Comparativ, Heft 3/1998

Titel
Comparativ, Heft 3/1998.
Weitere Titelangaben
Modernen in Ostasien


Hrsg. v.
Steffi Richter
Heft(e)
3
Erschienen
Herausgeber d. Zeitschrift
herausgegeben von Matthias Middell (Global and European Studies Institute, Universität Leipzig) und Hannes Siegrist (Institut für Kulturwissenschaften, Universität Leipzig) im Auftrag der Karl-Lamprecht-Gesellschaft e.V./ European Network in Universal and Global History
Erscheinungsweise
Erscheint fünfmal jährlich (mit einem Doppelheft) im Umfang von je ~140 Seiten.
Kontakt
Redaktion Comparativ Adresse: Universität Leipzig, Global and European Studies Institute Emil-Fuchs-Straße 1 D - 04105 Leipzig Telefon: +49 341 97 37 860 Fax: +49 341 960 52 61

Inhaltsverzeichnis:

Aufsaetze (mit Resuemees) / Articles (with Abstracts)

Steffi Richter: Modernen in Ostasien. Prolog (Editorial) (S. 7-14) Ralf Moritz: China: Wie modern ist die Tradition? (S. 15-29)

Die atemberaubende Entwicklung der VR China gehoert zu den herausragenden Ereignissen der Menschheitsgeschichte am Ende des 20. Jahrhunderts. Im Zusammenhang mit der Korrektur politischer Rahmenbedingungen entwickeln sich im - kontrastreich verlaufenden - Prozess der Modernisierung neue Triebkraftpotentiale. Dieser Vorgang ist begleitet von einem Wertewandel, der sich in der Werteverschiebung zum Individuum ausdrueckt und tendenziell gegen die Prolongierung des traditionellen Wertehorizonts wirkt. Dabei ist der Wandel der Wertkultur kein geradliniger, sondern ein von vielen Tendenzen und Gegentendenzen gepraegter Vorgang, bei dem wir zwischen der Sphaere bewusster Einstellung und einem eher unreflektierten in den Gleisen der Tradition differenzieren muessen. Die kulturelle Verfuegbarkeit eines traditionell vorgepraegten Ordnungsmusters, das in der Komposition der sozialistischen Marktwirtschaft eine moderne Mutante erhaelt, sowie die entsprechenden Gewohnheiten des Bewegens in diesem Ordnungsmuster erscheinen als ein Grund dafuer, dass die gesellschaftliche Ordnung der VR China - im Unterschied zum Sowjetimperium - ohne Bruch weiter funktioniert. Im Zusammenhang mit in traditionellen Sozialisierungsprozessen begruendeten psychisch-kulturellen Sedimenten gewinnt die Frage nach der kulturellen Praegung wirtschaftlicher Entwicklung ihre Bedeutung, die mit dem Begriff der sinitischen Wirtschaftskultur wiedergegeben werden kann. Die unterschiedlichen Felder der gesellschaftlichen Wirklichkeit der VR China zeigen, dass bei allem Wertewandel zugleich eine Reaffirmierung von Traditionssegmenten geschieht - die Perspektive einer dichotomischen Trennung von Tradition und Moderne ist inadaequat.

China: How modern is tradition? By Ralf Moritz

The breathtaking development of the People's Republic of China has been one of the most outstanding historical events at the end of the 20th century. Within the context of correcting the conditions of the political framework, new driving forces have developed in the process of modernisation, which is itself full of contrasts. This process has been accompanied by changing values expressed in a shift towards the individual and tending towards a prolongation of the traditional value horizon. This change in value culture is not a linear process but a process determined by numerous tendencies and counter-tendencies, in which the sphere of conscious attitudes has to be distinguished from one of unreflected patterns of traditional thinking. The cultural availability of a traditionally predetermined ordering pattern containing a modern mutant in the framework of social market economy, as well as the resulting habits of moving about inside this ordering pattern, appear to be the cause for the unbroken functioning of the social order in the People's Republic of China - in contrast to the former Soviet empire. In the context of psychological-cultural sediments from the traditional socialisation process, the question becomes relevant of how the economic development can be culturally determined, so that we could speak of a `Sinitic economic culture". The various fields of social reality in the People's Republic of China show that a re-affirmation of certain traditional segments goes along with all these changes in values, while the perspective of a dichotomic separation of tradition and modernism would be inadequate.
Klaus Birk: Zivilgesellschaft in China? Zur Frage der Autonomie und politischen Partizipation gesellschaftlicher Gruppen (S. 30-44)

Die Umbrueche in Osteuropa im Jahr 1989 und der Machterhalt der KP Chinas haben insbesondere in der amerikanischen Sinologie eine Welle von Untersuchungen ueber das Verhaeltnis zwischen Staat und Gesellschaft in China ausgeloest, deren theoretische Grundlage Habermas' Werk ,Strukturwandel der Oeffentlichkeit" war, das 1988 zum ersten Mal in englischer Uebersetzung erschien. Der vorliegende Artikel diskutiert die Ergebnisse verschiedener Arbeiten ueber die Existenz einer Zivilgesellschaft vom spaeten 19. Jahrhundert bis heute. Die Uebertragung dieses westlichen Konzepts hat zwar den Blick auf soziale Schichten geoeffnet, die zuvor wenig beachtet wurden, aber sie hat durch die Betonung der Autonomie sozialer Organisationen auch Moeglichkeiten politischer Partizipation und Einflussnahme in China verdeckt. Die Besonderheiten der Beziehungen zwischen Staat und Gesellschaft muessen dort eher in einer Ueberlagerung korporatistischer Strukturen und persoenlicher Netzwerke gesehen werden, in der horizontale Verbindungen gesellschaftlicher Organisationen nur mangelhaft ausgepraegt sind.

A Civil Society in China? The Problem of Autonomy and Political Participation by Social Groups. By Klaus Birk

The changes in eastern Europe in 1989, and the fact that the Communist Party stayed in power in China, triggered a wave of investigations into the relationship between state and society in China, the theoretical foundation of which had been Habermas's ,Strukturwandel der Oeffentlichkeit" which had appeared for the first time in an English translation in 1988. This article deals with the results of various papers discussing the existence of a civil society that has existed from the late 19th century to the present. Transferring the western concept to Chinese conditions has opened up a view of social strata that had received little attention before, but it has also obscured opportunities for political participation and influence in China by emphasising the autonomy of social organisations. The characteristics of the relationship between state and society will rather have to be seen as an intertwining of corporate structures and personal networks in which horizontal relationships of social organisations have not been developed to the full.
Sakai Naoki: Das Problem des ,Japanischen Denkens" (S. 45-64)

Seit Beginn der modernen Geschichte Japans in der Meji-Zeit wurde die Geschichte des japanischen Denkens als ein symmetrisches Aequivalent zur westlichen Ideengeschichte oder westlichen Philosophie geschaffen. Um zu verstehen, woher das Beduerfnis nach einer eigenen japanischen Denktradition stammt, ist es wichtig, die artikulierende Position zu betrachten, in der sich die Forscher befinden. Zum einen setzen sie voraus, dass es, ungeachtet der tatsaechlichen historischen, geographischen und sprachlichen Heterogenitaet Japans, ein historisch kontinuierliches Subjekt namens ,Japan" gibt, welches deckungsgleich mit dem modernen Nationalstaat und der ethnischen Gemeinschaft der Japaner ist. Zum anderen wird dieses ,Japan" einem universalen ,Westen" gegenuebergestellt, der die Richtschnur fuer allgemein philosophisches oder theoretisch-logisches Denken abgibt. Es ist ein epistemologisches Arrangement entstanden, welches hier Schema der Konfiguration genannt wird, innerhalb dessen die Produktion von Wissen in der Geschichte des japanischen Denkens dem Einfluss der Politik und dem Beduerfnis nach nationaler Ausgrenzung und Abgrenzung unterliegt.

The Problem of ,Japanese Thought". By Sakai Naoki

Ever since the beginning of modern Japanese history of the Meiji period (1868-1912) the history of Japanese thought has been created as a symmetrical equivalent to that of western thought or philosophy. In order to understand where this need for a tradition of Japanese thought comes from, it is important to consider the position of the researcher articulating it. On the one hand, researchers assume that, in spite of the actual historic, geographic and linguistic heterogeneity of Japan, there is a historically continuous subject called ,Japan", equivalent to the modern nation state and ethnic community of the Japanese. On the other hand, this ,Japan" has been juxtaposed with a universal ,West" setting the direction for general philosophical or theoretical-logical thinking. An epistemological arrangement has emerged called the schema of cofiguration in this paper, within which the production of knowledge in the history of Japanese thought is subject to the influence of politics and to the need for national exclusion and demarcation.
Kuraya Mika: Kuenstler auf Koreareise. Das Fremde im japanischen Blick (1895 und 1945) (S. 65-81)

Anhand von Koreareisen japanischer Maler wird untersucht, was die japanische Kunstwissenschaft bislang kaum thematisiert hat: der kuenstlerische Blick auf die Kolonien. Texte wie Bilder von Maruyama Banka, Kinoshita Mokutarou und Maeda Seison zeigen, wie an die Stelle der klassisch-chinesisch gepraegten Sicht zunaechst das Bild des unheimlichen Fremden trat und Korea in seiner ,Zurueckgebliebenheit" aesthetisiert wurde. Fujishima Takeji dient als ein Beispiel fuer die Integration von ,Korea als schoener japanischer Vergangenheit" in die eigene Geschichte. Schliesslich wird auf die vom japanischen Generalgouvernement veranstaltete, regulaere akademistische Kunstausstellung eingegangen und gezeigt, dass koreanische Kuenstler an diesem Ort den japanischen Blick auf das Fremde uebernahmen. Damit offenbart sich ein Mechanismus autonomer Kunst, der bis heute den wissenschaftlichen Zugang zum Verhaeltnis von Malerei und Kolonie verstellt: die Ausblendung sozialer und politischer Probleme zugunsten der Konzentration auf die Binnenflaeche der Leinwand.

Artists on a trip through Korea. The Other in the Japanese view (1895 and 1945). By Kuraya Mika

Japanese painters' trips to Korea are studied for what Japanese cultural studies have so far barely thematised: artists views of the colonies. Texts and pictures by Maruyama Banka, Kinoshita Mokutarou und Maeda Seison show how at first the picture of the weird stranger took the place of the classical Chinese view and Korea was portrayed in its ,backwardness". Fujishima Takeji then serves as an example of Korea's integration into their own history as ,the beautiful Japanese past". Finally, the regular Academy-of-Art-exhibitions organised by the Japanese Governor General are dealt with, along with Korean artists adopting the Japanese view of the foreign element. The paper reveals a mechanism of autonomy in art that prevents us from a scientific access to the relationship between painting and the colonial country: the elimination of social and political problems in favour of concentrating on what is on the canvas.
Olf Lehmann: ,Wege zur Identitaet" - Eigenes und Fremdes im zeitgenoessischen Konfuzianismus (S. 82-97)

Mit dem Eindringen der Westmaechte in China seit Mitte des vorigen Jahrhunderts verliert die Hochkultur an Integrationspotential. Die Moeglichkeit der Assimilation kultureller Fremdeinfluesse steht prinzipiell in Frage, der moralisch-religioese Konsens der konfuzianischen Gesellschaft ist nicht laenger Voraussetzung, sondern nunmehr Aufgabe. Getrieben von einem ,ausser Kontrolle geratenen" historischen Prozess kommt es zur quasi ,unchinesischen" Konfrontation von Extrempositionen, zu Grundsatzdebatten um Werte und Perspektiven der ,chinesischen Zivilisation", um das Verhaeltnis von Tradition und Moderne, Eigenem und Fremdem. Fuer die Verwalter des kulturellen Selbstbewusstseins wird die Verteidigung der ueber die Tradition definierten Identitaet gegen neue Effektivitaetskriterien und Rationalisierungskonzepte zum akuten philosophischen Problem. Der Artikel versucht, das Phaenomen des ,Modernen Konfuzianismus", dessen Intentionen, Diskursbedingungen und Legitimationsstrategie aus einer Skizze dieser Situation heraus vorzustellen. Verstehbar als Projekt einer Modernisierung der Extreme, demonstriert solcher Kulturkonservatismus selbst in Positionen seines Scheiterns, dass das interkulturelle Verhaeltnis mittels dichotomischer Idealtypen nicht mehr zu fassen ist.

Ways to an Identity - the Self and the Other in Contemporary Confucianism. By Olf Lehmann

With the invasion of Western powers in China in the middle of the last century, the ,high culture" lost its integrating potential. The possibility of assimilating foreign cultural influences is principally questioned, with the moral-religious consensus by the Confucian society no longer being a prerequisite but a duty. Driven by a historic process that has got out of control, a quasi ,un-Chinese" confrontation of extreme positions emerged, along with fundamental debates about values and perspectives of Chinese civilisation, the relationship between the traditional and the modern, the self and the other. For the administrators of a cultural self-confidence, the defence of an identity defined by tradition against new criteria of effectivity and rationalisation concepts has become an acute philosophical problem. From a sketch of this situation, the paper attempts to present the phenomenon of ,modern Confucianism", ist intentions, conditions of discourse, and strategy of legitimisation. This kind of cultural conservatism, which can be understood as a projection of modernising the extremes, demonstrates - even in positions of its failure - that intercultural relationship cannot be described by means of dichotomic ideal types.
Jaqueline Berndt: Zeitgenoessische asiatische Kunst in Japan. Bericht ueber einen Lernprozess (S. 98-118)
Gegenwaertige japanische Asienbilder werden am Beispiel der Rezeption zeitgenoessischer asiatischer Kunst demonstriert. Im Mittelpunkt steht der Diskurs derjenigen japanischen Kunstvermittler, die entsprechende Ausstellungen organisierten. Nach 1945 aufgrund des kolonialistischen Erbes unterbrochen, zeigt die erneute Zuwendung zur zeitgleichen Kunst anderer asiatischer Laender seit 1979 einen Wandel vom Exotismus, bei dem sich politische Motivationen aesthetisierend-unpolitisch geben, ueber die Entdeckung asiatischer Besonderheiten in Mythen und Stilistik hin zur Auseinandersetzung mit einer im qualitativen Sinne zeitgenoessischen Kunst, bei der sich aesthetische Innovation und sozialkritisches Engagement verbinden. Neben der Vorstellung der Aktivitaeten des Fukuoka Art Museum und der Japan Foundation wird auf orientalistische Haltungen sowie deren Kritik und Selbstkritik eingegangen.

Contemporary Asian Art in Japan. Report on a Learning Process. By Jaqueline Berndt

Contemporary Japanese pictures of Asia are viewed in the light of the reception of contemporary Asian art. The paper focuses on the discourse of those Japanese mediators of art who organise exhibitions in the field. Interrupted after 1945 because of the colonial legacy, the renewed attention given to contemporary art works of other Asian countries shows a change occurring after 1979: from exotism, in which political motivations are presented in an aestheticising, unpolitical manner, through the discovery of particularly Asian characteristics in myths and style, to the discussion of contemporary art in a qualitative sense, in which aesthetic innovation, social criticism, and commitment are combined. Apart from discussing the activities of the Fukuoka Art Museum and the Japan Foundation, the paper deals with orientalist approaches as well as with their criticism and self-criticism.

Mitteilungen und Berichte

Christopher Beckmann/Georg Wilhelm: Die Wende 1989/90. Studien in der Region (S. 119-123)

Buchbesprechungen (S. 124-137)

Benedikt Stuchtey, W. E. H. Lecky (1838-1903). Historisches Denken und politisches Urteilen eines anglo-irischen Gelehrten, Goettingen 1997 (Eckhardt Fuchs) Clifford Geertz, Spurenlesen. Der Ethnologe und das Entgleiten der Fakten. Aus dem Englischen von Martin Pfeiffer, Muenchen 1997 (Grit Lemke) Erk Volkmar Heyen (Hrsg.), Oeffentliche Verwaltung und Wirtschaftskrise, Baden-Baden 1995 (Hans-Martin Moderow) Winfried Speitkamp (Hrsg.), Denkmalsturz. Zur Konfliktgeschichte politischer Symbolik, Goettingen 1997 (Friedemann Scriba) Joerg-Peter Findeisen, Schweden. Von den Anfaengen bis zur Gegenwart, Regensburg 1997 (Matthias Middell) Harald Frank, Regionale Entwicklungsdisparitaeten im deutschen Industrialisierungsprozess 1849-1939. Eine empirisch-analytische Untersuchung, Muenster 1994 (Werner Bramke)

Zitation
Comparativ, Heft 3/1998. in: H-Soz-Kult, 07.02.2003, <www.hsozkult.de/journal/id/zeitschriftenausgaben-128>.
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07.02.2003
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