Comparativ, Heft 2/1998

Titel
Comparativ, Heft 2/1998.
Weitere Titelangaben
Überleben in Kriegen in Afrika


Hrsg. v.
Helmut Bley und Gesine Krueger
Heft(e)
2
Erschienen
Herausgeber d. Zeitschrift
herausgegeben von Matthias Middell (Global and European Studies Institute, Universität Leipzig) und Hannes Siegrist (Institut für Kulturwissenschaften, Universität Leipzig) im Auftrag der Karl-Lamprecht-Gesellschaft e.V./ European Network in Universal and Global History
Erscheinungsweise
Erscheint fünfmal jährlich (mit einem Doppelheft) im Umfang von je ~140 Seiten.
Kontakt
Redaktion Comparativ Adresse: Universität Leipzig, Global and European Studies Institute Emil-Fuchs-Straße 1 D - 04105 Leipzig Telefon: +49 341 97 37 860 Fax: +49 341 960 52 61

Inhaltsverzeichnis:

Aufsaetze (mit Resuemees) / Articles (with Abstracts)

Helmut Bley: Krisenkontinent Afrika? (S. 7-9) (Editorial) Gesine Krueger: Der Deutsche Kolonialkrieg 1904-1907: Unterwerfung und Eigen-Sinn der Herero (S. 10 26)

In Mittelpunkt dieses Beitrags steht die Frage nach Ueberlebensstrategien und Rekonstruktionsprozessen innerhalb der vom deutschen Kolonialkrieg besonders betroffenen Hererogesellschaft. Die Geschichte der Nachkriegszeit ist bisher noch wenig untersucht worden, und dabei insbesondere die unterschiedlichen Formen der Kriegsbewaeltigung. In diesem Beitrag werden Viehraub und der Wiederaufbau von Herden, unterschiedliche Formen der Arbeitsverweigerung und die konkrete wie symbolische Landbesetzung als bewusste Strategien der ueberlebenden Herero gezeigt. Auch die Entstehung neuer Institutionen, wie der sogenannten ,Truppenspieler" muessen im Kontext der Kriegsbewaeltigung verstanden werden, und nicht wie bisher als pittoreske, der deutschen Kolonialzeit verhaftete Traditionsvereine. Nur so wird der erfolgreiche Rekonstruktionsprozess innerhalb der Hererogesellschaft verstaendlich, der trotz des Genozids und der drastischen Kontrollpolitik der deutschen Kolonialmacht stattgefunden hat.

The German Colonial War 1904-1907: Subjection and Authenticity of the Herero-People, by Gesine Krueger

The main focus of this paper is on survival strategies and process of reconstruction within the Herero society which was stricken hard by the military attacks of German colonialism. Little research has so far been done into the postwar history especially into the various ways in which people tried to cope twith the implications of the war. In this paper cattle pillage and the reconstruction of herds are shown along with the various forms of refusal to work, with concrete and symbolic land seizure as the strategies used by the surviving Herero people. The emergence of new institutions such as the so-called ,Truppenspieler" should be seen in the context of Herero peoples coping with the wars, no longer as picturesque clubs rooted in the traditions of German colonialism. It is only in this context that the successful reconstruction process can be fully understood that has taken place in spite of genocide and the drastic control measures applied by the German colonial system.
Frank Schubert: "War came to our place" - Der Buergerkrieg im Luwero-Dreieck, Uganda 1981-1986 (S. 27-42)

Die Kriege Afrikas sind zumeist von aussen betrachtet worden. Diese Perspektive reduziert die Hauptleidtragenden von Kriegen, die Zivilisten, auf die Rolle des Opfers. Am Beispiel des ugandischen Buergerkriegs zu Beginn der achtziger Jahre wird gezeigt, dass Zivilisten mitnichten passiv sind, sondern aktiv versuchen, ihr Ueberleben selbst in Zeiten hoher Gewaltintensitaet und gesellschaftlicher Verwerfungen zu sichern, gegebenenfalls sogar zu verbessern. Das Spektrum der von der Zivilbevoelkerung verfolgten Strategien ist dabei sehr vielfaeltig und umfasst durchaus auch sich widersprechende Verhaltensweisen, wie zum Beispiel Kollaboration und Widerstand. Zumeist sicherten die Zivilisten ihr Ueberleben jedoch durch ihre grosse Mobilitaet (Flucht und Wechsel der Fronten). Der Buergerkrieg im Luwero-Dreieck wird zudem in den historischen Kontext eingeordnet.

,War came to our place" - The 1981-86 Civil War in the Ugandan Luwero Triangle, by Frank Schubert

Wars in Africa have usually been studied from without. Such a perspective reduces the civilians who are the main sufferers in wars, to victims of those wars. By the example of the Ugandan Civil War in the early 1980s it is demonstrated that civilians are by no means passive but rather trying actively to secure their survival, even intimes of intense violence and societal upheaval, or even more so, to improve their chances of survival. The range of inventive civilian strategies is wide and varied, comprising even contradictory behavioral patterns such as collaboration and resistance. Usually, civilians ensure their survival by extreme mobility (flight and changing fronts). The Civil War in the Ugandan Luwero Triangle is seen within the framework of its historical context.
Thorsten Meier: Internationale Flüchtlingshilfe und afrikanische Fluechtlingsrealitaeten am Horn von Afrika (S. 43-56)

Fluechtlinge in Afrika werden gemeinhin als extrem hilfebeduerftig von internationaler Unterstuetzung angesehen. Der Artikel widerspricht dieser undifferenzierten Sichtweise und zeigt statt dessen, wie afrikanische Fluechtlinge selbst in schwierigen Lebenslagen noch versuchen, ihre Lebensplanungen unabhaengig von internationalen Hilfsorganisationen zu verfolgen. Diese Bemuehungen sind notwendig und erfolgreich. Die angebotenen Hilfeleistungen werden dabei oftmals nur selektiv angenommen, und ihre Aneignung kann durchaus im Widerspruch zu den Prinzipien internationaler Hilfsorganisationen stehen. Konflikte zwischen afrikanischen Fluechtlingen und internationalen Hilfsorganisationen sind daher weit verbreitet und erklaeren zum grossen Teil den Misserfolg der internationalen Fluechtlingshilfe in Afrika.

International Aid for Refugees in Africa and the African Refugee's Real Life Reactions at the Horn of Africa, by Thorsten Meier

Refugees in Africa are generally regarded as extremely dependent on international aid. This paper contradicts such a generalizing view and shows how, instead, African refugees, even in very difficult circumstances, try to pursue their principles of life independently of international relief programs. Such efforts are both necessary and successful. African refugees often carefully select what kind of help to accept, which can well be in contrast to the principles of international relief organisations. Conflicts between African refugees and international relief organisations are therefore very common and help to understand much of the inefficiency or even failure of international relief programs in Africa.
Frank Schubert / Thorsten Meier / Gesine Krueger: Die Allmacht von Organisationen und die Wuerde der Einzelnen. Zur Sozialgeschichte von Krieg und Nachkriegszeit in Afrika. Gespraech mit Helmut Bley (S. 57-70)

The Omnipotence of Organisations and the Dignity of the Individual. On Social History of War and Post-War in Africa. An Interview with Helmut Bley, by Frank Schubert, Thorsten Meier ans Gesine Krueger

Forum

Hannes Siegrist: Das Buergertum als Gegenstand und Subjekt der italienischen Geschichte (S. 71-82)

Der Verfasser setzt sich mit dem Buch von Alberto M. Banti ueber die Geschichte des italienischen Buergertums zwischen 1860 und 1920 auseinander, dessen Hauptargument darauf hinauslaeuft, die Existenz einer nationalen Bourgeoisie angesichts der Heterogenitaet der ihr zuzurechnenden Gruppen und Milieus zu verneinen. Erst der 1. Weltkrieg haette die Selbstdefinition dieser Gruppen auf ein gemeinsames nationales Projekt gelenkt. Banti weist, gestuetzt auf die Theorien der neuen Kulturgeschichte, die Anwendung "objektiver" Kriterien fuer die Bestimmung des Buergertums zurueck und orientiert sich an einer Diskursanalyse der Selbstbeschreibungen. Siegrist wendet dagegen ein, dass dieses Verfahren einerseits an vielen Punkten nicht mit der noetigen Konsequenz durchgefuehrt wurde und andererseits nicht gestattet, die noetige intellektuelle Distanz zum Gegenstand der Untersuchung zu gewinnen, um eine ueberzeugende Kulturgeschichte des Buergertums zu schreiben..

The middle classes as subject and object in Italian history, by Hannes Siegrist

The book by the Italian historian Alberto M. Banti under review in this paper is a history of the middle classes in Italy from 1860 to 1920, the main argument being that there was no national bourgeoisie in Italy because the different groups and classes were to heterogenous and unable to form one single class. According to Banti, it was only World War I that organised the middle classes as a national bourgeoisie et led their self-definitions towards a common national project. Based on the new cultural history, Banti disapprouved of a history that takes for its starting point an "objective" construction of what bourgeoisie should be, preferring a discourse analysis of self-descriptions of the different groups which were later to form the Italian bourgeoisie. Siegrist however tries to show that Banti`s arguments, on the one hand, are not consistent or clear enough in a poststructuralist understanding and that his methodology, on the other, cannot allow him to gain the intellectual distance necessary to write a cultural history of the middle classes.
Oliver Janz: Protestantische Pfarrer vom spaeten 18. bis zum fruehen 20. Jahrhundert. Deutschland und England im Vergleich (S. 83-111)

Ausgehend von strukturellen Aehnlichkeiten beschreibt der Beitrag Moeglichkeiten des Vergleichs zwischen der anglikanischen Geistlichkeit in England und den deutschen protestantischen Pfarrern. Gemeinsam ist beiden Gruppen vor allem die staatskirchliche Tradition, weshalb andere Pfarrergruppen vorerst aus dem Vergleich ausgeklammert bleiben. Ausgangspunkt ist die Beschreibung der sozialen Rekrutierung, der institutionellen Verankerung, der Breite der sozialen Funktionen und der mit der Privilegierung durch Bildung gegebenen Aufstiegschancen der Geistlichkeit um 1750 sowie die Analyse der Wandlungsprozesse bis zur ersten Haelfte des 19. Jahrhunderts. Hieran schliesst sich die Eroerterung konvergierender Tendenzen vor allem der Professionalisierung bis in das 20. Jahrhundert hinein an. Als wichtige Unterschiede fallen besonders die geringere staatliche Lenkung der Professionalisierung und Pfarrstellenbesetzung sowie die groessere Konkurrenz durch andere protestantische Religionsgemeinschaften in England gegenueber Deutschland auf.

The Protestant Clergy in Germany and England from the 18th to the early 20th Century - a Comparison, by Oliver Janz

Starting out from structural similarities, the paper states that a comparison of the Anglican clergy in England and German Protestant ministers can be justified. What both groups have in common is their tradition of Established Churches, which is why other groups of clergymen are not be included in the comparison. The starting point for research is a description of the clergy's social recruitment, their institutional incorporation, the range of their social functions and chances of upward mobility caused by their beeing privileged by education around the year 1750, as well as an analysis of the changes that had taken place by the first half of the 19th century. A discussion follows of converging trends, above all, of professionalisation well into the 20th century. Among the differences that strike the historian are a lower level of state interference with respect to professionalisation and appointments to parishes as well as tougher competition with other protestant religious communities in England compared with Germany.

Mitteilungen und Berichte / News and Conferences

Axel Harneit-Sievers: Neue Lokalgeschichtsschreibung in Afrika und Suedasien / New Local Historiographies in Africa and South Asia (S. 112-115) Jacques Poumet: Soziale Gruppen der neuen Bundeslaender im Wandel (S.116-119)

Buchbesprechungen / Book Reviews (S. 120-136)

Michel Balard, Autour de la première croisade, Paris 1996 (Pierre Vincent Claverie) Jutta Heinz, Wissen vom Menschen und Erzaehlen vom Einzelfall. Untersuchungen zum anthropologischen Roman der Spaetaufklaerung, Berlin 1996 (Ingrid Weber) Juergen Osterhammel, Shanghai, 30. Mai 1925. Die chinesische Revolution, Muenchen 1997 (Klaus Birk) Helga Bories-Sawala, "Franzosen im Reichseinsatz". Deportation, Zwangsarbeit, Alltag. Erfahrungen und Erinnerungen von Kriegsgefangenen und Zivilarbeitern, Frankfurt am Main 1996 (Hans-Martin Moderow) Nobert Finzsch, Juergen Martschukat, Reconstruction und Wiederaufbau in Deutschland und den Vereinigten Staaten von Amerika 1865, 1945 und 1989, Stuttgart 1996 (Joerg Roesler) Thomas Raabe, SED-Staat und katholische Kirche. Politische Beziehungen 1949-1961, Paderborn 1995 (Martin Hoellen) Andreas Malycha, Partei von Stalins Gnaden? Die Entwicklung der SED zur Partei neuen Typs in den Jahren 1946 bis 1950, Berlin 1996 (Thomas Schaarschmidt) Christoph Meyer, Die deutschlandpolitische Doppelstrategie. Wilhelm Wolfgang Schuetz und das Kuratorium Unteilbares Deutschland (1954-1972), Landsberg am Lech 1997 (Werner Buehrer) Werena Rosenke, Thomas Siepelmeyer (Hrsg.), Afrika - der vergessene Kontinent? Zwischen selektiver Weltmarktintegration und oekologischen Katastrophen, Muenster 1994 (Ulrich van der Heyden) Ernest Gellner, Bedingungen der Freiheit. Die Zivilgesellschaft und ihre Rivalen, Stuttgart 1995 (Wolfgang Fach)

Resuemees / Abstracts

Verzeichnis der Autorinnen und Autoren

COMPARATIV erscheint sechsmal jaehrlich im Umfang von je 140 Seiten. / Einzelheft DM 12,80 / dieses Doppelheft DM 24,80 / Jahresabonnement DM 66,- / Jahresabonnement fuer Studierende/Ermaessigungsberechtigte DM 32,50 / Fuer Mitglieder der Karl-Lamprecht-Gesellschaft (im Mitgliedsbeitrag inbegriffen) DM 45,-

Zitation
Comparativ, Heft 2/1998. in: H-Soz-Kult, 07.02.2003, <www.hsozkult.de/journal/id/zeitschriftenausgaben-126>.
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Veröffentlicht am
07.02.2003
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