Mitteilungen zur Kirchlichen Zeitgeschichte 12 (2018)

Titel
Mitteilungen zur Kirchlichen Zeitgeschichte 12 (2018).


Hrsg. v.
Forschungsstelle für Kirchliche Zeitgeschichte
Heft(e)
12
Erschienen
Umfang
220 S.
Preis
12 Euro
Herausgeber d. Zeitschrift
Forschungsstelle für Kirchliche Zeitgeschichte
Erscheinungsweise
jährlich
Kontakt
Forschungsstelle für Kirchliche Zeitgeschichte Evangelisch-Theologische Fakultät Geschwister-Scholl-Platz 1 80539 München Tel. 089-2180-2828, -5340 E-Mail: <sekretariat-kiz@evtheol.uni-muenchen.de>; <ccl@evtheol.uni-muenchen.de>

Die vorliegende Ausgabe der Mitteilungen zur Kirchlichen Zeitgeschichte dokumentiert in allen ihren drei Teilen – Aufsätze, Berichte und Nachrichten – die zeitliche Breite und inhaltliche Vielfalt aktueller Kirchlicher Zeitgeschichtsforschung.

Der Aufsatzteil setzt ein mit dem Beitrag von Veronika Albrecht-Birkner über „Protestantische Auseinandersetzungen mit dem sozialistischen Menschenbild in der DDR“ und zeigt eindrücklich, wie sehr sich die evangelischen Kirchen in der DDR seit 1958 durch die Propagierung des „neuen sozialistischen Menschen“ herausgefordert sahen. Quellennah wird dargelegt, wie man staatlicherseits mit diesem stilisierten Topos eine Steigerung der Arbeitsmoral in der DDR beabsichtigte, während die evangelischen Kirchen dieses Vorgehen unter Hinweis auf die lutherische Rechtfertigungslehre durch ein im christlichen Glauben gegründetes Menschenbild zu konterkarieren versuchten.
Der folgende Aufsatz von Gisa Bauer begibt sich in die bewegten 1960er und 70er Jahre und richtet den Blick auf „Die Anti-Baby-Pille und die Kirchen in der Bundesrepublik Deutschland“. Die Verfasserin versteht es eindrucksvoll, den konfessionsspezifischen Umgang mit dem Thema und die dabei jeweils geltend gemachten Argumentationen plausibel freizuzulegen. Während die Katholische Kirche zwischen den liberalen Signalen vom Vatikanum II einerseits und dem harschen roll back Papst Pauls VI. mit der Enzyklika „Humanae vitae“ andererseits hin und hergerissen erscheint, wird der protestantische Umgang mit dem Thema inspiriert von einer Neubewertung der Sexualität durch Luther und in einer markanten Absetzbewegung von der reglementierenden Geburtenkontrolle des NS-Staates als die deutlich liberalere Variante gekennzeichnet.
Luise Schramm untersucht unter dem Mottozitat „‚Anfänge neuen Lebens‘“ vor dem Hintergrund des gesellschaftspolitischen Umbruchs der 1970er Jahre „Gottesdienste der Anti-AKW-Bewegung“. In einer mit zeitgeschichtlichem Kolorit vital gestalteten Darstellung kann sie exemplarisch zeigen, wie sich der durch die Neuen Sozialen Bewegungen indizierte gesellschaftliche Wandel auch in den evangelischen Gottesdiensten und Frömmigkeitsformen niederschlug. Mittels ihrer Kreativität und Experimentierfreude trugen diese besonderen Gottesdienste zu einer Weiterentwicklung der politisch orientierten Gottesdienste im Protestantismus bei.
Rebecca Scherf geht in ihrem Aufsatz der Frage nach, welches Widerstandspotential sich im „Predigen im KZ“ ausmachen lässt. Die unter Lagerbedingungen gehaltenen Predigten werden als eigene Gattung präzise bestimmt, um dann vor allem an Beispielen aus dem KZ Dachau zu zeigen, wie sich die Inhalte der Predigten in diesem Umfeld, v. a. mit ihrem Angebot zum Bekenntnis zur Kreuzes- und Leidensnachfolge Christi sowie durch die Stärkung des Zusammengehörigkeitsgefühls im Kontext einer 1900 Jahre währenden christlichen Verfolgungsgeschichte in der Tat als widerständige Handlungen verstehen lassen.
Im letzten Aufsatz wendet sich Gertraud Grünzinger der Eingliederung Österreichs 1938 ins Deutsche Reich zu und beschreibt unter der Überschrift „Die Abkehr vom Konkordat“ die in diesem Zusammenhang vom NS-Staat vorgenommenen „neue[n] kirchenpolitische[n] Weichenstellungen“. Mit großer Detailkenntnis werden in weiter geopolitischer Perspektive Einsichten geboten, wie Hitler mit seiner Abkehr vom Konkordat in den ein- und angegliederten Gebieten frei von rechtlichen Bindungen eine radikale Kirchenpolitik in seinem Sinne praktizieren konnte.

Im Anschluss führt die dokumentierte Ansprache des Vorsitzenden der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Kirchliche Zeitgeschichte Harry Oelke, die dieser im Rahmen der Akademischen Gedenkfeier 2017 für den vormaligen Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft Carsten Nicolaisen in der Ludwig-Maximilians-Universität München gehalten hat, zu der von Karl-Heinz Fix zusammengestellten „Bibliographie Carsten Nicolaisen 1997 bis 2017“ hin.

Der Berichtsteil liefert erneut einen lebendigen Einblick in aktuelle Forschungsprojekte und Tagungen zur Kirchlichen Zeitgeschichte. Er beginnt mit drei Berichten über laufende Arbeiten im Rahmen der DFG-Forschergruppe „Der Protestantismus in den ethischen Debatten der Bundesrepublik Deutschland 1949–1989“. Eine Historikerin und zwei Historiker forschen zu dem Themenfeld „Der Protestantismus und die Debatten um den deutschen Sozialstaat“.
Luise Poschmann berichtet über „Die evangelische Diakonie im bundesdeutschen Sozialstaat“, deren Entwicklung sie als Gratwanderung zwischen sozialethischen Grundsätzen einerseits und Interessenpolitik andererseits analysiert.
Der Frage nach dem protestantischen Anteil an den „Debatten über den ‚demographischen Wandel‘ in der Bundesrepublik Deutschland zwischen 1949 und 1989“ geht Marius Heidrich in seiner Studie nach. Der protestantische Beitrag soll hierin als diskursives Austarieren im Spannungsfeld protestantischer sozialethischer Topoi ermittelt werden.
René Smolarski setzt sich in seiner Arbeit mit dem „Soziale[n] Protestantismus und de[m] Wandel der Arbeitsgesellschaft“ auseinander. Er fragt, in wie weit sich die Akteure des sozialen Protestantismus in die zeitgenössischen Debatten um den Wandel der Arbeitsgesellschaft einbrachten, wie sie diese beeinflussten und welche Kanäle sie nutzten, um an der politischen Umsetzung der in den Debatten diskutierten Maßnahmen partizipieren zu können.
Schließlich stellt Reinhard Rittner sein Promotionsprojekt über die „Oldenburger Bischofskrise 1952–1954“ vor, das am Beispiel der Wahl des Heidelberger Theologieprofessors Wilhelm Hahn im Juni 1952 zum Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Oldenburg und der daraus resultierenden verfahrensrechtlichen Turbulenzen den „Schwierige[n] Neubeginn nach 1945“ herausarbeiten möchte.

Zwei Tagungsberichte runden den Berichtsteil ab. Nicola Madeleine Aller skizziert eine Kooperationstagung der oben erwähnten DFG-Forschergruppe mit der Evangelischen Akademie Loccum, die unter dem Titel „Experten, Propheten oder Lobbyisten?“ die Rolle von Kirchenvertretern in politikberatenden Gremien reflektiert.
Antje Roggenkamp berichtet über die Tagung „Religiöse Bildung und demokratische Verfassung in historischer Perspektive“, in der sich erneut die für die Kirchliche Zeitgeschichte wertvolle Tätigkeit des Arbeitskreises für Religionspädagogik eindrucksvoll niederschlägt.

Der abschließende Nachrichtenteil bietet wie gewohnt Informationen über die zeitgeschichtlichen Aktivitäten verschiedener Einrichtungen aus dem kirchlichen und wissenschaftlichen Bereich.

INHALT

AUFSÄTZE

Protestantische Auseinandersetzungen mit dem sozialistischen Menschenbild in der DDR
Veronika Albrecht-Birkner

Die Anti-Baby-Pille und die Kirchen in der Bundesrepublik Deutschland in den 1960er und 1970er Jahren: Debatten, Diskurse und Emotionen
Gisa Bauer

„Anfänge neuen Lebens“ – Gottesdienste der Anti-AKW-Bewegung
Luise Schramm

Predigen im KZ – Evangelische Lagerpredigten und ihr Widerstandspotential
Rebecca Scherf

Die Abkehr vom Konkordat – neue kirchenpolitische Weichenstellungen nach der Eingliederung Österreichs 1938
Gertraud Grünzinger

BIOGRAPHIE

Zum akademischen Gedenken an Carsten Nicolaisen
Harry Oelke

Bibliographie Carsten Nicolaisen 1997 bis 2017 mit Nachträgen aus früheren Jahren
Karl-Heinz Fix

FORSCHUNGS- UND TAGUNGSBERICHTE

LAUFENDE FORSCHUNGSPROJEKTE

Die evangelische Diakonie im bundesdeutschen Sozialstaat.
Zwischen sozialethischen Grundsätzen und Interessenpolitik
Luise Poschmann

„Seid fruchtbar und mehret euch ...“ (1. Mose 9,7).
Protestanten in den Debatten über den „demographischen Wandel“ in der Bundesrepublik Deutschland zwischen 1949 und 1989
Marius Heidrich

Sozialer Protestantismus und der Wandel der Arbeitsgesellschaft
René Smolarski

Schwieriger Neubeginn nach 1945 – die Oldenburger Bischofskrise 1952–1954
Reinhard Rittner

TAGUNGSBERICHTE

Bericht über die Teilnahme der FOR 1765 an der Tagung „Experten, Propheten oder Lobbyisten?“
Nicola Madeleine Aller

Religiöse Bildung und demokratische Verfassung in historischer Perspektive.
Bericht über die Tagung des Arbeitskreises für historische Religionspädagogik am 4. und 5. April 2018 in Jena
Antje Roggenkamp

NACHRICHTEN

Zitation
Mitteilungen zur Kirchlichen Zeitgeschichte 12 (2018). in: H-Soz-Kult, 14.06.2018, <www.hsozkult.de/journal/id/zeitschriftenausgaben-11128>.
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Veröffentlicht am
14.06.2018
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