Zeitschrift für Weltgeschichte 20 (2019), 2

Titel der Ausgabe 
Zeitschrift für Weltgeschichte 20 (2019), 2
Weiterer Titel 
Themenheft Globalgeschichte als Wahrnehmungsgeschichte

Erschienen
München 2019: Martin Meidenbauer
Erscheint 
zweimal jährlich
ISBN
1615-2581
Anzahl Seiten
290 S.
Preis
Jahrespreis € 49,90 ; Einzelpreis € 29,90

 

Kontakt

Institution
Zeitschrift für Weltgeschichte
Land
Deutschland
c/o
Prof. Dr. Hans-Heinrich Nolte Bullerbachstr.12 D-30890 Barsinghausen Tel +49 5105 64 332
Von
Bertram, Michael

Editorial

Mit der aktuellen Ausgabe führt die Zeitschrift für Weltgeschichte ihr Konzept weiter, einen globalhistorischen Themenschwerpunkt mit weiteren unabhängigen Beiträgen zu kombinieren. Einige Rezensionen ausgewählter Publikationen ergänzen wie üblich die Zusammenstellung.

Der aktuelle Themenschwertpunkt wird von Harald Kleinschmidt herausgegeben und thematisiert die Globalisierung des europäischen Weltbilds seit der Frühen Neuzeit. Er wendet sich gegen die Einengung der Globalgeschichte auf das lange 19. und das kurze 20. Jahrhundert, wird dadurch doch der Wandel insbesondere der Weltwahrnehmung in den vergangenen Jahrhunderten, die wesentliche Grundlagen schuf, ignoriert. Ausgehend von der Überlegung, dass Globalhistoriographie ohne Berücksichtigung des Wandels in der Weltwahrnehmung ein Widerspruch in sich selbst ist, werden Zeiterfahrungen und Raumwahrnehmungen als Grundkategorien der Globalgeschichte in den Mittelpunkt der Betrachtungen gestellt. Diese beziehen sich auf den Wandel des Bildes nordamerikanischer „Natives in der Ethnographie und Historiographie, auf die Veränderungen in der Raumwahrnehmung anhand des frühneuzeitlichen europäischen Weltbilds und seinen globalhistorischen Auswirkungen auf die Wahrnehmung und Repräsentation der Welt in Archiven sowie der Wahrnehmungsgeschichte der Diplomatie anhand des Begriffs „Weltpolitik“ Die vier Originalbeiträge des Themenschwerpunks stellt der Herausgeber im Folgenden ausführlich in seinen Prolegomena zu einer Globalgeschichte der Wahrnehmungsgeschichte vor.

Der allgemeine Teil dieser Ausgabe versammelt im Anschluss drei weitere Bei-träge. Auch wenn sie jeweils einen anderen thematischen Fokus aufweisen, bieten sie doch auch eine gewisse Weiterführung des Themenschwerpunkts. So besteht stets ein enger Zusammenhang zwischen einer Geschichte der Wahrnehmungsformen und der Begriffsgeschichte In gleich zwei Beiträgen wird ein solcher begriffsgeschichtlicher Ansatz verfolgt.

Zunächst greift Jonas Hübner den Begriff „Kolonie“ für eine Zeit auf, in der er noch nicht durch den ideologischen Überbau des modernen Kolonialismus zu-gespitzt worden war. Ausgehend von der Erkenntnis, dass Kolonialismus kein zeitloses, allgegenwärtiges Phänomen darstellt, sondern aus der historischen Denkweisen über Kolonisation und Kolonien erwachsen ist, untersucht er die Debatten der deutschen Politischen Ökonomie im 17. und 18. Jahrhundert hin-sichtlich ihrer historischen Semantiken. Dabei stellt er einen Bedeutungswandel im 18. Jahrhundert fest, der im Zusammenhang mit der spezifisch deutschen Wahrnehmung der europäischen Expansion steht, die wiederum eine spezifische Denkweise von Kolonialismus ausbildete.

Auf eine ganz andere Beobachtungsebene begibt sich Stefanie Zehnle, wenn sie sich mit den „Stämmen“ in Afrika einen in den aktuellen Debatten um politisch korrekte Sprache besonders virulenten Begriff vornimmt. Sie versteht Begriffsgeschichte als Globalgeschichte semantischer Felder und als eine Geschichte von Transfer-, Verflechtungs- und Übersetzungsprozessen. Entsprechend verortet sie ihre Analyse im prägenden Spannungsverhältnis aus Kolonialismus, Islamisierung und Tribalismus. Dabei betritt der Beitrag Neuland, indem er ins-besondere die Transferprozesse außerhalb der Reichweite europäischen Einflusses thematisiert. Die Autorin stellt sich damit bewusst gegen eine Überbetonung kolonialer Wirkmacht, die in jüngster Zeit zwar gelegentlich kritisiert wird, aber noch immer tonangebend ist. Stattdessen rückt die Bedeutung der Islamisierung des Sahels und der Zusammenhang von dschihadistischer Staatsgründung mit ethnischen Identitäten in den Mittelpunkt, wodurch neue Überlegungen und Einschätzungen gewonnen werden.

In einem breit angelegten Aufriss greift Uwe Christian Plachetka schließlich das Thema Seidenstraße, das in der ZWG schon mehrfach thematisiert worden ist, im Zusammenhang von Wissensbeständen und Wahrnehmungsformen auf. Im Mittelpunkt stehen die Fahrten des chinesischen Admirals Zheng He, die im Kontext europäischen, arabischen und chinesischen Wissens betrachtet wer-den. Insbesondere kartographisches Wissen wird dabei bis zurück in das europäische Mittelalter verfolgt.

Wir hoffen, auch dieses Mal eine interessante Mischung bieten zu können, die neue Einsichten und Gedanken zu den vielfältigen Feldern der Global- und Weltgeschichte ermöglicht.

Jürgen G. Nagel

Inhaltsverzeichnis

INHALT

Editorial

Schwerpunkt: Globalgeschichte als Wahrnehmungsgeschichte

Harald Kleinschmidt
Prolegomena zu einer Globalgeschichte als Wahrnehmungsgeschichte

Jan Marco Sawilla
Lebende Antiquitäten? Die „Native Americans“ Nordamerikas, die Universalgeschichte und die Archäologie

Harald Kleinschmidt
Die Verschmelzung von Universalität und Globalität Der Wandel der Wahrnehmung der Welt in Praxis und Theorie der Diplomatie während des 16. und 17. Jahrhunderts

Sina Steglich
Materiale Welten. Wahrnehmung und Repräsentation der Welt durch Archive im 19. Jahrhundert

Verena Steller
„Weltpolitik“. Von den Grenzen der Wahrnehmung & Konsequenzen diplomatischer Praxis

Beiträge

Jonas Hübner
Der Kolonie-Begriff zwischen Kolonisation und Kolonialismus. Zur historischen Semantik der europäischen Expansion in der deutschen Politischen Ökonomie (1650-1800)

Stephanie Zehnle
Wie die „Stämme“ nach Afrika kamen. Eine transkontinentale Begriffsgeschichte der Islamisierung, Kolonialisierung und Tribalisierung

Uwe Christian Plachetka
Der Admiral in seinem Labyrinth. Zheng He, Indonesien und die maritime Seidenstraße

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