PERIPHERIE. Politik • Ökonomie • Kultur 39 (2019), 1

Titel
PERIPHERIE. Politik • Ökonomie • Kultur 39 (2019), 1.
Weitere Titelangaben
Erinnerung zwischen Exklusion und Inklusion


Hrsg. v.
Wissenschaftliche Vereinigung für Entwicklungstheorie und Entwicklungspolitik e.V.
Heft(e)
1
Erschienen
Leverkusen 2019: Barbara Budrich Verlag
Umfang
136 S.
Preis
19,00
Herausgeber d. Zeitschrift
Wissenschaftliche Vereinigung für Entwicklungstheorie und Entwicklungspolitik e.V.
Erscheinungsweise
4 Nummern in 3 Ausgaben
Kontakt
PERIPHERIE Redaktionsbüro c/o Michael Korbmacher Stephanweg 24 48155 Münster Telefon: +49-(0)251/38349643

Erinnerungen zu teilen und dadurch am Leben zu erhalten, ist ein sozialer Prozess, der uns zusammenbringt, aber auch Grenzen zu denjenigen zieht, die anders erinnern wollen. Wie jede Grenzziehung trennt sie diejenigen, die dazu gehören, von denjenigen, die draußen bleiben sollen. Gerade für den Prozess der Herausbildung von Nationen ebenso wie anderer Gemeinschaftskonstrukte ist kollektives Erinnern an einschneidende Ereignisse konstitutiv. Gleichzeitig liegt hier Konfliktpotenzial: Es geht um die Frage danach, an wen und an was wie erinnert werden darf, aber auch, wer und was andererseits aus dem Kanon ausgeschlossen wird.

PERIPHERIE 153 nimmt in den Blick, wie einerseits Felder des Erinnerns von politischen Akteur/innen bespielt werden, die ihre Macht absichern wollen, wie andererseits aber auch Menschen(gruppen) eigene Erinnerungsinhalte gegen hegemoniale Formationen geltend machen.

Erinnerung zwischen Exklusion und Inklusion

Niemand erinnert sich gerne an Unschönes, und trotzdem tun wir es – jeder für sich, aber auch gemeinsam. Erinnerungen zu teilen und dadurch am Leben zu erhalten, ist ein sozialer Prozess, der uns zusammenbringt, aber auch Grenzen zu denjenigen zieht, die anders erinnern wollen. Erinnern dient stets der Gemeinschaftsbildung und aktiviert Grenzziehungen. Wie jede Grenzziehung trennt sie diejenigen, die dazu gehören, von denjenigen, die draußen bleiben sollen.

Gerade für den Prozess der Herausbildung von Nationen ebenso wie anderer Gemeinschaftskonstrukte ist kollektives Erinnern an einschneidende Ereignisse konstitutiv. Gleichzeitig liegt hier neues Konfliktpotenzial: Es geht um die Frage danach, an wen und an was wie erinnert werden darf, aber auch, wer und was andererseits aus dem Kanon ausgeschlossen wird. Gerade so wird gemeinsame Erinnerung wesentlich eingesetzt, um die Super-Gemeinschaft, den Nationalstaat, nicht zuletzt mit affektiven Bezügen zu unterfüttern. Dies ist also ein zentraler Aspekt des oft als identitätsbildend verstandenen Geschichtsnarrativs, dem mit der Konstitution und Reproduktion der Abgrenzung eine eigenständige Bedeutung zukommt.

Üblicherweise werden Felder des Erinnerns von politischen Akteurinnen bespielt, die ihre Macht absichern wollen. Umgekehrt machen aber auch solche, die bestehende hegemoniale Formationen bestreiten, eigene Erinnerungsinhalte geltend. Neben verdrängten oder subalternen Erinnerungen benutzen solche Protagonistinnen häufig Versionen, die mit den offiziellen im Widerspruch stehen. Akteurinnen in unterschiedlichen Positionen nutzen Erinnerungspolitiken also mit ganz verschiedenen Zielsetzungen, um die von ihnen beanspruchte Version der Geschichte zu legitimieren, indem sie Teile der Bevölkerung mit Hilfe des Appells an geteilte Erfahrungen an sich binden und so dazu beitragen, Gemeinschafen nicht nur zu bestätigen, sondern auch neu abzugrenzen. In gewisser Weise haftet kollektivem Erinnern daher immer eine instrumentelle Dimension an, da es stets in machtpolitische Prozesse verwickelt ist: So nutzen Regierungen oder Oppositionen das Potenzial der Erinnerung gezielt, um Mehrheiten zu bilden, indem sie potenzielle Wählerschaften an sich binden. Dass damit zugleich Grenzziehungen aktiviert und oft politisiert, häufig auch neu geschaffen werden, ist unausweichlich: Da Erinnerungspolitiken stets den Anspruch erheben, die durch sie hochgehaltene Version der Geschichte sei die einzig richtige, werden alternative Interpretationen systematisch ausgeschlossen bzw. für ungültig erklärt. Demgegenüber versuchen sich andere Akteurinnen zu positionieren. Nicht immer geht es dabei um Machtgewinn, sondern häufig auch um den Respekt gegenüber denen, die in den zu erinnernden Ereignissen eine zentrale Rolle spielen. Ob jemand als Täterin oder Opfer erinnert wird, als Freiheitskämpferin oder Kollaborateur*in, ist meist eine Frage der Perspektive. Für beide Seiten jedoch ist jeweils ihre Version die einzig wahre.

Auch wenn „Erinnern“ grundsätzlich selektiv stattfindet und immer wieder in Frage gestellt und umkämpft wird, erweisen sich manche Erinnerungen doch als außerordentlich langlebig. Nicht selten gelingt es politischen Akteur*innen, selbst jahrhundertalte Narrative und Geltungsansprüche für ihre politischen Ziele nutzbar zu machen oder neu zu beleben. Geschichte wird fortwährend „neu geschrieben“, etwa um die Vorherrschaft einer in ethnischen oder religiösen Kategorien beschriebenen Gruppe historisch zu begründen. Hiermit sei auch auf die zeitliche Dimension des Erinnerns verwiesen. Zwar findet sich das, woran erinnert werden soll, stets in der Vergangenheit. Trotzdem ist dessen politischer, häufig bewusst politisierter Gehalt da, wo es um Identitätsfragen geht, höchst relevant für die Gegenwart, aber insbesondere für die Zukunft: Erinnerungskonstrukte dienen der Konzeption von Vorstellungen darüber, wie eine Gesellschaft in Zukunft aussehen soll oder könnte, oder sollen, quasi als abschreckendes Beispiel, eine Wiederholung „der Geschichte“ verhindern.

Während staatlich verordnete Erinnerungspolitiken der Konstruktion oder Aufrechterhaltung von Vorstellungen der Nation als mehr oder weniger homogene, auf jeden Fall zusammengehörige soziale Formation dienen, entwerfen separatistische Bewegungen, aktivistische Gruppierungen oder auch Minderheiten häufig Gegennarrative, die ihre spezifische Erfahrung und historische Rolle betonen. Erinnerungspolitiken aus gegenhegemonialen Positionen heraus können für Strategien im Kampf um Anerkennung eine zentrale Rolle spielen, aber auch um die Legitimierung und Durchsetzung von konkreten Forderungen, etwa nach historisch begründeten Landrechten. Gerade in ehemals kolonisierten Gebieten werden Erinnerungspolitiken aber auch zu einer wichtigen Ressource für Bevölkerungsgruppen, deren soziale und politische Teilhabe seit der Dekolonisierung auf dem Prüfstand steht oder gar ernsthaft gefährdet ist.

Dies gilt zumal, da in diesen Kontexten wesentliche Unterschiede in den Formen zu beobachten sind, in denen Erinnerungsinhalte tradiert und dargestellt werden. Das „koloniale Archiv“ ist geradezu sprichwörtlich verzerrt und an schriftliche Überlieferung gebunden, während konkurrierende und subalterne Narrative eher auf oral vermittelten Traditionen, aber auch auf Performanz von Erinnerungsinhalten aufbauen. Wenigstens teilweise bilden sich diese durch Macht- und Kompetenzgefälle sowie regelmäßig durch Herrschaftsverhältnisse begründeten Unterschiede auch in der Privilegierung kanonischer Texte, d.h. von Schriftlichkeit, in der aktuellen Debatte über das kulturelle Gedächtnis ab. Auch die öffentliche Darstellung von Erinnerungsinhalten durch staatliche oder nichtstaatliche Instanzen, die zugleich ihre Reichweite und mögliche Resonanz mitbestimmen können, bringt diese Unterschiedezum Ausdruck.

Anhand der Gedenkstätte Tuo Sleng Genocide Museum in Kambodscha analysiert Timothy Williams die Divergenzen und Ambivalenzen in der Repräsentation der Roten Khmer und ihrer Opfer. Er arbeitet heraus, dass mit der Konstruktion von Täter*innen und Opfern als voneinander klar getrennter Gruppen die Tatsache, dass viele Opfer selbst Mitglieder der Roten Khmer waren, unter den Tisch gekehrt wird. Indem Leid und Schmerz in den Mittelpunkt gestellt werden, tritt die Schuldfrage in den Hintergrund. Mit dem Opfernarrativ ist das Schweigen über Täterschaft verbunden. Mit dieser Politik des Schweigens gelingt der Regierung eine anschlussfähige nationale Geschichte, die sie für ihre Erinnerungspolitik gezielt einsetzen kann.

Dass Gedenkorte auch als widerständige Projekte betrachtet werden können, zeigt Shelley Feldmans Beitrag über das Muktijoddha Jadughar, ein Museum im Herzen der bangladeschischen Hauptstadt Dhaka, das dem Befreiungskrieg von 1970/1971 und seinen Kämpferinnen gewidmet ist. Indem Feldman die Entstehung und die Ausstellung des Museums in den Kontext der jüngeren Geschichte stellt, zeichnet sie nach, dass dessen Initiatorinnen, ehemalige Freiheitskämpferinnen und ihre Angehörigen, einen Beitrag zur Wiedererlangung einer bestimmten Version der Geschichte vorantreiben. Mit dem Museum, das erst 25 Jahre nach dem Befreiungskrieg eröffnet werden konnte, positionieren sie sich klar gegen die offiziellen Erinnerungspolitiken. Erst mit der demokratischen Wende, die, von einer Massenbewegung erzwungen, Anfang der 1990er Jahre die Zeit der Militärdiktaturen (1975-1991) beendete, eröffneten sich neue Spielräume für die Auseinandersetzung mit der Geschichte. Feldmans Beschreibungen der Ausstellung machen das demokratische Anliegen des Museums deutlich, den Menschen selbst, sowohl den Freiheitskämpferinnen als auch den Opfern, eine Stimme zu geben und so einen Ort der Wiedergutmachung, der Trauer und der Traumabewältigung zu schaffen.

Rita Schäfer untersucht den Umgang mit politisch motivierter Gewalt in Simbabwe. Im Mittelpunkt ihres Interesses steht dabei die Erinnerung an die „Gukurahundi“ genannten Massaker. Sie zeichnet die Entwicklung nach, analysiert die nationalistischen Vorgaben für lokales Gedenken und zeigt, in welchen Formen an die Gewalt und ihre Opfer erinnert wird.

Bruchstellen zwischen einem übergreifenden nationalen Geschichtsbild einerseits sowie den Vorstellungen und Ansprüchen ethnischer Gruppen, zumal der Nachkommen der Überlebenden des Völkermordes von 1904-1908, werden auch in Namibia immer wieder deutlich. Reinhart Kößler zeigt am Beispiel der kürzlich durchgeführten Rückgabe geraubter Gegenstände aus dem ethnologischen Museum in Stuttgart einige konkrete Aspekte dieser Entwicklung auf. Im PERIPHERIE-Stichwort führt er in die Dynamiken des Erinnerns ein und regt damit zu weiterer Lektüre an.

Daniele Fini zeichnet auf Basis seiner Feldforschung in Guerrero, Mexiko, ein differenziertes Bild der dort aktiven Policía Comunitaria, einer von den örtlichen Bewohner*innen nach den Prinzipien indigener Selbstverwaltung ehrenamtlich organisierten Polizei. In diesem Bundesstaat haben sich eine Reihe lokaler Gruppen zu einem regionalen Verbund zusammengeschlossen, die über die Gemeindegrenzen hinweg nicht nur als Polizei agieren, sondern auch alternativ zum als korrupt wahrgenommenen staatlichen System ein Justizsystem etabliert haben. Dieses Justizsystem ist ohne Gerichts- und Anwaltsgebühren der Bevölkerung allgemein zugänglich. Aufgrund seiner Effektivität wird es von den meisten gegenüber den staatlichen Institutionen bevorzugt. In den letzten Jahren schließen sich zunehmend auch Gruppen aus urbanen Räumen dem System an, was wegen der dort fehlenden Tradition indigener Selbstorganisation neue Probleme und Konflikte mit sich bringt. Indem Fini die Entwicklung dieses Sicherheitssystems in die jüngere Geschichte Mexikos einbettet, zeigt es sich als Reaktion auf den neoliberalen Umbau der Gesellschaft. Zugleich wird seine Ambivalenz deutlich, einerseits dem Interesse des Kapitals an sicheren Vertriebswegen für seine Waren entgegenzukommen, andererseits Ansatzpunkte für offene Konflikte, beispielsweise in der Verteidigung der lokalen Territorien gegen Bergbauprojekte, zu bieten.

Rebecca Gulowski & Martin Oppelt stellen in einem Interview und einer umfassenden Einleitung das Werk von Achille Mbembe vor. Sie zeigen, dass es zu kurz greift und seinem Schaffen nicht gerecht wird, ihn allein als „Denker Afrikas“ oder „afrikanischen Denker“ zu verstehen. Seine wissenschaftliche Arbeit bezeichnen sie in Abgrenzung vom postkolonialen Diskurs und von afrozentrischen Ansätzen als gegenhegemoniales epistemisches Projekt, in dessen Zentrum die Kritik an der modernen Demokratie steht. Im Interview verbindet Mbembe die Kritik des Kolonialismus’ mit der Forderung nach Überwindung des anthropozentrischen Welt- und Menschenbildes. Die Kritik an diesem Bild, das den Menschen als Herrscher über die Natur (und über andere Menschen) versteht, umfasst für Mbembe auch ein Neudenken von Demokratie und die Einbeziehung von organischen, mineralischen und biophärischen Dimensionen der Existenz.

Mit der vorliegenden Ausgabe eröffnen wir den 39. Jahrgang der PERIPHERIE. Die weiteren Hefte nehmen die Themen „Vertreibung durch Entwicklungsprojekte“ sowie „Abschiebungen global“ in den Blick. Darüber hinaus bereiten wir Schwerpunkte zu „Jenseits der ‘Kolonialität von Geschlecht’ – De- und Postkoloniale Perspektiven auf Entwicklung, Gender und Sexualität“, „Bio-Ökonomie“ und „Protest und Reform in der globalen Ökonomie“ vor. Zu diesen und anderen Themen sind Beiträge sehr willkommen. Die entsprechenden Calls for Papers finden sich auf unserer Homepage, sobald sie veröffentlicht werden.

Schließlich bedanken wir uns bei allen Leserinnen, Abonnentinnen sowie bei den Mitgliedern der Wissenschaftlichen Vereinigung für Entwicklungstheorie und Entwicklungspolitik e.V., der Herausgeberin der PERIPHERIE. Unsere größtenteils ehrenamtliche Arbeit ist weiterhin von Spenden abhängig. Eine für die langfristige Sicherung des Projekts besonders willkommene Förderung stellt die Mitgliedschaft im Verein dar, in der das Abonnement der Zeitschrift sowie regelmäßige Informationen über die Redaktionsarbeit enthalten sind. Wir freuen uns aber auch über einmalige Spenden. Unsere Bankverbindung finden Sie, liebe Leser*innen, im Impressum.

Inhaltverzeichnis

Zu diesem Heft, S. 3

Timothy Williams: Konkurrierende Erinnerungspolitiken in Gedenkstätten. „Mnemonische Rollenzuschreibungen“ und Ellipsen im Tuol Sleng Genocide Museum, S. 8

Shelley Feldman: Ein neuer Blick auf die Vergangenheit, Visionen der Zukunft. Das Muk-tijoddha Jadughar (Liberation War Museum) in Bangladesch als Schau-Platz des Widerstands, S. 26

Daniele Fini: Durch gemeinschaftliche Organisation Sicherheit aufbauen. Der Fall der Policía Comunitaria in Guerrero, Mexiko, S. 46

Diskussion

Rita Schäfer: Erinnerungen an politisch motivierte Gewalt in Simbabwe. Kontroversen über das Gedenken an die Opfer der Gukurahundi-Massaker, S. 63

Reinhart Kößler: Die Bibel und die Peitsche. Verwicklungen um die Rückgabe geraubter Gü-ter, S. 78

Rebecca Gulowski & Martin Oppelt: Das neue Projekt der Kritik: Im Interview mit Achille Mbembe, S. 88

PERIPHERIE-Stichwort

Reinhart Kößler: Erinnerung, postkolonial, S. 109

Rezensionen, S. 112

Juliana Ströbele-Gregor: Transnationale Spurensuche in den Anden – von geflüchteten Juden, „Altdeutschen“ und Nazis in Bolivien (Theo Mutter) / Leslie Witz, Gary Minkley & Ciraj Rassool: Unsettled History. Making South African Public Pasts (Reinhart Kößler) / Fazil Mo-radi, Ralph Buchenhorst & Maria Six-Hohenbalken (Hg.): Memory and Genocide. On What Remains and the Possibility of Representation (Reinhart Kößler) / Felwine Sarr: Afrotopia (Eric Otieno) / Kalpana Hiralal & Zaheera Jinnah (Hg.): Gender and Mobility in Africa. Borders, Bodies and Boundaries (Rita Schäfer) / Shireen Ally & Arianna Lissoni (Hg.): New Histories of South Africa’s Apartheid-Era Bantustans (Reinhart Kößler) / Miriam Trzeciak, Elisabeth Tuider & Hanns Wienold (Hg.): Transit Mexiko. Migration, Gewalt, Menschenrechte (Olaf Tietje) / Renata Motta: Social Mobilization, Global Capitalism and Struggles over Food (Peter Clausing) / Olaf Tietje: „Wir nahmen uns das Wort“. Migrantische Akteur_innen in Almería, Spanien (Gerhard Hauck)

Eingegangene Bücher, S. 133
Summaries, S. 134
Zu den Autorinnen und Autoren, S. 136

Summaries

Timothy Williams: Competing memory politics in memorials. "Mnemonic role attributions" and ellipses in Tuol Sleng Genocide Museum.
In post-violence Cambodia, Tuol Sleng Genocide Museum has become the central memorial space for remembering the Khmer Rouge past along with the killing fields at Choeung Ek. As such, the space has become central to the dominant narrative about the meaning of the past violence. The narrative told at the memorial demonises the Khmer Rouge as the group which wreaked this immense cruelty, yet makes no mention that the people who were tortured in this space and then sent to their deaths were predominantly cadres of the Khmer Rouge who had become victims of the purges. This silence is manifested in an ellipsis in the audio guide on who the victims were, in the shock factor of the curation which focusses on suffering and pain, as well as the dearth of explanations in the permanent exhibition. While temporary exhibition material does broach the topic of individual perpetrators, it also frames the individuals as destined for victimhood. In this way the memorial space of Tuol Sleng is (mis‑)used to tell a broader albeit other story, which is in line with the stylised narration of the past which the government favours and forwards.

Shelley Feldman: Reframing a Past, Imagining a Future: The Bangladesh's Muktijoddha Jadughar (Liberation War Museum) as a Site of Resistance.
Twenty-four years after an anti-colonial struggle against the British, the war in East Pakistan was a struggle for a second independence, this time from Pakistan. It took another twenty-five years for a constituency of public citizens to build a national war museum demanding recognition of this genocidal liberation war and its freedom fighters. Focusing on the Muktijoddha Jadughar (Liberation War Museum) as a site of recuperation and contestation, I offer a reading of Bangladeshi history that acknowledges the centrality of independence in (re)constructing national belonging. Drawing on debates on state and nationalism, and museums and memory I show how publics can "rescue history from the nation" and challenge exclusions in the hegemonic nationalist narrative. In this account, the crises of military rule and fragile democratic governments are charted to highlight ongoing tensions between secular versus religious state forms and demands for accountability from those identified as enemy collaborators. Evidence drawn from the Museum collection and archival materials provide the case material for the argument that resistance to the exclusion of events offers a critical site for examining challenges to current accounts of Bangladeshi history.

Daniele Fini: Community Based Organizing as Security Building Practice. The Case of the Policía Comunitaria in Guerrero, Mexico.
Since 1995, in the state of Guerrero, Mexico, a community system of security, justice, and re‑education has been in operation. Articulated at the regional level, this security system integrates several dozen rural, largely indigenous communities in a self-managed and autonomous way. In 2006, the federal government of Mexico implemented the "war on drugs", leading to an increase in violence. In this context, community defence has become increasingly important, leading to the emergence of several community defence groups in different regions of the country. This article explains the emergence of past and present community defence groups in Mexico through an analysis of the relationship between violence and reconfigurations in the capitalist economy. Through focusing on the community police, the paper reflects on the potential of collective practices to produce community safety, and on the emergence of defensive groups in urban and non-indigenous localities, creating new forms of community-based organisation.

Zusammenfassungen

Timothy Williams: Konkurrierende Erinnerungspolitiken in Gedenkstätten. "Mnemonische Rollenzuschreibungen" und Ellipsen im Tuol Sleng Genocide Museum.
In Post-Gewalt-Kambodscha ist Tuol Sleng Genocide Museum zusammen mit den "killing fields" Choeung Ek zu einem der wichtigsten Gedenkorte geworden. Dieser Ort ist zentral für den dominanten Diskurs über die Bedeutung vergangener Gewalt während der Herrschaft der Roten Khmer. Das in der Gedenkstätte vorgestellte Narrativ dämonisiert einerseits die Roten Khmer als die Gruppe, die für die exzessive Grausamkeit der späten 1970er Jahre verantwortlich ist. Gleichzeitig konstruiert es eine Opferschaft aller Menschen, die unter dem Regime gelebt haben, auch ehemaliger Kader der Roten Khmer. Diese Konkurrenz verschiedener Narrative wird durch eine Ellipse ermöglicht, bei welcher verschwiegen wird, dass ein Großteil der hier gefolterten und dann getöteten Menschen selbst Kader der Roten Khmer waren, die Säuberungen zum Opfer gefallen sind. Dieses Schweigen manifestiert sich in einer Ellipse im Audio-Guide, der auf Leiden und Schmerz in den Mittelpunkt stellt, sowie im Mangel an weiterführenden Informationen in der Dauerausstellung. Während temporäre Ausstellungen sich auch mit den einzelnen Tätern beschäftigen, wird hier ein Opferschicksal konstruiert. Auf dieser Art und Weise wird die Gedenkstätte genutzt, um ein breiteres Narrativ zu erzählen, welches die Regierung in ihrer Erinnerungspolitik stützt.

Shelley Feldman: Ein neuer Blick auf die Vergangenheit, Visionen der Zukunft. Das Muktijuddo Jadughar (Liberation War Museum) in Bangladesch als Schau-Platz des Widerstand.
24 Jahre nach der Entkolonisierung wurde im damaligen Ostpakistan ein zweiter Kampf für Unabhängigkeit ausgefochten, diese Mal gegen Pakistan. Es dauerte weitere 25 Jahre, bis es einem Zusammenschluss von in der Öffentlichkeit stehenden Bürgern gelang, ein Nationalmuseum zum Gedenken des Freiheitskampfes (Muktijuddo Jadughar) zu bauen. Dieser Artikel begreift das Museum als Ort der Zurückerlangung und Aushandlung einer bestimmten Lesart der Geschichte. Hierbei steht die Anerkennung der Bedeutung der Unabhängigkeit für die (Re-)Konstruktion nationaler Zugehörigkeit im Mittelpunkt. Anhand von Debatten um Staat und Nation, Museum und Erinnerung wird gezeigt, wie Öffentlichkeiten "die Geschichte vor der Nation retten" und die Exklusionspraktiken hegemonialer nationalistischer Lesarten in Frage stellen. Die durch Militärherrschaften und fragile Demokratie hervorgerufenen Krisen verweisen dabei auf fortwährende Spannungen zwischen religiösen und säkularen Staatsformen und Forderungen, die vermeintlichen Kollaborateure zur Rechenschaft zu ziehen. Um die Herausforderungen für die aktuelle Geschichtsschreibung anhand des Wiederstands gegen die Exklusion von Ereignissen nachzuzeichnen, wird in dem Museum und seinem Archiv gesammeltes Datenmaterial verwendet.

Daniele Fini: Durch gemeinschaftliche Organisation Sicherheit aufbauen. Der Fall der Policía Comunitaria in Guerrero, Mexiko.
In Mexiko im Bundesstaat Guerrero existieren seit 1995 auf lokalen Gemeinschaften gründende Systeme der Sicherheit, Justiz und Umerziehung. Einige Dutzend ländlicher Gemeinden haben sich auf regionaler Ebene zusammengeschlossen, um unabhängig vom Staat selbstorganisiert für mehr Sicherheit zu sorgen. Sie stützen sich dabei auf die Organisationsformen indigener Gemeinden. Im Angesicht der zunehmenden Gewalt, die seit dem 2006 ausgerufenen Krieges gegen Drogen in Mexiko herrscht, hat das Thema gemeinschaftsbasierter Selbstverteidigung an Bedeutung gewonnen. In verschiedenen Landesteilen sind unterschiedliche Selbstverteidigungsgruppen entstanden. Der Aufschwung der Selbstverteidigungsgruppen seit den 1990er Jahren bis heute und die Zunahme an Gewalt in Mexiko wird in diesem Beitrag als Ausdruck einer Restrukturierung der kapitalistischen Wirtschaft analysiert. Das Potenzial auf lokalen Gemeinschaften gründender kollektiver Praktiken für die Erlangung von Sicherheit wird anhand der Policía Comunitaria (gemeinschaftsbasierten Polizei) herausgearbeitet und die Rolle der im urbanen und nicht-indigenen Raum entstehenden Selbstverteidigungsgruppen als Wegbereiter für auf lokale Gemeinschaften gründende Organisationsformen diskutiert.

Zitation
PERIPHERIE. Politik • Ökonomie • Kultur 39 (2019), 1. in: H-Soz-Kult, 16.05.2019, <www.hsozkult.de/journal/id/zeitschriftenausgaben-11738>.
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