderung aufzubauen.

In den letzten Jahren haben sich die Tendenzen der eigenständigen Bestimmung des „Zivilen“ im Globalen Norden auseinanderentwickelt. Die US-amerikanische Diskussion zu „interagency“ oder die „stabilisation unit“ fördern zivil-militärische Kooperationen in der entwicklungspolitischen Praxis. Dieser Trend, das „Zivile“ mit dem militärischen Handlungsfeld zu verknüpfen und damit den eigenständigen definitorischen Spielraum des „Zivilen“ zu verengen, steht im Mittelpunkt der PERIPHERIE 148. Die Ausgabe bietet begriffliche Klärungen sowie empirische Befunde.

EDITORIAL

Zivile Konfliktbearbeitung

Seit den späten 1990er Jahren gab es sowohl national als auch international vielfältige Versuche, Kapazitäten für zivile Konfliktbearbeitung und Friedensförderung aufzubauen. Es gehört seither zur Chronist/innen-Pflicht der PERIPHERIE, sich periodisch mit dem Anspruch und der Wirklichkeit ziviler Konfliktbearbeitung und Friedensförderung zu befassen. Nicht alles, was Chronist/innen verzeichnen, muss ihnen auch gefallen. Das gilt in diesem Falle für den deutlichen Trend, das "Zivile" immer selbstverständlicher mit dem militärischen Handlungsfeld zu verknüpfen und damit auch den eigenständigen, definitorischen Spielraum des "Zivilen", theoretisch und als Praxisfeld, zu verengen. Dieser Spielraum steht deshalb im Mittelpunkt der Ausgabe.

In den letzten Jahren häufen sich Anlässe, in denen die deutsche Bundesregierung sicherheitspolitische Grundsatzpositionierungen im Entwicklungsprozess der politischen Papiere als "partizipative Dialoge" initiierte. Diese Strategie ist nicht spezifisch deutsch. Sie folgt Grundsätzen der Managementtheorie. Die OECD hat diese Methode seit Jahren propagiert, speziell um die öffentliche Akzeptanz militärischer Interventionen in Kontexten der Vereinten Nationen, der Europäischen Union (EU) und der NATO zu fördern. Die Niederlande und die skandinavischen Länder lieferten Modelle. In der weiteren Entwicklungszusammenarbeit wird eine analoge Form der Konsensbildung als "community of practice" propagiert. Hier einigt sich eine jeweils heterogene Gruppierung von Entwicklungsakteur/innen vor dem Hintergrund eines gemeinsamen Praxisfeldes auf gemeinsame Sichtweisen, Problembeschreibungen und -lösungen. Im sicherheitspolitischen Feld wird die "community of practice" gerne auf die viel beschworene "Kohärenz" heterogener Partner und gegenseitig abgegrenzter staatlicher Institutionen und Ministerien übertragen. Der Partizipationsdiskurs wird so zu einer aktualisierten Form der Propaganda, in der das "Zivile" und das "Militärische" zu verschmelzen drohen. Kernakteur/innen der Diskurse sind die "Zivilen" (also Parlamentarier/innen, Vertreter/innen der Exekutive, Entwicklungspraktiker/innen, akademische "Expert/innen", NGOs, Bewegungsaktivist/innen) und das "Militär". Anerkannt in ihrer jeweiligen "Differenz" (ähnlich Rasse, Gender, Klasse, sexueller Ausrichtung, Kultur, Religion, Alter usw.) partizipieren die Akteur/innen im gleichberechtigten Dialog – natürlich "auf Augenhöhe". Aus einer (selbst-)kritischen und reflexiven Perspektive ist es von daher zeitweilig sinnvoll, an Eigenheiten des "Zivilen" zu erinnern. Diese Erinnerung fällt kontrovers aus, was in der Redaktionsarbeit zu dieser Ausgabe der PERIPHERIE besonders deutlich wurde.

Der Debattenbeitrag von Thomas Mickan, Alke Jenss, Adrian Paukstat und Mechthild Exo beschäftigt sich mit drei politisch initiierten Dialogprozessen: dem Review 2014 des Auswärtigen Amtes, dem Weißbuch des Bundesverteidigungsministeriums von 2015/2016 sowie PeaceLab16, einer weiteren Initiative des Auswärtigen Amtes der Jahre 2016/2017. Im Mittelpunkt des Artikels steht das "epistemische Unbehagen", das bei diesen Dialogen aufkommen kann. Die Autor/innen gehen davon aus, dass die Dialogprozesse eine unhinterfragte Rahmung enthalten. Das sind die sicherheitspolitischen Annahmen zum "fragilen Staat" als Herd eines universellen Krisenzustandes, der mit zivilen und militärischen Instrumenten bearbeitet werden müsse. In diesem Diskurs dient das "Zivile" nicht mehr als Kritik und Alternative zu militärischem Handeln, sondern ist mehr oder weniger nützliches Instrument ("tool") im Handwerkskasten. Mickan u.a. ziehen weitreichende Schlussfolgerungen und vergleichen die deutsche Dialogpraxis mit der US-amerikanischen Popularisierung von Aufstandsbekämpfung (counterinsurgency), die seit Mitte des letzten Jahrzehnts die Kriege im Irak und in Afghanistan begleiteten. Was in dem einem Falle militärisch knapp als "clear, hold, build" tituliert wurde, wird im anderen Falle zivil-dezent zu "Krisenprävention, Stabilisierung, Konfliktnachsorge", enthält aber das gleiche strukturelle Interventionsmuster. In beiden Fällen geht es um die Durchsetzung von Akzeptanz für die Interventionspolitik, militärisch und zivil, sowohl im Interventionsterritorium als auch in der politischen Heimat der Interventionsmacht. Der Artikel verfolgt ausdrücklich das politische Ziel, einen Beitrag zu leisten, um die Autonomie des "Zivilen" vor militärischen Zugriffen im Zuge zivil-militärischer Dialoge zu retten.

Eine konträre Position, die sich gleichfalls um eine Rettung des "Zivilen" bemüht, nehmen Rebecca Gulowski und Christoph Weller in ihrem theoretisch formulierten Beitrag ein. Hier ist der Anspruch, das analytische Potenzial des "Zivilen" in der "Konfliktbearbeitung" genauer zu identifizieren. Für die Autor/innen ist "zivile Konfliktbearbeitung" seit 25 Jahren ein normativ aufgeladener politischer Begriff geblieben, der von der Differenzierung gegenüber dem "Militärischen" lebt, ohne seine eigenen Widersprüche zu erkennen. Selbstwidersprüche des "Zivilen" in der "Konfliktbearbeitung" verorten Gulowski & Weller auf zwei Ebenen: a) Das "Zivile" trägt in sich eine eurozentrische Perspektive auf Konflikte (Prozesse, Verläufe, Institutionen, Kanalisierungen) im Globalen Süden. Vor dem Hintergrund post-kolonialer Theorie enthält der Anspruch auf "Intervention" immer einen "zivilisierenden" Anspruch mit kolonialen Anklängen. b) Das "Zivile" klammert die im eigenen gesellschaftlichen Zusammenhang ständig präsente historische Gerinnung von Gewalt im "staatlichen Gewaltmonopol" aus. Demgegenüber schlagen die Autor/innen eine wissenschaftliche Fokussierung des "Zivilen" auf Beiträge zu gewaltmindernden Konfliktverläufen vor, die (mit Georg Simmel, Lewis Coser, Ralf Dahrendorf und Chantal Mouffe) die Normalität von Konflikten als Ausdruck gesellschaftlicher Veränderung anerkennt. Zivile Konfliktbearbeitung soll dann dazu beitragen, aus Feindschaft sozial vermittelnde Gegnerschaft zu machen. Zur zivilen Konfliktbearbeitung im Globalen Süden gehört die Suche nach "homöomorphen", funktionsäquivalenten Lösungen, bei denen anerkannt ist, dass es unterschiedliche Vorstellungen von Zivilität, Konflikt, Gewalt, Frieden, Staatlichkeit und Demokratie gibt. Die Argumentation stellt einerseits den zivilen Interventionsenthusiasmus der letzten Jahrzehnte in eine koloniale Kontinuität. Andererseits lässt sich in der zivil-militärischen Interventionspraxis der letzten Jahre gerade beobachten, wie das Militär unter dem Banner "operationeller Kultur" versuchte, lokale Institutionen und Praktiken der Konfliktbearbeitung zu verstehen und in Handwerkszeug zu übertragen. Das "Zivile" hat hier kein praxisbezogenes Alleinstellungsmerkmal mehr.

In technisch-instrumentaler Hinsicht steht die Zivile Konfliktbearbeitung an einer Schnittstelle von (entwicklungs-)politischem, sozialem, kulturellem und pädagogischem Handeln. Dabei fallen immer neue Lücken auf. Daniela Pastoors untersucht vor diesem Hintergrund die Figur der "Berater/in" als Erfolgsgarantie des Interventionsprozesses. Konstatierter Mangel ist hier die Verbindung von theoretischer Vorbildung mit einem Erkenntnisprozess, der reflexiv lokale Gegebenheiten einbezieht.

Die EU hat in zahlreichen Grundsatzpapieren die Friedensmediation als besonderes Anliegen formuliert. Julian Bergmann diskutiert die Praxis der Mediationstätigkeit am Beispiel der Konflikte Kosovo/Serbien und Georgien/Abchasien/Südossetien. Er weist darauf hin, wie das Lockmittel EU-Beitritt im Falle Kosovo/Serbien eine vermittelnde Wirkung erhalten hat, die beide Seiten zu Kompromissen drängt. Im Falle Georgien/Abchasien/Südossetien gibt es ein solches Lockmittel nicht. Der Mediationsversuch stagniert auf niedrigen Niveau, und als relativer Erfolg kann der Nichtausbruch weiterer Gewalt gelten. Bergmanns Beitrag hinterlässt offene Fragen. Hat nicht die Russische Föderation im Jahre 2007 die offene Parteinahme der EU für eine Unabhängigkeit des Kosovo zum Anlass genommen, eine Lösung Abchasiens von Georgien zu fördern? Wie verhält sich die vermittelnde Kapazität der EU angesichts Spaniens und der Eigenständigkeitsforderungen Kataloniens?

Zu den stereotypen Bedrohungslagen, die die gegenwärtigen Krisenszenarien in Wiederholung begleiten, gehören Flucht und Migration als spezielle zivile Handlungsfelder. Ausgehend von der Debatte, "wie viele Flüchtlinge können wir ertragen", beschäftigt sich Corina Pape mit der umgekehrten und grundsätzlichen Frage, welche Bedeutung der illegale Grenzübertritt marginalisierter Bevölkerungsteile für das Sichtbarwerden einer globalen Krise und den Anspruch auf zivile Lösungen hat. Der Beitrag zieht im Kontext einer Reflexion auf das Problem und die Praxis des zivilen Ungehorsams einen Analogieschluss. So wie die Bürgerrechtsbewegung in den USA in den 1950er Jahren nur durch Regelbruch die menschenrechtswidrigen Diskriminierungspraktiken sichtbar machen und sich schließlich weitgehend durchsetzen konnte, so können heute auch Flüchtende ihre zivilen Ansprüche nur durch grenzüberschreitende Regelbrüche ausdrücken und durchsetzen.

Zivile und militärische Interventionspraktiker beschäftigen sich gerne mit der Frage nach lokaler und kontextueller Anknüpfungsmöglichkeit und Akzeptanz (vgl. auch die Beiträge von Mickan u.a. sowie von Gulowski & Weller). Dabei rücken auch Fragen nach kulturellen Homologien zu euro-amerikanischen Prinzipien von Menschenrechten und Demokratie in den Mittelpunkt. Clemens Jürgenmeyer erinnert in seinem Beitrag zu Mahatma Gandhi daran, dass die Geschichte des anti-militärischen zivilen Protestes in West-Europa und den USA in den 1980er Jahren ganz selbstverständlich durch Gandhis Prinzipien des zivilen Widerstandes geprägt war, die ihre Wurzeln in indischen und europäischen philosophischen Traditionen hatte. Dieser Beitrag zeigt deutlich, dass eine Sichtweise verfehlt ist, die im "zivilen" Engagement alleine eine eurozentrische Positionierung sieht. Zugleich wird klar, dass Gandhi untrennbar von seiner Praxis der Gewaltlosigkeit für einen sehr viel umfassenderen Ansatz steht, der sich dem Entwicklungsdiskurs frontal entgegenstellt.

Als bedrohliches Endprodukt mangelnden Interventionshandelns wird immer wieder das Menetekel des "failed state", des vollständigen Staatsversagens an die Wand projiziert. Tilman Schiels dekonstruierende Analyse im PERIPHERIE-Stichwort kommt zu dem Schluss, dass wir keinen wirklich gültigen Maßstab dafür haben, was ein "normaler" und was ein "versagender" Staat ist. Doch zeigt die Erfahrung, dass Interventionen dazu tendieren, Chaos und Zusammenbruch zu fördern.

Im Herbst 2011 fand die erste Tagung der deutschen Bundeswehr zum Thema "Coping with Culture" statt, dem deutschen Pendant zum Einsatz von "operationeller Kultur" als militärischem Handwerkszeug, das die US-amerikanische Version von counterinsurgency prägt. Nach einleitenden Reden von Veteranen der zivilen Friedensbearbeitung (Johan Galtung, Winfried Nachtwei) entspann sich ein Gespräch zwischen einer Offizierin der britischen Armee und einem anwesenden Sozialwissenschaftler. Der Akademiker versuchte, den Forschungsgegenstand der zivilen Konfliktbearbeitung zu erklären. Erhellt meinte die Offizierin schließlich: "Aha, Sie machen das, worüber der Politiker gerade geredet hat." Diese Anekdote zeigt, dass die Schwierigkeiten, das "Zivile" zu bestimmen, sicher nicht nur in eurozentrischer Selbstbespiegelung und Übertragung auf andere gesellschaftliche Kontexte bestehen. In den letzten Jahren haben sich auch die Tendenzen der selbstverständlichen Bestimmung des "Zivilen" im Globalen Norden auseinanderentwickelt. Die US-amerikanische Diskussion zu "interagency" oder die britische Institution der "stabilisation unit" fördern ganz selbstverständlich zivil-militärische Praktiken in der entwicklungspolitischen Praxis, die in Deutschland – noch – sperrig sind. Die hier vorliegenden Beiträge reflektieren im Wesentlichen deutsche Positionen. Diesem Problem wird man in Zukunft weiter nachgehen müssen.

Die Hefte des Jahrgangs 2018 werden sich den Themen "Buen Vivir", "'Entwicklung'? – Alternativen zur 'Entwicklung'?" sowie "Macht und Prognose" widmen. Darüber hinaus bereiten wir Schwerpunkte zu "Gewalt und Trauma in einer globalisierten Welt" und "Erinnerung und Abgrenzung" vor. Zu diesen und anderen Themen sind Beiträge sehr willkommen. Die entsprechenden Calls for Papers finden sich auf unserer Homepage, sobald sie veröffentlicht werden.

Zum Abschluss des aktuellen Jahrgangs möchten wir uns wieder herzlich bei den Gutachter/innen bedanken, die einmal mehr durch ihre gründliche, engagierte und kritische Arbeit zum Gelingen der Hefte maßgeblich beigetragen haben. Ihre Namen sind in alphabetischer Reihenfolge im Jahresregister aufgeführt. Ferner gilt unser Dank Sarah Becklake, die als englische Muttersprachlerin die Summaries korrigiert hat.

Schließlich bedanken wir uns bei allen Leser/innen, Abonnent/innen sowie bei den Mitgliedern der Wissenschaftlichen Vereinigung für Entwicklungstheorie und Entwicklungspolitik e.V., der Herausgeberin der PERIPHERIE. Unsere größtenteils ehrenamtliche Arbeit ist weiterhin von Spenden abhängig. Eine für die langfristige Sicherung des Projekts besonders willkommene Förderung stellt die Mitgliedschaft im Verein dar, in der das Abonnement der Zeitschrift sowie regelmäßige Informationen über die Redaktionsarbeit enthalten sind. Wir freuen uns aber auch über einmalige Spenden. Unsere Bankverbindung finden Sie, liebe Leser/innen, im Impressum. Wir wünschen Ihnen und Euch eine anregende Lektüre und einen guten Start ins Jahr 2018.

INHALT

Theodor Bergmann (1916–2017), S. 379

Zu diesem Heft, S. 381

Rebecca Gulowski & Christoph Weller: Zivile Konfliktbearbeitung. Kritik, Konzept und theoretische Fundierung, S. 386

Julian Bergmann: EU-Friedensmediation auf dem Prüfstand -- Zwischen hohem Anspruch und komplexer Wirklichkeit, S. 412

Daniela Pastoors: Berater/in im Konflikt -- Verschiedene Rollen in der Friedens- und Konfliktarbeit, S. 435

Carina Pape: Die neue Sichtbarkeit. Ziviler Ungehorsam zweiter Stufe, S. 449

Diskussion

Clemens Jürgenmeyer: Wahrheit, Widerstand und selbstloses Handeln. M.K. Gandhis Ethik der Gewaltfreiheit, S. 469

Thomas Mickan, Alke Jenss, Adrian Paukstat & Mechthild Exo: Epistemisches Unbehagen. Die partizipative Entwicklung des Krisenengagements der Bundesrepublik und ihre Kritik, S. 484

PERIPHERIE-Stichwort

Tilman Schiel: Failed State, S. 505

Rezensionen, S. 508

Miriam Schroer-Hippel: Gewaltfreie Männlichkeitsideale. Psychologische Perspektiven auf zivilgesellschaftliche Friedensarbeit (Brigita Malenica) / Luke Sinwell mit Siphiwe Mbatha: The Spirit of Marikana. The Rise of Insurgent Trade Unionism in South Africa (Reinhart Kößler) / Kako Nubukpo, Martial Ze Belinga, Bruno Tinel & Demba Mussa Dembele (Hg.): Sortir l‘Afrique de la servitude monétaire. À qui profite le franc CFA? (Arndt Hopfmann) / Óscar García Agustín & Martin Bak Jørgensen (Hg.): Solidarity without Borders. Gramscian Perspectives on Migration and Civil Society Alliances (Reinhart Kößler) / Elke Grawert & Zeinab Abul-Magd (Hg.): Businessmen in Arms. How the Military and other Armed Groups Profit in the MENA Region (Werner Ruf) / Alke Jenss: Grauzonen staatlicher Gewalt. Staatlich produzierte Unsicherheit in Kolumbien und Mexiko (Gregor Seidl) / Frauke Banse: Wes Brot ich ess, des Lied ich sing? Gewerkschaften in Ghana und Benin, die Förderung der Friedrich-Ebert-Stiftung und die Economic Partnership Agreements (EPAs) (Bettina Engels) / Damien Short: Redefining Genocide. Settler Colonialism, Social Death and Ecocide (Reinhart Kößler)

Eingegangene Bücher, S. 526
Summaries, S. 527
Zu den Autorinnen und Autoren, S. 529
Jahresregister, S. 531
Gute Buchläden, in denen die PERIPHERIE zu haben ist, S. 536

SUMMARIES

Rebecca Gulowski & Christoph Weller: Civilian Conflict Management. Critique, Conception, and Theoretical Foundations.
"Civilian Conflict Management" is predominantly a term used in the political domain. In contrast, this paper offers a theoretical reading of its three elements in order to enable differentiated analyses and to open up critical perspectives in this field. We first identify the internal contradictions in the conceptualisation of "civilian" in "Civilian Conflict Management". Secondly, referring to the work of Simmel, Coser, Dahrendorf and Mouffe, we develop conceptual foundations for a profound theoretical notion of "conflict". Building on this, thirdly, there follows the exploration of "conflict management" as a process of socialisation in the face of social change. This threefold conceptualisation of the term "Civilian Conflict Management" highlights the transformation of conflicts at the structural, institutional, and actor levels, and, at the same time, supports political criticism of intervention in foreign conflicts.

Julian Bergmann: EU Peace Mediation under Scrutiny – Between High Aspirations and Complex Realities.
Since the early 2000s the European Union has established a considerable track record as a mediator in intrastate conflict. Particularly in the countries of the Western Balkans, the EU has undertaken a number of mediation initiatives. Mediation is a corner stone of the EU's approach to managing and preventing crisis and violent conflicts through civilian means. But to what extent has the EU lived up to its own aspirations in the field of civilian conflict prevention and mediation in particular? This article addresses this question along two dimensions. First, it examines the EU's ambitions to develop and strengthen its capacities in the field of mediation. Second, it focuses on the actual outcomes of EU peace mediation efforts and their contribution to successful conflict resolution. Regarding the first dimension, the article draws the conclusion that the EU has indeed lived up to its aspirations by strengthening its institutional architecture and capacities for peace mediation. Nevertheless, this has also led to institutional fragmentation, which increased the need for coordination between the involved institutions. With regard to the second dimension, two case studies (the Belgrade-Pristina Dialogue and the Geneva Talks on the territorial conflicts of Georgia) demonstrate that EU peace mediation had a positive influence on the dynamics of both conflicts. Having reached partial successes, the mediation processes, however, could not provide a comprehensive resolution in both conflicts. The specific context of these conflicts, in which the EU would be assumed to have political leverage due to the prospect of future EU membership, demonstrates the limits of its effectiveness in peace mediation.

Daniela Pastoors: Consultant in Conflict -- Different Roles in Peace and Conflict Work.
Third party experts, taking on various different roles, are often called to intervene in conflict transformation. Here the term "consulting" is often used, without clearly defining what is meant by it. This paper focuses on the roles of civil service peace professionals, and introduces concepts for distinguishing and classifying third party interventions and consulting roles, as well as discusses them. It shows that the differentiation between directive, transitive, and prescriptive approaches, on the one hand, and non-directive, reflexive, and elicitive approaches, on the other hand, are as relevant for consultants as they are for peace workers. Thus, the paper pleads for self-reflective engagement within the role of intervening third parties and, following, for exchanging insights between consulting science and peace and conflict studies, and for transdisciplinary cooperation between practice and research.

Carina Pape: The New Visibility. Second-Order Civil Disobedience.
This paper focuses on the civil disobedience of refugees and the creation of new forms of political communities, Civil disobedience is an important part of democracy. According to Habermas, civil disobedience has to stay in suspense between legality and illegality in order to keep its transformative power. As new forms of political community formation cannot be promoted within conventional ideas of national democracies (e.g. Niesen), the concept of civil disobedience may be more appropriate. Especially due to their new visibility, the tension between legality and legitimacy allows us to describe refugees' actions as civil disobedience. If we do not judge a person's legally acknowledged participation (citizenship) as decisive, but the participation in form of the acknowledgement of that (nearly just) society through the person, there is no reason to deny the refugees the "right" to civil disobedience. The plus of this civil disobedience of a second order -- a cosmopolitan disobedience -- is that it has developed from practice. It is a transboundary form of civilian participation, which simply works.

ZUSAMMENFASSUNGEN

Rebecca Gulowski & Christoph Weller: Zivile Konfliktbearbeitung: Kritik, Konzept und theoretische Fundierung.
"Zivile Konfliktbearbeitung" ist vornehmlich ein politischer Begriff. Durch theoretische Fundierung seiner drei Teile wird in dem Beitrag ein Konzept entwickelt, das nicht nur differenziertere Analysen ermöglicht, sondern auch kritische Perspektiven eröffnet. So werden zunächst die Selbstwidersprüche des "zivilen" in der zivilen Konfliktbearbeitung herausgearbeitet und dann durch Rückgriffe auf Simmel, Coser, Dahrendorf und Mouffe die konzeptionellen Grundlagen für ein fundiertes Konfliktverständnis ziviler Konfliktbearbeitung entwickelt. Darauf aufbauend lässt sich dann die Konflikt-Bearbeitung als Vergesellschaftungsprozess im Zusammenhang sozialen Wandels verstehen. Diese Konzeptualisierung des Begriffs eröffnet den Blick auf die Transformation von Konflikten auf struktureller, institutioneller und auf Akteur/innen-Ebene und stützt zugleich die politische Kritik am Interventionismus in fremde Konflikte.

Julian Bergmann: EU-Friedensmediation auf dem Prüfstand – zwischen hohem Anspruch und komplexer Wirklichkeit.
Die Europäische Union hat seit den 2000er Jahren eine beachtliche Bilanz als Mediatorin in innerstaatlichen Konflikten aufzuweisen Insbesondere in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft, den Ländern des Westlichen Balkan, hat die EU eine Reihe von Mediationsinitiativen unternommen. Mediation ist dabei ein wesentlicher Bestandteil der Bemühungen der EU, Krisen und gewaltsame Konflikt mit zivilen Mitteln zu verhindern und zu bewältigen. Doch inwiefern ist es der EU bereits gelungen, den eigenen Anspruch im Bereich der zivilen Konfliktbearbeitung einzulösen? Dieser Frage widmet sich der folgende Artikel und geht ihr im Bereich Friedensmediation in zwei Dimensionen nach: erstens hinsichtlich des Anspruchs der Entwicklung und Stärkung der Mediationskapazitäten, und zweitens in Bezug auf die Frage, inwiefern EU-Friedensmediation erfolgreich ist und somit einen positiven Beitrag zur Konfliktbearbeitung leistet. In Bezug auf die erste Dimension zeigt sich, dass die EU tatsächlich ihre Fähigkeiten und institutionellen Strukturen für Friedensmediation deutlich ausgebaut und damit ihren eigenen Anspruch eingelöst hat. Gleichwohl hat dies auch zu einer institutionellen Fragmentierung geführt, die den Koordinationsbedarf zwischen den einzelnen Institutionen deutlich erhöht. Hinsichtlich der zweiten Dimension zeigt die Analyse von zwei Fallbeispielen (Belgrad-Pristina Dialog und die Genfer Gespräche über Georgiens Territorialkonflikte) dass EU-Friedensmediation in den beiden Fällen einen positiven Effekt auf die Konfliktdynamik hat. Trotz einiger Teilerfolge muss jedoch auch konstatiert werden, dass die EU in beiden Konflikten keine vollständige Konfliktbeilegung erreichen konnte. Gerade in Bezug auf zwei Konfliktsituationen in der EU-Nachbarschaft, in der die EU durch die EU-Beitrittsperspektive einen vergleichsweise langen "Hebel" gegenüber Konfliktparteien besitzt, macht dieser Befund die Grenzen der Einflussmöglichkeiten der EU deutlich.

Daniela Pastoors: Berater/in im Konflikt – Verschiedene Rollen in der Friedens- und Konfliktarbeit.
Menschen, die als Außenstehende zur Konfliktbearbeitung hinzugezogen werden, intervenieren auf vielfältige Weise und sie haben unterschiedliche Rollen inne. Häufig wird dabei von Beratung gesprochen, ohne dass immer klar ist, was damit gemeint ist. Dieser Beitrag betrachtet die Tätigkeiten und Rollen von Friedensfachkräften, stellt Konzepte zur Unterscheidung und Einordnung von Interventionsformen und Beratungsrollen vor und diskutiert diese. Dabei wird deutlich, dass die Unterscheidung zwischen direktivem, transitivem und präskriptivem Vorgehen einerseits und non-direktiver, reflexiver und elicitiver Herangehensweise andererseits sowohl für Berater/innen als auch für Friedensfachkräfte relevant ist. Der Beitrag plädiert für die selbstreflexive Auseinandersetzung mit der Rolle als intervenierende Drittpartei und in der Konsequenz für den Austausch von Erkenntnissen zwischen Beratungswissenschaft und Friedens- und Konfliktforschung und transdisziplinäre Kooperation zwischen Forschung und Praxis.

Carina Pape: Die neue Sichtbarkeit. Ziviler Ungehorsam zweiter Stufe.
Ziviler Ungehorsam ist ein bedeutendes demokratisches Instrument. Habermas zufolge muss er in der Schwebe zwischen Legalität und Illegalität bleiben, um im demokratischen Legitimierungsprozess seine transformative Kraft zu behalten. Da "neue Formen politischer Vergemeinschaftung mit den hergebrachten Kategorien einzelstaatlicher Demokratie nicht zu greifen sind" (Niesen u.a.), bietet das Konzept des zivilen Ungehorsams eine Alternative. Gerade das Spannungsverhältnis von Legalität und Legitimität ermöglicht es, bestimmte Aktionen von geflüchteten und flüchtenden Menschen als zivilen Ungehorsam zu beschreiben. Hinzu kommt die 'neue Sichtbarkeit' flüchtender Menschen, das bewusste Sich-Wenden an die Öffentlichkeit. Sofern wir nicht die rechtlich anerkannte Teilhabe an der Gesellschaft im Sinne der Staatsbürgerschaft einer Person als bedeutsam werten, sondern die Teilhabe an der Gesellschaft aufgrund der Anerkennung dieser (annähernd gerechten) Gesellschaft durch die Person, gibt es keinen Grund, den (noch) nicht Eingebürgerten das 'Recht' auf zivilen Ungehorsam abzusprechen. Der Vorzug dieses zivilen Ungehorsams zweiter Stufe -- eines weltbürgerlichen Ungehorsams -- liegt darin, dass er eine aus der Praxis heraus gewachsene Form grenzüberschreitender zivilgesellschaftlicher Partizipation darstellt, die in eben dieser Praxis Wirkung zeigt.

Zitation
PERIPHERIE. Politik • Ökonomie • Kultur 37 (2017), 3. in: H-Soz-Kult, 18.12.2017, <www.hsozkult.de/journal/id/zeitschriftenausgaben-10790>.
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