PERIPHERIE. Politik • Ökonomie • Kultur 38 (2018), 2

Titel
PERIPHERIE. Politik • Ökonomie • Kultur 38 (2018), 2.
Weitere Titelangaben
Jenseits des Entwicklungsdenkens


Hrsg. v.
Wissenschaftliche Vereinigung für Entwicklungstheorie und Entwicklungspolitik e.V.
Heft(e)
2
Erschienen
Leverkusen 2018: Barbara Budrich Verlag
Umfang
232 S.
Preis
29,90 €
Herausgeber d. Zeitschrift
Wissenschaftliche Vereinigung für Entwicklungstheorie und Entwicklungspolitik e.V.
Erscheinungsweise
4 Nummern in 3 Ausgaben
Kontakt
PERIPHERIE Redaktionsbüro c/o Michael Korbmacher Stephanweg 24 48155 Münster Telefon: +49-(0)251/38349643

In den westlich geprägten Sozialwissenschaften steht das Konzept der "Entwicklung" spätestens seit dem 19. Jahrhundert für eine nach einem bestimmten Muster ablaufende Veränderung von Gesellschaften, ihrer Produktions- und Lebensweise und ihres technologischen Niveaus. Es entstanden miteinander verknüpfte Vorstellungen: Danach stünden erstens die industrialisierten Gesellschaften Westeuropas und Nordamerikas an der Spitze der menschlichen Evolution. Zweitens sollten Gesellschaften auf der Grundlage von Expert*innen-Wissen "rational" umgestaltet werden. Weniger industrialisierte Volkswirtschaften oder Staaten hätten drittens "Entwicklungsrückstände" aufzuholen. Ende des 20. Jahrhunderts äußerten immer mehr globalisierungskritische, feministische und dekoloniale Bewegungen und Theorieströmungen Kritik an diesen Vorstellungen. PERIPHERIE 150/151 nimmt verschiedene Konzepte jenseits des Entwicklungsdenkens in den Blick und beleuchtet ihre Möglichkeiten und Ambivalenzen.

Zu diesem Heft

Jenseits des Entwicklungsdenkens

In den westlich geprägten Sozialwissenschaften steht das Konzept der "Entwicklung" spätestens seit dem 19. Jahrhundert für eine nach einem bestimmten Muster ablaufende Veränderung von Gesellschaften, ihrer Produktions- und Lebensweise und ihres technologischen Niveaus. Es entstanden miteinander verknüpfte Vorstellungen: Danach stünden erstens die industrialisierten Gesellschaften Westeuropas und Nordamerikas an der Spitze der menschlichen Evolution. Zweitens sollten Gesellschaften auf der Grundlage von Expert*innen-Wissen "rational" umgestaltet werden. Weniger industrialisierte Volkswirtschaften oder Staaten hätten drittens "Entwicklungsrückstände" aufzuholen. Bereits im Kolonialismus fand derartiges Denken Anwendung auf kolonisierte Gesellschaften, die vermeintlich von außen "entwickelt" werden mussten, anstatt sich selbst "entwickeln" zu können.

In diesem Entwicklungsdenken finden sich einige problematische Elemente. Das erste ist das des eurozentrischen Evolutionismus: Wenn Auguste Comte durch eine "Vergleichung der mannigfaltigen gleichzeitigen Zustände der menschlichen Gesellschaft auf verschiedenen Punkten der Erdoberfläche ... die verschiedenen wesentlichen Phasen der menschlichen Evolution" erforschen will oder Karl Marx meint, "das industriell entwickeltere Land" zeige "dem minder entwickelten nur das Bild der eignen Zukunft", betreiben sie das, was Henning Melber eine "Verzeitlichung des räumlichen Nebeneinanders" nennt: Sie nehmen aus der Perspektive der modernen europäischen Gesellschaft Andersheit als Rückständigkeit wahr. Die Annahme der eigenen Überlegenheit führte dazu, dass "Entwicklung" gleichzeitig als Angleichung an den Zustand "entwickelter" Länder und als Verbesserung von Lebensverhältnissen für alle imaginiert wurde und oft heute noch wird. Zugleich artikulieren diese frühen Konzepte die säkulare Tendenz des industriellen Kapitalismus zur Expansion, die sich einerseits in der bis in die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts hinein gesteigerten Konkurrenz der Nationalstaaten, andererseits in der Unterwerfung einer kolonialen Außensphäre artikulierte.

Eine neue politische Wendung erfuhr dieses Denken seit dem späten Kolonialismus (z.B. im britischen Colonial Development Act von 1929), v.a. aber in der Phase der Dekolonisierung seit der Mitte des 20. Jahrhunderts. Mit der Verkündung eines "Programms zur Entwicklung der unterentwickelten Regionen" wollte die US-Regierung die von den Kolonialmächten unabhängig werdenden Staaten von einem Überlaufen ins kommunistische Lager abhalten. Das Versprechen einer Verallgemeinerung des Wohlstands im Rahmen der kapitalistischen Weltwirtschaft begründete so ein neues Legitimationsmuster in den Nord-Süd-Beziehungen in gleichzeitiger Konfrontation zu der scheinbaren Alternative des Sowjetsystems: Statt um die "Zivilisierung der Unzivilisierten" ging es nun um die "Entwicklung der Unterentwickelten". In diesem Rahmen hat sich ein Feld von Expert*innen, Organisationen, Ministerien und Freiwilligen herausgebildet, deren Anspruch darin besteht, das Ziel zu verfolgen, die Regionen und Gesellschaften im Globalen Süden zu "entwickeln".

Das Schlagwort der "Entwicklung" wurde von den Eliten der als "weniger entwickelt" bezeichneten Staaten schnell aufgegriffen: Nach innen konnten damit als ein weiteres problematisches Moment auch eine autoritäre Politik im Namen der "nationalen postkolonialen Entwicklung" legitimiert, nach außen auf der Ebene der UN Forderungen nach Finanztransfers und Handelsvergünstigungen untermauert werden. Doch schon Ende der 1960er Jahre stellten sich erste Zweifel ein, ob das Versprechen, so wie vorgestellt, einzulösen sei: Ungeachtet der Großprojekte, extensiver Infrastrukturförderung und spürbaren Wirtschaftswachstums war die Armut kaum geringer geworden. Die Entwicklungsindustrie reagierte schnell mit einer neuen Diagnose – die soziale und die ländliche "Entwicklung" müssten stärker beachtet werden – und neuen Rezepten (Grundbedürfnisstrategie und Integrated Rural Development Programs). Seit den 1970er Jahren bestand die Reaktion auf mangelnde Erfolge in immer neuen Konzepten, die bislang unterbelichtete Aspekte der "weniger entwickelten" Gesellschaften in den Blick nahmen: Frauen, Umwelt, Partizipation der Betroffenen, Markt, Regierungsführung, Mikrokredite usw. So kam es, dass "Entwicklungsprojekte" heute ganz unterschiedliche Ziele verfolgen: den Bau von Straßen, Staudämmen, Schulen oder Krankenhäusern, Reformen der Wirtschaftspolitik oder der Verwaltung, die Steigerung landwirtschaftlicher Produktivität, politischer Partizipation oder der Alphabetisierungsrate von Frauen, Maßnahmen zum Schutz biologischer Vielfalt oder zur Verbreitung von Verhütungsmitteln. Dabei verschob sich der Diskurs weg von der Annahme eines für alle Menschen ungefähr gleichen Wohlstands hin zur Armutsbekämpfung -- das implizite Eingeständnis, dass das ursprüngliche Versprechen illusorisch war und nun stillschweigend durch die Zementierung des Prinzips der weltweiten Ungleichheit ersetzt wurde, ungeachtet deutlicher Verschiebungen innerhalb der globalen Hierarchie.

Ende des 20. Jahrhunderts äußerten immer mehr globalisierungskritische, feministische und dekoloniale Bewegungen und Theorieströmungen Kritik am Entwicklungsdenken als einer Ideologie, die von eurozentrischen Standards ausgeht, Herrschaftsverhältnisse legitimiert und Ungleichheit entpolitisiert, Gesellschaften als vermeintlich homogene Einheiten konstruiert und die transnationalen Zusammenhänge eines kolonialen Weltwirtschaftssystems ausblendet. Eine als "post-development" bekannt gewordene Denkrichtung sieht keine Zukunft für "Entwicklung", sondern fordert neue Leitbilder und Gesellschaftsmodelle: Alternativen, die sie vor allem in den Strategien lokaler, indigener Gemeinschaften sowie in einigen Graswurzelbewegungen im Süden verwirklicht sieht, welche sich gegen "Entwicklungsprojekte" stellen. Einer elenden, geld- und warenabhängigen Verarmung durch Eingliederung in den globalen Kapitalismus wurde eine genügsame, suffizienzorientierte Lebensweise als erstrebenswert entgegengestellt. In der Debatte um buen vivir in Südamerika (s. PERIPHERIE Nr. 149) wurde dieses Denken prominent; ähnliche Konzepte finden sich an vielen Orten weltweit.

Ungeachtet dieser Kritik war und ist "Entwicklung" für die meisten Menschen im Globalen Süden Sinnbild für eine bessere Zukunft. Wie diese Zukunft aussieht, darüber besteht keineswegs immer Einigkeit: Regierungseliten, Kleinbäuerinnen/-bauern und Plantagenarbeiterinnen, aufstrebende IT-Unternehmerinnen, Straßenverkäuferinnen, Weltbankmanagerinnen oder NGO-Aktivistinnen haben oftmals durchaus unterschiedliche Vorstellungen von einer besseren Gesellschaft und davon, wie sie erreicht werden kann. Die Rede von "Entwicklung" funktioniert hier oft als ein produktives Missverständnis, bisweilen auch -- ein drittes problematisches Element -- als eine Ideologie, die gesellschaftliche Konflikte verschleiert: Dadurch, dass sich alle positiv auf sie beziehen und mit den ihnen wünschenswert erscheinenden Zielvorstellungen füllen können, erlaubt sie als gemeinsamen Nenner eine Zusammenarbeit von Akteurinnen mit ganz unterschiedlichen "Entwicklungsverständnissen" bzw. gesellschaftlichen Zielvorstellungen und Interessen -- allerdings keine reibungslose. Einige leiten daraus die Schlussfolgerung ab, die Rede von der "Entwicklung" sei zu beenden.

Aber wenn wir nicht mehr von "Entwicklung" reden wollen, worum geht es uns stattdessen: um eine gerechte Globalisierung oder um lokale Autonomie, um Umverteilung des Wohlstands oder um die Abwicklung des Kapitalismus, um globale öffentliche Güter oder um eine solidarische und gastfreundliche Welt? Wie kann ein "gutes Leben für alle" aussehen? Werden alternative Konzepte wie buen vivir oder ubuntu ebenfalls zur Legitimierung von Herrschaft benutzt? Wie bezeichnen wir die Auseinandersetzungen um gerichtete Veränderung, positiven sozialen Wandel und gesellschaftliche Ziele, bei denen es immer auch um politische Macht, Klassen- und Geschlechterverhältnisse, internationale Beziehungen und Konflikte geht?

In diesem Heft nehmen wir einige dieser vielen Gesichter von "Entwicklung" und alternative Ansätze in Augenschein. Dies war vonseiten der Redaktion einmal mehr mit einer besonderen Anstrengung verbunden, nicht nur "die Welt von den Rändern zu denken" -- im klaren Bewusstsein, dass die "Ränder" durchaus auch als Mehrheit und Mitte verstanden werden können --, sondern auch Positionen und Stimmen dieser "Peripherie" in noch höherem Maß als sonst Gehör auch im deutschen Sprachraum zu verschaffen. Das vorliegende Heft enthält auch vor diesem Hintergrund unterschiedliche Formen von Texten; insbesondere ist der Anteil der referierten Beiträge gewollt kleiner und der von übersetzten größer als üblich. Inhaltlich wird deutlich, dass es nicht allein darum gehen kann, die in Abkehr oder grundlegender Modifizierung von "Entwicklung" formulierten Perspektiven einem Schema von "progressiv", "konservativ" oder "rückwärtsgewandt" zu subsumieren, sondern sich gerade auch der Ambivalenzen bewusst zu werden, die das Unbehagen in einer durch den industriellen Kapitalismus sowie die vorgeblich über ihn hinausweisenden Technologien und ihre Folgen geprägten Welt hervorbringen können.

Wie aktuell auch in der deutschen Politik zu beobachten ist, führen das Reden über Alternativen und der Anspruch, sie zu vertreten oder gar zu verwirklichen, keineswegs immer nach vorne, ins Offene und Freie. Das verbreitete Gefühl und die Einsicht der Notwendigkeit von Alternativen kann in unterschiedlichster Weise gewendet werden. Theoreme aus dem Bereich des post-development werden heute auch von manchen Ideolog*innen der regierenden polnischen PIS-Partei oder des großrussischen Chauvinismus in Anspruch genommen. Wolfram Schaffar und Aram Ziai gehen dieser Ambivalenz anhand zweier Fallbeispiele nach, wo in jeweils unterschiedlicher Weise die Kritik am "Westen" genutzt wird, um Regime zu stützen und zu legitimieren, die wohl unbestreitbar als reaktionär gelten können: die Islamische Republik in Iran und die Militärdiktatur in Thailand. Die Autoren verknüpfen dies mit den verbreiteten Verweisen auf rückwärtsgewandte Konsequenzen gerade auch aus post-development-Ansätzen. Sie zeichnen die Wurzeln der in Thailand propagierten "Suffizienzökonomie" sowie des Diskurses über "gharbzadegi" bzw. "Okzidentose" im Iran nach und arbeiten so heraus, dass in der Instrumentalisierung die emanzipativen Elemente der Konzepte übergangen werden. Sie warnen ferner vor dem Kurzschluss, "Alternativen zur Entwicklung" mit ihrer reaktionären Aneignung zu verwechseln.

Sally Matthews setzt sich mit dem oftmals als eine solche Alternative propagierten Konzept des "ubuntu" auseinander, das -- als "afrikanischer Humanismus" -- eine gegenseitige Verbundenheit aller Menschen und so eine relationale Ontologie zur Grundlage hat. Sie argumentiert, die vielerorts mit ubuntu einhergehende Suche nach einer authentischen afrikanischen Alternative zum Westen verkenne, dass sie stets mit westlichen Modellen und Diskursen verwoben sei. Anknüpfend an James Ferguson unterstreicht sie darüber hinaus, dass für viele Afrikaner*innen die Forderung nach Teilhabe an einer westlich geprägten globalen Gesellschaft wichtiger scheint als die Suche nach Alternativen. Dies solle zum Ausgangspunkt politischer Kämpfe werden.

Aus anderer, nämlich philosophischer Perspektive setzt sich Leonhard Praeg mit der Problematik von ubuntu auseinander. Er ordnet dies im Gegensatz zum (Neo-)Konfuzianismus und auch dem tansanischen ujamaa, aber ebenso wie buen vivir jenen "Epistemologien des Südens" zu, die keine Stabilität aufweisen und daher vieldeutig und demnach für mannigfache Interpretationen und Inanspruchnahmen offen sind. Sein Plädoyer, ubuntu dennoch im Sinne eines epistemologischen Pluralismus ernst zu nehmen, verbindet er mit einer differenzierten Untersuchung der begrifflichen Grundlagen eines solchen Zugangs.

Felix Anderl zeichnet unterschiedliche Formen der Aneignung des Entwicklungsmotivs nach. Anhand seiner teilnehmenden Beobachtung beim Zivilgesellschaftsforum der Weltbankgruppe und des Internationalen Währungsfonds im Jahr 2016 zeigt er, dass sich auch einflussreiche Kritiker*innen dieser Weltwirtschaftsinstitutionen dieses Motivs bedienen. Daher unterscheidet er zwischen einer "herrschaftlichen" und einer "widerständigen" Art, es in Szene zu setzen. Auf diese Weise kann er sich der Ambivalenz einerseits des Motivs selbst, andererseits auch seiner offenkundigen Hartnäckigkeit angesichts langjähriger, insgesamt vernichtender Kritik annähern.

Wolfgang Sachs blickt selbstkritisch zurück auf die von ihm mitgeprägte Entwicklungskritik der post-development-Ansätze und ihren verfrühten Abgesang auf das Entwicklungsdenken. Im Hinblick auf die Sustainable Development Goals (SDGs) einerseits und die päpstliche Enzyklika Laudato Si' fragt er, ob dieses Denken sich auch in diesen aktuellen gesellschaftspolitischen Programmatiken findet. Im Hinblick auf die SDGs konstatiert er einerseits, dass der Mythos nachholender Entwicklung geräuschlos beerdigt worden sei, auch wenn sich eine neue, transnationale Mittelklasse unter maßgeblicher Beteiligung des Globalen Südens gebildet habe. Dennoch seien sie ebenso wie das klassische Entwicklungsdenken der Vermessung der Welt, dem Datenvergleich und der Defizitdiagnose verhaftet. In der Enzyklika verortet Sachs hingegen eine Abkehr vom Entwicklungsdiskurs und eine ökosolidarische Ethik, die sich gegen die Hegemonie des Ökonomischen wendet. Der hier eingeforderte kulturelle Wandel mündet in die Forderung nach der Abwicklung der imperialen Lebensweise.

Zwar auch an Messung und Indikatoren, aber nicht mehr am Bruttoinlandsprodukt ausgerichtet ist das Modell des Bruttonationalglücks in Bhutan, das Jochen Dallmer vorstellt. Hier wird im Kontext einer konservativ-nationalistischen Politik eine alternative politökonomische Strategie (biologische Landwirtschaft, kein Beitritt zur Welthandelsorganisation) und v.a. eine alternative Wohlstandsmessung erprobt. Diese umfasst auch Indikatoren zu sozialen Beziehungen, Wohlbefinden und Umwelt, beinhaltet aber auch methodische Probleme und verweist auf deutliche Unterschiede zwischen Stadt- und Landbevölkerung sowie zwischen Männern und Frauen -- zuungunsten letzterer.

Um Antworten auf die großen ökologischen und gesellschaftlichen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu finden, unternimmt Devan Pillay eine Synthese der Auffassungen zweier auf den ersten Blick sehr unterschiedlicher Denker, Marx und Buddha. Damit will er den vermeintlichen Gegensatz zwischen aufklärerischem und "traditionellem" Denken auflösen. Er beleuchtet den spirituellen Marx mit einem ausgeprägten Verständnis für die tiefe Verbundenheit des Menschen und der Natur. Dies bringt er in Dialog mit dem Buddha und dessen aus Klassenkonflikten gewonnen Einsichten in die Notwendigkeit, gesellschaftliche Machtverhältnisse durch das Aufbegehren der Marginalisierten zu verändern. Daraus entsteht ein Plädoyer für das Zusammendenken innerer und äußerer Transformation auf dem Weg zu einer besseren Gesellschaft.

Damit, wie solche Projekte konkret gestaltet waren, welchen Schwierigkeiten dabei zu begegnen war und welche Lehren sich für die Gegenwart ziehen lassen, beschäftigt sich Reinhart Kößler. Viele Zeitgenoss*innen und nicht zuletzt Marx sahen für das Russland der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der Dorfgemeinde einen Ansatzpunkt dafür, ein kapitalistisches Stadium auf dem Weg zu einer freien Gesellschaft zu vermeiden. Der damalige russische Populismus verweist auch auf den ambivalenten Charakter von Solidarität, die stets ein Moment von Zwang enthalte. Kößlers Beitrag zeigt die längerfristigen Zusammenhänge der Bestrebungen in Russland mit Gandhis Überlegungen zur Einfachheit des Lebens und der Selbstgenügsamkeit auf, welche dieser in seinem Dorfentwicklungsplan als Gegenprogramm zu einer auf industrielle Entwicklung setzenden Strategie zu verwirklichen suchte.

Auch Maria De Eguia Huerta macht deutlich, dass alternative Konzepte wie ubuntu und buen vivir vieldeutig sind und auf lokaler Ebene angeeignet werden. Sie zeigt, wie auf lokaler Ebene "Entwicklung" ausgehandelt wird. Dies geschieht zum einen dadurch, dass die Bäuerinnen/Bauern in La Chiquitanía im Tiefland Boliviens sich im Rahmen eines Entwicklungsprojekts zu gender mainstreaming auf ein holistisches Konzept -- vida tranquilla -- beziehen, wenn sie vom guten Leben sprechen. Dabei setzen sie sich aber auch mit Elementen westlichen Entwicklungsdenkens auseinander. Sie betrachten Geschlechtergerechtigkeit aber als Teil von vida tranquilla und verwerfen zugleich gender mainstreaming als nicht praktikabel. Dies geschieht jedoch unbemerkt von Expert*innen aus dem Globalen Norden, die Geschlechtergerechtigkeit als Teil ihrer Expertise auffassen.

Alternativen zur "Entwicklung" werden jedoch nicht nur im globalen Süden gesucht, sondern auch von lokalen Gemeinschaften im Globalen Norden praktiziert. Jill Philine Blau untersucht mobile Viehhaltung im Oberallgäu und beschreibt, wie Menschen dort als commoners Land gemeinsam verwalten und nutzen und wie sich dies in alltäglichen Praxisformen konkret abbildet. Sie zeigt auf, dass die Arbeit der Hirt*innen auch deshalb oft unsichtbar bleibt, weil sie reproduktive und produktive Arbeit nicht als Gegensatz verstehen. Allerdings geraten diese über Generationen hinweg etablierten Landnutzungs- und Verwaltungssysteme zunehmend unter Druck: Alternativen zu Modernisierung und zu kapitalistischen Eigentumsverhältnissen scheinen immer seltener zu werden.

Vier PERIPHERIE-Stichwörter runden der thematischen Schwerpunkt ab: Aram Ziai stellt den "Post-Development"-Ansatz sowie die Debatte zur "Abwicklung des Nordens" vor. In die unterschiedlichen Vorstellungen über "Subsistenzproduktion" und ihre widerständigen Aneignungen führt Ulrike Schultz ein. Matthias Schmelzer erläutert die Ideen der "Degrowth"- bzw. "Postwachstums"-Bewegung.

Die PERIPHERIE-Redaktion und die Wissenschaftlichen Vereinigung für Entwicklungstheorie und Entwicklungspolitik e.V. (WVEE), Herausgeberin der PERIPHERIE, trauern um zwei für die Zeitschrift wichtige Menschen: Rainer Dombois und Elmar Altvater. Nachrufe finden sich zu Beginn dieser Ausgabe.

Die Winterausgabe dieses Jahrgangs wird sich des Themas "Macht und Prognose" annehmen. Den 39. Jahrgang beginnen wir mit einem Heft zu "Erinnerung, Abgrenzung und Gemeinschaftsbildung". Die anschließende Doppelausgabe knüpft lose an die vorliegende sowie an die PERIPHERIE-Hefte zu Flucht und Migration an, indem sie "Vertreibung durch Entwicklungsprojekte" in den Blick nimmt. Darüber hinaus planen wir Schwerpunkthefte zu Diskriminierung wegen unterschiedlicher sexueller Orientierungen, Gesundheit als Ware, Autoritarismus, Abschiebungen sowie Protest und Reform in der globalen Ökonomie vor. Zu diesen und anderen Themen sind Beiträge sehr willkommen. Die entsprechenden calls for papers finden sich auf unserer Homepage, sobald sie veröffentlicht werden.

Schließlich bedanken wir uns bei allen Leserinnen, Abonnentinnen sowie bei den Mitgliedern der WVEE. Unsere größtenteils ehrenamtliche Arbeit ist weiterhin von Spenden abhängig. Eine für die langfristige Sicherung des Projekts besonders willkommene Förderung stellt die Mitgliedschaft im Verein dar, in der das Abonnement der Zeitschrift sowie regelmäßige Informationen über die Redaktionsarbeit enthalten sind. Wir freuen uns aber auch über einmalige Spenden. Unsere Bankverbindung finden Sie, liebe Leser*innen, im Impressum.

Inhalt

Zum Tod von Rainer Dombois (1943–2018), S. 139

Die Welt verändern, damit sie bleibt. Zum Tod von Elmar Altvater (1938–2018), S. 141

Zu diesem Heft, S. 143

Wolfram Schaffar & Aram Ziai: Reaktionäre Alternativen zur "Entwicklung"? Zur Rehabilitierung der Post-Development-Konzepte in Thailand und im Iran, S. 151

Sally Matthews: Afrikanische Entwicklungsalternativen. Ubuntu und die Post-Development-Debatte, S. 178

Leonhard Praeg: Epistemologien des Südens und das Gespenst des leeren Signifikanten, S. 198

Felix Anderl: Entwicklung als Motiv für Herrschaft und Widerstand. Kohärenz und Fragmentierung während des Zivilgesellschaftsforums der Weltbankgruppe, S. 219

Diskussion

Wolfgang Sachs: Papst vs. UNO. Sustainable Development Goals und Laudato si': Abgesang auf das Entwicklungszeitalter? S. 245

Devan Pillay: Alternativen zu "Entwicklung". Antike Erbschaften, moderne Neuaufbrüche, S. 261

Reinhart Kößler: Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Entwicklung. Russische Dorfgemeinde, Gandhi und Fallstricke der Solidarität, S. 273

Maria De Eguia Huerta: Vida Tranquila. Alternativen zur Entwicklung am Beispiel des Gender-Mainstreaming in Bolivien, S. 290

Jill Philine Blau: Commoning und Wanderweidewirtschaft. Die Rechtler_innen im Oberallgäu, S. 303

Jochen Dallmer: Glück als Entwicklungsziel? Idee und Praxis des Bruttonationalglück, S. 317

PERIPHERIE-Stichwort

Aram Ziai: Post-Development, S. 327

Ulrike Schultz: Subsistenzproduktion, S. 331

Matthias Schmelzer: Degrowth & Postwachstum, S. 336

Aram Ziai: Abwicklung des Nordens, S. 340

Rezensionen, S. 343

Gordon Crawford, Lena J. Kruckenberg, Nicholas Loubere & Rosemary Morgan (Hg.): Understanding Global Development Research. Fieldwork Issues, Experiences and Reflections (Bettina Engels) / Michael Neocosmos: Thinking Freedom in Africa. Toward a Theory of Emancipatory Politics (Reinhart Kößler) / Erik S. Reinert, Jayati Ghosh & Rainer Kattel (Hg.): Handbook of Alternative Theories of Development (Reinhart Kößler) / Britta Becker, Maren Grimm & Jakob Krameritsch (Hg.): Zum Beispiel BASF. Über Konzernmacht und Menschenrechte (Reinhart Kößler) / Multiwatch (Hg.): Schwarzbuch Syngenta. Dem Basler Agromulti auf der Spur (Peter Clausing) / Reinhart Kößler & Henning Melber: Völkermord – und was dann? Die Politik deutsch-namibischer Vergangenheitsbearbeitung (Kaya de Wolff) / Mechthild Exo: Das übergangene Wissen. Eine dekoloniale Kritik des liberalen Peacebuilding durch basispolitische Organisationen in Afghanistan (Bettina Barthel) / Nikolai Huke: "Sie repräsentieren uns nicht." Soziale Bewegungen und Krisen der Demokratie in Spanien (Olaf Tietje)

Eingegangene Bücher, S. 363

Summaries, S. 364

Zu den Autorinnen und Autoren, S. 366

Gute Buchläden, in denen die Peripherie zu haben ist, S. 368

Summaries

Wolfram Schaffar & Aram Ziai: Reactionary Alternatives to "Development"? Vindicating Post-Development Concepts in Thailand and Iran

For about a quarter-century, the spectre of post-development has been haunting development theory. While classical post-development texts focused primarily on Mexico, Columbia, and India, and new debates on concepts like buen vivir look at Ecuador and Bolivia (see also Peripherie Nr. 149), alternative concepts of good societies, drawing on non-western and anti-western traditions, can also be found in numerous other countries. This paper addresses two such examples which different from the classical cases are not primarily connected to left, progressive movements, but which are rather promoted by right-wing authoritarian governments: the case of sufficiency economy in Thailand and gharbzadegi occidontosis in Iran. These examples seem to fit the thesis that post-development, in essence, is a reactionary, backward-oriented concept. We argue against this thesis. The aim of our contribution is twofold: We want to analyse the instrumentalisation of anti-western alternative development concepts through reactionary governments, and, at the same time, appreciate their original emancipatory impetus. After all, we aim to rehabilitate seemingly backward-oriented post-development concepts.

Sally Matthews: African Alternatives to Development. Ubuntu and the Post-Development Debate

In post-development theory, ubuntu is often cited as an example of an "alternative to development". This article investigates whether ubuntu can play this role and what to think of the demand for alternatives to development in general. In order to do this, the paper first deals with central aspects of post-development theory and the debate about ubuntu. Although the concept fits well into a post-development perspective, the attempts to contrast ubuntu with Western ideas and ways of life are often fueled by the desire to rekindle an original, pre-colonial, authentic African philosophy. Yet discourses on Africa are always embedded in Western discourses, so this opposition reproduces precisely those dichotomies it aims to fight. More generally, this also holds true for the idea of "alternatives to development", which postulate an essential opposition to "development". This, however, denies claims for equal rights and participation at the root of demands for "development". The struggle for these claims cannot be fought beyond the existing global order. Instead of engaging in romanticizing projections about an Africa beyond "development", people's views and needs should be taken as the starting point for the struggle against injustice and inequality.

Leonhard Praeg: Epistemologies of the South and the Spectre of the Empty Signifier

In this article I argue that a relatively unexplored fault-line runs through the discourse on "epistemologies of the South". One the one side of this line, we find relatively well-articulated and, therefore, stable discourses, such as (neo-)Confucianism and Ujamaa stable in the sense that their master trope or referent, the writings of Confucius and the body of texts that theorised Ujamaa as African socialism, provide boundaries that, in a very productive sense of the word, limit their interpretative horizon. On the other side of the line, we find epistemologies, such as buen vivir and ubuntu, that are less stable, either because their meaning is not rooted in authorship or because, for a variety of complex reasons, they have not successfully made the transition from pre-colonial praxis to coherent and stable post-colonial philosophy. In the case of the latter, signifiers such as "buen vivir" and "ubuntu" are often dismissed as little more than "empty signifiers" (Laclau). In this article I argue against the reduction to empty signification, arguing, instead, that what we are presented with in these cases is an epistemological pluralism that is not fundamentally dissimilar from any other form of political pluralism.

Felix Anderl: Development as a Theme for Rule and Resistance

Coherence and Fragmentation in the Civil Society Policy Forum.
This article reconstructs dominant and resistant appropriations of the theme of development. Departing from the various critiques of "development" and the calls for its death, the paper argues that influential critics of world economic organizations still use the theme of development in their advocacy. In order to assess this appropriation of development, the article ethnographically traces the encounter between dominant and resistant ways of staging development. Based on participant observation at the World Bank Group and International Monetary Fund's Annual Meeting in 2016, the paper argues that the dominant staging of development is characterised by a projection of global coherence: "One World" shall be enhanced by one path to development. Resistant appropriations of development attack this projection of coherence. Empirically, the article shows that the resistant staging of development requires much greater justification and that the resistant actors, in effect, becoming fragmented into different camps. The coherent, stabilizing grammar of the institutions is characterised by universalism, which incorporates moderate parts of the resistance into its logic, and, hence, fragments the resistant movement.

Zusammenfassungen

Wolfram Schaffar & Aram Ziai: Reaktionäre Alternativen zur "Entwicklung"? Zur Rehabilitierung der Post-Development Konzepte in Thailand und im Iran

Seit nunmehr einem Vierteljahrhundert geht unter dem Namen "post-development" ein Gespenst in der Entwicklungstheorie um. Während die klassischen post-development-Texte ihren Fokus primär auf Mexiko, Kolumbien und Indien richteten und die neuere Debatte um buen vivir v.a. Ecuador und Bolivien in den Blick nahm (siehe auch Peripherie Nr. 149), lassen sich alternative, auf nichtwestliche Traditionen Bezug nehmende Vorstellungen einer guten Gesellschaft auch in zahlreichen anderen Ländern finden. Zwei davon möchten wir in unserem Beitrag genauer betrachten. Allerdings möchten wir im Unterschied zu den klassischen Beispielen Fälle untersuchen, in denen die Alternativkonzepte nicht von oft als links angesehenen Basisbewegungen, sondern von politisch rechts stehenden Regierungen vertreten werden: in Thailand und im Iran. Diese Fallauswahl scheint zu der These zu passen, dass post-development letztlich ein reaktionäres, rückwärtsgewandtes Konzept sei. Dieser These möchten wir widersprechen. Unsere Zielsetzung im vorliegende Beitrag ist es, die Instrumentalisierung antiwestlicher, entwicklungskritischer Konzepte in den untersuchten Ländern durch reaktionäre Regierungen zu analysieren, ohne ihren emanzipatorischen Gehalt zu übersehen letztlich zielen wir auf eine Rehabilitierung von vermeintlich rückwärtsgewandten post-development-Konzepten ab.

Sally Matthews: Afrikanische Entwicklungsalternativen. Ubuntu und die Post-Development-Debatte

In den Post-Development-Theorien wird Ubuntu oft als Beispiel für eine "Alternative zu Entwicklung" ins Feld geführt. Grundlegende Frage dieses Artikels ist, ob Ubuntu dafür geeignet ist, und was insgesamt von der Forderung nach "Alternativen zu Entwicklung" zu halten ist. Dazu geht der Text zunächst zentralen Forderungen von Post-Development-Ansätzen nach und gibt einen Einblick in die Debatten zu Ubuntu. Auch wenn sich das Konzept gut in eine Post-Development-Perspektive einfügen lässt, liegt Versuchen, Ubuntu westlichen Vorstellungen und Lebensweisen entgegenzusetzen, oft der Wunsch zugrunde, eine ursprüngliche, vorkoloniale und reine afrikanische Philosophie wiederzubeleben. Dabei sind Diskurse über "Afrika" immer schon in westliche Diskurse eingebettet, weshalb die Gegenüberstellung jene Dichotomien reproduziert, die sie zu bekämpfen vorgibt. Das gilt auch allgemeiner für das Konzept der "Alternativen zu Entwicklung", das eine essentielle Dichotomie zu "Entwicklung" postuliert. Diese verkennt aber den Anspruch auf Gleichberechtigung und Teilhabe, der in Forderungen des Globalen Südens nach Entwicklung laut wird. Dieser Kampf kann nicht außerhalb der bestehenden globalen Ordnung geführt werden, nur innerhalb. Anstatt romantisierenden Projektionen über ein Afrika jenseits von Entwicklung nachzuhängen, sollten die Sichtweisen der Menschen und ihr Bedürfnis nach Entwicklung zum Ausgangspunkt des Kampfes gegen Ungerechtigkeit und Ungleichheit gemacht werden.

Leonhard Praeg: Epistemologien des Südens und das Gespenst des leeren Signifikanten

In diesem Artikel gehe ich einer wenig beachteten Scheidelinie nach, die aus meiner Sicht durch den Diskurs über "Epistemologien des Südens" verläuft. Auf der einen Seite dieser Scheidelinie finden wir relative gut ausformulierte und daher stabile Diskurse wie (Neo-)Konfuzianismus und Ujamaa stabil, weil ihre jeweiliger Bezugspunkt, die Schriften des Konfuzius und der Textkörper, in denen die Ujamaa-Theorie ausgearbeitet ist, Grenzlinien bieten, die in sehr produktiver Weise ihren interpretativen Horizont abgrenzen. Auf der anderen Seite dieser Linie finden wir Epistemologien wie buen vivir und Ubuntu, die weniger stabil sind. Die Gründe sind entweder, dass ihr Sinn nicht in einer Autor*innenschaft verwurzelt ist oder dass sie aus einer Reihe unterschiedlicher Gründe nicht den Übergang von einer vorkolonialen Praxis zu einer kohärenten und beständigen post-kolonialen Philosophie vollzogen haben. Daher werden "buen vivir" und "Ubuntu" häufig als "leere Signifikanten" (Laclau) abgetan. Ich argumentiere hingegen, dass wir es in diesen Fällen mit einem epistemologischen Pluralismus zu tun haben, der sich nicht grundsätzlich von irgendeiner anderen Form des politischen Pluralismus unterscheidet.

Felix Anderl: Entwicklung als Motiv für Herrschaft und Widerstand. Kohärenz und Fragmentierung während des Zivilgesellschaftsforums der Weltbankgruppe-

Der Artikel zeichnet unterschiedliche Aneignungen des Entwicklungsmotivs nach. Aufbauend auf den vielfältigen Kritiken von "Entwicklung" und den Aufrufen, das Motiv zugunsten emanzipativerer Projekte abzuschreiben, zeigt der Artikel empirisch, dass sich einflussreiche KritikerInnen der Weltwirtschaftsinstitutionen noch immer des Motivs der Entwicklung bedienen. Um das emanzipative Potenzial einer solchen Aneignung auszuloten, dokumentiert der Artikel ethnografisch das Zusammenreffen "herrschaftlichen" und "widerständigen" In-Szene-Setzens des Entwicklungsmotivs. Hierfür dient eine teilnehmende Beobachtung beim Zivilgesellschaftsforum der Weltbankgruppe und des Internationalen Währungsfonds im Jahr 2016. Es wird argumentiert, dass sich ein herrschaftliches In-Szene-Setzen von Entwicklung durch die Projektion von Kohärenz auszeichnet, die "eine Welt" durch einen Entwicklungspfad verbessert und dadurch normalisiert. Widerständige Aneignung von Entwicklung zeigt sich im Angriff auf diese projizierte Kohärenz. Empirisch zeigt sich, dass diese widerständige Aneignung unter erheblich höherem Rechtfertigungsdruck steht und die widerständigen Akteure sich im Verlauf der Auseinandersetzung fragmentieren. Die kohärente, herrschaftsstabilisierende Grammatik der Institutionen löst einen Sog des Universellen aus, der moderate Teile des Widerstands inkorporiert und so die Bewegung spaltet.

Zitation
PERIPHERIE. Politik • Ökonomie • Kultur 38 (2018), 2. in: H-Soz-Kult, 07.08.2018, <www.hsozkult.de/journal/id/zeitschriftenausgaben-11225>.
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