Das Archiv. Zeitung für Wolfsburger Stadtgeschichte 4 (2019), 13

Titel
Das Archiv. Zeitung für Wolfsburger Stadtgeschichte 4 (2019), 13.
Weitere Titelangaben
Günter Franzkowiak: Arbeit


Hrsg. v.
Institut für Zeitgeschichte und Stadtpräsentation der Stadt Wolfsburg (Redaktion: Anita Placenti-Grau, Alexander Kraus, Aleksandar Nedelkovski)
Heft(e)
13
Erschienen
Wolfsburg 2019: Selbstverlag
Umfang
16 S.
Preis
kostenlos
Herausgeber d. Zeitschrift
Institut für Zeitgeschichte und Stadtpräsentation der Stadt Wolfsburg (Redaktion: Anita Placenti-Grau, Alexander Kraus, Aleksandar Nedelkovski)
Erscheinungsweise
einmal im Quartal (Mai, August, November, Februar)
Kontakt
Stadt Wolfsburg, Institut für Zeitgeschichte und Stadtpräsentation, Goethestraße 10a, 38440 Wolfsburg, E-Mail: <izs-stadtarchiv@stadt.wolfsburg.de> / <alexander.kraus@stadt.wolfsburg.de>

Das Genre der Arbeiterfotografie erlebte in der jungen Bundesrepublik eine zweite Blüte. Warum das so war, brachte der Industriefotograf Peter Keetman rückblickend anschaulich auf den Punkt. Als er 1953 nach Wolfsburg reiste, um für drei Tage ganz ohne Auftrag, aber mit Erlaubnis der Werksleitung im Volkswagenwerk zu fotografieren, erlebte er, wie er viele Jahre später sagen sollte, die „aufregendsten Tage in meinem langen Berufsleben“ – und dies nicht ohne Grund: „Es gab keine Einschränkungen, keine Tabus. Ich war auf einmal frei, niemand befahl mir, was ich zu tun hatte. Unglaublich.“ Seine damals entstandenen Aufnahmen zählen heute zu den Klassikern der Industriefotografie, markierten Gijs van Tuyl zufolge einen „Meilenstein“ in deren Entwicklung. Mit seinem Fokus auf Linienverläufe und Lichtreflexe sind es vor allem seine Detailaufnahmen bereitliegender Kotflügel, Türen, Stoßstangen, Radkappen und anderer Bauteile, in denen sich sein „abstrahierende[r] Blick […] jenseits der Alternative von Sozialreportage und Maschinen-Verklärung“ manifestiert.

Aus dem gleichen Jahr stammen auch Aufnahmen des gelernten Werkzeugmachers Günter Franzkowiak, der schon Anfang der 1950er Jahre begonnen hatte, während der Arbeitszeit im Volkswagenwerk zu fotografieren – auch er arbeitete, abgesehen von einzelnen Fotografien, um die er durch Vorgesetzte gebeten wurde, ganz ohne Auftrag und nicht minder frei wie Peter Keetman. Der Autodidakt Franzkowiak setzte allerdings ganz andere Akzente, stehen bei ihm doch meist die Kollegen im Fokus – in Form von Arbeitsportraits ebenso wie Gruppenaufnahmen, aber auch als überraschende Schnappschüsse, in denen Momente des Arbeitslebens eingefangen sind. Doch manche Fotografien des Hobbyfotografen, der nie mehr sein wollte, als ein solcher, korrespondieren mit denen Keetmans. Seine Aufnahme aus der Halle 10 aus dem Jahr 1959 ähnelt dem Hallenpanorama Keetmans, das dieser in Halle 4 von den Drehautomaten für Getriebe mit Kettenförderer und Ablagetischen für Werkstücke fotografierte (Abb. S. 69 im Band Volkswagenwerk 1953). Auch Franzkowiak suchte sich dafür einen erhöhten Standort und knipste, ohne dass seine Kollegen es mitbekamen – dies im Übrigen eine der Vorgaben, die Keetman dann doch seitens der Betriebsleitung erfüllen musste: den Betriebsablauf nicht zu stören. Keetmans Panoramaaufnahme der drei parallelen Montagebänder in Halle 3, die die Karosserie-Endmontage zeigen (Abb. S. 129 im Band Volkswagenwerk 1953), findet eine Parallele bei Franzkowiak, der um 1960 die Endmontage des Käfers festhielt, als er, wie er im Gespräch erzählt, wohl zufällig in der Nähe im Einsatz war.

Günter Franzkowiaks Bilder weisen auch Überschneidungen mit einzelnen jener Fotografien von James Welling auf, die dieser 1994 im Volkswagenwerk aufnahm, als er im Zuge der bevorstehenden Eröffnung des Kunstmuseum Wolfsburg damit beauftragt wurde, eine Strecke zu Wolfsburg zu fotografieren. Offenbar ergeben sich manche Motive ganz von alleine. In seinem Gruppenportrait der „Mitarbeiter der Fachwerkstatt für Roboter, Halle 3“, für das sich diese extra zusammengefunden haben, setzt er diese derart in Szene, dass die Größe der Halle die Arbeiter zu dominieren scheint. Die Portraitierten stehen als Gruppe beisammen, wirken allerdings ein wenig verunsichert, angespannt. Ganz anders auf Franzkowiaks Fotografie einer Gruppe Werkzeugmacher, seiner Kollegen, die dieser 35 Jahre zuvor aufgenommen hat: Mag auch der zentral positionierte Kollege etwas unsicher wirken – mit seiner rechten Hand sucht er sich etwas ungelenk auf der Werkbank abzustützen –, so transportieren die Blicke und das Lächeln der übrigen Abgelichteten doch eine ganz andere Form des Einverständnisses. In ihrer alles andere als gespielten Lässigkeit hat es den Anschein, als würden sie Franzkowiak signalisieren: „Du schon wieder! Na dann mach mal…“.

Während Welling auf der Fotografie „Arbeitsbesprechung, Halle 2“ eine Personengruppe festhält, deren Gespräch gerade zu einem Ende gekommen zu sein scheint, wirkt es bei Franzkowiak, als befinden sich Meister und Mitarbeiter im intensiven Vier-Augen-Gespräch – beide Fotografen agierten hier als unbeobachtete Beobachter, doch scheint Franzkowiak noch eine Spur näher am Geschehen zu sein. Hier möchte man nur zu gerne wissen, was wohl gerade Thema war. Sowohl bei Wellings Arbeiterportrait „Mitarbeiter beim Zerlegen einer alten Produktionsanlage, Halle 2“) als auch bei Franzkowiak fliegen die Funken, doch ungeachtet dieser wie auch der anderen genannten Parallelen in der Motivwahl, transportieren die Aufnahmen Franzkowiaks einen ganz eigenen, distanzlosen Zugang in die Arbeitswelt im Volkswagenwerk in den 1950er bis 1970er Jahren. Da er als Gleicher unter Gleichen fotografierte, haben seine Motive eine besondere Qualität. So sollen die aufgezeigten Parallelen die Arbeiten Franzkowiaks denn auch nicht nobilitieren, sondern für seinen spezifischen Fokus sensibilisieren. Die Autorinnen und Autoren dieser Ausgabe gehen seiner fotografischen Arbeit mit einer Reihe an Einzelanalysen auf den Grund. Seine Aufnahmen sind eine Einladung zu einer Entdeckungsreise in die Arbeitswelt der frühen Bundesrepublik, die eine eigene Auseinandersetzung lohnen. Sie sind vom 12. April bis zum 5. Mai 2019 im Raum für Freunde im Kunstverein Wolfsburg, anschließend vom 29. Mai bis zum 20. Juni 2019 im Ausstellungsraum der Bar Lissabon in Braunschweig zu sehen.

INHALTSVERZEICHNIS

Alexander Kraus
Günter Franzkowiak: Arbeit
S. 1–2

Dirk Schlinkert
Mit Henkelmann und Kamera. Streifzüge durch das fotografische Werk des Werkzeugmachers Günter Franzkowiak
S. 3–5

Eva Nick
Vom Fotografen zum Motiv
S. 6

Barbara Hofmann-Johnson
Kollegen bei der Arbeit
S. 7–8

Justin Hoffmann
Rauchen untersagt
S. 9

Zusätzliche Fotografien
S. 10

Jennifer Bork
Wenn hier einer schießt, dann bin ich das
S. 11

Eva Nick
Zusammenhalt im Berufsalltag
S. 12

Aleksandar Nedelkovski
Pause!
S. 13

Bernd Rodrian
Der arbeitende Flaneur
S. 14–15

Alexander Kraus
Was ist deine Arbeit wert?
S. 16

Zitation
Das Archiv. Zeitung für Wolfsburger Stadtgeschichte 4 (2019), 13. in: H-Soz-Kult, 14.04.2019, <www.hsozkult.de/journal/id/zeitschriftenausgaben-11670>.
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