Deutschland Archiv 40 (2007), 4

Titel
Deutschland Archiv 40 (2007), 4.


Hrsg. v.
W. Bertelsmann Verlag im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn
Heft(e)
4
Erschienen
Bielefeld 2007: W. Bertelsmann Verlag
Umfang
192 S.
Preis
Jahresabonnement: 39,– € (für Studenten 23,– €) ; Einzelheft 8,– €
Herausgeber d. Zeitschrift
Bundeszentrale für politische Bildung/bpb, Dr. Hans-Georg Golz (verantwortlich)
Erscheinungsweise
4x im Jahr
Kontakt
]init[ Redaktion Köpenicker Straße 9 10997 Berlin

Vor 20 Jahren, am 17. Juli 1987, wurde die Todesstrafe in der DDR offiziell abgeschafft. Sechs Jahre zuvor war der Stasi-Hauptmann Werner Teske wegen Fluchtvorbereitung in den Westen als letzter hingerichtet worden – sein Fall diente in den letzten Monaten als Beispiel dafür, dass es Renegaten in den Reihen des Ministeriums für Staatssicherheit (anders als in dem Film »Das Leben der Anderen« dargestellt) nicht geben konnte. Wenngleich die Todesstrafe von der DDR-Justiz seit 1987 nicht mehr verhängt werden konnte, so bestand sie im Grenzregime des SED-Staates fort: Bis 1989 starben Menschen beim Versuch, die DDR Richtung Westen zu verlassen.

Für das Grenzregime der DDR steht vor allem die Berliner Mauer, die am 13. August vor 46 Jahren errichtet wurde. Ihr sind einige Beiträge im vorliegenden Deutschland Archiv gewidmet, wobei diesmal Aspekte in den Blick geraten, die weniger zentral gewesen zu sein scheinen: die Teilung von Kirchgemeinden und die Beseitigung von Gotteshäusern sowie die Kunst an der ›Westseite‹ der Mauer.

Zu bröckeln begann das monströse Bauwerk nicht erst am 9. November 1989, sondern bereits im Sommer desselben Jahres, nachdem der Zaun zwischen Österreich und Ungarn symbolträchtig durchtrennt worden war. Die anschließende Fluchtwelle über die vermeintlich »grüne Grenze« und in die Botschaften der Bundesrepublik in Budapest, Warschau und Prag zählen zu den Initialereignissen der friedlichen Revolution des Herbstes ’89. Mit der Rezeption der ›Ungarn-Fluchten‹ durch die westdeutsche Presse wendet sich das aktuelle Deutschland Archiv einem Aspekt zu, der möglicherweise auch Rückschlüsse auf die »Mauer in den Köpfen« zulässt, die auch noch nach 17 Jahren staatlicher Einheit unter den Deutschen diagnostiziert wird.

Dieselbe Diagnose ließe sich wohl auch für Bereiche der Geschichts-, Politik- und Sozialwissenschaften stellen, zumindest legt dies der Streit um Verdienste und Versagen der westdeutschen DDR-Forschung nahe. Oft steht dabei der unterschwellige Vorwurf im Raum, die westdeutschen Wissenschaftler hätten sich von der Stasi manipulieren lassen. Wie weit der Einfluss des MfS tatsächlich reichte, ist in den letzten Monaten auch am Beispiel der Stasi-Akten zu Abgeordneten des 6. Deutschen Bundestages diskutiert worden. Und zudem klingt in den Debatten um die Beschäftigung ehemaliger MfS-Angehöriger in der Behörde der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen an, dass das »Schwert und Schild der Partei« nun auch noch die Aufarbeitung der DDR-Geschichte unterwandert habe.

Tatsächlich wirkt in all diesen Auseinandersetzungen, die das Deutschland Archiv im vorliegenden Heft aufgreift, die Teilung nach. Eine Teilung, die eben nicht nur zwei Staaten betraf, sondern eine, deren Verwerfungen sich bis in die Gesellschaften in Ost und West zogen – und zum Teil noch ziehen. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, wie wichtig auch die wissenschaftliche Beschäftigung miteinander über die Systemgrenzen in Deutschland und Europa hinweg war.

Diese Aufgabe ist geblieben. Deshalb ist die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit keine Angelegenheit nur für ›Nostalgiker‹ und ›Ewiggestrige‹, sie betrifft vielmehr die gesamte Gesellschaft. Angesichts dessen ist der Bestand von Forschungseinrichtungen, die bereits vor dem Zerreißen des Eisernen Vorhangs über die Grenzen zwischen den Systemen blickten – wie beispielsweise die vor 25 Jahren gegründete Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen –, besonders wichtig. Die Studien solcher Institutionen bilden die analytische Grundlage für die Verständigung über die nur scheinbar geteilte Geschichte in der Gegenwart.

KOMMENTARE
Heinrich Bortfeldt: Abschied und Neubeginn. Zur Gründung der Partei »Die Linke« S. 581–585
Karl-Heinz Baum: Eine Art Schlussstrich. Zur Debatte um die Zukunft der BStU S. 585–589
Thomas Ammer: 50 Jahre Verband Ehemaliger Rostocker Studenten (VERS) S. 589–592
Manfred Jäger: Das Leben – ein Provisorium. Zum Tode von Wolfgang Hilbig (1941–2007) S. 592–594
Ehrhart Neubert: Abschied von einem Urdemokraten. Nachruf auf Uwe Thaysen (1940–2007) S. 594–596
Korrektur zu: Thomas Moser, Richtigstellung (DA 3/2007, S. 409f) S. 596

ZEITGESCHEHEN
Gisela Helwig: Bildung und Familie in Deutschland. Ein Bericht S. 597–604

ZEITGESCHICHTE
Andrew I. Port: Der erste Arbeiteraufstand in der DDR. Die Proteste der Wismut-Arbeiter im thüringischen Saalfeld 1951 S. 605–613
Dirk Klose: »Unser Sorgenkind ist uns ans Herz gewachsen«. Vor 60 Jahren gründete Alfred Kantorowicz die Zeitschrift Ost und West S. 613–621
Christian Halbrock: Zwischen Himmel und Mauer. Geteilte Berliner und Brandenburger Kirchgemeinden nach dem Mauerbau vom 13. August 1961 S. 621–629
Ralf Gründer: Kunst an der Berliner Mauer. Berliner Mauermalerei im sogenannten Unterbau der »Grenzmauer-75« S. 630–637
Elke Kimmel: Die ostdeutschen Ungarn-Flüchtlinge des Sommers 1989 in der westdeutschen Presse S. 638–647
Manfred Kittel: Franz Josef Strauß und der Milliardenkredit für die DDR 1983 S. 647–656
Jörg Roesler: Kontinuität im Umbruch. Das Wohlstandsstreben der Ostdeutschen, die »April-Ereignisse« 1990 und die Wohlfahrtsversprechen der Bundesrepublik in der »Wende« S. 656–664

FORUM
Helmut Müller-Enbergs: Der 6. Deutsche Bundestag und die Staatssicherheit S. 665–670
Jens Hüttmann: »De-De-Errologie« im Kreuzfeuer der Kritik. Die Kontroversen um die ›alte‹ deutsche DDR-Forschung vor und nach 1989 S. 671–681
Ilko-Sascha Kowalczuk: Berlin 1987 – auf dem Weg zur friedlichen Revolution? Inszenierung, Wahrnehmung, Realität S. 681–688
Doris Liebermann: »JÜRGEN FUCHS, WAS / Soll ich tun« S. 688–693
Andreas Kötzing: Filmfestivals als historische Quelle S. 693–699

TAGUNGEN, VERANSTALTUNGEN
Lukas Imhof: Wirtschaftliche Integrationsprozesse in West- und Osteuropa nach dem Zweiten Weltkrieg. Wissenschaftliche Fachtagung, Potsdam 29.–31. März 2007 S. 700–704
Marc-Dietrich Ohse: Grundzüge und Wahrnehmung deutscher Nachkriegsgeschichte. Deutsch-russische Historikerkonferenz in Tutzing, 24.–28. März 2007 S. 704–708
Matthias Rekow: Extreme Rechte: Die NPD in Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern. Tagung in Dresden, 21./22. März 2007 S. 709–711
Jörg Morré: Das Grenzregime der DDR. Kolloquium in Berlin, 18./19. Januar 2007 S. 711–713
Detlef Gojowy: Gogols Geist im Roten Rathaus. »Künstler im Widerspruch zur SED-Diktatur«. Symposium in Berlin, 23./24. Juni 2007 S. 713–714

REZENSIONEN
Hubertus Knabe: Die Täter sind unter uns (Karl Wilhelm Fricke) S. 715–716
Katja Neller: DDR-Nostalgie (Klaus Christoph) S. 716–717
Gunnar Hinck: Eliten in Ostdeutschland (Thomas Ahbe) S. 718–719
Elke Brüns: Nach dem Mauerfall (Beate Ihme-Tuchel) S. 719–720
Mark Lehmstedt (Hg.): Der Fall Hans Mayer (Klaus Pezold) S. 721–722
Siegfried Prokop (Hg.): Zwischen Aufbruch und Abbruch (Gerd-Rüdiger Stephan) (Andreas Malycha) S. 722–723
Kai Dinkelmann: Walter Ulbricht und seine deutsche Revolutionstheorie (1944/45–1973) S. 723–724
Dieter Schulze: Das große Buch der Kampftruppen (Tilmann Siebeneichner) S. 724–725
Maren Ullrich: Geteilte Ansichten (Rainer Eckert) S. 725–727
Christian Th. Müller, Patrice G. Poutrus (Hg.): Ankunft – Alltag – Ausreise (Andrea Schmelz) S. 727–728
Siegfried Bock u.a. (Hg.): Alternative deutsche Außenpolitik? (Peter Jochen Winters) S. 728–730
Uta Andrea Balbier: Kalter Krieg auf der Aschenbahn (Hans-Dieter Krebs) S. 730–731
Karoline Rittberger-Klas: Kirchenpartnerschaften im geteilten Deutschland (Sebastian Engelbrecht) S. 732–733
Dorothea Körner: Zwischen allen Stühlen (Günter Feist) S. 734–735
Katharina Kunter: Erfüllte Hoffnungen und zerbrochene Träume (Peter Maser) S. 735–737
Thomas Klein: »Frieden und Gerechtigkeit« (Henning Pietzsch) S. 737–738
Christian Sachse: Die politische Sprengkraft der Physik (Reinhard Buthmann) S. 738–739
Detlef Brandes u.a. (Hg.): Wendepunkte in den Beziehungen zwischen Deutschen, Tschechen und Slowaken 1848–1989 (Theo Mechtenberg) S. 740–741
Nikita V. Petrov u.a. (Hg.): SWAG i nemeckiye organy samoupravleniya 1945–1949 [Die SMAD und die deutschen Selbstverwaltungsorgane 1945–1949] (Jan Foitzik) S. 741–742
James H. Critchfield: Auftrag Pullach (Armin Wagner) S. 742–743
Klaus-Rainer Jackisch: Eisern gegen die Einheit; Stefan Berger, Norman LaPorte (eds.): The Other Germany; Peter Millar: Eiserne Mauer (Hans-Georg Golz) S. 744–746
Harro Zimmermann: Günter Grass unter den Deutschen (Horst Schmidt) S. 747
Clemens Tesch-Römer u.a. (Hg.): Altwerden in Deutschland (Gisela Helwig) S. 748
Annotationen S. 749–754

AKTUELLES AUS DER DDR-FORSCHUNG
Newsletter 2/2007 S. 755–765

Die Autorinnen und Autoren dieses Heftes S. 767–768
Impressum S. 768

Zitation
Deutschland Archiv 40 (2007), 4. in: H-Soz-Kult, 01.08.2007, <www.hsozkult.de/journal/id/zeitschriftenausgaben-3578>.
Weitere Hefte ⇓