Comparativ 5/6 (2003) - Gefaengnisgeschichte

Titel
Comparativ 5/6 (2003) - Gefaengnisgeschichte.
Weitere Titelangaben
Gefängnis und Gesellschaft. Zur (Vor-)Geschichte der strafenden Einsperrung


Hrsg. v.
Herausgeben im Auftrag der Karl-Lamprecht-Gesellschaft e.V.
Heft(e)
5-6
Erschienen
Umfang
276 Seiten
Preis
15,00 Eur[D] / 15,50 Eur[A]
Herausgeber d. Zeitschrift
herausgegeben von Matthias Middell (Global and European Studies Institute, Universität Leipzig) und Hannes Siegrist (Institut für Kulturwissenschaften, Universität Leipzig) im Auftrag der Karl-Lamprecht-Gesellschaft e.V./ European Network in Universal and Global History
Erscheinungsweise
Erscheint fünfmal jährlich (mit einem Doppelheft) im Umfang von je ~140 Seiten.
Kontakt
Redaktion Comparativ Adresse: Universität Leipzig, Global and European Studies Institute Emil-Fuchs-Straße 1 D - 04105 Leipzig Telefon: +49 341 97 37 860 Fax: +49 341 960 52 61

Inhaltsverzeichnis:

Gerhard Ammerer, Falk Bretschneider, Alfred Stefan Weiß: Gefängnis und Gesellschaft. Zur (Vor-)Geschichte der strafenden Einsperrung - Einleitung

*

Falk Bretschneider: Humanismus, Disziplinierung und Sozialpolitik. Theorien und Geschichten des Gefängnisses in Westeuropa, den USA und in Deutschland

Abstract: In einem einleitenden Forschungsüberblick verfolgt Falk Bretschneider die Historiographie des Gefängnisses in Europa und den USA in den letzten 50 Jahren. Ausgehend von der Beobachtung, dass in Deutschland und Österreich eine Beschäftigung mit dem Gefängnis erst verspätet und maßgeblich unter dem Blickwinkel einer Sozialgeschichte der Armut eingesetzt hat, versucht er auszuleuchten, welche Anregungen eine Sozial- und Kulturgeschichte der strafenden Einsperrung aus den Konzepten von Rusche und Kirchheimer, Foucault, der revisionistischen angelsächsischen Literatur sowie aus den bisher wenigen Arbeiten einer Erfahrungsgeschichte des Gefängnisses gewinnen kann. Sein Text schlägt vor, die Großdebatten über Disziplinierung und Humanismus beiseite zu lassen, die vorliegenden Entwürfe mit Rorty als jeweilige „Neubeschreibungen“ einer vorgefundenen Realität zu verstehen und sie nicht als abschließendes Vokabular einer Gefängnisgeschichte, sondern als Mittel zur Produktion einer Vielheit von Gefängnisgeschichten zu lesen.

Michelle Perrot: Lektionen der Finsternis. Michel Foucault und das Gefängnis

Abstract:

Die französische Historikerin Michelle Perrot zeichnet in ihrem Beitrag die intellektuelle Aktion Michel Foucaults und seine Rolle als Anreger der Aufarbeitung der französischen Gefängnisgeschichte nach. Sie betont dabei die doppelte Funktion der Aktivität Foucaults: gegenwärtiges politisches Engagement als „spezifischer Intellektueller“ in den Debatten um die Gefängnisreform in den 1970er Jahren und vor diesem Hintergrund theoretische Reflexion der Genealogie des Gefängnisses in der Form einer „Geschichte der Gegenwart“. Perrot hebt die ambivalente Beziehung zwischen Foucault und der französischen Geschichtswissenschaft hervor, wo intellektuelle Faszination häufig politischer und historiographischer Skepsis wich und schlussendlich ein manifestes Missverstehen blieb.

Karl Härter: Freiheitsentziehende Sanktionen in der Strafjustiz des frühneuzeitlichen Alten Reiches

Abstract: In seinen Ausführungen zu den freiheitsentziehenden Sanktionen in der Strafjustiz des Alten Reiches weist Karl Härter – vornehmlich am Beispiel der Strafpraxis des Mainzer Kurfürstentums – einen fundamentalen Wandel des Strafensystems in der Frühen Neuzeit nach. Seitens des Staates wurde dabei eine Monopolisierung des Strafens als institutionalisierte Übel- oder Schadenszufügung angestrebt. Zuchthaus und Festungsbau erweiterten den Freiheitsentzug um die Zwangsarbeit, was vor allem zu einer Verstärkung des Strafcharakters durch Entehrung führte sowie eine Fiskalisierung des Strafvollzugs mit sich brachte.

Ulrike Ludwig: Von „beschwerlich gefengnis“ und „milder hafft“. Ansichten zur Haft im Inquisitionsprozess von der Mitte des 16. bis zum Anfang des 17. Jahrhunderts

Abstract: In ihrem Beitrag über Ansichten zur Haft im sächsischen Inquisitionsprozess im 16. und 17. Jahrhundert zeigt Ulrike Ludwig, dass die Einkerkerung zur Festhaltung von Delinquenten im Untersuchungsprozess vielfältige Formen annehmen konnte. Soziale Stellung des Verdächtigen wie absehbares Strafmass spielten eine Rolle für die Schwere der Untersuchungshaft, die durchaus auch im eigenen Haus vollstreckt werden konnte. Gleichzeitg bildete sich in der allgemeinen Wahrnehmung zunehmend ein Bewusstsein von der Härte der Haft heraus.

Thomas Krause: Opera publica

Abstract: Das Verhältnis von öffentlichen Arbeitsstrafen und Zuchthausstrafe untersucht Thomas Krause. Die opera publica stellt er dabei neben die sich seit dem 17. Jahrhundert entwickelnde Einsperrung in Zuchthäuser und sieht in ihr eine gleichberechtigte Ahnin der modernen Freiheitsstrafe, weisst ihre Charakterisierung als Körperstrafe jedoch zurück.

Helmut Bräuer: Die Armen, ihre Kinder und das Zuchthaus

Abstract: Helmut Bräuer verortet in seinem Artikel zunächst das Aufkommen der frühneuzeitlichen Zucht- und Arbeitshäuser im zeitgenössischen Armutsdiskurs. Eine besondere Rolle in der kriminalisierenden Bekämpfung von Bettel und Vagabondage spielten dabei Kinder und Jugendliche, denen gegenüber die aufklärerischen Programme zur Überwindung von Armut und Not besondere Aufmerksamkeit widmeten; nicht zuletzt, weil man sie im Reproduktionsprozess von „Müßiggang“ und Bettel an zentraler Stelle vermutete. Letzten Endes zeigt sich jedoch, dass diese Programme ökonomisch veranlasst waren und sich als reine Kinderarbeit erwiesen.

Gerhard Ammerer, Alfred Stefan Weiß: Zucht- und Arbeitshäuser in Österreich um 1800 – Recht, Konzepte und Alltag

Abstract: Gerhard Ammerer und Alfred Stefan Weiß gehen in ihren Ausführungen den Veränderungen im Straf(rechts)- und Einsperrungssystem sowie dem Alltag der Sträflinge in den Jahrzehnten um 1800 nach, die von einer jahrelangen Diskussionsphase ab 1781, in der es vor allem um die Abschaffung der Todesstrafe und die Ersatzstrafen ging, eingeleitet wurden. Während unter Joseph II. 1787 erstmals in breitem Rahmen die Freiheitsstrafe als neue Sanktionsform normiert wurde, beseitigte dessen Nachfolger Leopold II. durch mehrere Hofratsdekrete die größten Härten des Strafsystems und -vollzugs. Das „Gesetz über Verbrechen“ von 1803 zog schließlich mit der Einführung des Kerkers einen Schlussstrich unter das alte System: Der fortan abgeschlossene Strafvollzug bedeutete nicht nur das Ende der alten Multifunktionalität der Zucht- und Arbeitshäuser sondern auch des vermeintlich generalpräventiven spektakulären Straftheaters der frühen Neuzeit. Der Alltag in den österreichischen Zucht- und Arbeitshäusern wird am Beispiel der Kärntner Anstalt in der Stadt Klagenfurt näher untersucht. Genauere Aussagen lassen sich dabei in erster Linie zum Tagesverlauf, der von Arbeit und Gebet gekennzeichnet war, festschreiben. Einer genaueren Analyse werden jedoch auch die Beziehungen der Insassen zur „Außenwelt“ und zu ihren Wächtern unterzogen.

David Lederer: „ … welches die Oberkeit bey Gott zu verantworten hat … “ Selbstmord von Untersuchungsgefangenen im Kerker während der frühen Neuzeit

Abstract: In seinem Überblick über Selbstmordfälle von Häftlingen in Untersuchungshaft zeigt David Lederer die fragile Situation von Gefangenen in den häufig unmenschlichen Kerkern der Frühen Neuzeit. Verzweifelt ob ihres Loses sahen nicht wenige im Suizid den letzten Ausweg. Allerdings waren es nicht zuletzt diese Selbstmorde, die zur Abschaffung der Folter beitrugen, als sich Gegner der Hexenverfolgung näher mit den Folgen der Tortur beschäftigten und in ihr einen Grund für die zahlreichen Selbsttötungen in der Untersuchungshaft fanden.

Martin Scheutz: „Ist mein schwalben wieder ausbliben.” Selbstzeugnisse von Gefangenen in der Frühen Neuzeit

Abstract: Martin Scheutz beschäftigt sich mit Berichten von Kriegsgefangenen und Selbstzeugnissen von Strafgefangenen in der Frühen Neuzeit, die bislang noch nicht systematisch aufgearbeitet worden sind, obwohl es nach dieser hier gebotenen kursorischen Übersicht Quellen dazu in nicht unbeträchtlichem Umfang gibt. Durch die Erarbeitung einer breiteren Quellenbasis wäre es auch möglich, zu hinterfragen, ob es sich hier typologisch um eine eigene Quellengattung handelt. Die eigene Welt des Zuchthauses, die spezifische Haftsituation, die sich verengenden Räume um den Gefangenen und die wachsende Beobachtung des eigenen Körpers charakterisieren diese Texte. Auch die Mensch-Tier-Beziehungen in der Frühen Neuzeit, etwa der Bezug des Gefangenen zu Mäusen, Ratten und Vögeln können am Beispiel dieser autobiographischen Texte ebenso wie eine Geschichte der Individualisierung analysiert werden.

Norbert Finzsch: „The Obsession with Work“: Gefangenenarbeit und Soziale Kontrolle in den USA im 19. Jahrhundert

Abstract: Norbert Finzsch untersucht in seinem Beitrag die Rolle der Gefangenenarbeit im Süden der USA und deren genealogische Verbindung mit der Sklaverei. Die Zwangsarbeit im Strafvollzug führt sein Beitrag nicht auf den strafrechtsreformerischen Besserungsdiskurs zurück, sondern bettet sie ein in ein Dispositiv der „Arbeit“, in dem Rassen-, Klassen-, Geschlechtsdiskurse bestimmend waren. Im Anschluss an Rusche und Kirchheimer unternimmt er den Versuch, Strafvollzug und Produktionssystem zu koppeln und zu einer Erklärung des Phänomens „Gefängnisarbeit“ zu kommen und gleichzeitig eine Interpretation der Überrepräsentanz afroamerikanischer Strafgefangener in den amerikanischen Gefängnissen zu geben.

Zitation
Comparativ 5/6 (2003) - Gefaengnisgeschichte. in: H-Soz-Kult, 05.11.2003, <www.hsozkult.de/journal/id/zeitschriftenausgaben-1154>.
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