Berliner Debatte Initial 16 (2005) 2

Titel
Berliner Debatte Initial 16 (2005) 2.
Weitere Titelangaben
Wiederkehr der Geschichte


Hrsg. v.
GSFP – Gesellschaft für sozialwissenschaftliche Forschung und Publizistik mbH. Im Auftrag des Vereins Berliner Debatte INITIAL e.V.
Heft(e)
2
Erschienen
Berlin 2005: Selbstverlag
Umfang
127 S.
Preis
Einzelheft 10.- €, Jahresabo 35.- € (Ausland zuzügl. Versandkosten)
Herausgeber d. Zeitschrift
Berliner Debatte Initial e.V.
Erscheinungsweise
4 Ausgaben jährlich
Kontakt
Berliner Debatte Initial, PF 580254, 10412 Berlin, Tel.: (+49-331) 977 4540, Fax: (+49-331) 977 4696, E-Mail: redaktion@berlinerdebatte.de; Redaktion: Ulrich Busch, Erhard Crome, Wolf-Dietrich Junghanns, Raj Kollmorgen, Thomas Möbius, Thomas Müller (verantwortlicher Redakteur), Gregor Ritschel, Robert Stock, Matthias Weinhold, Johanna Wischner. Redaktionelle Mitarbeit: Adrian Klein, Benjamin Sonntag.

Editorial
Pünktlich zur Wendezeit wurde das Ende der Geschichte ausgerufen. Heinz Dieter Kittsteiner gedenkt dieses Ereignisses in seinem Artikel. Nach dem symbolträchtigen Mauerfall, so hieß es damals, sei Geschichte im wesentlichen beendet. Es bleibe nur noch die Mission, die eine erfolgreiche Gesellschaftsform mit ihrem Kapitalismus, Parlamentarismus und abendländischen Menschenrecht zu vervollkommnen und über den ganzen Globus zu verbreiten. Darüber hinaus geht nichts mehr. Eine Art Endzeit muß danach eingetreten oder ausgebrochen sein, eine Zeit voller Dynamik, aber ohne Geschichte. Die meisten Länder der Erde hätten sich in nachholender Modernisierung zu ergehen, die Kulturkämpfe kämen wieder zur Ruhe, indem die Menschheitsmehrheit den demokratischen Geist der Minderheit annimmt, während diese unterdes die längst verflossene Arbeitsgesellschaft wiederzubeleben sucht. Als liege die Zukunft der Mehrheit in der Gegenwart der Minderheit und deren Zukunft in ihrer eigenen Vergangenheit.

Der Zeitgeist mag daran nicht mehr so recht glauben. Alsbald wurde ihm deutlich, wie sich die westliche Moderne in missionierender Aktion um ihre heiligen Prinzipien bringt. Die Ahnung greift um sich, daß erstens alles anders kommen könnte und zweitens als man sich das im Abendlande denkt. So öffnet sich die Zukunft wieder. Sir Ralf Dahrendorf sieht einen „Wiederbeginn der Geschichte“, Herr Joseph Fischer soll ein Buch unter dem Titel „Rückkehr der Geschichte“ fast fertiggestellt haben.

Was also ist mit der Geschichte in Wahrheit los? Wir wollten uns vergewissern und haben dazu eine Umfrage durchgeführt. Ist die Geschichte definitiv zu Ende, oder erleben wir derzeit ihre Wiederkehr, oder hat sie niemals aufgehört? Interdisziplinär, wie unser Journal sich versteht, ist auch der Kreis der Antwortenden zusammengesetzt: ein Soziologe, Oskar Negt, ein Philosoph, Herbert Schnädelbach, die Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk, Jörn Rüsen und Peter Steinbach; die Zukunftsforschung ist durch Wolfgang Adler vertreten.

Je weniger selbstverständlich die Formel vom Ende der Geschichte heute erscheint, desto nachdrücklicher fragt sich, woraus sie eine gewisse, nennenswerte Plausibilität beziehen konnte und kann. Wie kommt es, daß selbst Zeitgenossen, die des Theoretisierens unverdächtig sind, in einer Weise denken, als ob Geschichte aufhöre? Dem geht Hartmut Rosa in seinem Beitrag nach.

Besagte Formel ist das letzte Wort der alten Geschichtsphilosophie. Deren ausgedehntes Siechtum fand zwar bei dieser Gelegenheit auch seinen Abschluß; indem das jedoch durch die Verheißung einer Endzeit geschah, kam genau die Denkform zu Ehren, die seit langem als ihr auffälligster Makel gilt. Das hat man der alten Geschichtsphilosophie doch immer nachgesagt, an die Endzeit zu glauben, ob in der Form des tausendjährigen Reiches, in der Form einer vollkommenen Staatsverfassung oder in anderer Form. Niemals zuvor hat sie so hintersinnig triumphiert wie bei ihrem Abgesang. Wenn überhaupt, so kann geschichtsphilosophisches Denken wiederkehren eigentlich nur in durchgreifend verwandelter Gestalt. Wie läßt sich neuerlich Geschichte denken? Arnd Pollmann sucht eine Antwort jenseits von Heilsgeschichte, Johannes Rohbeck sucht sie in einer Synthese von Historismus, aufgeklärter Geschichtsphilosophie und Posthistoire.

Hartwig Schmidt

Inhalt

Editorial, 2

Heinz Dieter Kittsteiner, Ende der Geschichte – Geschichte ohne Ende, 3

Hartmut Rosa, Historische Bewegung und geschichtlicher Stillstand, 12

Umfrage: Ist die Geschichte definitiv zu Ende, oder erleben wir derzeit ihre Wiederkehr, oder hat sie niemals aufgehört?
Wolfgang Adler, 25
Ilko-Sascha Kowalczuk, 26
Oskar Negt, 29
Lutz Niethammer, 32
Jörn Rüsen, 33
Herbert Schnädelbach, 36
Peter Steinbach, 38

Arnd Pollmann, Zum Schluß Erinnerungen an die Geschichtsphilosophie oder Im Westen nichts Neues?, 40

Johannes Rohbeck, Typen des historischen Denkens. Für eine kritische Geschichtsphilosophie, 55

Netzwerk Ostdeutschlandforschung
Workshop, 67

*

Rainer Land, Paradigmenwechsel in der Ostdeutschlandforschung, 69

Martin Brussig, Marcel Erlinghagen Entlassungen und Kündigungen in den neuen Bundesländern, 76

Ekkehart Krippendorff Was heißt und zu welchem Ende studiert man Politik?, 93

Literaturstudie

Wolf-Dietrich Junghanns, Mehr Brot, bessere Spiele! Zur Konjunktur von Sport und Literatur, 99

Rezensionen und Besprechungen

Ralf Dahrendorf: Der Wiederbeginn der Geschichte Rezensiert von Dirk Jörke, 120

Jens Hacke, Chaos oder Sinn? Neue Bücher über Theorien in der Geschichtswissenschaft, 122

Reinhard Mehring (Hg.): Carl Schmitt – Der Begriff des Politischen Rezensiert von André Brodocz, 125

Zitation
Berliner Debatte Initial 16 (2005) 2. in: H-Soz-Kult, 13.05.2005, <www.hsozkult.de/journal/id/zeitschriftenausgaben-2028>.
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Veröffentlicht am
13.05.2005
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