Berliner Debatte Initial 16 (2005) 3

Titel
Berliner Debatte Initial 16 (2005) 3.
Weitere Titelangaben
Kontroversen um Rechtsextremismus


Hrsg. v.
GSFP – Gesellschaft für sozialwissenschaftliche Forschung und Publizistik mbH. Im Auftrag des Vereins Berliner Debatte INITIAL e.V.
Heft(e)
3
Erschienen
Berlin 2005: Selbstverlag
Umfang
128 S.
Preis
10,00 €
Herausgeber d. Zeitschrift
Berliner Debatte Initial e.V.
Erscheinungsweise
4 Ausgaben jährlich
Kontakt
Berliner Debatte Initial, PF 580254, 10412 Berlin, Tel.: (+49-331) 977 4540, Fax: (+49-331) 977 4696, E-Mail: redaktion@berlinerdebatte.de; Redaktion: Ulrich Busch, Erhard Crome, Wolf-Dietrich Junghanns, Raj Kollmorgen, Thomas Möbius, Thomas Müller (verantwortlicher Redakteur), Gregor Ritschel, Robert Stock, Matthias Weinhold, Johanna Wischner. Redaktionelle Mitarbeit: Adrian Klein, Benjamin Sonntag.

Editorial
Michael Moore folgt in seiner Dokumentation „Bowling for Columbine“ den Ursachen des Schulmassakers in der „Columbine High“. Wie wir anschließend hören konnten, ist ihm noch während der Fertigstellung des Films der 11. September 2001 dazwischengekommen. Statt nun wie geplant einen Film ausschließlich über den Besitz und Gebrauch von Waffen in den USA machen zu wollen, rückt der „Deal mit der Angst“ mehr und mehr in den Fokus des Interesses. Die Millionen Pistolen und Gewehre, die die Amerikaner wie selbstverständlich zu Hause liegen haben, dokumentieren ihre Angst vor jedermann. Diese Angst wachzuhalten, so der Filmautor, und deswegen auf Waffenbesitz beschränkende Gesetze zu verzichten, ist ein Hauptanliegen amerikanischer Konservativer. Der Schock, den eleven/nine in den USA ausgelöst hat, kann ihnen da nur recht sein. Ein ängstliches Volk folgt seinen fest im Glauben verwurzelten Führern überallhin, auch in den Irak und wohl auch nach Nordkorea.
Doch die Angst als politisches Instrument ist nicht allein der amerikanischen Regierung oder konservativer Politik vorbehalten. Sie läßt sich auch bei rigideren Waffengesetzen aktivieren, geht es ihr doch um die Konservierung und Restaurierung bedrohter oder verletzter Körper – Körper von Individuen nicht weniger als des Volkskörpers. Angstpolitik droht und zerstört nach innen und außen gleichermaßen. Angst vor Überfremdung, Angst vor dem Nationalsozialismus, Angst vor den Skinhead-Schlägern, Angst vor Langeweile, Angst vor Aufmärschen vorm Brandenburger Tor, Angst vor dem Schwarzen Mann. Angst haben und Angst machen sind ein funktionierendes Double, das desto besser funktioniert, je weniger Perspektiven die Gesellschaft ihren Bürgern bieten kann.
Daß in Zeiten rapider sozialer Veränderungen, ja sozialer Revolutionen Unsicherheiten gewohnte Zukunftsaussichten verdrängen, ist unstrittig. Doch Unsicherheiten und Angst sind nicht dasselbe. Unsicherheiten wurzeln im Aufgeben des Gewohnten. Angst ist die defensive Wut gegen alles die Sicherheit Bedrohende. Angstpolitik greift diese Wut auf, stellt die Verbindung zu den sozialen Veränderungen her und liefert statt der Perspektiven die Bilder von denjenigen, die unserer Angst Nahrung geben: die „Schläfer“ und „Parallelgesellschaften“, die „Verweigerer der deutschen Sprache“, die „ausländerfreien Zonen“ und die NPD in den Parlamenten.
Vielleicht hatte Franz Josef Strauß ja doch recht, daß neben der CSU kein Platz sein dürfe für noch rechtere Parteien, denn dieses Integrationsgebot verhindere doch zumindest das Aufwachsen einer rechten Bewegung außerhalb des kontrollierbaren Parteienstaates. Doch Franz Josef Strauß ist tot, und trotz aller Mühen seiner Nachfolger ist es ihnen nicht mehr gelungen, dieses Potential einzufangen. Statt dessen muß man feststellen, daß diese nicht integrierte politische Klientel zur erfolg-reichsten sozialen Bewegung zumindest in Ostdeutschland angewachsen ist. Das Geschäft mit Angst floriert gerade dort, wo gesellschaftlicher Anspruch und seine uneingelöste Realität am weitesten auseinanderklaffen. Schon sind nicht mehr „nur“ die Ausländer schuld an der Zurichtung der Gesellschaft, sondern das gesamte politische System und seine realitätsfernen Politiker gehörten abgeschafft. Die Angst vor dem „Palaver“ in den Parlamenten, die Angst vor der Demokratie unterhöhlt die politische Kommunikation an ihrer zentralen Stelle. Franz Josef Strauß wollte sich ja von ihnen wählen lassen (und hat es auch) und wollte für sie sprechen. Wenn die rechte Bewegung nun selber spricht, wir anderen aber nicht mit ihr, geben wir ihrer Angstmache nur immer neue Nahrung.
Doch das „Angst machen“ vor äußerlich Bedrohendem ist nur die eine Seite dieser politischen Praxis. So wie der Texaner seine Waffe zur Abschreckung und Selbstverteidigung zuvor aktivierter Feinbilder trägt, leistet sich die „Neue Rechte“ ihre waffengewordenen jungen Männer. Muskelbepackte Schläger, die man nicht per Waffengesetz verbieten kann. Was uns Angst macht, schlagen wir zu Boden. Da die Bereitschaft zur Brutalität nachgewiesen werden muß, will sie ernst gemeint bleiben, muß sie von Zeit zu Zeit von der Kette gelassen werden. So wurden am 17. Juni 2005 vom Landgericht Frankfurt (Oder) drei jener „Kampfmaschinen“ im Alter von 29, 23 und 21 Jahren zu Freiheitsstrafen zwischen sechs und 13 Jahren verurteilt, die ein Jahr zuvor einen arbeitslosen Baumaschinisten bestialisch zugerichtet hatten. Das Opfer, so berichtet Sandra Dassler im Tagesspiegel vom 18.6., hätte nicht zur Urteilsverkündung im Gericht erscheinen können. Zu groß sei noch die Angst vor jenen Menschen, die seinen Körper und seine Seele vernichten wollten.
„Der Mordfall Marinus Schöberl“ in Potzlow muß wohl in einem ähnlichen Licht betrachtet werden. In ihrem Beitrag wagen sich Michael Kohlstruck und Anna Verena Münch dabei auf das sozialwissenschaftlich schwierige Feld, einen öffentlich schon häufig vermessenen Fall – immerhin hat auch das Stück „Der Kick“ mittlerweile in Berlin Furore gemacht – hermeneutisch zu rekonstruieren. Es gelingt ihnen dabei, das Klima von Perspektivlosigkeit, Langeweile und normaler Brutalität zu beschreiben. Auf eine ganz andere Sicht auf „rechtsextreme“ Tatorte nimmt uns Detlef Pollack mit, der vierzehn Jahre nach Hoyerswerda eine detailsichere Reinterpretation vorlegt. Sein Fazit: Hier ging es um den Kampf gegen die neue, westdeutsche Staatsmacht mit den Mitteln des Ausländerhasses. Jana Klemm, Rainer Strobl und Stefanie Würtz untersuchen in zwei ostdeutschen Kleinstädten den Umgang der Kommunalverwaltungen mit den jungen, rechten Jugendlichen. Ihr Resümee: Totschweigen hilft nicht.
Für Manfred Lauermann sind die Rechtsradikalen kriminelle Jugendbanden. Diese Subkultur ist nur schwach an den Diskurs der Neuen Rechten gekoppelt. Mathias Brodkorb kritisiert ebenfalls die etablierte Rechtsextremismusforschung wegen ihrer „Fixierung“ auf den „Maßstab Auschwitz“. Seiner Auffassung nach sind die Neuen Rechten längst in der Postmoderne angekommen. Das falsche Bild in der deutschen Öffentlichkeit von der Ideologie modernen rechten Denkens gefährde daher letztlich das demokratische System in Deutschland. Dem würde Christoph Butterwegge in weiten Teilen widersprechen. Rechtsextremismus ist seiner Meinung nach weder ein „Jugendproblem“ noch läßt sich seine Nähe zum Nationalsozialismus leugnen. Mit dem „alten“ Faschismus und dem „neuen“ neoliberalen Zeitgeist haben sich ein traditionalistischer und ein modernistischer Flügel gebildet, die ihrerseits zum Sturm auf die repräsentative Demokratie blasen. Die Kontroverse um den Rechtsextremismus offen-bart sehr unterschiedliche Bezüge und Sichtweisen, sowohl zwischen den Generationen der Forscher als auch zwischen Ost und West. Sie wird fortgesetzt!

Mit diesem Heft führen wir die Dokumentation zum Thema „Ostdeutschlandforschung“ weiter. In der Podiumsdiskussion mit Burkart Lutz, Heinz Bude, Rolf Reißig, Hilmar Fuchs, Arno Hager und Thomas Flierl geht es um die „neue Ostdeutschlandforschung“. Dabei wird nicht nur die paradigmatische Differenz zur „Transformationsforschung“ deutlich. Es werden auch Ansätze und Ideen diskutiert, mit denen man den offenen Fragen auf die Spur kommen will. „Familiensoziologie einer Überlebensgesellschaft, Staatssoziologie einer fragmentierten Gesellschaft, Bürgertumssoziologie einer Gesellschaft mit einem starken säkularen Gepäck!“ – so beispielsweise das Forschungsprogramm, das Heinz Bude empfiehlt.

Andreas Willisch

Kontroversen um Rechtsextremismus
– Zusammengestellt von Andreas Willisch –

Editorial, 2

Michael Kohlstruck, Anna Verena Münch, Exzessive Gewalttätigkeiten – politisch motivierte Taten?, 4

Detlef Pollack, Die ausländerfeindlichen Ausschreitungen im September 1991 in Hoyerswerda, 15

Jana Klemm, Rainer Strobl, Stefanie Würtz, Jugendengagement in einer demokratischen Stadtkultur, 33

Manfred Lauermann, Der Rechtsradikalismus – eine Form ‚krimineller‘ Subkultur? Reflexionen über Extremismus und Normalismus, 46

Mathias Brodkorb, Rechtsextremismus im postmodernen Umfeld, 59

Für eine Metatheorie des Rassismus

Christoph Butterwegge, Neoliberalismus und Neue Rechte 70

Netzwerk Ostdeutschlandforschung

Eine neue Ostdeutschlandforschung
Ein Podiumsgespräch, 81

Rezensionen und Besprechungen

Dorothee Wierling: Geboren im Jahr Eins. Der Jahrgang 1949 in der DDR
Rezensiert von Gerd Dietrich, 94

Friedrich Jaeger u.a. (Hg.): Handbuch der Kulturwissenschaften
Rezensiert von Gert Rüdiger Wegmarshaus, 97

Armut und Ausgrenzung. Neuere Bücher über soziale Exklusion:
„An den Rändern der Städte“; „Steckbriefe von Armut“; „Armut trotz Erwerbstätigkeit“
Rezensiert von Carsten Keller, 102

Wolfgang Kil: Luxus der Leere. Vom schwierigen Rückzug aus der Wachstumswelt
Rezensiert von Dietrich Mühlberg, 107

Call for Papers
Generationenwechsel nach dem System-umbruch Workshop des SFB 580, 111

Zitation
Berliner Debatte Initial 16 (2005) 3. in: H-Soz-Kult, 23.07.2005, <www.hsozkult.de/journal/id/zeitschriftenausgaben-2178>.
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Veröffentlicht am
23.07.2005
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