Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 71 (2020), 11–12

Titel der Ausgabe 
Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 71 (2020), 11–12
Weiterer Titel 
Historische Anthropologie

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monatlich

 

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Institution
Geschichte in Wissenschaft und Unterricht
Land
Deutschland
c/o
Prof. Dr. Michael Sauer Universität Göttingen Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte Didaktik der Geschichte Waldweg 26 37073 Göttingen Tel. 0551/39-13388 Fax 0551/39-13385
Von
Sauer, Michael

Was ist Historische Anthropologie? Die Beiträge des vorliegenden Heftes gehen dieser Frage nach, indem sie versuchen, die Konturen des historisch-anthropologischen Feldes in der je epochalen und je thematischen historiographischen Praxis zu bestimmen. Die Beiträge sollen es erlauben, historisch-anthropologische Ansätze im konkreten analytischen Vollzug in den Blick zu nehmen – und dabei zugleich die programmatische und dynamische Vielfalt dieses transdisziplinären Feldes jenseits einzelner methodischer Engführungen kennenzulernen. Die vier Verfasserinnen und der Verfasser haben vor diesem Hintergrund ihre Analyseschritte explizit historisch-anthropologisch ausgewiesen.

Am Anfang entwirft Marian Füssel nach einer problemorientierten Absteckung des historisch-anthropologischen Feldes die Konturen einer Historischen Anthropologie des Siebenjährigen Krieges, die zugleich die Konturen globalisierter Gewalt sind. Der Siebenjährige Krieg wird bei Füssel zu einem Schauplatz menschlicher Elementarerfahrungen wie Arbeit, Körper, Hunger und Tod, die eine Geschichte des Krieges „aus der Nähe“ nicht ergänzen, sondern ausmachen. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf mikrohistorischen Zugängen in globaler Perspektive, wobei nicht zuletzt den Akteuren eine besondere Rolle zu- kommt, die wie der afrikanische Sklave Olaudah Equiano als „go-betweens“ oder „cultural brokers“ bezeichnet werden können.

Im Anschluss fragt Tiziana Bonetti am Beispiel des mittelitalienischen Dorfes Montevarchi nach den gemeinschaftsbildenden Kräften der dortigen Marienmilchreliquien im späten Mittelalter und im 16. Jahrhundert. Bonetti versteht die Marienmilchreliquien dabei nicht als isolierte Objekte von kunsthistorischer Bedeutung, sondern – gut historisch-anthropologisch – als kulturelle Artefakte, die ein oligarchisch gesteuertes Repertoire religiöser und sozialer Praktiken begründeten: ein Repertoire, über das die dörflichen Ressourcen und Interaktionen strukturiert wurden. Gleichzeitig verweist die Verfasserin auf die Ambivalenzen des Motivs der stillenden Muttergottes, indem sie die Spannung zwischen reiner Milch und potentiell erotischer Jungfernbrust rekonstruiert.

Auch die folgenden beiden Beiträge erweitern körpergeschichtliche Ansätze historisch-anthropologisch: Nina Mackert und Maren Möhring fragen, wie das „neue“ Ernährungswissen um 1900, wie erste Fitness- und Diätwellen, wie nicht zuletzt die zunehmende Betonung individueller Verantwortung für die eigene Gesundheit dazu beitrugen, das moderne westliche Ideal des selbstkontrollierten Subjekts mit Körper- und Ernährungsroutinen zu verbinden. Im Mittelpunkt steht dabei die Untersuchung von autobiographischen Aufzeichnungen eines US-amerikanischen und eines deutschen Lebensreformers, die eine mikrohistorische Perspektive auf die Alltagspraktiken und Selbsttechniken der beiden Akteure erlauben.

Katharina Bursztyn schließlich widmet sich am Beispiel der Inseratenwerbung der illustrierten Zeitschrift „Schweizer Familie“ zwischen 1890 und 1950 dem Ideal „reiner Haut“, um auf diese Weise Körper- und Konsumgeschichte als Wahrnehmungsgeschichte zusammenzuführen, die nicht nur Aufschlüsse über Reinheitsvorstellungen ermöglicht, sondern auch über die damit verbundenen Lebenspraktiken und Lebensstile. Darüber hinaus kann Bur- sztyn zeigen, wie Geschlechter-, Medien-, Konsum- und Medizingeschichte historisch-anthropologisch produktiv aufeinander bezogen werden können, und auf diese Weise die Entstehung von (zum Teil erschreckend) nachhaltigen Wahrnehmungs- und Deutungsmustern rekonstruieren. Der Slogan, dass unreine Haut Geschichte mache, gerät so zu einem historisch-anthropologischen Credo, das weit über seinen Gegenstand hinausweist.

Inhaltsverzeichnis

INHALT

ABSTRACTS (S. 602)

EDITORIAL (S. 604)

BEITRÄGE

Marian Füssel
Die Welt in Flammen
Zur Historischen Anthropologie des Siebenjährigen Krieges (1756 –1763) (S. 605)

Tiziana Bonetti
Aufs Wohl der Gemeinschaft! Marienmilch als Heilmittel
Eine historisch-anthropologische Annäherung (S. 620)

Nina Mackert/Maren Möhring
Selbst essen
Lebensreformerische Ernährungspraktiken und Subjektkonstitution um 1900 (S. 635)

Katharina Bursztyn
Unreine Haut macht Geschichte
Die Bewerbung eines Ideals in der illustrierten Zeitschrift „Schweizer Familie” zwischen 1890 –1950 (S. 653)

Rudolf Jaworski
Germania von außen gesehen
Streiflichter aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (S. 666)

BERICHTE UND KOMMENTARE

Barbara Hanke
Das Haus der Geschichte Österreich
Genese, Narrative, Prinzipien (S. 674)

INFORMATIONEN NEUE MEDIEN

Alessandra Sorbello Staub
Der Mensch im Mittelpunkt
Internetressourcen zur Historischen Anthropologie (S. 686)

LITERATURBERICHT

Josef Memminger/Dietmar von Reeken
Geschichtsdidaktik, Teil IV (S. 689)

NACHRICHTEN (S. 711)

AUTORINNEN UND AUTOREN (S. 716)

REGISTER DES JAHRGANGS 71,
2020 (S. 717)

ABSTRACTS

Marian Füssel
Die Welt in Flammen
Zur Historischen Anthropologie des Siebenjährigen Krieges (1756 – 1763
Anhand des Siebenjährigen Krieges (1756 – 1763) werden Fragestellungen, Themen und Potentiale der Historischen Anthropologie diskutiert. Gerade praxeologische und mikrohistorische Zugänge sehen sich angesichts der globalen Ausmaße dieses Konflikts, dessen Schauplätze sich über Europa, Amerika, Südasien und Afrika erstreckten, vor besonders produktive Herausforderungen gestellt. Der Alltag im Krieg wurde zum Brennpunkt menschlicher Elementarerfahrungen, wie Ernährung, Gewalt, Krankheit oder Tod, deren Geschichte keine ‚Ergänzung‘ der ‚eigentlichen‘ Politik- und Militärgeschichte darstellt, sondern ins Zentrum einer kritischen Kriegsgeschichte ‚aus der Nähe‘ führt.

Tiziana Bonetti
Aufs Wohl der Gemeinschaft! Marienmilch als Heilmittel
Eine historisch-anthropologische Annäherung
Marienmilch war im Mittelalter eine Alleskönnerin: Sie ermöglichte digestive Zugänge zur Muttergottes, war ein bewährtes Heilmittel und ein Bestseller unter Pilgermitbringseln aus dem Heiligen Land. Damit nicht genug wirkte die Milch der Jungfrau auch gemeinschaftsbildend: Am Beispiel des mittelitalienischen Dorfes Montevarchi zeigt dieser Beitrag auf, wie sich auf Initiative der lokalen Oligarchie die als Reliquie verehrte Milch zu einer identiätsstiftenden Substanz entwickeln konnte. Thematisiert wird anhand des Motivs der stillenden Muttergottes auch der Widerspruch zwischen körperlich ,gereinigter‘ Marienmilch und potentiell erotischer Jungfernbrust.

Nina Mackert/Maren Möhring
Selbst essen
Lebensformerische Ernährungspraktiken und Subjektkonstitution um 1900
Für die Geschichte der modernen Ernährung sind Verwissenschaftlichung und Rationalisierung der Nahrungsaufnahme als entscheidende strukturelle Prozesse herausgearbeitet worden. Die historische Anthropologie nun fragt aus mikrohistorischer Perspektive, wie die Konsumentinnen selbst mit dem neuen Ernährungswissen umgingen, dieses herausforderten oder auch umdeuteten. Am Beispiel eines US-amerikanischen und deutschen Lebensreformers zeigt der Beitrag, wie beide ihren Nahrungskonsum gestalteten und sich als selbstdisziplinierte Subjekte entwarfen, die Verantwortung für die Gesundheit ihres Körpers übernahmen.

Katharina Bursztyn
Unreine Haut macht Geschichte
Die Bewerbung eines Ideals in der illustrierten Zeitschrift „Schweizer Familie“ zwischen 1890 –1950
Unmengen an Inseraten beteuern im deutschsprachigen Raum zwischen 1890 und 1950, dass „unreiner Teint“ ein verbreitetes Übel sei, das es zu behandeln gilt. Erwartungsgemäß bewerben sie gleichzeitig die passenden Produkte zur Bekämpfung des Leides. Der Beitrag nimmt diese Inserate in den Blick. Anhand der daraus resultierenden Fragen lässt sich ein Ausschnitt der überlieferten Lebenspraxis von (Deutsch-) Schweizerinnen und Schweizern aufzeigen. Der in der Geschichtsforschung noch kaum beachtete Gegenstand des Ideals „reiner Haut“ in Werbung anfangs 20. Jahrhundert wird vorgestellt.

Rudolf Jaworski
Germania von außen gesehen
Streiflichter aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
Spätestens seit dem 19. Jahrhundert zählten weibliche Allegorien – so die Britannia, die Marianne oder die Germania – zum Symbolhaushalt aller Staaten und Nationen Europas. In den Forschungen, die sich mit bildlichen Darstellungen der Germania beschäftigten, stand zumeist ihr identitätsstiftender Aspekt für das Deutsche Reich und die Deutschen im Vordergrund. Mit dieser kleinen Studie wird demgegenüber erstmals der Versuch unternommen, stichprobenartig unterschiedliche Außenspiegelungen dieser Symbolfigur zu untersuchen. Anhand populärer Bildmedien aus Österreich-Ungarn, Frankreich, Großbritannien und der Sowjetunion wird aufgezeigt, wie sie gleich jenseits der Grenze zu Österreich-Ungarn eine ungebrochene großdeutsche Gesinnung ausdrückte, während sie etwa in Frankreich zu einer zentralen Zielscheibe negativer Propaganda wurde.

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