Zeitschrift für Agrargeschichte und Agrarsoziologie 53 (2005), 2

Titel
Zeitschrift für Agrargeschichte und Agrarsoziologie 53 (2005), 2.
Weitere Titelangaben
Agrarforschung im Nationalsozialismus


Hrsg. v.
Gesellschaft für Agrargeschichte und der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft
Heft(e)
02
Erschienen
Frankfurt/M. 2005: DLG-Verlag
Umfang
138 Seiten
Preis
37 Euro
Herausgeber d. Zeitschrift
Gesellschaft für Agrargeschichte. Herausgeber/innen: Eva Barlösius (Hannover), Karl Friedrich Bohler (Frankfurt a. M.), Johannes Bracht (Marburg), Stefan Brakensiek (Essen), Niels Grüne (Innsbruck), Dietlind Hüchtker (Leipzig), Barbara Krug-Richter (Saarbrücken), Margareth Lanzinger (Wien), Gunter Mahlerwein (Gimbsheim/Saarbrücken), Claudia Neu (Göttingen/Kassel), Werner Rösener (Gießen), Michael Schimek (Cloppenburg), Ira Spieker (Dresden), Clemens Zimmermann (Saarbrücken)
Erscheinungsweise
2x jährlich
Kontakt
Geschäftsführende Herausgeber: Niels Grüne (niels.gruene@uibk.ac.at); Gunter Mahlerwein (guntermahlerwein@aol.com). Versand: DLG-Verlag GmbH ZAA Redaktion Eschborner Landstr.122 60489 Frankfurt Tel.: 0 69/2 47 88-451 Fax: 0 69/2 47 88-480 dlg-verlag@dlg-frankfurt.de

Zur Agrarforschung im Nationalsozialismus ist in den letzten Jahren intensiv gearbeitet worden. Mehrere innovative Ansätze ermöglichen es, ja lassen es zwingend erscheinen, das Thema auf neuer Grundlage anzugehen: zum einen die in Richtung kultureller Bestände von „Wissen“ und Institutionenforschung sowie multidisziplinär orientierte moderne Wissenschaftsgeschichte, zum anderen die kritische Agrarpolitikforschung.

Zu dieser Neuorientierung soll das vorliegende Heft beitragen, das im Anschluss an eine am 10. Juni 2005 in Frankfurt am Main von der Gesellschaft für Agrargeschichte organisierte Tagung entstanden ist. Es dient der weiteren Erschließung des methodischen, institutionellen, legitimatorischen und biographischen Gesamtzusammenhangs der Agrarforschung im NS. Hierbei sind nicht nur spektakuläre außeruniversitäre Projekte, sondern gerade auch das Spektrum „normaler“ universitärer Forschung im Gesamtbild ihrer Praxis einzubringen.

Wissenschaft im Nationalsozialismus stand je länger je mehr unter einem primären Praxis- und Leistungsgebot, und besonders die angewandten aturwissenschaften erfreuten sich einer wachsenden finanziellen Förderung. Zugleich erweist sich angesichts von Großprojekten im Bereich des so genannten „Kriegseinsatzes“ der Geisteswissenschaften auch deren organisatorische Modernisierung.

Unter „Agrarforschung“ verstehen wir in diesem Heft alle wissenschaftlichen Ansätze, die sich mit landwirtschaftlicher Produktion in ihrem Gesamtwirtschaftlichen Kontext sowie mit dem „Land“ als einer (Bevölkerungs-)Ressource oder als variabel und dynamisch konzipierten „Raum“ technischen, ökonomischen, kulturellen und sozialen Handelns beschäftigten. Deutlich zeigen sich die Wechselbezüge zwischen ihren Teilbereichen, etwa zwischen Geschichte, „Landvolk“-Soziologie und prononciertem Raumbegriff, von agrarischer Autarkiepolitik und Pflanzenzuchtforschung, zwischen Nahrungsverlust-Phobien, der schon in Weimar emphatisch geforderten „Nahrungsfreiheit“ und der postulierten Notwendigkeit einer landwirtschaftlichen Produktionssteigerung. Ein enger Zusammenhang zwischen allen Teilbereichen der Agrarforschung ergibt sich auch durch die weitgehend gemeinsame Orientierung auf die Kriegspolitik. Gemeinsam ist allen praktischen Ansätzen die extreme Betonung der Planbarkeit des Sozialen und die unhinterfragbare Bedeutung der Autarkiepolitik.

Wissenschaftstheoretisch fällt die unbekümmerte Weise auf, mit der man grundlegende Kategorien und Methoden aus den Disziplinen der Raumforschung, der Bevölkerungswissenschaft und der „Volksgeschichte“ in die Agrarforschung importierte. Was sich von 1933 bis 1945 in einmaliger Weise mit zerstörerischen Allmachtsphantasien, aber auch langfristig wissenschaftlich produktiven Konzepten verband, wird in sieben Einzelkomplexen erkennbar:

1. Man beabsichtigte die Transformation der gesamten agrarischen Sozialstruktur und eine erhebliche Steigerung der landwirtschaftlichen Arbeitsproduktivität im so genannten „Altreich“. Dies wird im vorliegenden Heft in den Beiträgen von Wolfram Pyta/Jochen Streb und Susanne Heim thematisiert.
2. Es ging um die umfassende Überplanung eroberter Räume in Ostmitteleuropa und Osteuropa seit 1939, verbunden mit der Entstehung „neuer Dorflandschaften“1,
hier behandelt von Andreas Dornheim und Wolfram Pyta/Jochen Streb.
3. Die bisherige Tier- und Pflanzenforschung erfolgte unter einem gesteigerten Anspruch auf unmittelbare Anwendbarkeit, wie der Forschungsbeitrag von Susanne
Heim und der Artikel von Manfred Grieger im Forumsteil deutlich machen.
4. Ernährungswissenschaftliche Ansätze erfuhren eine wissenschaftliche Begründung und Intensivierung; siehe hierzu den Forschungsbericht von Ulrike Thoms.
5. Im Zusammenhang der Agrarforschung sind auch die Bemühungen einer diskursiven Fundierung des symbolisch stark aufgeladenen Naturschutzes und der Landschaftsplanung relevant, hier behandelt durch den Artikel von Willi Oberkrome.
6. Es sind darüber hinaus auch landbezogene Medien- und Medienrezeptions- forschung einzubeziehen.2
7. Für die Leserinnen und Leser der ZAA sind die paradigmatischen Arbeiten der
emergierenden Agrarsoziologie (dazu der Beitrag von Heinrich Becker) und der Volkskunde/Agrargeschichte sicher von besonderem Interesse (siehe den Artikel
von Andreas Dornheim).

Editorial S. 7-10

Susanne Heim: Biologische Ressourcen und Pflanzenzucht im Zweiten Weltkrieg S. 11-25

Willi Oberkrome: „Gesundes Land – gesundes Volk“. Deutsche Landschaftsgestaltung und Heimatideologie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts S. 26-38

Andreas Dornheim: Die deutsche Agrargeschichte in der NS-Zeit und die Lehrstuhl-Berufungen nach 1945 in Westdeutschland S. 39-55

Jochen Streb, Wolfram Pyta: Von der Bodenproduktivität zur Arbeitsproduktivität. Der agrarökonomische Paradigmenwechsel im „Dritten Reich“ S. 56-78

Abstracts S.79- 81

Forum: S. 82-106

Heinrich Becker: Die Agrarwissenschaften an den deutschen Universitäten 1933 – 1945: Business as usual S. 83-88

Manfred Grieger: „Auerochsen“ auf Ausgleichsflächen Zur Wiederkehr eines älteren Mythos S. 89-93

Ulrike Thoms: Ein Forschungsprojekt stellt sich vor: Ernährungsforschung und Staat 1933-1964. Kontinuitäten und Brüche S. 94-96

Oliver Bens, Tobias Plieninger und Reinhard F. Hüttl: Zukunftsorientierte Nutzung ländlicher Räume Eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe an der
Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften S. 97-103

Alois Seidl: Bericht über Vortragstagung und Mitgliederversammlung der Gesellschaft für Agrargeschichte (GfA) am 10. Juni 2005 S. 104- 105

Peter Zimmermann: Zu früh gekommen. „Sabotage an der Bodenreform in der Gemeinde Steinbach“ S. 106-109

Zahlreiche Buchrezensionen: S. 110-138

Zitation
Zeitschrift für Agrargeschichte und Agrarsoziologie 53 (2005), 2. in: H-Soz-Kult, 11.11.2005, <www.hsozkult.de/journal/id/zeitschriftenausgaben-2386>.
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Veröffentlicht am
11.11.2005
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