Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 71 (2020), 1–2

Titel
Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 71 (2020), 1–2.
Weitere Titelangaben
Urteilsbildung im Geschichtsunterricht


Hrsg. v.
Christoph Cornelißen, Michael Sauer, Peter Burschel
Heft(e)
1–2
Erschienen
Herausgeber d. Zeitschrift
Christoph Cornelißen, Michael Sauer, Peter Burschel
Erscheinungsweise
monatlich
Kontakt
Prof. Dr. Michael Sauer Universität Göttingen Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte Didaktik der Geschichte Waldweg 26 37073 Göttingen Tel. 0551/39-13388 Fax 0551/39-13385

Urteilsbildung und insbesondere die Unterscheidung von Sach- und Werturteil gehören zum festen Inventar von geschichtsdidaktischen Konzepten und Kompetenzmodellen, von Lehrpraktiken des Geschichtsunterrichts und von Leistungsanforderungen an Schülerinnen und Schüler. Es sollte, so möchte man meinen, auf allen Ebenen und für alle Beteiligten klar sein, was eigentlich Urteilsbildung im Fach Geschichte ausmacht und wie sie funktioniert. Befasst man sich freilich genauer mit dem Thema, treten zahlreiche Fragen auf. Was genau ist eigentlich der Unterschied zwischen Sach- und Werturteil (und ggf. auch noch einer vorgängigen Sachanalyse)? Definiert sich dieser Unterschied vornehmlich über die unterschiedlichen Zeitebenen und Perspektiven, nämlich die der historischen Akteure und die der heutigen Betrachter? Oder geht es (auch) um verschiedenartige kategoriale Zugriffe – und wenn ja, um welche jeweils? Wie können oder sollten Sach- und Werturteil miteinander verknüpft werden? Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten gibt es zwischen Urteilsbildung im Geschichts- und im Politikunterricht, in dem sie gleichfalls zentral ist? Wie gehen Lehrkräfte in ihrer Lehr- und Bewertungspraxis mit Urteilsbildung um? Verfügen Schülerinnen und Schüler über ein ausreichend differenziertes Verständnis von Sach- und Werturteil (was wiederum eine entsprechende Vermittlung voraussetzt)? Urteilsbildung beruht auf Argumentation – wie gut und bewusst können Schülerinnen und Schüler eine solche Argumentation sprachlich realisieren? Und auf welche Weise können ihnen Lehrkräfte in einer Zeit, in der „Sprache im Fach“ zu einem zentralen Thema geworden ist, dabei Hilfestellung leisten?

All diese Fragen verfolgt das vorliegende Heft. Der einleitende Artikel von Holger Thünemann beleuchtet, welches Verständnis Geschichtswissenschaft und Geschichtsdidaktik vom Konzept des Werturteils haben und welche Bedeutung sie ihm zuschreiben. Dabei zeigt sich die Geschichtswissenschaft – abgesehen von bestimmten Themen, bei denen eine Positionierung aus ethischen Gründen unumgänglich ist – eher werturteilskritisch. Das bedeutet freilich nicht, dass nicht unter Hand auch in Veröffentlichungen von Historikern Werturteile formuliert werden, wie Thünemann an einem Beispiel demonstriert. Für eine gemeinsame Orientierung der Nachbarfächer Geschichte und Politik plädiert Ulrich Hagemann. Dazu stellt er aufs Neue ein Modell „historisch-politischer Urteilsbildung“ vor, das er zusammen mit Jörg Kayser schon vor längerer Zeit entwickelt hat, und führt dessen Umsetzung exemplarisch vor. Lisa Fauth und Inga Kahlcke heben vor allem auf die Frage ab, ob sich die Unterscheidung von Sach- und Werturteil eher an den Zeitperspektiven oder an Kategorien festmacht bzw. festmachen sollte. Sie zeigen, dass die Auffassungen und Anwendungsweisen uneindeutig sind: angefangen von den grundlegenden Arbeiten Karl-Ernst Jeismanns über aktuelle Unterrichtsmaterialien bis hin zu den beliefs und Praktiken von Lehrkräften, zu denen sie empirische Beispiele präsentieren. Von solchen Unschärfen geht auch Hans-Joachim Müller in seinem Beitrag aus; dieser mündet in den Vorschlag einer „pragmatischen Methodik“ für die Umsetzung von Urteilsbildung im Unterricht, die an zwei Unterrichtsbeispielen erläutert wird.

Ausgehend von konzeptionellen Vorüberlegungen zur Bedeutung von Textprozeduren berichten abschließend Max-Simon Kaestner und Britta Wehen über ein Unterrichtsvorhaben, in dem es um die sprachliche Förderung der urteilsspezifischen Argumentationsfähigkeit von Schülerinnen und Schüler ging. Die Beispiele belegen Fortschritte, freilich auf weiter optimierbarem Niveau. Insgesamt zeigt das Heft, wie notwendig weitere Klärungen beim Thema Urteilsbildung sind: konzeptionell, empirisch und pragmatisch.

Michael Sauer

INHALT

ABSTRACTS 2
EDITORIAL 4

BEITRÄGE

Holger Thünemann
Historische Werturteile, Positionen, Befunde, Perspektiven (S.5)

Ulrich Hagemann
Das Modell historisch-politischer Urteilsbildung – eine legitime Grenzüberschreitung? (S.19)

Lisa Fauth/Inga Kahlcke
Perspektiven oder Kategorien?
Die Unterscheidung von Sach- und Werturteil in der Forschung, in Unterrichtsmaterialien und bei Geschichtslehrkräften (S.35)

Hans-Joachim Müller
Urteilen im Geschichtsunterricht
Bestandsaufnahme einer schwierigen Operation und Ansätze einer pragmatischen Umgangsweise (S.48)

Max-Simon Kaestner/Britta Wehen
Historische Urteilsbildung (sprachlich) fördern
Eine Unterrichteinheit zur Aneignung sprachlicher Werkzeuge für das Schreiben von Sachurteilen (S.64)

Informationen Neue Medien

Gregor Horstkemper
Der Völkerbund im Spiegel seines
Dokumentenerbes (S. 82)

Literaturbericht

Raimund Schulz/Uwe Walter
Altertum, Teil I (S.85)

Nachrichten (S. 106)

Autorinnen und Autoren (S. 112)

ABSTRACTS

Holger Thünemann
Historische Werturteile
Positionen, Befunde, Perspektiven
GWU 71, 2020, H. 1/2, S. 5 – 18
Über Werturteile wird in der Geschichtswissenschaft immer wieder kontrovers diskutiert. Ein Grund dafür besteht darin, dass der Begriff des Werturteils nicht klar genug definiert ist. Im Beitrag werden zunächst relevante Positionen zur Werturteilsbildung erörtert. Handelt es sich dabei um eine Teiloperation historischen Denkens, die für die Arbeit von Geschichtswissenschaftlern und Geschichtsdidaktikern konstitutiv ist? Danach werden empirische Beobachtungen zu Werturteilen in Geschichtsunterricht und Wissenschaft vorgestellt. Abschließend folgt ein Vorschlag zur begrifflichen Präzisierung.

Ulrich Hagemann
Das Modell historisch-politischer Urteilsbildung – eine legitime Grenzüberschreitung?
GWU 71, 2020, H. 1/2, S. 19 – 34
Das 2005 erstmals vorgestellte Modell zur „Urteilsbildung im Geschichts- und Politikunterricht“ ist in den Fachdidaktiken abgelehnt oder nicht beachtet worden. Dies erstaunt, da Urteilen in der Schule weiterhin der höchste und anspruchsvollste Anforderungsbereich ist und Hilfestellungen für diesen ganz besondere Aufmerksamkeit erhalten sollten. Zudem gibt es vielfältige Anknüpfungspunkte zwischen der Modellbildung von „Urteilsbildung im Geschichtsund Politikunterricht“ und Positionen der Fachdidaktiken. Dies soll gezeigt und davon ausgehend dafür plädiert werden, dass die Überschreitung von Fächergrenzen beim Urteilen legitim und im Lichte der Kompetenzorientierung auch angemessen ist.

Lisa Fauth/Inga Kahlcke
Perspektiven oder Kategorien?
Die Unterscheidung von Sach- und Werturteil in der Forschung, in Unterrichtsmaterialien und bei Geschichtslehrkräften
GWU 71, 2020, H. 1/2, S. 35 – 47
Urteilsbildung stellt einen zentralen Bestandteil des historischen Lernens dar. So haben sich die Begriffe „Sachurteil“ und „Werturteil“ sowohl in der Forschung als auch in Lehrplänen etabliert. Es fehlt jedoch trotz dieses Konsenses an einer einheitlichen Definition der verschiedenen Urteilsebenen. Ausgehend von den Konzepten Weymars und Jeismanns werden in diesem Beitrag deshalb zunächst bereits existierende Definitionen von Sach- und Werturteil verglichen. Anhand von konkreten Beispielen aus Unterrichtsmaterialien sowie Interviews mit Lehrkräften wird anschließend aufgezeigt, welche Urteilsverständnisse sich darin widerspiegeln und worin sich diese unterscheiden.

^Hans-Joachim Müller
Urteilen im Geschichtsunterricht
Bestandsaufnahme einer schwierigen Operation und Ansätze einer pragmatischen Umgangsweise
GWU 71, 2020, H. 1/2, S. 48 – 63
Urteilen im Geschichtsunterricht ist in Theorie und Praxis ein schwieriges Geschäft. Sach- und Werteurteil sollten im Unterricht getrennt werden, ihre Verschränkung aber auf der Metaebene reflektiert werden. Beim Sachurteil kann ein zu starres Korsett von Kriterien hinderlich sein. Vielmehr sollte eine Palette von „Sinnbildungsangeboten“ Lehrkraft und Schülerinnen und Schülern zu einem Prozess der Entfaltung von Möglichkeiten zur situationsgemessenen Beurteilung von Sachverhalten führen.

Max-Simon Kaestner/Britta Wehen
Historische Urteilsbildung (sprachlich) fördern
Eine Unterrichteinheit zur Aneignung sprachlicher Werkzeuge für das Schreiben von Sachurteilen
GWU 71, 2020, H. 1/2, S. 64 – 81
Historisches Denken manifestiert sich durch literales Handeln. Dabei sind Textprozeduren als sprachliche Werkzeuge Grundlage für die Realisierung historischer Denkoperationen. Dieser Beitrag verknüpft Ansätze der Didaktik der Prozeduren zur Schreibkompetenzförderung und der Geschichtsdidaktik zur Förderung der Sachurteilskompetenz. Auf dieser Basis wird eine innovative Unterrichtseinheit skizziert, die im siebten Jahrgang eines Gymnasiums durchgeführt wurde. Zwei Schülertexte bieten einen Einblick in die Wirkung des Förderkonzepts und zeigen, dass es zu einer Verbesserung der Sachurteilsbildung kommt.

Zitation
Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 71 (2020), 1–2. in: H-Soz-Kult, 14.02.2020, <www.hsozkult.de/journal/id/zeitschriftenausgaben-12243>.
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Veröffentlicht am
14.02.2020
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