Comparativ, Heft 6/1998

Titel
Comparativ, Heft 6/1998.
Weitere Titelangaben
Humanwissenschaften unter Diktatur und Demokratisierung in Brasilien


Hrsg. v.
Klaus-Gerd Giesen, Marcos Nobre und Ricardo R. Terra
Heft(e)
6
Erschienen
Herausgeber d. Zeitschrift
herausgegeben von Matthias Middell (Global and European Studies Institute, Universität Leipzig) und Hannes Siegrist (Institut für Kulturwissenschaften, Universität Leipzig) im Auftrag der Karl-Lamprecht-Gesellschaft e.V./ European Network in Universal and Global History
Erscheinungsweise
Erscheint fünfmal jährlich (mit einem Doppelheft) im Umfang von je ~140 Seiten.
Kontakt
Redaktion Comparativ Adresse: Universität Leipzig, Global and European Studies Institute Emil-Fuchs-Straße 1 D - 04105 Leipzig Telefon: +49 341 97 37 860 Fax: +49 341 960 52 61

Inhaltsverzeichnis

Klaus-Gerd Giesen/ Marcos Nobre/ Ricardo R. Terra
Einführung in die politische Soziologie der brasilianischen Humanwissenschaften 7 Sérgio Costa
Sozialwissenschaften, Sozialwissenschaftler und die Demokratisierung Brasiliens 14 Marcelo Neves
Rechtswissenschaft versus Rechtspraxis und sozialer Kontext in Brasilien vom Autoritarismus zur Demokratisierung 29 Marcos Nobre
Hochschulphilosophie in Brasilien unter der Militärdiktatur 50 Ciro Biderman/ Carolina Leme
Brasilianische Wirtschaftsdoktrinen von der Militärdiktatur bis zum Redemokratisierungsprozeß 73

Forum

John Eidson
Kulturgeschichten. Kritische Anmerkungen zu zwei neuen Beiträgen zur Kulturdebatte in der Historiographie 96

Mitteilungen und Berichte

Ulrich Schneckener
Crossing Boundaries: German and American Experiences with the Exclusion and Inclusion of Minorities 103

Buchbesprechungen

Samuel Clark, State and Status. The Rise of the State and Aristocratic Power in Western Europe, Montreal & Kingston 1995 (Jörg Rössel) 108 Maria Schimke (Bearb.), Regierungsakten des Kurfürstentums und Königreichs Bayern 1799–1815, München 1996 (Wolfgang Schmale) 109 Paris und Berlin in der Restaurationszeit (1815–1830). Soziokulturelle und ökonomische Strukturen im Vergleich, Sigmaringen 1996 (Werner Greiling) 111 Paris und Berlin in der Revolution 1848, hrsg. von Ilja Mieck, Horst Möller, Jürgen Voss, Sigmaringen 1995 (Werner Greiling) 111 Volker Knüpfer, Presse und Liberalismus in Sachsen. Positionen der bürgerlichen Presse im frühen 19. Jahrhundert, Weimar/Köln/Wien 1996 (Werner Greiling) 114 Hans Fenske (Hrsg.), Quellen zur deutschen Revolution 1848–1849 (= Ausgewählte Schriften zur deutschen Geschichte der Neuzeit. Freiherr vom Stein-Gedächtnisausgabe, Bd. XXIV), Darmstadt 1996 (Werner Greiling) 115 Die Revolution von 1848/49 in Thüringen. Aktionsräume – Handlungsebenen – Wirkungen, hrsg. von Hans-Werner Hahn und Werner Greiling, Rudolstadt/Jena 1998 (Matthias Middell) 116 Bernhard Plé, Die "Welt" aus den Wissenschaften. Der Positivismus in Frankreich, England und Italien von 1848 bis ins zweite Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts. Eine wissenssoziologische Studie, Stuttgart 1996 (Eckhardt Fuchs) 119 Jerzy Strzelczyk (Hrsg.), Die Helden in der Geschichte und der Historiographie, Poznan 1997 (Ute Daniel) 123 Joachim Heidrich (Hrsg.), Changing Identities. The transformation of Asian and African societies under colonialism. Papers of a symposium held at the Centre for Modern Oriental Studies, Berlin 21–22 October 1993, Berlin 1994 (Herta Müller) 124 •Mit sozialistischem Gruß! Parteiinterne Hausmitteilungen, Briefe, Akten und Intrigen aus der Ulbricht-Zeit, hrsg. von Henrik Eberle, Berlin 1998 (Gerald Diesener) 126 Giovanni Levi, Jean-Claude Schmitt (Hrsg.), Geschichte der Jugend, 2 Bde., Bd. 1: Von der Antike bis zum Absolutismus, Frankfurt a. M. 1996; Bd. 2: Von der Aufklärung bis zur Gegenwart, Frankfurt a. M. 1997 (Thomas Ahbe) 128

Resümees/Abstracts 132

Inhaltsverzeichnis des 8. Jahrgangs (1998) 136

Verzeichnis der Autorinnen und Autoren 143

Resümees

Klaus-Gerd Giesen, Marcos Nobre, Ricardo R. Terra
Einführung in die politische Soziologie der brasilianischen Humanwissenschaften

Die Einleitung zum vorliegenden Band beschäftigt sich mit der Frage, wie man die akademische Produktion der brasilianischen Humanwissenschaften aus der Sicht einer politischen Wissenschaftssoziologie analysieren kann. Dazu wird auch eine Übersicht über die wichtigsten Kontinuitäten und Diskontinuitäten im politischen und sozialen Prozeß Brasiliens seit dem Beginn der Militärdiktatur im Jahre 1964 gegeben, insofern als sie Rückschlüsse auf die Fragen nach den wissenschaftlichen Freiräumen und politischen Verantwortungen zulassen.

Introduction to the Political Sociology of the Human Sciences in Brazil
by Klaus-Gerd Giesen, Marcos Nobre, Richardo R. Terra

The introduction to the volume in question addresses the problem of analysing the academic production of the human sciences in Brazil from the viewpoint of the political sociology of science. It includes a review of the most important continuities and discontinuities in political and social processes in Brazil since the beginning of the military dictatorship in 1964, especially insofar as they lend insight into issues concerning academic license and political responsibility.
Sérgio Costa
Sozialwissenschaften, Sozialwissenschaftler und die Demokratisierung Brasiliens

Nach einem historischen Überblick über die Entwicklung der Sozialwissenschaften in Brasilien beschäftigt sich der Aufsatz mit der Rolle, die die Sozialwissenschaftler im Rahmen des jüngsten Demokratisierungsprozesses spielten, sowie den Herausforderungen, mit denen die Disziplin gegenwärtig umzugehen hat. In der Politikwissenschaft wird ein übermäßiger Einfluß nordamerikanischer Schulen beobachtet: Dabei mangelt es an einen effektiven Dialog mit der politischen Philosophie bzw. normativen Ansätzen. Im Bereich der Soziologie werden Unzulänglichkeiten anderes Charakters festgestellt: Die theoretische Übersetzung der im Lauf der Demokratisierung durchgeführte Deskription gesellschaftlicher Transformationsprozesse bzw. Akteure bleibt bislang eine unrealisierte Aufgabe der brasilianischen Soziologie.

Social sciences, social scientists and the democratisation in Brazil
by Sérgio Costa

After a historical overview of the development of the social sciences in Brazil, the article discusses the role played by the social scientists in the democratisation process, as well as the challenges presented to this field today. In the political sciences we can observe an exaggerated influence of the North-American schools, laking an effective dialogue with the political philosophy and with contributions of a normative character. In the field of sociology can be detected failures of another nature: The theoretical translation of the description of the processes of change and the social actors developed along with democratisation remains an unaccomplished task of the Brazilian sociology.
Marcelo Neves
Rechtswissenschaft versus Rechtspraxis und sozialer Kontext in Brasilien vom Autoritarismus zur Demokratisierung

Der Autor beschäftigt sich mit der spannungsreichen Beziehung der Rechtswissenschaft mit der Rechtspraxis und dem sozialen Kontext in Brasilien unter besonderer Berücksichtigung der autoritären Periode (1964–1984) und der darauf folgenden Demokratisierung. In der Einleitung wird darauf aufmerksam gemacht, daß in Brasilien die rechtswissenschaftlichen Strömungen nicht eindeutig nach ihrer Parteilichkeit für oder gegen den Autoritarismus bzw. den "Wiederaufbau" der Demokratie einzuordnen sind. Der Verfasser geht im weiteren auf die herkömmliche Kritik an der brasilianischen Rechtskultur ein und betont die Grenzen dieser Kritik. Im Anschluß daran werden einerseits der Rechtsformalismus und andererseits der wirklichkeitsbezogene, der wertbezogene und der ideologiekritische Antiformalismus während des Autoritarismus betrachtet. Als Ausdruck dieser Spaltung der rechtswissenschaftlichen Konstrukte nach der Demokratisierung analysiert der Autor die Auseinandersetzung des jurististischen Alternativismus mit dem Legalismus. Beide Konzeptionen werden deshalb kritisiert, weil sie von einer Annahme ausgehen, nämlich dem Vorhandensein einer funktionierenden Legalitätsordnung, die aber gerade in Brasilien nicht zutrifft. Am Schluß wird die These verteidigt, daß es der rechtswissenschaftlichen Reflexion in Brasilien mangels einer operativ autonomen Legalitätsordnung an rechtspraktischer Relevanz und gesellschaftlicher Adäquatheit fehlt.

Legal Theory versus Legal Practice in Social Context in Brazil – From Authoritarianism to Democratisationby Marcelo Neves

The author addresses the problematic relationship between legal theory and legal practice in the context of Brazilian society, with special emphasis on the authoritarian period (1964–1984) and the period of democratisation which followed. In the first part of the article, it is argued that currents of thought in legal theory cannot be unambiguously interpreted as being for or against authoritarianism or the reestablishment of democracy. The second section offers a review of the conventional critique of legal culture in Brazil and exposes its limitations. This is followed by a discussion of legal formalism and the varieties of anti-formalism, namely, those oriented toward social reality, those oriented toward social values, and those dedicated to the critique of ideology. In the wake of the process of democratisation, these divisions among varying theoretical constructs found expression in the debate over legalism and juridical alternatives to legalism. Both conceptions are criticized, because they proceed from the assumption that a functioning legal system is present, which, however, is not the case in Brazil. In conclusion, it is argued that scholarly reflection over law and justice is socially inadequate and irrelevant for legal practice in Brazil, due to the absence of a functioning, autonomous legal system.
Marcos Nobre
Hochschulphilosophie in Brasilien unter der Militärdiktatur

Die Hochschulphilosophie Brasiliens ist durch einen strukturellen Mangel zu charakterisieren: In ihren Reihen gibt es nicht einmal genügend Konsistenz für die Institutionalisierung der intellektuellen Debatte innerhalb eines Fachpublikums. Und trotzdem werden in Brasilien Bücher und philosophische Arbeiten von höchster Qualität produziert, auch wenn die brasilianische Produktion auf diesem Feld im Allgemeinen am Rande der internationalen Debatte bleibt. Wenn dem so ist, so heißt die allererste Aufgabe für denjenigen, der die brasilianische hochschulphilosophische Produktion sowohl prospektiv wie retrospektiv verstehen will, genau diesen Widerspruch zwischen einerseits dem Fehlen an kritischer Masse und institutionalisierter Diskussionsforen und andererseits der hervorragenden Qualität vieler in Brasilien produzierter philosophischer Arbeiten zu erklären. Das genau wird im Folgenden versucht, indem der Fall der Philosophischen Abteilung der Staatsuniversität São Paulo (USP) unter die Lupe genommen wird, und zwar in der Periode der Militärdiktatur in Brasilien (1964–1985).

Academic Philosophy in Brazil under the Military Dictatorship
by Marcos Nobre

Academic philosophy in Brazil is characterised by a structural inadequacy: Among academic philosophers there is not enough organisation and cooperation for the institutionalisation of intellectual debates for specialist audiences. Nevertheless, books and philosophical works of the highest quality are produced in Brazil, even though the Brazilian production is, generally speaking, marginal in regard to the international discussion. This being the case, the most important task for those seeking to understand the production of academic philosophy in Brazil, both prospectively and retrospectively, is to explain this contradiction between the lack of a "critical mass" and of the corresponding institutionalised forums for discussion, on one hand, and the excellent quality of many of the philosophical works produced in Brazil. In this article, this is attempted on the example of the Philosophical Division of the State University of Sao Paulo (USP) during the period of the military dictatorship (1964–1985).
Ciro Biderman/Carolina Leme
Brasilianische Wirtschaftsdoktrinen von der Militärdiktatur bis zum Redemokratisierungsprozeß

Brasiliens Wirtschaftswissenschaftler haben oft öffentliche Ämter wahrgenommen und die Grenzen zwischen universitären und Regierungsaktivitäten sind nicht immer deutlich erkennbar gewesen. Anders als in anderen Teilen Lateinamerikas haben sie sich also bei der Anwendung ihrer Theorien auf praktische Gesellschaftsprobleme hervorgetan. Im ersten Teil des Aufsatzes wird dargestellt, wie die Schaffung von wirtschaftswissenschaftlichen Bachelor- und Magisterstudienprogrammen mit der Entwicklung der nationalen Wirtschaft verknüpft war und gleichzeitig, wie Wirtschaftswissenschaftler dieser Einrichtungen in den Prozeß nationaler wirtschaftspolitischer Entscheidungsfindung involviert wurden. Im zweiten Teil werden die Theorien der im ersten Teil genannten Wirtschaftswissenschaftler miteinander verglichen. Ihre Doktrinen werden insbesondere in Bezug auf strukturelle und makroökonomische Fragen analysiert.

Economic Doctrines in Brazil from the Military Dictatorship to the Process of Re-Democratisation
by Ciro Biderman and Carolina Leme

Brazil’s economists have often held public office, and the boundaries between their activities in universities and in government have not always been clearly recognizable. In contrast to their colleagues in other parts of Latin America, they have been in the position to apply their theories to practical social problems. In the first part of this article, it is shown how the creation of bachelors and masters programs in economics was tied to the development of the national economy and, simultaneously, how academic economists were involved in decision-making processes concerning national economic policy. In the second part of the article, the theories of the economists mentioned in the first part are compared. Economic doctrines are analyzed with special reference to structural and macro-economic issues.
•John Eidson
Kultur-Geschichten. Kritische Anmerkungen zu zwei neuen Beiträgen zur Kulturdebatte in der Historiographie

Der Verf. präsentiert und kommentiert zwei neuere Sammelbände mit Beiträgen zur Kulturdebatte in der Historiographie. Der erste enthält Aufsätze und Textexzerpte, die, allgemein gesehen, der internationalen Diskussion um die Postmoderne zuzuordnen sind, während der andere ein Projekt der jüngeren Generation der sog. Bielefelder Schule der Historischen Sozialwissenschaft darstellt. Inhalt und besondere Prägung der zwei Bände werden mit Bezug auf den Umgang mit poststrukturalistischen und kultur-anthropologischen Ansätzen diskutiert.

There’s Something About Culture: Critical Remarks on Two Contributions to the Culture Debate in Recent Historiography
by John Eidson

This review article presents and comments on two recent contributions to the debate about cultural approaches and aspects of social and cultural theory in historical scholarship. The first contains essays and book excerpts, most of which are derived from the international discussion concerning postmodernism, whereas the second represents a project of the younger generation of historians from the so-called Bielefeld School of Historical Social Science. The contents and the special characteristics of the two volumes are conveyed with reference to the role which poststructuralist and cultural anthropological approaches play in each.

Zitation
Comparativ, Heft 6/1998. in: H-Soz-Kult, 07.02.2003, <www.hsozkult.de/journal/id/zeitschriftenausgaben-136>.
Weitere Hefte ⇓
Redaktion
Veröffentlicht am
07.02.2003