Deutschland Archiv 41 (2008), 1

Titel
Deutschland Archiv 41 (2008), 1.


Hrsg. v.
W. Bertelsmann Verlag im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn
Heft(e)
1
Erschienen
Bielefeld 2008: W. Bertelsmann Verlag
Umfang
192 S.
Preis
8,00 EUR
Herausgeber d. Zeitschrift
Bundeszentrale für politische Bildung/bpb, Dr. Hans-Georg Golz (verantwortlich)
Erscheinungsweise
4x im Jahr
Kontakt
]init[ Redaktion Köpenicker Straße 9 10997 Berlin

EDITORIAL

»Die erfrorenen Flügel der Schwalbe« hat der Leipziger Zeithistoriker Hartmut Zwahr sein Tagebuch über den Prager Frühling, über dessen Niederschlagung und die Folgen genannt. Tatsächlich machten die Schwalben des Prager Frühlings keinen Sommer, und doch erhitzten die Ereignisse in der Tschechoslowakei vor 40 Jahren die Gemüter vieler.
Der Prager Frühling ist nur eines der Ereignisse des Jahres 1968 – eines Jahres, das wie kaum ein anderes zum Symbol für Epoche machende Geschehnisse und Wandlungen geworden ist. Und wie kaum ein anderes ist »1968« ein internationales, weltweites Datum: Prag, Warschau, Berkeley, Paris, (West-)Berlin – dies ist nur eine Auswahl aus den vielen Orten, an denen damals Geschichte gemacht wurde.
So bietet die Erinnerung an das Jahr 1968 eine gute Gelegenheit, sich der internationalen Bezüge bewusst zu werden, in die damals wie heute die Politik und die Entwicklung unserer Gesellschaft eingebettet sind. Zugleich sind die Entwicklungen von »1968« in längeren Linien zu sehen, die den vermeintlichen Epochenbruch relativieren könnten. Stellen Demokratisierung und kultureller Wandel in der Bundesrepublik wie auch in anderen westlichen Gesellschaften im Umfeld von »1968« länger andauernde Prozesse dar, deren Anfänge zum Teil bis in die späten Fünfziger- und frühen Sechzigerjahre zurückreichen, so steht der Prager Frühling in der Kontinuität eines kulturellen und ideologischen Aufbruchs, der in der CSSR ebenfalls Anfang des Jahrzehnts einsetzt. Seine Niederschlagung wiederum folgt der »Logik« einer imperialen sowjetischen Politik, für die etwa Ungarn 1956 oder Afghanistan 1979 stehen.
Auch die Entwicklung in der DDR folgt 1968 längerfristigen Prozessen, sowohl wirtschaftlich als auch politisch. In der politischen Entwicklung überwiegt der Eindruck der Stagnation bzw. Repression: Die neue Verfassung wird einem demokratischen Anspruch nicht einmal pro forma gerecht; in der Hochschulreform dominiert die ideologische Uniformierung und die Unterordnung der Wissenschaft unter die (personellen und inhaltlichen) Vorgaben der SED; in das Strafrecht werden politische Tatbestände aufgenommen, die Grundrechte eklatant verletzen. Wirtschaftlich hingegen kann die DDR durchaus Erfolge vorweisen, und der (unterschwellige) kulturelle Aufbruch ist nicht mehr aufzuhalten.
Während im politischen Bereich wie auch in den geistigen Auseinandersetzungen – etwa um die Rezeption von Sozialismusideen – deutliche Unterschiede in der Entwicklung in beiden deutscher Staaten erkennbar sind, ist der kulturelle Wandel in der DDR ganz wesentlich von dem in der Bundesrepublik beeinflusst. So wird hier die Verflechtung gesellschaftlicher Entwicklungen besonders deutlich.
Zudem werden die Konflikte in Berlin, Paris, Prag und Warschau jeweils erst im internationalen Zusammenhang verständlich – egal, ob im Kontext mit »Washington« bzw. »Vietnam« oder »Moskau«. Insofern können die Auseinandersetzungen um bzw. mit »1968« dazu anregen, sich erneut über den »Ort« der beiden deutschen Staaten in der (internationalen) Geschichte zu verständigen.
Das Deutschland Archiv wird die wichtige Diskussion über »1968« intensiv begleiten. Das geschieht – neben Beiträgen zu anderen Ereignissen, Entwicklungen und Debatten – auch im vorliegenden Heft. Dabei wird der Bezug oft über das Jahr selbst hinaus reichen – etwa, wenn nach Kontinuitäten gefragt wird, die sich möglicherweise von 1968 bis zum Epochenjahr 1989 oder bis in die Gegenwart ziehen.
Und schließlich wurde 1968 auch die Zeitschrift Deutschland Archiv begründet – mehr dazu in der nächsten Ausgabe.

HINWEIS: Dieser Ausgabe liegt das Jahresinhaltsverzeichnis 2007 bei, das auch über die Website des Deutschland Archivs heruntergeladen werden kann: http://www.wbv.de/DA/DA_2007_Register_Online.zip

KOMMENTARE
Ralf Altenhof: Ist der Osten noch zu retten? S. 5-6
Jörg-Dieter Gauger/Günther Rüther: Ein Blick zurück: 2007 – das Jahr der Geisteswissenschaft S. 7-10
Steffen Reichert: Stacheldraht, Splitterminen, SM-70. Warum die Auseinandersetzung mit der innerdeutschen Grenze notwendiger denn je ist S. 11-13

ZEITGESCHEHEN
Harald Bergsdorf: Die Vier-Säulen-Strategie der neuen NPD S. 14-19
Gitta Scheller: Die These der Arbeitsmarktindividualisierung auf dem Prüfstand. Einige Überlegungen am Beispiel Ostdeutschlands S. 19-28

ZEITGESCHICHTE
Michael Rauhut: Der schöne Schein des Echten. Zum kulturellen Gebrauch des Blues in Deutschland von 1945 bis 1990 S. 29-39
Dirk Moldt: Massenansturm auf einen Jugendgottesdienst. Die Blues-Messen (1979 – 1986) S. 40-48
Christian Schwießelmann: Die DDR-Länderkammer – Appendix, Feigenblatt oder Forum für Symbolpolitik? S. 48-58
Manuel Schramm: Von Asymmetrien und Parallelen. Die wechselseitige Wahrnehmung von Technik in der DDR und der Bundesrepublik Deutschland S. 59-68
Nina Dombrowsky: Solidarität mit Solidarnosc? Politische Reaktionen aus der Bundesrepublik auf die Entstehung der »Solidarnosc« und die Ausrufung des Kriegszustandes in der Volksrepublik Polen 1980 – 1982 S. 68-75
Daniel Schwane: Konservativer Vordenker oder vergessenes Fossil des Kalten Krieges? Der Publizist und Journalist Matthias Walden als Streiter für Freiheit und Demokratie S. 75-84

DOKUMENTATION
»Anleitung für das christliche Leben in der DDR«. Eine unterdrückte Denkschrift der EKD (Martin Greschat) S. 85-95

FORUM
Tobias Rupprecht: Jenseits von Schuld und Verdienst. Eine sozial- und ideengeschichtliche Einbettung von »1968« S. 96-102
Michael Lühmann: Geteilt, ungeliebt, deutungsschwach? Die 68er-Generation der DDR S. 102-107
Wolfgang Lambrecht: Die »große Hochschulreform« – alles schon dagewesen? Von der immerwährenden Wiederkehr des gänzlich innovativen »Großen Wurfs« in der deutschen Hochschulpolitik S. 107-114
Rainer Eckert: Schuld und Zeitgeschichte. Zwölf Thesen zur Auseinandersetzung mit den deutschen Diktaturen S. 114-121
Martin Sabrow: Die DDR in der Geschichte des 20. Jahrhunderts S. 121-130
Bernd Weisbrod: Zur Erfahrungsgeschichte der Teilung. Ein Diskussionsbeitrag S. 131-135
Anmerkung: »Formen des Autismus«. Erwiderung auf Roger Engelmanns Kampagnenvorwurf (DA, 6/2007, S. 1071 – 1078) (Sven Felix Kellerhoff/Uwe Müller) S. 135-137

TAGUNGEN, VERANSTALTUNGEN
Das geteilte Deutschland im Europa des 20. Jahrhunderts. Deutschlandforschertagung in Wittenberg S. 138-146
Jens Gieseke: Kameradschaftsausflug ins Operationsgebiet. Die HV A-Konferenz in Odense S. 146-150
Juliane Haubold-Stolle: Vergangenheit in der Gegenwart. Zum Umgang mit der Diktaturgeschichte in Europa. Tagung in Genshagen S. 150-153
Heinrich Bortfeldt: Deutschland in transatlantischer Perspektive. 31. Jahreskonferenz der German Studies Association in San Diego S. 153-156

REZENSIONEN
Heinz Mohnhaupt (Hg.): Normdurchsetzung in osteuropäischen Nachkriegsgesellschaften (1944 – 1989): Karl A. Mollnau: Bd. 5: Deutsche Demokratische Republik (Karl Wilhelm Fricke) S. 157-159
Lasse O. Johannsen: Die rechtliche Behandlung ausreisewilliger Staatsbürger in der DDR (Bernd Eisenfeld) S. 159-161
Sigrid Paul: Mauer durchs Herz (Helge Heidemeyer) S. 161-162
Helmut Müller-Enbergs: »Rosenholz« (Udo Scheer) S. 162-164
Rainer Eppelmann: Gottes doppelte Spur (Karl Wilhelm Fricke) S. 164-165
Klaus Schroeder: Die veränderte Republik (Thomas Ahbe) S. 165-167
Steffen Schoon: Wählerverhalten und politische Traditionen in Mecklenburg und Vorpommern (Sandra Pingel-Schliemann) S. 167-168
Peter Ruggenthaler (Hg.): Stalins großer Bluff (Rolf Steininger) S. 168-170
Aufstand gegen die Diktatur, Hg. Institut für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht/Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur (Klaus Fieberg) S. 171-172
Clemens Heitmann: Schützen und Helfen? (Gunter Holzweißig) S. 172-173
Katja Illgen (Hg.): »Zweite Heimat«; Leonel R. Cala Fuentes: Kubaner im realen Paradies (Uta Rüchel) S. 173-174
Rusanna Gaber: Politische Gemeinschaft in Deutschland und Polen (Theo Mechtenberg) S. 174-176
Eckhard Jesse, Hans-Peter Niedermeier (Hg.): Politischer Extremismus und Parteien (Armin Pfahl-Traughber) S. 176-177
Hans-Werner Fuchs: Gymnasialbildung im Widerstreit; Torsten Gass-Bolm: Das Gymnasium 1945 – 1980 (Oskar Anweiler) S. 177-179
Werner Helsper u. a.: Unpolitische Jugend? (Barbara Hille) S. 179-181
Alexander Pehlemann, Ronald Galenza (Hg.): Spannung. Leistung. Widerstand (Ilko-Sascha Kowalczuk) S. 181-182
Edward Larkey: Rotes Rockradio (Heiner Stahl) S. 182-183
Armin Müller: Institutionelle Brüche und personelle Brücken (André Steiner) S. 183-185
Hermann Behrens, Jens Hoffmann (Hg.): Umweltschutz in der DDR (Cornelia Fabian) S. 185-186
KONSUM, Hg. Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR (Hartmut Berghoff) S. 186-187
ANNOTATIONEN
Helga Grebing: Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung (Peter Hübner) S. 187-188
Norbert Frei (Hg.): Was heißt und zu welchem Ende studiert man Geschichte des 20. Jahrhunderts (Christoph Kleßmann) S. 188
Jürgen Teller: Briefe an Freunde (Kai Agthe) S. 188
Uta Strewe: Bücher von heute sind morgen Taten (Frank Hoffmann) S. 189
Anja Kruke: Demoskopie in der Bundesrepublik Deutschland (Raj Kollmorgen) S. 189
Klaus Behling: Hightech-Schmuggler im Wirtschaftskrieg (Reinhard Buthmann) S. 190

DIE AUTORINNEN UND AUTOREN DIESES HEFTES S. 191-192
IMPRESSUM S. 192

Zitation
Deutschland Archiv 41 (2008), 1. in: H-Soz-Kult, 10.02.2008, <www.hsozkult.de/journal/id/zeitschriftenausgaben-3923>.
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