Zeitschrift für Genozidforschung 18 (2020), 1

Titel
Zeitschrift für Genozidforschung 18 (2020), 1.
Weitere Titelangaben
Todeszonen


Hrsg. v.
Prof. Dr. Mihran Dabag, Dr. habil. Kristin Platt
Heft(e)
1
Erschienen
Weilerswist 2020: Velbrück Wissenschaft
Umfang
152 S.
Preis
€ 24,90
Herausgeber d. Zeitschrift
Prof. Dr. Mihran Dabag, Dr. Kristin Platt in Zusammenarbeit mit dem Kuratorium des Instituts: Prof. Dr. Stefan Berger, Prof. Dr. Wilhelm Bleek, Prof. Dr. Lucian Hölscher, Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Knut Ipsen, Ulrike Johanning-De Abrew, Prof. Dr. Jürgen Straub
Kontakt
Dr. Medardus Brehl (verantwortlich), Institut für Diaspora- Genozidforschung an der Ruhr-Universität Bochum, D-44801 Bochum Tel.: +49 (0)234/32 29702, Fax: +49 (0)234/32 14770

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen,

erschienen ist ein neues Heft der „Zeitschrift für Genozidforschung“ mit dem Themenfokus „Todeszonen“. Das Heft (152 Seiten) kann zu einem Preis von EUR 24,90 über den Buchhandel oder direkt über den Verlag (www.velbrueck-wissenschaft.de) bezogen werden.
Die „Zeitschrift für Genozidforschung“ erscheint halbjährlich. Der Jahresbezugspreis beträgt 49,80 Euro, das Einzelheft 24,90 Euro, incl. MWst., zzgl. Versandkosten. Die Redaktion lädt zur Einsendung von Manuskripten ein, über die Veröffentlichung entscheidet ein peer-review Verfahren. Weitere Informationen zur Zeitschrift finden Sie auf unserer Homepage: www.http://www.idg.rub.de/publikationen/zfg.html.de

AUS DEM EDITORIAL:

Als „Todeszonen“ versteht die Biologie Gewässer, die keine ausreichende Sauerstoffsättigung aufweisen, um Leben zu ermöglichen. Hier herrscht ein hypoxisches Milieu. Lebensfeindliche Räume entstehen aber auch nach atomaren Unfällen oder aber in Zeiten von Epidemien, auch sie sind Zonen des Todes. Gleichzeitig üben manche dieser Räume eine große Anziehung auf Menschen aus: Wegen des hohen Aufkommens touristischer Bergsteiger im Gebiet jenseits der 7.000 m am Mount Everest spricht man schon von der „Warteschlange in der Todeszone“.

Unter dem Begriff der „Todeszone“ veröffentlichen wir im neuen Heft der Zeitschrift für Genozidforschung Beiträge, die spezifische Durchführungs-, Organisations- und Handlungsräume, Erfahrungs- und Imaginationsräume genozidaler Gewalt in das Zentrum rücken. Nicht zuletzt stellen sie auch die Frage nach dem historischen und gesellschaftlichen Ort, an dem menschliche Sterblichkeit als Ermöglichungsrahmen von Politiken der Vernichtung gedacht werden konnte und gedacht werden kann. Dabei tragen die Beiträge des Hefts in besonderer Weise dem spezifischen Anliegen der Zeitschrift Rechnung, Überlegungen zu theoretisch-methodischen Rahmungen der Forschung zu kollektiver Gewalt und Genozid mit der Untersuchung von Einzelaspekten der Ursachen, Entstehungsprozesse und Phasen von Ausgrenzungen, Vertreibungen, Verfolgungen und Völkermorden zu verbinden.

So greift Markus Holzinger in seinem Beitrag nochmals die im Heft 2, 2018 der Zeitschrift geführte, strukturierte Debatte über Stefan Kühls Studie „Ganz normale Organisationen“ auf. Detailliert setzt sich Holzinger mit den Antworten Kühls auf die an seinem aus einer systemtheoretisch angelegten Organisationssoziologie entwickelten Erklärungsmodell für die Ermöglichung des Holocaust geübten Kritik auseinander und diskutiert Kühls Thesen systematisch im Lichte der bisherigen kritischen Debatten.

Oswald Überegger fokussiert unter dem Begriff der „Todeszone“ vor allem die „inneren Räume“ der Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs: das Schlachtfeld als Raum militärischer Vorstellungskraft und spezifischer Erfahrungswelt. Im Zentrum der auf breiter Materialbasis durchgeführten Untersuchung steht dabei die Frage, welche raum- und zeitspezifischen Frontvorstellungen von den Soldaten der Mittelmächte an der Ostfront und auf dem Balkan transportiert wurden und inwieweit diese Projektionen Radikalisierungspotenzial enthielten.

Ebenfalls mit Gewalterfahrungen und Gewaltwahrnehmungen im Kontext des Ersten Weltkriegs beschäftigt sich Maria Six-Hohenbalken. Anhand archivalischer Quellen untersucht sie die politische, militärische, wirtschaftliche und humanitäre Agenda Österreich-Ungarns in Ostanatolien und Obermesopotamien während und nach dem Genozid an den Armeniern 1915/16 und zeichnet detailliert den Konflikt zwischen einerseits humanitärem Engagement und andererseits militärischen wie ökonomischen Interessen auf.

Die Gewalt der Roten Khmer im Demokratischen Kampuchea 1975–1979 wird häufig aus einem Zusammenbruch der sozialen Ordnung erklärt, die in einem Raum stattgefunden habe, in dem Staatlichkeit weitgehend gefehlt habe – oder sie wird gar als paranoides Abschlachten von Intellektuellen und Brillenträgern beschrieben. Solchen Lesarten tritt Daniel Bultman entschieden entgegen. In einer vertieften Analyse des Gesellschaftsprogramms der Roten Khmer und der Strategien seiner Umsetzung, der ökonomischen Agenda und des ab 1975 etablierten Gefängnis-, Lager- und Kontrollsystems weist er nach, dass die Dynamik der Gewalt im Demokratischen Kampuchea tatsächlich in dem radikalen Versuch der Transformation von Staat, Wirtschaft, Gesellschaft und Bevölkerung in eine perfekt modernistische und kollektivistische Ordnung begründet war.

Ausgehend von Maurice Blanchots Schrift des Desasters wendet sich der Beitrag von Burkhard Liebsch schließlich in einer geschichts- und gesellschaftsphilosophischen Perspektive der Frage nach der politischen Instrumentalisierung der menschlichen Sterblichkeit von Opfern zu, die in Vernichtungspolitiken und Völkermord zum Ziel systematischer Gewalt in der Moderne geworden ist. Vor diesem Hintergrund schlägt der Beitrag eine vergleichende Geschichte der Gewalt vor, die ohne eine korrelative Geschichte der menschlichen Moral undenkbar ist, und die aufzeigt, dass Menschen nicht zu allen Zeiten in gleicher Weise gewaltsam gegeneinander gehandelt haben, wie dies in der Moderne der Fall ist.

ARTIKEL:

Markus Holzinger:
Ganz seriöse Wissenschaft? Einige Bemerkungen zur Kühl-Kontroverse über die „ganz normalen Organisationen“ (S. 7–29)

Oswald Überegger:
Todeszone Front. Charakteristika und Spezifika eines Erfahrungsraums im Ersten Weltkrieg (S. 30–49)

Maria Six-Hohenbalken:
Upper Mesopotamia and Eastern Anatolia during World War I – Between Human Suffering and Commercial Intentions. A Critical Inquiry of Austrian Archival Sources (S. 50–69)

Daniel Bultmann
Gewalt und Ordnung unter den Roten Khmer (S. 70–91)

Burkhard Liebsch
Maurice Blanchots Schrift des Desasters und die Historizität menschlicher Sterblichkeit (S. 92–130)

Rezensionen (S. 131–145)
Autorinnen und Autoren (S. 146–147)

Zitation
Zeitschrift für Genozidforschung 18 (2020), 1. in: H-Soz-Kult, 18.05.2020, <www.hsozkult.de/journal/id/zeitschriftenausgaben-12403>.
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