Zeitschrift für die Geschichte und Altertumskunde 62 (2018)

Titel
Zeitschrift für die Geschichte und Altertumskunde 62 (2018).


Hrsg. v.
Im Auftrag des Historischen Vereins für Ermland e.V. hrsg. von Hans-Jürgen Bömelburg und Hans-Jürgen Karp
Heft(e)
62
Erschienen
Münster 2018: Aschendorff Verlag
Umfang
IV und 123 S.
Preis
16, 80 €
Herausgeber d. Zeitschrift
Im Auftrag des Historischen Vereins für Ermland e.V. hrsg. von Hans-Jürgen Bömelburg und Hans-Jürgen Karp
Erscheinungsweise
jährlich
Kontakt
Redaktion: Hans-Jürgen Karp Brandenburger Straße 5, D-35041 Marburg, E-Mail: <karp@staff.uni-marburg.de> Vertrieb: Aschendorff Verlag GmbH & Co. KG Soester Str. 13, 48155 Münster, E-Mail: <buchverlag@aschendorff.de>

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

der 62. Band der „Zeitschrift für die Geschichte und Altertumskunde“ ist kürzlich erschienen und kann beim Aschendorff-Verlag (https://www.aschendorff-buchverlag.de/detailview?no=15721) bestellt werden.
Auf unserer Homepage (www.historischer-verein-ermland.de) finden Sie Informationen zu den jüngsten Ausgaben, die Bände der Jahrgänge 1858 bis 2002 stehen zum Download zur Verfügung.

Dear readers,

Volume 62 of „Zeitschrift für die Geschichte und Altertumskunde“ is already available and can be ordered from the Aschendorff publishing house (Aschendorff-Verlag) (https://www.aschendorff-buchverlag.de/detailview?no=15721)
On our website (www.historischer-verein-ermland.de) you can also find information about the latest volumes as well as download for free electronic versions of volumes from years 1858–2002.

ZGAE 62 (2018)

AUFSÄTZE

Joanna Szkolnicka, Alltag der Deutschen im Oblast Kaliningrad

Die ersten Monate nach der Kapitulation Königsbergs waren für die Deutschen geprägt von der Brutalität der Roten Armee, Hungersnot und Epidemien. Besonders schwer hatten Frauen und Kinder zu leiden. Ein Anzeichen für eine gewisse „Normalisierung” der Lage der Deutschen war Anfang 1946 die Einrichtung von kulturellen Institutionen, die der politische Umerziehung zu dienen hatten. Das Verhältnis zu den Neusiedlern an ihren gemeinsamen Arbeitsstellen blieb erheblich gespannt, weil die Russen stets privilegiert wurden. Aber auch Akte der Menschlichkeit seitens der Russen sind bezeugt, oftmals schenkten diese den bei ihnen angestellten Deutschen mehr Vertrauen als den eigenen russischen Nachbarn. In einer „ersten Welle” durften von April bis Juni 1947 nicht arbeitsfähige deutsche Einwohner, zu denen vor allem Waisenkinder und Invaliden gehörten, den Oblast verlassen. Die zweite Ausreisewelle war das Ergebnis einer am 11. Oktober 1947 in Moskau getroffenen Geheimentscheidung, die den Zuzug von Umsiedlern aus den Zentralgebieten der Sowjetunion fördern sollte. Dadurch wuchs die Zahl derer, die mit den Deutschen um Arbeitsplätze konkurrierten.
Bald nach der Eroberung Königsbergs war Pfarrer Hugo Linck zum informellen Sprecher der gesamten deutschen, insbesondere der evangelischen Bevölkerung geworden. Eine ähnliche Rolle wird dem katholischen Priester Paul Hoppe zugeschrieben. Er war nach Kriegsende von Bischof Maximilian Kaller zum Generalvikar für den sowjetisch besetzen nördlichen Teil der Diözese Ermland ernannt worden. Er wurde von den Russen „Metropolit“ genannt. Aus den Notizen des Beauftragte der Besatzungsmacht Glazkich ist zu entnehmen, dass Hoppe bei den allwöchentlichen obligatorischen Treffen mit den Vertretern der deutschen religiösen Gemeinden mit ihm wie mit seinesgleichen gesprochen hat. Sowohl Hoppe als auch Linck ist es gelungen, sich mit Glazkich zu verständigen und ein gewisses Vertrauensverhältnis zu ihm zu schaffen, was sich als höchst vorteilhaft erwies, weil Glazkich bereit war, über manche Verstöße der Kirchen und ihrer Vertreter gegen das sowjetische Recht hinwegzusehen.

Uta Bretschneider, Zwang zur Zukunft. „Umsiedler“ in der Zusammen- und Aufbruchsgesellschaft der sowjetischen Besatzungszone und der DDR

Am Ende des Zweiten Weltkriegs stellten die deutschen Flüchtlinge und Vertriebenen etwa ein Viertel der Bevölkerung der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ). In der Phase des Zusammen- und Aufbruchs galt es, die ca. 4,3 Millionen Menschen mit dem Nötigsten zu versorgen: mit Nahrung, Wohnraum, Arbeit und nicht zuletzt auch mit Zukunftsperspektiven. Sie sollten eine „neue Heimat“ in der sich formierenden „sozialistischen Gesellschaft“ finden. Die „Umsiedlerpolitik“ war dabei eine strikte Assimilationspolitik, welche die „Umsiedler“ zu vergangenheitslosen Menschen machen sollte, die sich voll und ganz auf den Aufbau der neuen Gesellschaft konzentrierten. Der Sonderstatus als distinkte Gruppe währte somit nur kurz: Bereits Anfang der 1950er Jahre galten die nunmehr als „ehemalige Umsiedler“ Bezeichneten als erfolgreich eingegliedert. In der DDR-Öffentlichkeit setzte eine weitgehende Tabuisierung von Flucht und Vertreibung ein, beispielsweise verbunden mit dem Verbot, landsmannschaftliche Zusammenschlüsse zu gründen. Eine auf die erzwungenen Migrationen um 1945 bezogene Erinnerungskultur konnte daher im Ostteil des Landes erst nach dem Ende der DDR entstehen. Der Text ermöglicht – anhand von qualitativen Interviews, Archivalien und zeitgenössischen Publikationen – Einblicke in die vielschichtigen Problem- und Möglichkeitsräume, die sich im Zusammenleben von Alteingesessenen und „Umsiedlern“ in der Umbruchsgesellschaft der SBZ/DDR ergaben.

Georg Jäschke, Die katholischen Jugendverbände der Vertriebenen in der Bundesrepublik. Gemeinschaft Junges Ermland und Danziger Katholische Jugend

Eine erste Zusammenkunft von jungen Erwachsenen, die sich in der ermländischen Jugendarbeit der Zwischenkriegszeit engagiert hatten, fand im August 1947 in Lippstadt statt. Als Gründungsdatum der Gemeinschaft Junges Ermland gilt das Ostertreffen auf Schloss Vinsebeck (Westfalen) 1948. Sie gab sich Ostern 1950 in Schüren (Sauerland) ein Programm, das neben der Integration in die neue Heimat die Pflege des ermländischen Brauchtums, Kontakte zu den Brüdern und Schwestern in der DDR und die Neugestaltung des Verhältnisses zu den Polen umfasste. Die Studientagung im Frühjahr 1959 sprach sich explizit für eine Verständigung mit Polen in einem neugeordneten Europa aus. Der organisatorische Ausbau der Gemeinschaft spiegelt sich in den steigenden Teilnehmerzahlen der Ostertreffen in Helle (Sauerland) für Ältere und in Freckenhorst (Münsterland) für die Jüngeren sowie auch in der Vielzahl von Regionaltreffen in der gesamten Bundesrepublik.
Die Gründung der Gemeinschaft der Danziger Katholischen Jugend im August 1947 auf der Jugendburg Gemen (Bistum Münster) war mit einer Botschaft an die Katholische Jugend des polnischen Volkes im Gebiet der Freien Stadt Danzig verbunden. Die Konsolidierung der Gemeinschaft zeigte sich in den wachsenden Mitgliederzahlen sowie in dem alljährlich Ende August stattfindenden Jugendtreffen auf der Burg Gemen mit Vorträgen und Diskussionen zu Themen aus Kirche und Gesellschaft. Die 1956 verabschiedete Ordnung der Gemeinschaft bekannte sich „zur demokratischen Staatsform, zur Wiedervereinigung Deutschlands, zu den verlorenen deutschen Ostgebieten und zur Schaffung einer europäischen Föderation in Freiheit und zum Bemühen um die Begegnung mit der polnischen Jugend, um eine zukünftige Haltung zu finden, die Hass, Rache und Nationalismus unmöglich macht.“

ARTICLES

Joanna Szkolnicka, Everyday Life of the Germans in the Kaliningrad Oblast

The first months after the capitulation of Königsberg (Kaliningrad) were marked by the brutality of the Red Army, famine and epidemics. It was women and children who suffered most. An indication of a certain normalization of the situation of the Germans was the establishment of cultural institutions at the beginning of 1946, which served the purpose of re-education. Relations with the new settlers at their shared workplaces remained very tense because the Russians were always privileged. But also acts of humanity on the part of the Russians are testified, often they gave more trust to the Germans employed by them than to their own Russian neighbours. In a first wave from April to June 1947, German residents who were unable to work – particularly orphans and invalids – were allowed to leave the Oblast. A second wave of emigration was the result of a secret decision made in Moscow on 11th October 1947 to encourage the influx of immigration from the central areas of the Soviet Union. As a result, the numbers of those grew who competed with the Germans for jobs.
Soon after the conquest of Kaliningrad, Pastor Hugo Linck became an informal spokesman for the whole German population, for the Protestants in particular. A similar role is attributed to the Catholic priest Paul Hoppe. After the war, Bishop Maximilian Kaller appointed him Vicar General for the Soviet-occupied northern part of the Diocese Warmia. He was called Metropolit by the Russians. From the notes of the representative of the occupying power, Glazkich, it can be inferred that Hoppe spoke to him as with his peers at the weekly obligatory meetings with the representatives of the German religious communities. Both Hoppe and Linck succeeded in communicating with Glazkich and in establishing a certain relationship of trust with him, which proved highly advantageous, because Glazkich was prepared to ignore some violations of Soviet law by the churches and their representatives.

Uta Bretschneider, Forcing the Future. Resettlers in the collapse and upheaval society of the Soviet occupation zone and the GDR

At the end of World War II German refugees and displaced persons made up about a quarter of the population in the Soviet occupation zone (SBZ), In the phase of collapse and awakening it was necessary to provide 4.3 million people with what they needed: food, housing, work and, last but not least, with prospects for the future. They should find a “new home” in the socialist society that was forming. The resettlement policy was a strict assimilation policy, which was intended to turn the resettled people into people without a past, who concentrated entirely on building the new society. The special status as a distinct group thus only lasted for a short time. Already at the beginning of the fifties the former resettlers were regarded as successfully integrated. In the GDR public a far-reaching taboo of flight and expulsion set in, for example in connection with the prohibition to form associations of “Landsmannschaften (expellee organizations). A culture of remembrance related to the forced migrations around 1945 could therefore only arise in the Eastern part of the country after the end of the GDR. Using qualitative interviews, archival material and contemporary publications, the text provides insights into the complex problem and possibility spaces that arose in the coexistence of old residents and resettled people in the upheaval society of the SBZ/GDR

Georg Jäschke, The Catholic Youth Associations of Expellees in the Federal Republic of Germany. Gemeinschaft Junges Ermland and Danziger Katholische Jugend

A first meeting of young adults who had been committed to the Warmian youth work during the interwar period took place in Lippstadt in August 1947. The founding date of the Community of Young Warmia was the Easter meeting at Vinsebeck Castle (Westphalia) in 1948. In Schüren (Sauerland), at Easter 1950, the organization gave itself a programme which – in addition to the integration into the new homeland – included the preservation of Warmian traditions, contacts with brothers and sisters of the GDR and the reshaping of relations with Poland. The study conference in the spring of 1959 explicitly advocated an understanding with Poland in a new Europe. The organizational expansion of the Community is reflected in the increasing number of participants at the Easter meetings in Helle (Sauerland) for older people, and in Freckenhorst (Münsterland) for younger ones, as well as in the large number of regional meetings throughout Western Germany.
The foundation of the Community of Gdansk Catholic Youth in August 1947 at the youth castle Gemen (diocese Münster) was connected with a message to the Catholic Youth of the Polish People in the area of the Free City of Gdansk. The consolidation of the community showed itself in the growing number of members as well as the annual youth meetings at Gemen Castle at the end of August with lectures and discussions on topics from church and society. The Community Order – passed in 1956 – was committed to the democratic form of government, to the reunification of Germany, to the lost Eastern territories, to the creation of the European federation in freedom and to the effort to meet Polish youth in order to find a future attitude that would make hatred, revenge and nationalism impossible

INHALTSVERZEICHNIS

Editorial (S. 1–2)

Aufsätze

Joanna Szkolnicka, Alltag der Deutschen im Oblast Kaliningrad (S. 3–28)

Uta Bretschneider, Zwang zur Zukunft. „Umsiedler“ in der Zusammen- und Aufbruchsgesellschaft der sowjetischen Besatzungszone und der DDR (S. 29–47)

Georg Jäschke, Die katholischen Jugendverbände der Vertriebenen in der Bundesrepublik. Gemeinschaft Junges Ermland und Danziger Katholische Jugend (S. 48–68)

Literaturbericht

Sławomir Kościelak, Neuere polnische Forschungen zur Geschichte der Jesuiten im Königlichen und Herzoglichen Preußen (S. 69–93)

Quelle

Statuten des Domkapitels von Pomesanien (um 1400) Hrsg. von Johannes Götz (S. 94–98)

Buchbesprechungen

Beata Dorothea Montoviensis, Prusiae Patrona.(Joanna Szolnicka) (S. 99–101)

Andrzej Kopiczko, Dzieje kościoła i parafii św Wrzesinie do 1945 r. (Hubert Leschnik) (S. 101–102)

Andrzej Kopiczko, Dzieje kościoła i parafii św. Wojciecha w Mrągowie do 1945 r. (Hubert Leschnik) (S. 102–103)

Łukasz Myszka, Dominikanie w Toruniu od XVI do XIX wieku. Katolicki zakon w protestanckim mieście. (Sławomir Kościelak) (S. 103–105)

Stefan Samerski, Konfessionalisierung durch Deutschordensrezeption. Die Jesuiten auf der Marienburg. (Wojciech Zawadzki) (S.105–108)

Ernst-Albert Seils, Hugo Haase, ein jüdischer Sozialdemokrat im deutschen Kaiserreich. (Christian Pletzing) (S. 108–110)

Stanisław Kuprjaniuk, Mała architektura sakralna na Warmi do 1945 roku ze szczególnym uwzględnieniem kapliczek. (Beate Störtkuhl) (S. 110–112)

Chronik (S. 113–114)

Auswahlbibliographie 2017 (S. 115–122)

TABLE OF CONTENTS

Editorial (p. 1–2)

Articles

Joanna Szkolnicka, Everyday Life of the Germans in the Kaliningrad Oblast (p. 3–28)

Uta Bretschneider, Forcing the Future. Resettlers in the collapse and upheaval society of the Soviet occupation zone and the GDR (p. 29–47)

Georg Jäschke, The Catholic Youth Associations of Expellees in the Federal Republic of Germany. Gemeinschaft Junges Ermland and Danziger Katholische Jugend (p. 48–68)

Literature Review

Sławomir Kościelak, Newest Polish research on the history of Jesuits in Royal Prussia and the Duchy of Prussia (p. 69–93)

Source
Statutes of the cathedral chapter of Pomesania (about 1400). Ed. by Johannes Götz (p. 94–98)

Reviews (see above) (p. 99–112)

Chronicle (p. 113–114)

Survey of bibliography 2017 (p. 115–122)

Zitation
Zeitschrift für die Geschichte und Altertumskunde 62 (2018). in: H-Soz-Kult, 11.06.2019, <www.hsozkult.de/journal/id/zeitschriftenausgaben-11778>.
Weitere Hefte ⇓