Deutschland Archiv 38 (2005), 5

Titel der Ausgabe 
Deutschland Archiv 38 (2005), 5
Weiterer Titel 
15 Jahre deutsche Einheit

Erschienen
Bielefeld 2005: W. Bertelsmann Verlag
Erscheint 
6x im Jahr
ISBN
0012-1428
Anzahl Seiten
192 S.
Preis
8,00

 

Kontakt

Institution
Deutschland Archiv: Zeitschrift für das vereinigte Deutschland
Land
Deutschland
c/o
]init[ Redaktion Köpenicker Straße 9 10997 Berlin
Von
Ohse, Dr. Marc-Dietrich

Feuerwerke, Jubelfeiern – das war das Bild, das die Deutschen vor 15 Jahren anlässlich der Vereinigung abgaben. Auch wenn der Überschwang der Maueröffnung vom Herbst des Vorjahres ein wenig abgeflaut war, so durften die Deutschen sich damals immer noch als das glücklichste Volk der Welt fühlen.
In einem ungeheueren Tempo hatten die Deutschen ihre Wiedervereinigung vollzogen. Und so konnten sie tatsächlich einmal stolz sein – stolz darauf, ein Wunder vollbracht zu haben, das jeder realistisch denkende Mensch noch im Sommer 1989 nicht (mehr) für möglich gehalten hätte. Ermöglicht worden war dieses Wunder auch durch verschiedene äußere Faktoren, unter denen vor allem die Perestrojka von Sowjetchef Michail Gorbatschow und seine Abkehr von der Breshnew-Doktrin, vom absoluten Führungsanspruch der östlichen Supermacht, zu nennen sind. So geriet der Ostblock in Bewegung – schließlich auch die DDR, zunächst in Gestalt tausender Flüchtlinge, die gen Westen wollten, dann aber unter dem Druck von Tausenden, die lautstark ihre Rechte als Souverän einforderten. Mit der friedlichen Revolution endete die vierzigjährige SED-Diktatur, fiel nach 28 Jahren die Mauer, begann nach 44 Jahren die Überwindung der deutschen Teilung.
Das Bewusstsein, dies vollbracht zu haben, ist 15 Jahre später geschwunden, Deutschland leidet an einer großen Depression. Am Tag der Einheit, der damals plötzlich als Feiertag in den Kalender rückte, ist heute vielen nicht nach Feiern zumute. Über die »blühenden Landschaften« hat sich ein grauer Schleier gelegt, die Einheit wird von vielen als Last, als finanzielle Belastung oder als Belästigung empfunden.
Ossis gegen Wessis, Wessis gegen Ossis, Besserwessi/Jammerossi – Klischees, die man vor zehn Jahren noch als vorübergehende Folge der langen Teilung betrachtet hat, haben sich in mancher Weise verstetigt. Die Deutschen in Ost und West hegen und pflegen diese Klischees, selbst der Wahlkampf blieb davon nicht verschont, und auch das Wahlergebnis zeigt ein (nicht nur zwei-)geteiltes Land.
Die Frage nach Einheit und Einigkeit nimmt im vorliegenden Heft des Deutschland Archivs breiten Raum ein. Probleme des Zusammenwachsens, vor allem kultureller, mentaler Art, werden in verschiedenen Beiträgen diskutiert. Dahinter steht immer auch die Frage, wie weit sich die geteilte Erinnerung an eine geteilte und doch gemeinsame Geschichte in Deutschland seit 1945 im Umgang mit Gegenwartsproblemen und in Zukunftserwartungen niederschlägt.
An einige Stationen dieser verflochtenen Geschichte wird auch in dieser Ausgabe erinnert, so an die Bodenreform vor sechzig Jahren. Sie markierte den Beginn einer gravierenden gesellschaftlichen Umgestaltung im Osten Deutschlands, deren Folgen auch im Weste zu spüren waren – man denke nur an die Millionen Menschen, die sich durch Flucht dieser Umwälzung entzogen. Die Rückkehr des Saarlandes nach Deutschland vor fünfzig Jahren wiederum war nicht nur ein westdeutsches Ereignis, auch für die DDR war sie von erheblicher Bedeutung – und dies nicht erst 1990, als über das Verfahren der deutschen Vereinigung debattiert wurde. Am selben Ort wieder vereinigt sind nun, nach sechzig Jahren, etliche Kunstwerke von Weltrang in Berlin – vor dreißig Jahren waren sie Gegenstand eines erbitterten Streits zwischen den beiden deutschen Teilstaaten. Und schließlich erinnert das Deutschland Archiv daran, dass die deutsch-deutsche Geschichte immer in einem internationalen Kontext stattfand.
Auch gegenwärtig widmet das Ausland den Deutschen große Aufmerksamkeit: Die deutsche Depression, »the German Angst«, hat sich gewissermaßen im Ergebnis der Bundestagswahl niedergeschlagen. Und nicht nur in Deutschland ist man gespannt, wer sich hier denn nun mit wem einigt.

Inhaltsverzeichnis

KOMMENTARE

Marc-Dietrich Ohse: Geteiltes, vereintes Land S. 773-775

Ergebnis der Bundestagswahl S. 775

Peter Jochen Winters: Anwalt der Menschen zwischen den Fronten. Wolfgang Vogel zum 80. Geburtstag S. 776-778

Wolfgang Bergsdorf: »Implosiv und kumulativ ansteckend«. In memoriam Peter Glotz S. 778-780

ZEITGESCHEHEN

Dietrich Scholze: Der Transformationsprozess nach 1989 im Spiegel der sorbischen Prosa s. 781-789

ZEITGESCHICHTE

Georg Diederich: Deutsche Einheit – deutsche Länder. Zur Wiedergründung der Länder im Osten Deutschlands 1990 S. 790-799

Daniel Friedrich Sturm: »Sowjetischer als die Sowjets«? Die Sozialdemokraten und ihre Haltung zu den außenpolitischen Aspekten der Vereinigung Deutschlands 1990 S. 799-805

Tytus Jaskulowski: Die friedliche Revolution im Spiegel der polnischen Presse 1989–1990. Ein Überblick S. 806-813

Die Bodenreform in der SBZ nach sechzig Jahren. Wolfgang Leonhard im Gespräch mit Jens Schöne S. 813-820

Hans-Christian Herrmann: Die Saar im Visier der SED S. 820-829

Heiner Timmermann: Vor fünfzig Jahren. Die Genfer Konferenz der Vier Mächte vom 18.–23. Juni 1955 S. 829-835

Martin Hollender: »Pankow greift nach der schönen Ägypterin«: Forderungen der DDR nach »Nofretete« und »Mann mit Goldhelm« verzögerten das deutsch-deutsche Kulturabkommen S. 835-842

FORUM

Heidi Behrens: Nicht vereinigt. West- und ostdeutsche Erinnerungsgemeinschaften als Herausforderung für die politische Bildung jenseits der Schule S. 843-852

Lutz Rathenow: Wie einig sind sich die Deutschen? S. 852-856

Helmut Jenkis: Zwei Ansichten über die DDR. Die Sicht von innen und von außen S. 856-862

Achim Beyer: »Der Dank des Vaterlandes …« Über den Umgang mit Opfern der SED-Justiz S. 862-869

Richard Albrecht: Vom Kühlschrank zur Wagenburg. Über kulturelle Grenzen einer deutsch-deutschen Annäherung S. 870-876

Volker Gransow: Eile mit Weile. Für eine Debatte um die schnelle deutsche Vereinigung und die stockende innere Einheit S. 879-884

TAGUNGEN, VERANSTALTUNGEN

Sebastian Göschel: Zwischen Historikeranspruch und Bürgerwirklichkeit. Ausstellung »Unterm Strich« S. 885-887

Marc-Dietrich Ohse: Kommunistische Sicherheitsapparate im Vergleich. Internationale Konferenz S. 888-890

Karlheinz Lau: Deutsch-polnische Schulbuchkommission – ein Plädoyer für vergleichende Schulbucharbeit S. 891-893

Michael Braun: Liegt die Zukunft der deutschen Sprache im Osten? Internationaler Germanistenkongress S. 894-896

REZENSIONEN

Konrad Jarausch: Deutsche Wandlungen 1945–1995 (Werner Müller) S. 897-989

Hans Günter Hockerts: Koordinaten deutscher Geschichte in der Epoche des Ost-West-Konfliktes (Johannes L. Kuppe) S. 899-901

Dokumente zur Deutschlandpolitik, Hg. Bundesministerium des Innern, 1. Reihe, Bd. 5 (Jochen Laufer) S. 901-902

Heinrich Best, Heinz Mestrup (Hg.): Die Ersten und die Zweiten Sekretäre der SED (Helga Welsh) S. 902-904

Gabriele Metzler: Konzeptionen politischen Handelns von Adenauer bis Brandt (Hans Jörg Hennecke) S. 904-906

Kay Müller, Franz Walter: Graue Eminenzen der Macht (Bert Große) S. 906-907

Wolfgang Schollwer: »Gesamtdeutschland ist uns Verpflichtung« (Gunter Holzweißig) S. 907-908

Ralf Beck: Der traurige Patriot (Ansgar Lange) S. 909-910

Heike B. Görtemaker: Ein deutsches Leben (Siegfried Schwarz) S. 910-912

Michael Kraske, Christian Werner (Hg.): Tief im Osten (Thomas Ahbe) S. 913-914

Michael Jürgs, Angela Elis: Typisch Ossi, typisch Wessi; Rita Kuczynski: Ostdeutschland war nie etwas Natürliches (Heinrich Bortfeldt) S. 914-916

Michael Richter: Die Bildung des Freistaates Sachsen (Henry Krause) S. 916-918

Hans-Lothar Fischer. Nachträgliche Prognose vom Untergang der DDR (Helmut Jenkis) S. 918-919

Hans Krech: Der Untergang der DDR als Katalysator für das globale Ende des Kalten Krieges (Henning Pietzsch) S. 919-921

Silke Satjukow, Rainer Gries (Hg.): Unsere Feinde (Elena Stepanova) S. 921-922

Monika Flacke (Hg.): Mythen der Nationen (Ilko-Sascha Kowalczuk) S. 923-925

Astrid Erll: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen; Klaudia Knabel u.a. (Hg.): Nationale Mythen – kollektive Symbole (Ulrich Neuhäußer-Wespy) S. 925-926

Ines Lehmann: Die deutsche Vereinigung von außen gesehen (Martin Jander) S. 927-928

Anna Wolff-Poweska, Dieter Bingen (Hg.): Nachbarn auf Distanz (Wolfgang Schlott) S. 929-930

Jens Hüttmann u.a. (Hg.): DDR-Geschichte vermitteln (Gudrun Heinrich) S. 931-932

Dorothea Höck, Jürgen Reifarth: Die DDR (Marc-Dietrich Ohse) S. 933

Klaus Große Kracht: Die zankende Zunft (Rainer Eckert) S. 934-935

Roland Berbig (Hg.): Stille Post (Joachim Walther) S. 936-937

Franz Huberth (Hg.): Die DDR im Spiegel ihrer Literatur (Jörg Bernhard Bilke) S. 937-938

Alexander Behrens: Johannes R. Becher (Anne Hartmann) S. 939-941

Adolf Endler: Nebbich (Manfred Jäger) 941-942

Brigitte Reimann: Das Mädchen auf der Lotusblume; Siegfried Pitschmann: Verlustanzeige (Christina Onnasch) S. 942-944

Lutz Rathenow: Fortsetzung folgt (Günter Jeschonnek) S. 945-946

Lothar Bisky: So viele Träume (Jürgen P. Lang) S. 946-948

Lothar Mertens: Rote Denkfabrik? (Michael Ploenus) S. 948-949

Renate Hürtgen: Zwischen Disziplinierung und Partizipation (Jeannette Madarász) S. 949-950

Hermann-Josef Rupieper u.a. (Hg.): Die mitteldeutsche Chemieindustrie und ihre Arbeiter im 20. Jahrhundert (Olaf Klenke) S. 951-952

Jens Schöne: Die Landwirtschaft in der DDR 1945–1990; ders.: Frühling auf dem Lande? (Winfrid Halder) S. 953-955

Darf man das?, Hg. Zeit-Geschichte(n) e.V. (Henrik Eberle) S. 956-957

Annotationen S. 957-958

Die Autorinnen und Autoren dieses Heftes S. 959-960
Impressum S. 960

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