ATOPIA 11 (2007)

Titel
ATOPIA 11 (2007).
Weitere Titelangaben
straits/estrechos/engpässe


Hrsg. v.
Emanuel Alloa, Fabian Goppelsröder, Ulisse Dogà
Heft(e)
11
Erschienen
Preis
kostenlos
Herausgeber d. Zeitschrift
Emanuel Alloa, Fabian Goppelsröder, Ulisse Dogà
Erscheinungsweise
halbjährlich
Kontakt
per Mail an die Herausgeberschaft: atopia@atopia.tk

Die neoliberalen Rhetoriken könnten uns glauben lassen, wir lebten in einer grenzenlosen Welt des freien Verkehrs; eine Welt, in der Güter und Personen ungehemmt pendeln und fluktuieren können, chemischen Partikeln gleich, die in vollendetem homöostatischen Gleichgewicht nach der vollkommenen Verteilung suchen. Einem solchen Bild entspricht der Austausch von (materiellen wie immateriellen) Gütern, von Mitteln und von Menschen über durchaus sehr reale physische Grenzen hinweg allerdings kaum. Die Flüsse von globalen Gütern und Personen fließen an bestimmten physischen und systemischen Engpässen zusammen, an denen sich jene Ströme verdichten, anschwellen, sich stauen und sichtbar werden. Die geophysischen Begrenzungen dieser maritimen und terrestrischen Engpässe weisen nicht nur darauf hin, dass der globale Markt jenseits der physischen Einschränkungen noch nicht vollends erreicht ist; sie sind zugleich auch, trotz der Ungleichheit die sie produzieren, die Garanten des Marktes.

Oft genug stehen diese Meeres- und Landengen für politische Kanalisierungen und werden so zum Instrument der Identifikation und Selektion, die selbst eine lange Geschichte hat. Nach der anfänglichen Euphorie im Zeitalter der Entdeckungen mussten sich Auswanderer, die von spanischen Häfen aus in die Neue Welt aufbrachen, strikten Identifizierungspraktiken unterwerfen, die noch im 20. Jahrhundert fortlebten, als ihre fernen Nachkommen vor dem Betreten des amerikanischen Bodens auf Inseln wie Ellis Island zusammengepfercht wurden.

Seit der frühen Neuzeit also geht der Zuwachs an geographischer Mobilität mit einer Zunahme von Instanzen ihrer politischen Kontrollierbarkeit einher. Suez und Panama stehen nicht nur für weitere Errungenschaften auf dem Wege zu unbegrenzter weltweiter Zirkulation, sie sind auch Symbole ihrer strikten Regulierung. Solche Engen – Übergangszonen und Transiträume, die den Verkehr zugleich umschreiben und einschränken – sollten heute mehr denn je im Fokus unserer Aufmerksamkeit stehen, sind sie doch der Ort, an dem die aktuellen Mechanismen der Globalisierung sichtbar werden.

Sevillas Casa de la Contratación im Siglo de Oro: Schleuse zwischen Alter und Neuer Welt
Bernhard Siegert (Weimar)
Mit der Entdeckung des amerikanischen Kontinents stellte sich für die spanische Krone das Problem seiner Kontrolle. Vor der Unmöglichkeit, das noch gar nicht erschlossene Territorium regulieren zu können, wurde auf europäischer Seite in Sevilla die Casa de la Contratación eingerichtet, in dem jeder Ausreiseanwärter (Ware oder Mensch) peinlichst registriert wurde. Als Flaschenhals in die Neue Welt ist die Casa ein historisch eminenter Ort, wo das Erzählt-, Registriert- und Beschriebenwerden aufhört, ein Privileg der Mächtigen zu sein, und beginnt, ein Mittel der Disziplinierung zu werden.

To Canalize is to Colonialize. The Saint-Simonians Invent Modernity
Sebastian Gießmann (Berlin)
Paris, around 1830: A few young both romantic and industrial men, influenced by the thought of economist Henri de Saint-Simon, try set up an utopian program of social change through technology. If the influential political ideas of the Saint-Simonians are well known, far less so are their involvement in the French colonialism where they became influential politicians, military leaders and entrepreneurs. Saint-Simons social utopia of thorough communication is paradoxically realized through the main entrepreneurial breakthroughs, namely Suez and Panama where canalization proves to be the most effective mean of colonization.

Ellis Island oder Das Vorzimmer zur Freiheit
Ute Sperrfechter (Paris)
Zwischen 1892 und 1954, als das System endgültig abgeschafft wurde, kamen Millionen europäischer Einwanderer über Ellis Island, wo entschieden wurde, ob sie in die USA einreisen dürften oder zurückgeschickt würden. An den Amateurphotographien von Augustus F. Sherman, dem Sekretär des Commissioners von Ellis Island, wird die Tragik der einzelnen Schicksale sichtbar, die in diesen typologisierenden Bildern ihrer Singularität beraubt werden.

Channelling – The Suez Canal and the Strait of Gibraltar
Valeska Huber (Konstanz/Harvard)
The historian Valeska Huber analyzes how Port Said on the edge of the Suez Canal was the place of a rite de passage around 1900 where nevertheless, beyond all the belle époque's ideals of free travelling, the emergence of a new kind of globalized channelling becomes visible. She then moves to Gibraltar which, hundred years later and on the other end of the Mediterranean, has become the new stereotypical rite de passage for young European tourists experiencing the easily available exotic, while in the other direction it symbolises the barrier between Africa and Europe, policed through an EU commissioned coastal guard.

Prisonniers du passage. Pour une ethnographie des zones d’attente
Chowra Makaremi (Montréal)/Olivier Aubert (Paris)
A partir d'un travail de terrain mené sur les zones d'attente aux frontières des pays occidentaux, la politologue Chowra Makaremi s'interroge sur le paradoxe que constitue le projet d' “enfermer des personnes dans les frontières”. Son texte se développe en écho au travail documentaire du photogrape Olivier Aubert sur la Zone d’Attente pour Personnes en Instances (ZAPI) de l’aéroport de Roissy Charles de Gaulle.

Wireless Estrecho. The straits as a political laboratory
Colectivo Fadaiat (Gibraltar)
Gibraltar is not only one of the most controlled areas of the world, it is also the spot for a new political experiment. Born out of of the indymedia movement, a collective from both sides of the Straits joins regularly in order to study the possibilities of a transborder space. Its most spectacular achievement has been the realization of a wi-fi zone covering the straits between Tarifa and Tangiers.

Détroit, détresse
Yto Barrada (Tanger)
La photographe franco-marocaine (*1971) a trouvé un idiome visuel pour exprimer l'extrême proximité et en même temps l'incomparable distance qui sépare deux mondes des deux côtés du Détroit (de Gibraltar). Dans sa série A life full of holes - The Straits Project dont cette image est tirée, elle a expliqué par l'image pourquoi en arabe comme dans de nombreuses autres langues, étroitesse (dayq) et détresse (mutadayeq) sont toujours intimement liés.

Zitation
ATOPIA 11 (2007). in: H-Soz-Kult, 18.11.2007, <www.hsozkult.de/journal/id/zeitschriftenausgaben-3758>.
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