Jahrbuch für Kommunikationsgeschichte 20 (2018)

Titel
Jahrbuch für Kommunikationsgeschichte 20 (2018).


Hrsg. v.
Prof. Daniel Bellingradt, Prof. Holger Böning, Prof. Patrick Merziger, Prof. Rudolf Stöber
Heft(e)
20
Erschienen
Stuttgart 2018: Franz Steiner Verlag
Umfang
354 S.
Herausgeber d. Zeitschrift
Prof. Daniel Bellingradt, Prof. Holger Böning, Prof. Patrick Merziger, Prof. Rudolf Stöber
Erscheinungsweise
Jährlich 1 Band
Kontakt
Redaktion: Wilbert Ubbens Mendestr. 25 D-28359 Bremen E-Mail: <ubbens@arcor.de> Redaktion Buchrezensionen: Jun.-Prof. Dr. Daniel Bellingradt Universität Erlangen-Nürnberg Institut für Buchwissenschaft Katholischer Kirchenplatz 9 D – 91054 Erlangen E-Mail: <daniel.bellingradt@fau.de> und Jun.-Prof. Dr. Patrick Merziger Universität Leipzig Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaften Burgstr. 21 D – 04109 Leipzig E-Mail: <patrick.merziger@uni- leipzig.de>

Die Kommunikationsgeschichte hat in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen: als Thema und als erkenntnisleitende Perspektive, für die Geistes- und Sozialwissenschaften im Allgemeinen wie für die Geschichtsschreibung im Besonderen. Wir unterstellen, dass die Einsicht weiter wachsen wird, welche Bedeutung der Medien- und Kommunikationsgeschichte für unterschiedlichste Forschungsfelder zukommt. Kommunikationsgeschichte, wie wir sie verstehen, fragt nach der Bedeutung der Medien für Menschen und Gesellschaft, nach kommunikativen Wirkungen und nach Entstehung und Strukturwandel von Öffentlichkeit.

Der Kommunikationsgeschichte liegt ein breiter Medienbegriff zugrunde; er schließt die öffentliche Rede ebenso ein wie den Brief, das Denkmal, die Flugpublizistik und Buch, Zeitung und Zeitschriften, Kino und Rundfunk und – nicht zuletzt – die internet-basierten Medien. Kommunikationsgeschichte untersucht neben den Massenmedien auch andere Öffentlichkeiten: Als Beispiele seien Versammlungen und Demonstrationen, die kommunikative Praxis auf Straßen und Plätzen sowie die Rezeption von Anschlägen an Kirchentüren, Toren und Mauern genannt. Kommunikationsgeschichte analysiert historische Kommunikationssituationen, sie untersucht Medienverbünde und bezieht systematisch Kommunikatoren und ihr Publikum ein.

Daher versteht sich das Jahrbuch für Kommunikationsgeschichte als interdisziplinäres Forum für die Geschichts-, Kultur-, Medien-, Kommunikations- und verwandte Wissenschaften. Es stellt kommunikationshistorische Forschungsergebnisse und Forschungsprojekte der breiteren wie der Fachöffentlichkeit vor. Es dient zugleich als ein Ort für Forschungsdebatten und die Diskussion historiografischer Perspektiven.

Das JbKG erscheint seit 1999. Sein konzeptioneller Aufbau folgt einem vierteiligen Gliederungsprinzip. Der erste Teil ist Aufsätzen vorbehalten. Bevorzugt werden dabei quellennahe, kommunikationshistorische Forschungen, die in ihren Fragestellungen sowohl an den Problemen der Vergangenheit als auch an den Interessen der Gegenwart orientiert sind. Die Miszellen, der zweite Teil, bieten aktuelle Forschungsberichte über die Erschließung, Einordnung und Bewertung wichtiger kommunikationshistorischer Quellenbestände. Eine möglichst breite Information über kommunikationshistorische Publikationen liefert das Jahrbuch in seinem dritten und vierten Teil: Der ausführliche Rezensionsteil enthält kurze prägnante Besprechungen wichtiger Monographien, Sammlungen und Editionen. Die von Wilbert Ubbens (Bremen) bearbeitete Bibliographie der Aufsatzliteratur wertet mehr als 800 internationale Zeitschriften und Jahrbücher aus zahlreichen relevanten Disziplinen aus und konkretisiert nahezu alle Nachweise durch kurze inhaltliche Annotationen. Ein Register erschließt die wichtigen Sachen und Personen, die im Textteil der Aufsätze und Miszellen Erwähnung finden.

Die eingereichten Artikel werden anonym von zwei Berichterstatterinnen bzw. Berichterstattern begutachtet. Die Herausgeber entscheiden abschließend über die Annahme der Artikel.

In recent years, communication history has experienced growing importance: It has become both a significant discipline and a central perspective for historical research. Thus, from our point of view, communication history is important for social sciences in general and historiography in particular: Communication history focuses on the relationship between the media, individuals and society, identifies the effects of communication, and scrutinizes the formation of and changes in public spheres, public life, and public spaces.

The discipline itself is based on a broad understanding of the term »media«, including but not limited to public speeches, letters, monuments, pamphlets and broadsides, books, newspapers, magazines, cinema, radio and - last but not least - online media. It is not confined to mass media but analyses a broad range of media manifestations, such as rituals, public gatherings and demonstrations, street corner orations and the reception of bills posted on church doors, gates and walls.

Since its establishment in 1999, the Jahrbuch für Kommunikationsgeschichte (Yearbook for Communication History) is an interdisciplinary forum for scholars interested in the history of culture, media, communication and many related fields. With its presentation of new results and recent findings of historical research on the public sphere and on the history of communication the yearbook aims at both the broader public and the scientific community. Furthermore, the yearbook serves as a forum for all kinds of methodological, theoretical and empirical discussions on the historiography of communication.

The yearbook offers four main sections. The first section, Essays, publishes recent research on the history of communication; the research concentrates on primary sources and focuses on both the problems of the past and the interests of the present. The second, Miscellania, reports on the latest research on the publication, classification and evaluation of important archival sources. The yearbook provides a broad overview of publications in communication history in its third and fourth sections. In the third section, Reviews, important monographs, compilations and editions are comprehensively and incisively discussed by distinguished experts. The fourth section, Bibliography, is edited by Wilbert Ubbens (Bremen); he lists references in the literature from more than 800 international journals and yearbooks in numerous relevant disciplines and catalogs; the references are provided with short annotations. An index to subjects and an index to persons offer cross-references to the corresponding passages in the sections Essays and Miscellania.

Submitted articles are anonymously assessed by two reviewers. The final decision on the acceptance of articles is reached by the editors.

Inhaltsverzeichnis

FORUM KOMMUNIKATIONSGESCHICHTE
Das ›Jahrbuch für Kommunikationsgeschichte‹ widmet sich seit nunmehr 20 Jahren der Vielfalt an möglichen Zugängen und interdisziplinären Perspektiven zu historischer Kommunikation. Die anhaltenden Fragen zu Konturen, Werkzeugen und Denkmustern kommunikationshistorischer Erkenntnisinteressen geben uns Anlass, ein Beitrags-Forum zu begründen, dessen Grundfrage »Was ist Kommunikationsgeschichte« in den nächsten Jahren aus unterschiedlichen Forschungsrichtungen und aus dem Blick auf verschiedene Epochen erörtert werden soll. Die bewusst kurz gehaltenen und mit wenigen Anmerkungen versehenen Beiträge dieses Forums sollen fragende, einordnende und anregende Impulse geben, um »Kommunikationsgeschichte« innerhalb historisch arbeitender Disziplinen konzeptionell zu schärfen. In diesem Sinne werden die einzelnen Beitragenden das eigene (fachliche) Verständnis von Kommunikationsgeschichte vorstellen, begründen sowie Potentiale und Grenzen der eigenen Ansätze erörtern.

Massimo Rospocher (Trient):
What Is the History of Communication? An Early Modernist Perspective.

Daniel Bellingradt (Erlangen-Nürnberg):
Annäherungen an eine Kommunikationsgeschichte der Frühen Neuzeit

Maria Löblich / Niklas Venema (Berlin):
Kommunikationsgeschichte in der Kommunikationswissenschaft

AUFSÄTZE

Simone Zweifel (St. Gallen):
Ein Blick hinter die Produktion von Kompilationen im 16. Jahrhundert am Beispiel Johann Jacob Weckers

Frühneuzeitliche Kompilationen zeichnen sich dadurch aus, dass sie viele Textbestand- teile enthalten, die bestehenden Büchern entnommen wurden. Diese wurden neu ge- ordnet und kontextualisiert, wodurch neue Bücher entstehen konnten. In diese Prakti- ken der Buchproduktion waren nicht nur Menschen, sondern auch Dinge – insbeson- dere Bücher – involviert: Zusammen bildeten sie »Kompilationsnetzwerke«, die hinter der Produktion von Kompilationen standen. Das Ziel dieses Aufsatzes ist eine erste Einführung in das Konzept des »Kompilationsnetzwerks«.

Early modern compilations often contain text elements, which are copied out of other books. The actors who produced such compilations brought these elements into a new order and context and created new books out of them. This kind of book production was only possible because books and people were linked to each other. Therefore, I consider not only people, but also books as elements of the »compilation networks«, which were responsible for the production of early modern compilations. This paper aims to give a first introduction to the concept of the »compilation network«.

Alexandra Schäfer–Griebel (Mainz):
Die Arbeitspraxis im Nachrichtendruckgewerbe. Religionskriegsnachrichten im Heiligen Römischen Reich um 1590

Zu der Arbeitspraxis von Druckwerkstätten, die am Ende des 16. Jahrhunderts Nachrichtenpublikationen fertigten, ist kaum etwas bekannt. Der vorliegende Artikel arbeitet systematisch sowohl die Profile dieser Druckwerkstätten und ihre Organisation als auch die Informationsakquise, Selektion, Bearbeitung und Übersetzung der Nachrich- ten heraus. Hier wurde die Berichterstattung im Heiligen Römischen Reich zu einer Phase der Französischen Religionskriege (um 1590) als Ausgangspunkt gewählt, um am konkreten Fall die Arbeitspraxis im Nachrichtendruckgewerbe zu entwickeln.

We hardly know anything about the working practice of printing workshops which produced news publications at the end of the 16th century. The article at hand systema- tically carves out the profiles of these printing workshops and their organisation as well as the acquisition of information, the selection, processing and translation of news. Here, the reporting on one period of the French Wars of Religion in the Holy Roman Empire (1590) was chosen as a starting point to develop the working practice of the news-printing trade in a specific case.

Heiko Droste (Stockholm):
Das Geschäft mit Nachrichten. Ein barocker Markt für soziale Ressourcen

Der vorliegende Aufsatz ist eine Auseinandersetzung mit aktuellen Forschungen zur Kommunikationsgeschichte der so genannten Frühen Neuzeit. Ausgehend von einer Definition der Nachricht und ihrer sozialen Funktionen wird ein Verständnis des Nach- richtenmarkts skizziert, das mit Konzepten von Druck-Öffentlichkeit und Medien- systemen nicht sinnvoll gefasst werden kann. Nachrichten sind eine Investition in soziale Beziehungen, die dem Ziel der Partizipation an Funktionseliten dienen. Sie sind auch eine Form der Teilhabe an Gleichzeitigkeit, die Teil des Lebensstils dieser Funk- tionseliten ist. Das hier skizzierte Verständnis des Nachrichtenmarkts im 17. Jahrhundert gibt Anlass, die Periodisierung der Frühen Neuzeit wie damit zusammenhängen- der Vorstellungen von der so genannten Moderne in Frage zu stellen, die die Kommunikationsgeschichte noch immer prägen.

The following essay examines current research on the history of communications in the so-called early modern era, which still reiterate a Whig approach to media history. Based on a definition of news and its social functions, a different understanding of the contemporary news market is proposed. This market can not be unterstood properly on the basis of notions of a print-based public sphere or media systems. News was and is an investment in social relationships that resulted in forms of participation. They are also a means of participation in contemporaneity, which was part of the lifestyle of functional elites. The understanding of the news market in the seventeenth century outlined here not only questions the periodization of early modern times and related ideas about the so-called modernity, especially within the field of the history of com- munication. It also offers a different understanding of the social functions of news with repercussions for the contemporary news market.

MISZELLEN

Klaus-Dieter Herbst (Jena):
Der Schreibkalender der Frühen Neuzeit und seine Autoren. Ergebnisse der Forschung. Mit einer Personalbibliografie seit 2006

Seit 1540 gibt es die Schreibkalender, in die die Menschen Notizen machen konnten. Die Kalender in Quart boten auch lange Zeit für viele Menschen den einzigen Zugang zu weltlichem Lesestoff. In der Mitte des 17. Jahrhunderts setzte eine inhaltliche Dif- ferenzierung bei den Text- und Bildbeigaben in den Schreibkalendern ein, um Käufer mit unterschiedlichen Interessen anzusprechen und dabei auch die verschiedenen Bil- dungsgrade der Leser zu berücksichtigen. Neben Astronomen und Ärzten trugen vor allem auch lutherische Pfarrer und Lehrer dazu bei. Die Erforschung der Schreibkalen- der und ihrer Autoren durch den Verfasser wurde seit 2002 in vier Projekten durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft gefördert. In dieser Miszelle wird der aktuelle Forschungsstand zusammengefasst.

Since 1540 exist the writing-calendars in which the people could write notices. For long times the almanacs in quart gave many people the only chance to obtain profane reading matters. In the middle of the 17th century a differentiation began in the con- tents of the almanacs with several texts and illustrations, this should engage purchasers with different interests and should take into consideration the several degrees of edu- cation too. By the side of astronomers and physicians especially Lutheran pastors and teachers contributed to this. The exploration of the almanacs and their authors through the writer of this has been funded by the Deutsche Forschungsgemeinschaft in four projects since 2002. In this text topical research results will be given.

Albrecht Hoppe (Berlin):
Das »Schottische Moorhuhn« – oder: Vom Nutzen und vom Niedergang der »Zeitungsberichterstattung« preußischer Verwaltungsbehörden (1722–1918)

Der Beitrag behandelt die sogenannten Zeitungsberichte der preußischen Verwaltungsbehörden, die seit dem frühen 18. Jahrhundert bis zum Ende des Ersten Weltkrieges in formalisierter Weise den allgemeinen Informationsaustausch zwischen der unteren Ver- waltungsebene des Staates, den Landratsämtern und Bezirksregierungen zu den zentralen Instanzen in Berlin regelten. Hingewiesen wird auf eine im Druck befindliche kommentierte Edition der Zeitungsberichte der Potsdamer Regierungspräsidenten 1867–1914.

The article describes the so-called Zeitungsberichte (administrative reports) of the Prussian administrative authorities, which from the early 18th century until the end of World War I formally regulated the general flow of information between the lower administrative authorities of the state, the district administration offices (Landräte) and district governments (Regierungsbezirke) to the central authorities in Berlin. Reference is made to an annotated edition of the »Zeitungsberichte« of the district presidents (Regierungspräsidenten) in Potsdam 1867–1914.

Holger Böning (Bremen):
Von »Lügen-Presse«, »Fake-News« und »Medien-Mainstream«. Gedanken zu einigen Neuerscheinungen zum Thema und zum Zustand der gegenwärtigen Presseberichterstattung

Rudolf Stöber (Bamberg):
Kommentar zur Miszelle von Holger Böning

Buchbesprechungen
Im Besprechungsteil werden 89 Neuerscheinungen zur Kommunikationsgeschichte rezensiert.

Bibliografie (Wilbert Ubbens, Bremen)
Die Bibliographie verzeichnet darüber hinaus mehr als 1900 kommunikationshistorische Aufsätze aus internationalen Zeitschriften.

Register

Zitation
Jahrbuch für Kommunikationsgeschichte 20 (2018). in: H-Soz-Kult, 21.12.2018, <www.hsozkult.de/journal/id/zeitschriftenausgaben-11468>.
Weitere Hefte ⇓